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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 10
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem »Condorflieger« der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht außerdem gemeinsam mit der jungen Spanierin Dolores die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona. Wieder zu Hause holt die Gegenwart in Gestalt der neofaschistischen »Sportgruppe Mölders« die Vergangenheit zurück. Felix muss sich nicht nur zwischen Dolores und Sophie entscheiden. Neben einer spannenden Rahmenhandlung vermitteln die Autoren Ereignisse des Spanischen Bürgerkrieges aus heutiger Sicht.

8.
Am nächsten Morgen rutschte Felix beim Frühstück auf seinem Stuhl nervös hin und her. In einer Stunde wollte er sich mit Dolores treffen, und Sanders berichtete lang und breit aus seinem Bürgerkriegsleben. »Im November 1936 schossen mir die Faschisten den kleinen Finger ab. Ich weigerte mich, aber meine Kameraden brachten mich gnadenlos ins Lazarett.«
»Das war doch okay, Herr Sanders. Jedenfalls angenehmer, als in den Gräben der Casa de Campo zu liegen.«
Pierre lächelte nachsichtig. »So was versteht ihr nicht, wie? Dass einer lieber kämpfen will!«
»Nicht so richtig«, gab Felix bereitwillig zu.
»Ist ja auch in Ordnung.« Pierre lächelte versonnen. »Im Lazarett hieß die schönste und verständnisvollste Krankenschwester Maria.«
»Eine Art Mutter Gottes, Entschuldigung …«
»… sie hieß Maria. Einmal hat ein Schwerverletzter ihr ein Glas an den Kopf geworfen und weißt du, was sie zu ihm gesagt hat? – ‚Das hätte ich an deiner Stelle auch getan, Pascal.’ Ein anderes Mal legt sich einer, so wie er kam, mit Schuhen und schmutzigen Klamotten neben mich in sein Bett. Ich regte mich furchtbar darüber auf. Maria nicht. Eine Stunde später war der Kamerad tot. Gewehrkugel im Kopf. Nur ein kleiner Kratzer an der Schläfe war zu sehen gewesen.«
Der alte Mann starrte gedankenversunken vor sich hin. Plötzlich zog er ein abgenutztes Notizbuch aus seiner Schublade. »So, nun aber zu dir und Dolores. Hier stehen die Adressen von Miguel in Morata de Tajuna und José in Barcelona. Ich werde sie telefonisch auf euren Besuch vorbereiten. Und einen Fahrplan habe ich auch entworfen.«
Felix steckte das Buch ein, ohne einen Blick darauf zu werfen.
»Wäre ja gern mitgekommen, aber liebe Freunde haben mich nach Andalusien eingeladen.« Unerwartet fing Pierre an zu singen: »Die Heimat ist weit, doch wir sind bereit …« Er brach ab und blickte seinen Gast fragend an. »Bist du bereit?« »Ja klar«, entgegnete der. Wozu bereit, wusste er allerdings nicht so genau.

Das Mietauto stand am Bahnhof Atocha bereit. Dolores warf ihr Gepäck, eine Mappe, Bücher, Landkarten, ihren Fotoapparat und Sanders Notizbuch auf den Rücksitz, setzte sich zurecht und fuhr los, als wäre sie schon immer mit diesem Wagen unterwegs gewesen.
Felix hielt vorsorglich den Stadtplan von Madrid auseinandergefaltet auf seinen Knien, was sich aber als unnötig erwies. Dolores kannte den Weg von der Plaza Emperator Carlos V. Richtung Norden genau: Paseo Prado, Paseo Recoletos … alle Straßen breit, geradlinig und übersichtlich.
Die junge Frau fuhr schnell, überholte riskant und lachte, wenn Felix unwillkürlich zusammen zuckte. Wohin die Reise heute gehen sollte, verriet sie nicht.
Madrid verabschiedete sich mit kantigen Neubauten und Industrieanlagen. Der Wagen erreichte die Autovia Richtung Burgos. Ein Wegweiser kündigte die Abfahrt nach Fuencarral an. Dolores blinkte und drosselte endlich das Tempo. Dem Schloss Moraleja sieht man seine kriegerische Vergangenheit längst nicht mehr an. Gebäude, Wege und Anlagen könnten zu einem Kurpark gehören. Nur den steinernen Rehen neben dem Springbrunnen scheint der Zahn der Zeit etwas anhaben zu können.

Felix studierte ein großes Schild mit der Aufschrift: Cafeteria Marcelos, Banco Popular Espanol, Kaviar Center, Boutique Alberto Vinis …
»Beabsichtigst du unsere 100 Euro gleich hier auszugeben?«
Dolores blickte, statt einer Antwort, auf ihre Uhr. »Wenn Pierre nicht zu viel versprochen hat, treffen wir in zehn Minuten eine Frau.« Sie zog das Notizbuch aus der Tasche. »Eine Ines Gallardio.«
Frau Gallardio wartete bereits am Eingang der Administracio. Sie kam sofort auf die beiden jungen Leute zu, begrüßte sie und begann so lebhaft zu erzählen, dass Dolores Schwierigkeiten beim Übersetzen bekam. »Stellen Sie sich hier ausgedehnte Korkeichenwälder und Eukalyptushaine vor und mittendrin das aus dem 16. Jahrhundert stammende, aber modernisierte Jagd- und Lustschloss. Es gehörte zuletzt einer mit Franco sympathisierenden Marquesa. Die zog bei Ausbruch des Bürgerkrieges die Flucht vor, ihr Personal blieb und bewirtschaftete das Land weiter. Das war nicht untypisch damals. Auch Fabrikarbeiter führten enteignete oder von ihren Besitzern auf der Flucht zurückgelassene Betriebe gemeinsam weiter. Später«, Frau Gallardios Redefluss wurde etwas langsamer, »nutzte das Thälmann-Bataillon, Stabschef war Ludwig Renn, das Schloss als Ruhequartier …«
Passanten blieben stehen. Meist nicht lange. Nur eine ältere Frau hörte aufmerksam zu. Kurze Zeit später erschien ein vornehm aussehender Mann im Nadelstreifenanzug und dezenter Krawatte aus der Administracio. Obwohl er spanisch sprach, verstand Felix, was er wollte. »Er bittet uns, woanders hin zu gehen. Was wir aber bestimmt nicht tun werden«, protestierte Dolores.
Frau Gallardio lächelte nachsichtig und zeigte auf eine Bank. Dort fuhr sie in ihrer Rede fort. »Am 12. Januar 1937 fand vor dem Eingang des Schlosses eine Trauerfeier für die gefallenen Interbrigadisten statt. Danach verließ das Bataillon Madrid. Nur verletzte Kämpfer blieben zurück. Anschließend wurde aus dem Schloss ein Kinderheim. Über dem Eingang stand: Hogar de ninos Thaelmann. Zu sehen ist davon heute natürlich nichts mehr.«
»Was für Kinder waren das?«, erkundigte sich Felix.
»Waisen. Die ihre Eltern im Bürgerkrieg verloren hatten. Davon gab's viel mehr, als aufgenommen werden konnten. Die Internationalen Brigaden hatten Patenschaften für Kinderheime übernommen. Hier in Moraleja waren es die Thälmannkämpfer. Sie sprachen immer von ihren Kindern. Sie sammelten Geld, die Verwundeten lehrten ihnen Lieder, unterrichteten …«
»Woher wissen Sie das alles?«
Über das Gesicht der Frau flog ein Lächeln. »Ich war eins von den Kindern in Moraleja. Meine Eltern starben auf der Flucht vor den Faschisten. Ohne die XI. hätte ich nicht überlebt.« Dolores hatte genügend fotografiert, legte das Notizbuch auf die Frontablage im Auto und tippte auf das nächste Ziel des »Fahrplans«. »El cementario schenken wir uns, oder?«
Felix ärgerte sich über ihre bestimmende Art.
»Warum das denn?«, widersprach er trotzig. »Pierre wird schon seine Gründe gehabt haben, uns in diese Zementfabrik zu locken.« Warum Dolores laut loslachte, verstand er erst später.

»El cementario« ist keine Zementfabrik sondern ein Friedhof. Er liegt weit sichtbar auf einem unbewaldeten Hügel. Ein Lieblingsplatz für die Sonne, die bereits Richtung Zenit strebte. Dolores folgte Felix widerwillig durch den Eingang. Kein Mensch weit und breit zu sehen und auch von einem Gedenkstein keine Spur. Sie ließ sich stöhnend auf eine Bank fallen und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Friedhof Madrid-Fuencarral
Friedhof Madrid-Fuencarral –
von der Stadt Madrid für die gefallenen Interbrigadisten
im Dezember 1936 errichtet.

Felix fand nach langem Suchen, was sie sich, nach Pierre Sanders Meinung unbedingt ansehen sollten. Das Denkmal A LA MEMORIA DE LOS VOLUNTARIOS SOVIETICOS. Er rief nach seiner Begleiterin und versuchte, von ihr aufgefordert, ein wenig verunsichert, das Grabdenkmal zu deuten. 
»Eine verhüllte, trauernde Frau zeigt mit beiden Händen auf ein zerborstenes Tor und Kämpfer rennen mit unterschiedlichen Kopfbedeckungen und Gesichtsausdrücken gegen eine Mauer.«

Gedenktafel
Friedhof Madrid-Fuencarral
– der erste sozialistische Bürgermeister von Madrid
ließ nach Francos Tod 1981 diese Gedenktafel wieder anbringen.

Dolores ließ das nicht gelten. »Die Männer rennen nicht gegen eine Mauer, sondern marschieren auf spanischer Erde, du Superkluger. Aber siehst du dort drüben an der Mauer die weiße Tafel mit der Inschrift? Der erste sozialistische Bürgermeister von Madrid hat sie nach Francos Tod anbringen lassen. Sie hing schon einmal hier, im Dezember 1936, gestiftet von der Stadt Madrid, zum Gedenken an die gefallenen Interbrigadisten. Sie wurden nämlich auf diesem Friedhof beigesetzt. Ich habe gelesen, dass Bürger der Stadt heimlich, auch noch nach der Machtübernahme Francos, Blumen herbrachten. Die Faschisten ließen die Gräber einebnen. Sie fürchteten wohl …«
Felix Handy klingelte. Er drückte auf die Empfangstaste und lief hinter das Denkmal. »Alles im grünen Bereich, Mama. Ich befinde mich gerade auf einem Friedhof. Lebendig. Ja, ja, ja …«
Als er anschließend versuchte, Sophie zu erreichen, schlenderte Dolores auf ihn zu: »Gib mir mal dein Handy.«
Der junge Mann ahnte nichts Böses. Aber – sie wollte nicht etwa telefonieren, nein, sie schob das Handy in ihre Tasche und verkündete: »In Barcelona kriegst du es zurück. Schluss mit lustig!«
Felix starrte sie entgeistert an: »Warum das denn? Kommt überhaupt nicht in Frage. Gib mir …« Dolores wich einen Schritt zurück. Ihre Augen konnten Blitze aussenden. »Dein ständiges Telefonieren nervt! Grüne Bereiche kannst du deiner Mama jederzeit von einer Öffentlichen melden.«
»Nicht mit mir, Dolores!«
»Dann auch nicht mit mir.« Sie zog den Autoschlüssel aus der Tasche, legte ihn auf ihre flache Hand und wiederholte energisch: »Dann auch nicht mit mir!«

Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de, Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest


Online-Flyer Nr. 84  vom 28.02.2007



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