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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 9
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
7.
Am nächsten Morgen schwor sich Felix, nun schon zum zweiten Mal in seinem Leben, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren. Pierre winkte beim Frühstück ab. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Auch nicht bei Dolores! Hast du sie …? Na also. Sie wartet um 11 Uhr vor dem Museum Reina Sofia auf dich. Und morgen …«, der alte Herr feixte vergnügt, »morgen …«
»Was morgen?«
»Etwa schon vergessen? Morgen geht's ab in Richtung Barcelona. Mietwagen ist bestellt. Reisegeld habt ihr ja ausreichend!«
Felix entschuldigte sich bei Dolores nicht mit dem Mund, dafür wirkte seine ganze Körperhaltung wie eine einzige Entschuldigung. Dolores lächelte im Stillen darüber, sagte aber nichts.
Sie begann ihre »Stadtführungen« sonst nicht im Museum »Reina Sofia«. Nur bei Interessenten für den Spanischen Bürgerkrieg wegen des berühmten Bildes von Picasso!
Viele Besucher wollten das Bild sehen. Schulklassen und andere Gruppen schoben sich durch den Raum.
»Glaubst du«, fragte Felix, »dass so ein Bild, na ja, irgendeine verdammte Wirkung bei denen hinterlässt, die hier vorbeischaukeln? Werden sie vielleicht ein bisschen weniger aggressiv?«
»Kann sein, dass sie mehr über Kriege nachdenken und den Faschismus …«
Dolores nahm unerwartet Felix Hand. »Hörst du die Schreie der Kinder und siehst die Verzweiflung der Mütter?«
»Auf dem Bild?« Felix gab sich allergrößte Mühe, aber er hörte nichts. Und nickte trotzdem lebhaft.
»Und die Macht des Bösen!«, ergänzte Dolores. Sie wies auf den Stier und das zähnefletschende Ungeheuer daneben. »Picasso hat das Gemälde zuerst 1937 auf der Pariser Weltausstellung gezeigt. Danach kam es nach New York und erst 1981 hier ins Museum. Nach dem Ende der faschistischen Ära, so wie es der Maler bestimmt hatte.«
Dolores ließ Felix Hand wieder los. »Und nun komm. Madrid hat noch viel zu bieten.«

Kinder werden in Sicherheit gebracht.
Felix stimmte Dolores uneingeschränkt zu, was Madrids Einmaligkeiten betraf. Einmalig diese unerbittliche Sonne. »Neun Monate brauchst du hier dicke Pullover! Dafür drei Monate am liebsten gar kein Kleidungsstück«, erklärte die junge Frau. Sie hatte sich fast an den Sommervorschlag gehalten, trug ein knappes, ärmelloses, blaues Top, im Dekolletee raffiniert geknotet, einen weißen Minihosenrock, blaue Pantoletten und auf dem Kopf einen breitkrempigen Strohhut.
Felix war einerseits stolz neben ihr, fühlte sich aber in seinen alten Klamotten unbehaglich. Er fotografierte sie so oft mit Sanders Apparat, bis es ihr zu viel wurde und sie mit »Ich bin doch keine Sehenswürdigkeit Madrids«, protestierte. »Doch das bist du. Für mich.« Er erschrak über seine eigenen Worte und seine Wangen färbten sich wieder einmal rot.
Süß ist er, dachte Dolores, ließ sich ihre Einschätzung aber nicht anmerken. Auf dem Platz Puerta de Sol blieb sie überlegend dicht neben ihm stehen. Felix war es nicht dicht genug, aber die breite Krempe des Strohhuts störte. Dolores ging auch gleich wieder auf Distanz, trat einen Schritt zur Seite und sagte im Ton einer Stadtführerin: »Sylvester stehst du hier wie ein Hering in der Dose. Mit Blick auf den Uhrturm dort. Bing bong …« Felix stellte sich stehende Heringe vor … »Bei jedem Glockenschlag musst du eine Weinbeere schlucken, weil du dann das ganze Jahr glücklich sein wirst.«
»Glaubst du an glücksbringende Weintrauben?« Dolores nickte. »Ich lass mir nichts entgehen, und du nicht den Bürgerkrieg! Silvester 1936 haben die Faschisten Punkt Mitternacht zwölf Granaten auf den Platz geworfen. Schreib das in dein Buch! Und dann blicke dich um. Hier schlägt das Herz von Madrid!«

Verzweiflung nach dem Bombenterror auf Guernica.
Felix schrieb wie ein Schüler nach Aufforderung seiner Lehrerin, verstaute sein Notizbuch und blickte sich um. Er zeigte auf die Bauarbeiten und Presslufthämmer hinter weiträumigen Absperrungen. »Man hört es sogar schlagen! Das Herz von Madrid!«
Die junge Frau schaute ihn überrascht von der Seite an. »Humor schätze ich bei Männern am meisten, weil den fast keiner besitzt.« Wieso das?, dachte Felix. Mit was für Typen ist sie sonst zusammen? Aber ehe er weiter nachhaken konnte, zeigte sie auf die andere Straßenseite.
»Dort drüben, im Keller der Casa de Correos, wurden Francos Opfer gefoltert.«
»Steht das an den Tafeln?« Felix nahm den Fotoapparat zur Hand und wollte die Straße überqueren.
»Nein«, hielt ihn Dolores zurück. »Vergiss es. Die eine Tafel erinnert an den Bombenanschlag auf die Metro im Jahr 2003, auf der anderen wird an den Kampf der Madrider 1808 gegen Napoleon gedacht. Eine Gedenktafel für Francos Opfer hier? Vielleicht in zehn Jahren. Du guckst, als ob du das nicht begreifst. Franco starb 1975. Vielen Spaniern standen damals dicke Tränen in den Augen. Nein, nicht Freudentränen. Er und seine Anhänger hatten nicht nur brutal unterdrückt, sondern auch fromme Legenden erfunden.«
»Was denn für Legenden?«
»Er hätte Spanien aus dem 2. Weltkrieg rausgehalten! Was so absolut übrigens nicht stimmt. Tatsächlich kämpfte die spanische Blaue Division an Deutschlands Seite, die spanischen Häfen standen für Hitlers Kriegsschiffe offen, und, und, und … Außerdem behaupten viele, dass Franco Spanien vor dem Bolschewismus gerettet hat. Der nächste Irrtum. Nachdem er tot war, setzten seine Anhänger ihre Hoffnungen auf unseren König Juan Carlos. Aber der zog einen dicken Strich durch ihre Pläne. Er dachte nicht daran, eine Art Nachfolger von Franco zu werden.« Dolores Augen leuchteten.
»Du liebst wohl euren König regelrecht?«, fragte Felix halb spöttisch, halb erstaunt.
»Si, si, ich liebe ihn.«
»Du setzt Maßstäbe!« Dolores drehte sich zu ihrem Begleiter. Sie kannte die Wirkung ihrer Augen.
»Aber … ich würde mit einem König nie im Leben …«
Während Felix noch krampfhaft überlegte, was sie gemeint haben könnte, sprach sie ernsthaft weiter. »Juan Carlos ernannte 1976 Adolfo Suarez zum Ministerpräsidenten. Der ließ fast alle politischen Häftlinge frei und schaffte die Voraussetzungen für die ersten freien Wahlen nach Franco. Aber der Preis, den er akzeptieren musste, hieß – in Deutschland sagt man wohl – die Toten ruhen lassen. Ich verstehe das übrigens, Felix. Immerhin drohte die Gefahr eines neuen Bürgerkrieges. Die Sozialisten, die 1982 unter Felipe Gonzales die Wahlen gewannen, zahlten ab, ließen also die Toten ruhen, ebenso ihre Nachfolger, die Konservativen unter Aznar.«
»Jetzt wird Spanien wieder von Sozialisten regiert«, sagte Felix. »Müssen die auch noch abzahlen?«
»Vielleicht. Im März haben Arbeiter das Reiterdenkmal Francos nach 30 Jahren am Platz San Juan de la Cruz abmontiert. Nachts. Heimlich sozusagen. In anderen Städten steht er noch aus Stein oder Bronze, und es gibt über hundert Straßen und Plätze in Spanien, die seinen Namen tragen. Die Angehörigen der Opfer fordern Aufklärung. Dafür müssen die Archive der Guardia Civil und der faschistischen Falange geöffnet werden. Viele in unserem Land fordern das! Aber nun reicht es erst einmal!« Dolores knuffte Felix in die Hüfte. »Ich fordere jetzt einen Kaffee, und du kannst von der Regierung der Autonomen Region Madrid fordern, dass an der Casa de Correos eine Gedenktafel für die Folteropfer angebracht wird.«
Wenn der Herzschlag einer Stadt nicht im Takt der Baumaschinen schlägt, sondern sich aus Tausenden menschlicher Töne summiert, dann schlägt er in Madrid nicht nur an der Puerta del Sol. Felix hatte Mühe, Dolores im Gedränge der benachbarten Straßen nicht aus den Augen zu verlieren. Sie lief zielgerichtet und verkürzte ihre stadtführenden Erklärungen immer mehr.
»Was hältst du von Tiramisu?«, fragte sie Felix vor dem Café del Espanol an der Plaza Ana. Sie setzten sich in den Schatten eines Baumes. »Die Gegend hier nennt sich Künstlerviertel. Ich werde dir nachher zeigen, wo Cervantes lebte und starb und wo das Freudenhaus stand, das unser anderer Nationaldichter, Lope de Vega, regelmäßig durch seine Anwesenheit beglückt hat.«
»Das Schloss deines geliebten Königs fällt aus?«
»Nein, auch nicht die Plaza Mayor und so weiter. Aber du besuchst Madrid nicht als Tourist. Der Bürgerkrieg …«
»Fand auch in diesem Café statt?« Felix schaute sich um. »Hat hier ein General Tiramisu bestellt?«
Dolores blieb ernst. »General Kleber interessiert mich. Besonders was nach dem Bürgerkrieg aus ihm wurde. Mit bürgerlichem Namen hieß er übrigens Manfred Stern.«
»Das ist ja ein Ding«, sagte Felix überrascht und erzählte von seinem Besuch in der Villa Stern.
»Der war kein Thema bei der Verwandtschaft?«, wiederholte Dolores ungläubig. »Besucht ihr die noch mal?«
»Ja klar. Ich werde dir alles mailen, was wir rauskriegen. Versprochen.«
Und weil Felix einmal dabei war, versprach er auch gleich noch, Kuchen und Kaffee zu bezahlen. Als deutscher Mann von Welt neben einer schönen, jungen Spanierin.
Am Rande der Plaza Santa Ana erinnert ein Denkmal an ein berühmtes Opfer des Bürgerkrieges. Felix hatte von Federico Garcia Lorca noch nie ein Wort gelesen oder gehört.
»Du kennst wohl nur euren Goethe?«, spottete Dolores, »und seinen Faust?« Sie blickte ihm in die Augen. »Ich kann mir vorstellen, dass du den Faust …«, sie machte eine spannende Pause, »überzeugend spielst. Aber … verwechsle mich bitte nicht mit Gretchen …«
Felix blieb cool. »Genau«, sagte er unbeeindruckt, »du bist meine Stadtführerin, also«, er zeigte auf das Denkmal.
»Also … 1936 gründete Lorca mit anderen den Bund Antifaschistischer Intellektueller. Auf der Todesliste der Guardia Civil stand er ganz oben und wurde bereits in den ersten Tagen des Bürgerkrieges ermordet.«
»Kannst du eines seiner Gedichte auswendig?«
»Nur auf spanisch.«
»Schade.«
»Warum?«
»Weil ich gern verstehen würde, was dir gefällt.«
Dolores dachte nach. »Gut, ich werde eine Übersetzung für dich versuchen. Das Gedicht heißt ›Begegnung‹. Nicht du bist vorbereitet und nicht ich, einander zu begegnen Du weißt ja wohl warum. Folg diesem kleinen Pfad, Wag nicht dich umzudrehen.«
Felix applaudierte.
Dolores freute sich. »Jetzt bist du dran«, forderte sie. »Ein Gedicht wirst du ja wohl auch im Kopf haben.«
Darauf war er nicht gefasst. Ein Gedicht? »Die Bürgschaft« – Quatsch, »John Maynhard«?
»Nun mach schon!«
»Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …«
Den Osterspaziergang von Goethe beherrschte Felix von der ersten bis zur letzten Zeile. Und einmal begonnen, hielt er tapfer durch. Und nicht nur ein Vorübergehender blieb erstaunt vor dem Denkmal stehen und hörte zu.
Am späten Nachmittag saßen die beiden sehenswürdigkeitsmüde auf einer Bank im Campo del Moro hinter dem Königspalast. Vor ihnen rauschte eintönig ein Brunnen. Nur selten schlenderten andere Spaziergänger vorbei. Die jungen Leute unterhielten sich zwanglos. Felix dachte an keine Frauen und ihre angeblich geheimen Wünsche und auch nicht an Sophie. Neben Dolores an Sophie zu denken, fiel ihm sowieso schwer.
Plötzlich interessierte sie sich für einen Pfau, der Schritt für Schritt näher kam. »Hast du Mut?«
»Ja, klar!« »Dann greif ihn an. Aber er ist gefährlich.«
»Gefährlich, ein Pfau? Komische Mutprobe.«
Lässig schritt Felix auf den Vogel zu. Er ist noch ein richtiger Junge, dachte Dolores und hielt sich eine Hand vor den Mund, um nicht laut los zu lachen.
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de, Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 83 vom 21.02.2007
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 9
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
7.
Am nächsten Morgen schwor sich Felix, nun schon zum zweiten Mal in seinem Leben, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren. Pierre winkte beim Frühstück ab. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Auch nicht bei Dolores! Hast du sie …? Na also. Sie wartet um 11 Uhr vor dem Museum Reina Sofia auf dich. Und morgen …«, der alte Herr feixte vergnügt, »morgen …«
»Was morgen?«
»Etwa schon vergessen? Morgen geht's ab in Richtung Barcelona. Mietwagen ist bestellt. Reisegeld habt ihr ja ausreichend!«
Felix entschuldigte sich bei Dolores nicht mit dem Mund, dafür wirkte seine ganze Körperhaltung wie eine einzige Entschuldigung. Dolores lächelte im Stillen darüber, sagte aber nichts.
Sie begann ihre »Stadtführungen« sonst nicht im Museum »Reina Sofia«. Nur bei Interessenten für den Spanischen Bürgerkrieg wegen des berühmten Bildes von Picasso!
Viele Besucher wollten das Bild sehen. Schulklassen und andere Gruppen schoben sich durch den Raum.
»Glaubst du«, fragte Felix, »dass so ein Bild, na ja, irgendeine verdammte Wirkung bei denen hinterlässt, die hier vorbeischaukeln? Werden sie vielleicht ein bisschen weniger aggressiv?«
»Kann sein, dass sie mehr über Kriege nachdenken und den Faschismus …«
Dolores nahm unerwartet Felix Hand. »Hörst du die Schreie der Kinder und siehst die Verzweiflung der Mütter?«
»Auf dem Bild?« Felix gab sich allergrößte Mühe, aber er hörte nichts. Und nickte trotzdem lebhaft.
»Und die Macht des Bösen!«, ergänzte Dolores. Sie wies auf den Stier und das zähnefletschende Ungeheuer daneben. »Picasso hat das Gemälde zuerst 1937 auf der Pariser Weltausstellung gezeigt. Danach kam es nach New York und erst 1981 hier ins Museum. Nach dem Ende der faschistischen Ära, so wie es der Maler bestimmt hatte.«
Dolores ließ Felix Hand wieder los. »Und nun komm. Madrid hat noch viel zu bieten.«

Kinder werden in Sicherheit gebracht.
Felix stimmte Dolores uneingeschränkt zu, was Madrids Einmaligkeiten betraf. Einmalig diese unerbittliche Sonne. »Neun Monate brauchst du hier dicke Pullover! Dafür drei Monate am liebsten gar kein Kleidungsstück«, erklärte die junge Frau. Sie hatte sich fast an den Sommervorschlag gehalten, trug ein knappes, ärmelloses, blaues Top, im Dekolletee raffiniert geknotet, einen weißen Minihosenrock, blaue Pantoletten und auf dem Kopf einen breitkrempigen Strohhut.
Felix war einerseits stolz neben ihr, fühlte sich aber in seinen alten Klamotten unbehaglich. Er fotografierte sie so oft mit Sanders Apparat, bis es ihr zu viel wurde und sie mit »Ich bin doch keine Sehenswürdigkeit Madrids«, protestierte. »Doch das bist du. Für mich.« Er erschrak über seine eigenen Worte und seine Wangen färbten sich wieder einmal rot.
Süß ist er, dachte Dolores, ließ sich ihre Einschätzung aber nicht anmerken. Auf dem Platz Puerta de Sol blieb sie überlegend dicht neben ihm stehen. Felix war es nicht dicht genug, aber die breite Krempe des Strohhuts störte. Dolores ging auch gleich wieder auf Distanz, trat einen Schritt zur Seite und sagte im Ton einer Stadtführerin: »Sylvester stehst du hier wie ein Hering in der Dose. Mit Blick auf den Uhrturm dort. Bing bong …« Felix stellte sich stehende Heringe vor … »Bei jedem Glockenschlag musst du eine Weinbeere schlucken, weil du dann das ganze Jahr glücklich sein wirst.«
»Glaubst du an glücksbringende Weintrauben?« Dolores nickte. »Ich lass mir nichts entgehen, und du nicht den Bürgerkrieg! Silvester 1936 haben die Faschisten Punkt Mitternacht zwölf Granaten auf den Platz geworfen. Schreib das in dein Buch! Und dann blicke dich um. Hier schlägt das Herz von Madrid!«

Verzweiflung nach dem Bombenterror auf Guernica.
Felix schrieb wie ein Schüler nach Aufforderung seiner Lehrerin, verstaute sein Notizbuch und blickte sich um. Er zeigte auf die Bauarbeiten und Presslufthämmer hinter weiträumigen Absperrungen. »Man hört es sogar schlagen! Das Herz von Madrid!«
Die junge Frau schaute ihn überrascht von der Seite an. »Humor schätze ich bei Männern am meisten, weil den fast keiner besitzt.« Wieso das?, dachte Felix. Mit was für Typen ist sie sonst zusammen? Aber ehe er weiter nachhaken konnte, zeigte sie auf die andere Straßenseite.
»Dort drüben, im Keller der Casa de Correos, wurden Francos Opfer gefoltert.«
»Steht das an den Tafeln?« Felix nahm den Fotoapparat zur Hand und wollte die Straße überqueren.
»Nein«, hielt ihn Dolores zurück. »Vergiss es. Die eine Tafel erinnert an den Bombenanschlag auf die Metro im Jahr 2003, auf der anderen wird an den Kampf der Madrider 1808 gegen Napoleon gedacht. Eine Gedenktafel für Francos Opfer hier? Vielleicht in zehn Jahren. Du guckst, als ob du das nicht begreifst. Franco starb 1975. Vielen Spaniern standen damals dicke Tränen in den Augen. Nein, nicht Freudentränen. Er und seine Anhänger hatten nicht nur brutal unterdrückt, sondern auch fromme Legenden erfunden.«
»Was denn für Legenden?«
»Er hätte Spanien aus dem 2. Weltkrieg rausgehalten! Was so absolut übrigens nicht stimmt. Tatsächlich kämpfte die spanische Blaue Division an Deutschlands Seite, die spanischen Häfen standen für Hitlers Kriegsschiffe offen, und, und, und … Außerdem behaupten viele, dass Franco Spanien vor dem Bolschewismus gerettet hat. Der nächste Irrtum. Nachdem er tot war, setzten seine Anhänger ihre Hoffnungen auf unseren König Juan Carlos. Aber der zog einen dicken Strich durch ihre Pläne. Er dachte nicht daran, eine Art Nachfolger von Franco zu werden.« Dolores Augen leuchteten.
»Du liebst wohl euren König regelrecht?«, fragte Felix halb spöttisch, halb erstaunt.
»Si, si, ich liebe ihn.«
»Du setzt Maßstäbe!« Dolores drehte sich zu ihrem Begleiter. Sie kannte die Wirkung ihrer Augen.
»Aber … ich würde mit einem König nie im Leben …«
Während Felix noch krampfhaft überlegte, was sie gemeint haben könnte, sprach sie ernsthaft weiter. »Juan Carlos ernannte 1976 Adolfo Suarez zum Ministerpräsidenten. Der ließ fast alle politischen Häftlinge frei und schaffte die Voraussetzungen für die ersten freien Wahlen nach Franco. Aber der Preis, den er akzeptieren musste, hieß – in Deutschland sagt man wohl – die Toten ruhen lassen. Ich verstehe das übrigens, Felix. Immerhin drohte die Gefahr eines neuen Bürgerkrieges. Die Sozialisten, die 1982 unter Felipe Gonzales die Wahlen gewannen, zahlten ab, ließen also die Toten ruhen, ebenso ihre Nachfolger, die Konservativen unter Aznar.«
»Jetzt wird Spanien wieder von Sozialisten regiert«, sagte Felix. »Müssen die auch noch abzahlen?«
»Vielleicht. Im März haben Arbeiter das Reiterdenkmal Francos nach 30 Jahren am Platz San Juan de la Cruz abmontiert. Nachts. Heimlich sozusagen. In anderen Städten steht er noch aus Stein oder Bronze, und es gibt über hundert Straßen und Plätze in Spanien, die seinen Namen tragen. Die Angehörigen der Opfer fordern Aufklärung. Dafür müssen die Archive der Guardia Civil und der faschistischen Falange geöffnet werden. Viele in unserem Land fordern das! Aber nun reicht es erst einmal!« Dolores knuffte Felix in die Hüfte. »Ich fordere jetzt einen Kaffee, und du kannst von der Regierung der Autonomen Region Madrid fordern, dass an der Casa de Correos eine Gedenktafel für die Folteropfer angebracht wird.«
Wenn der Herzschlag einer Stadt nicht im Takt der Baumaschinen schlägt, sondern sich aus Tausenden menschlicher Töne summiert, dann schlägt er in Madrid nicht nur an der Puerta del Sol. Felix hatte Mühe, Dolores im Gedränge der benachbarten Straßen nicht aus den Augen zu verlieren. Sie lief zielgerichtet und verkürzte ihre stadtführenden Erklärungen immer mehr.
»Was hältst du von Tiramisu?«, fragte sie Felix vor dem Café del Espanol an der Plaza Ana. Sie setzten sich in den Schatten eines Baumes. »Die Gegend hier nennt sich Künstlerviertel. Ich werde dir nachher zeigen, wo Cervantes lebte und starb und wo das Freudenhaus stand, das unser anderer Nationaldichter, Lope de Vega, regelmäßig durch seine Anwesenheit beglückt hat.«
»Das Schloss deines geliebten Königs fällt aus?«
»Nein, auch nicht die Plaza Mayor und so weiter. Aber du besuchst Madrid nicht als Tourist. Der Bürgerkrieg …«
»Fand auch in diesem Café statt?« Felix schaute sich um. »Hat hier ein General Tiramisu bestellt?«
Dolores blieb ernst. »General Kleber interessiert mich. Besonders was nach dem Bürgerkrieg aus ihm wurde. Mit bürgerlichem Namen hieß er übrigens Manfred Stern.«
»Das ist ja ein Ding«, sagte Felix überrascht und erzählte von seinem Besuch in der Villa Stern.
»Der war kein Thema bei der Verwandtschaft?«, wiederholte Dolores ungläubig. »Besucht ihr die noch mal?«
»Ja klar. Ich werde dir alles mailen, was wir rauskriegen. Versprochen.«
Und weil Felix einmal dabei war, versprach er auch gleich noch, Kuchen und Kaffee zu bezahlen. Als deutscher Mann von Welt neben einer schönen, jungen Spanierin.
Am Rande der Plaza Santa Ana erinnert ein Denkmal an ein berühmtes Opfer des Bürgerkrieges. Felix hatte von Federico Garcia Lorca noch nie ein Wort gelesen oder gehört.
»Du kennst wohl nur euren Goethe?«, spottete Dolores, »und seinen Faust?« Sie blickte ihm in die Augen. »Ich kann mir vorstellen, dass du den Faust …«, sie machte eine spannende Pause, »überzeugend spielst. Aber … verwechsle mich bitte nicht mit Gretchen …«
Felix blieb cool. »Genau«, sagte er unbeeindruckt, »du bist meine Stadtführerin, also«, er zeigte auf das Denkmal.
»Also … 1936 gründete Lorca mit anderen den Bund Antifaschistischer Intellektueller. Auf der Todesliste der Guardia Civil stand er ganz oben und wurde bereits in den ersten Tagen des Bürgerkrieges ermordet.«
»Kannst du eines seiner Gedichte auswendig?«
»Nur auf spanisch.«
»Schade.«
»Warum?«
»Weil ich gern verstehen würde, was dir gefällt.«
Dolores dachte nach. »Gut, ich werde eine Übersetzung für dich versuchen. Das Gedicht heißt ›Begegnung‹. Nicht du bist vorbereitet und nicht ich, einander zu begegnen Du weißt ja wohl warum. Folg diesem kleinen Pfad, Wag nicht dich umzudrehen.«
Felix applaudierte.
Dolores freute sich. »Jetzt bist du dran«, forderte sie. »Ein Gedicht wirst du ja wohl auch im Kopf haben.«
Darauf war er nicht gefasst. Ein Gedicht? »Die Bürgschaft« – Quatsch, »John Maynhard«?
»Nun mach schon!«
»Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …«
Den Osterspaziergang von Goethe beherrschte Felix von der ersten bis zur letzten Zeile. Und einmal begonnen, hielt er tapfer durch. Und nicht nur ein Vorübergehender blieb erstaunt vor dem Denkmal stehen und hörte zu.
Am späten Nachmittag saßen die beiden sehenswürdigkeitsmüde auf einer Bank im Campo del Moro hinter dem Königspalast. Vor ihnen rauschte eintönig ein Brunnen. Nur selten schlenderten andere Spaziergänger vorbei. Die jungen Leute unterhielten sich zwanglos. Felix dachte an keine Frauen und ihre angeblich geheimen Wünsche und auch nicht an Sophie. Neben Dolores an Sophie zu denken, fiel ihm sowieso schwer.
Plötzlich interessierte sie sich für einen Pfau, der Schritt für Schritt näher kam. »Hast du Mut?«
»Ja, klar!« »Dann greif ihn an. Aber er ist gefährlich.«
»Gefährlich, ein Pfau? Komische Mutprobe.«
Lässig schritt Felix auf den Vogel zu. Er ist noch ein richtiger Junge, dachte Dolores und hielt sich eine Hand vor den Mund, um nicht laut los zu lachen.
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de, Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 83 vom 21.02.2007














