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Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 8
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
So schnell ging das bei Felix mit der Freundschaft nicht. Er fühlte sich reichlich unsicher neben der jungen Spanierin. Die amüsierte sich über seine Verlegenheit und fand ihn entschieden angenehmer als die spanischen jungen Männer, die in ihrer Gegenwart immer gleich total aufdrehten.
»Also, ich habe den Auftrag«, begann sie, »dir von dem Spanischen Bürgerkrieg zu erzählen. Am 17. Juli 1936 putschten die Generäle …«
»Das hab ich voll drauf.«
»Und was fehlt dir?«
»Das Wunder von Madrid zum Beispiel.«
»Du bist nach Madrid gereist, um ein Wunder zu erleben?«
»Nein, das heißt ja, die Verteidigung …«
»No entiendo!«, lachte Dolores, korrigierte sich aber sofort. »Ja, ja, ich verstehe schon. Also hör zu. Pierres Heldenlied. Anfang November zogen etwa 2500 Freiwillige in Madrid singend durch die Gran Via. Ein bisschen Krieg hatten sie vorher in Albacete gespielt, das hat dir Pierre sicher schon erzählt. Weil er das immer als erstes erzählt. Manchmal sagt er auch, dass dort jeder einen Probeschuss abgeben durfte, manchmal erst hier in Madrid. Ist auch Nebensache. Oder?«
Felix hatte nicht richtig zugehört, weil sein Handy klingelte.
»Was … was ist Nebensache?«
»Wo man den ersten Probeschuss abgibt, amigo.«
Felix zog das Handy aus der Tasche und entfernte sich damit ein paar Schritte vom Tisch. »Endlich Sophie, ich auch, entschuldige, genau … ich dich auch.«
Als er wieder am Tisch Platz nehmen wollte, stand Dolores auf. Ein Nachwuchstorero fuchtelte auf einem gepflasterten Rondell mit rotem Tuch vor einem unsichtbaren Stier herum. Felix erzählte seiner Begleiterin von ihren Theaterproben. Sie kannte Goethes großes Drama. »Mephisto als Torero?« lachte sie so laut los, dass der junge Spanier sein rotes Tuch in ihre Richtung schwenkte. »Der Teufel ist auch nicht mehr das, was er früher war. Und du der Faust?« Sie blickte ihn zweifelnd an. Felix Wangen färbten sich rot. Ihm fiel aus Verlegenheit kein vernünftiger Satz ein, Dolores schwieg absichtlich. Dann erbarmte sie sich.
»Vor dir siehst du Casa de Campo.« Sie zeigte in die Runde. »Du verstehst doch ein bisschen spanisch?« »Casa heißt glaube ich, Haus …«
»Genau und Campo Feld«, ergänzte Dolores. »Hier kämpften viele Interbrigadisten zum ersten und letzten Mal.« Sie drehte sich zu Felix. »Ich sammle für meine Arbeit auch persönliche Erlebnisse, weißt du. Alles, was nicht in den Geschichtsbüchern steht. Einer schreibt zum Beispiel, wie hier ein Kamerad neben ihm sein Augenlicht verlor. Durch einen Schuss oder so. Er schnallte seinen Munitionsgurt ab, warf den anderen die Patronen zu und begann die Internationale zu singen, um seinen Kameraden Mut zu machen.«
»Wahnsinn!« Felix strich sich die Haare aus der Stirn. »Aber …, ich begreife solche Storys nicht, verstehst du? Nein, glauben vielleicht, aber verstehen …«
»Bist ja auch kein Interbrigadist«, unterbrach ihn Dolores. »Willst ja nur über den Krieg schreiben.«
In der Metrostation Cuatro Caminos waren noch die Spuren des Terroranschlages vom 11. März 2003 zu sehen. Elektrokabel hingen notdürftig befestigt am nackten Mauerwerk.
»Das sind auch Spuren eines Krieges«, sagte Dolores.
»Und wie wird der deiner Meinung nach enden?«
»Mit Siegern und Verlierern. Wie jeder Krieg.«
»Okay. Wer wird gewinnen?«
Dolores tippte Felix auf die Brust. »Du. Bei der Verteidigung deiner Arbeit.«
Neben der Metrostation Cuidad Universitaria bilden die rötlichen Klinkersteine der Gebäude in der hellen Sonne einen schönen Kontrast zum dunklen Grün der Bäume. Dolores lief zielgerichtet zu einer Bank in der Calle Aniceto Marinas. Der Fluss Manzanares vor ihnen, eingeklemmt zwischen weißen Steinen, schimmerte in den hellen Farben des Himmels.
»Willst du nach der Schule auch studieren?« fragte Dolores.
Felix wurde langsam sicherer. »Ja klar! Spanische Geschichte in Madrid.«
»Und Sophie bleibt zu Hause?« Felix dachte nicht daran diese Frage zu beantworten. Er wies einfach auf den Fluss und sagte: »Schön.«
Dolores, für einen Moment irritiert, fing sich schnell. »Die XI. Brigade der Interbrigadisten hat Madrid hier am Manzanares verteidigt. Der Deutsche Hans Kahle war Kommandeur des 1. Bataillons und ein militärisches Genie, wenn die Quellen stimmen.«
»Hans Kahle? Noch nie gehört.« Felix zog sein Notizbuch hervor. »Als kaiserlicher Kadett ist er freiwillig in den ersten Weltkrieg gezogen. Diese Kriegserfahrungen sollen ihn geprägt haben, und deshalb ist er in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts in die KPD eingetreten und bei Ausbruch des Bürgerkrieges nach Spanien gegangen. Ende 1938 organisierte er von Paris aus Solidaritätsmaßnahmen für ehemalige Spanienkämpfer. In Großbritannien wurde er dann interniert, und auf die Isle of Man und später nach Kanada gebracht. Aber Ernest Hemingway setzte sich persönlich für ihn ein. Er kam frei und blieb bis 1946 in Großbritannien. Dort gründete er auch das Nationalkomitee Freies Deutschland West. Als er nach Deutschland zurückkehrte, wurde er Polizeichef in Mecklenburg.«
Felix blickte seine Begleiterin verblüfft an. »Woher weißt du das alles?«
»Studieren bildet, Felix. Ich weiß noch mehr. Das 1. Bataillon nannte sich stolz Edgar André. Von dem hast du aber schon gehört? Auch nicht? Dann solltest du dich lieber in Deutschland bei den Historikern einschreiben. Edgar André, sein Leben, das ist auch so eine Geschichte für meine Sammlung. Er wurde von den Nazis derart zugerichtet, dass er sich nur noch mit Krücken vorwärts bewegen konnte. Sie verurteilten ihn zum Tode. Im Gerichtssaal soll er stolz gesagt haben … Moment, mir fällt der Text gleich ein …
›Wenn Sie den Mut haben, dann kommen Sie zu meiner Hinrichtung. Sie werden sehen, wie deutsche Antifaschisten zu sterben wissen!‹ Nein, ich glaube nicht, dass einer der Richter die Einladung angenommen hat.«
6.
Der Rio Manzanares kommt aus dem Norden, mit den Ausläufern der Sierra Guadarrama nach Madrid und verlässt sie südöstlich in Richtung Rio Jarama. Er gehört nicht zu den größten Flüssen Spaniens, und in der Stadt gibt er sich besonders friedlich und bescheiden zwischen Büschen und Bäumen.
Felix und Dolores liefen an seinem Ufer entlang. Die junge Frau ließ die Bürgerkriegshelden aufmarschieren. Sie zeigte ans gegenüberliegende Ufer. »Dort rückten Francos Truppen vor. Das waren hauptsächlich Moros, Marokkaner, wegen ihrer Härte und Grausamkeit gefürchtet. Du musst dir den Kampf so vorstellen, dass es ständig hin und her ging. Heute rüber durchs eiskalte Wasser. Morgen zurück. Tagelang kein Schlaf, immer krampfhaft die Augen offen, Feuer, Panzer, Befehle, Angriff, Rückzug, da brauchst du Nerven! Oft wechselten schlagartig auch die Kommandeure, weil die alten verwundet oder tot im Graben lagen. So wurde euer Hans Kahle vom Major zum Oberstleutnant und Chef der XI. Brigade mit den Bataillonen: ›Edgar André‹, ›Ernst Thälmann‹ und ›Commune de Paris‹, später sogar Chef der 45. Division. Jeder konnte über Nacht eine Führungsrolle erhalten, befördert nicht zuletzt vom General Tod.«
Felix hatte sein Diktiergerät vergessen, aber sein dickes Notizbuch wie immer dabei. Er zog es heraus und fragte: »Hast du eine Ahnung, wie viele hier kämpften?«
Auch Dolores hatte vorsorglich Notizen eingesteckt. Sie fand schnell, was sie suchte. »Truppenkonzentrationen 1936 vor Madrid … Auf der Seite der Republik kämpften etwa 17000 Soldaten des 5. Regiments, 7000 Anarchisten, 3400 Freiwillige der Internationalen XI. und XII. Brigaden.« Die junge Frau schob das Blatt zurück in die Tasche und blickte Felix an. »Unser gemeinsamer Freund Pierre Sanders tut manchmal so, als hätte er ganz allein Franco aufgehalten, ja, das ist übertrieben, aber die Internationalen waren für ihn die entscheidende Kraft. Helden waren sie, aber ohne die anderen … Die Madrider Zivilbevölkerung darfst du nicht vergessen. Als die Flüchtlinge in die Stadt strömten und von den Massakern berichteten, griffen sie spontan zu …«
»Den Waffen?« Dolores überlegte einen Moment. »Ja. Es heißt, dass sich Professoren Gewehre besorgten und in die Schützengräben sprangen. Frauen halfen Barrikaden errichten. Die Zivilisten kämpften nicht losgelöst von den Truppen sondern mit ihnen. Wenn du Wunder von Madrid suchst, dann nimm diesen Einsatz als die Nummer 1. Und das zweite … Nein Felix, ich will die Verdienste der Freiwilligen wirklich nicht klein reden. Im Gegenteil.«
Sie lächelte. »Meinetwegen, nennen wir ihren Kampf das zweite Wunder. Aber, hat euch euer Geschichtslehrer noch nie was von der Notwendigkeit objektiver Betrachtungsweise erzählt?«
Felix hüstelte gekünstelt. »Wir haben eine Geschichtslehrerin. Die redet nur von Zusammenhängen und Schlussfolgerungen.«
Sommerabende sind am Casa de Campo besonders schön. Die Hitze des Tages klebt nur noch an den Steinen, die Dämmerung zieht Baumvorhänge so langsam zu, dass man ihre Bewegung verfolgen kann, die Lichter des Gartenlokals spiegeln sich im See.
Felix zeigte auf zwei freie Plätze und sprach die Kellnerin mutig an: »Buenas tardes, por favor dos vinos … dulces.« Dolores hob protestierend die Hände. »Doch keinen süßen Wein, Felix.«
Nach dem dritten »vino tinto«, glaubte sie das Gespräch vorsichtshalber lieber wieder auf den Bürgerkrieg bringen zu müssen. Felix schien ihr immer spanischer zu werden. Der wiederum dachte, dass Dolores spanisches Temperament von ihm erwarte. Dazu stiegen ihm entsprechende Geschichten von Frauen und ihren vermeintlichen Wünschen in den vernebelten Kopf und sorgten auch unterhalb des Bauches für Unruhe. Felix versuchte seinen plötzlichen Tatendrang mit den wenigen Vokabeln in der Landessprache, die er kannte, zu würzen. Beim ersten »Amor« zog Dolores behutsam seinen Arm, der gerade wieder der Kellnerin winken wollte, auf den Tisch der Realität zurück und sagte freundlich aber bestimmt: »Basta, amigo. Reden wir über General Kleber.«
»Was für ein ›Kleber‹ denn? Ist was zerbrochen?«
»General Kleber, der erste Kommandeur der XI. Brigade war ein wichtiger Mann bei der Verteidigung der Stadt. Ich hatte ihn vorhin vergessen zu erwähnen. Er muss irgendetwas mit deiner Heimatstadt zu tun haben. Kann ich dir schriftlich geben.«
Felix nahm einen Schluck aus dem Weinglas und gluckste albern. »In meiner Stadt existiert nur ein Kleber und der heißt Kittifix oder so ähnlich.«
Pierre Sanders saß zufrieden auf seinem Stuhl im Dreieck zwischen Jesus und Maria. Er sah im Schein der Lampen die beiden jungen Leute näher kommen und zog erst kritisch die Stirn in Falten, nahm aber dann Felix leicht schwankenden Gang mit Gelassenheit. Er hatte wieder einmal eine Überraschung vorbereitet. Zuvor musste der junge Mann aber einen heißen Kaffee mit Zitrone schlucken. Trotzdem verstand er die Überraschung erst nach mehrmaliger Wiederholung.
Die spanische Vereinigung der Freunde der Internationalen Brigaden, kurz Amigos genannt, wollte ihm und Dolores eine Autoreise von Madrid nach Barcelona auf den Spuren des Bürgerkrieges finanzieren.
»Jedenfalls wird der Verein das Mietauto bezahlen und … weil ihr unterwegs auch noch Geld braucht«, Pierre öffnete seine Brieftasche und legte mit einer Art weltmännischer Geste 100 Euro auf den Tisch. Preislich war der Bürgerkrieg für ihn wohl noch nicht zu Ende. Die jungen Leute sollten sich freuen. Felix freute sich aber hauptsächlich nach dem bitteren Zitronenkaffee auf ein Glas Bier, das er lautstark bestellte. Dolores fand das Angebot nach kurzer Überlegung gar nicht so übel. Sie brauchte für ihre Arbeit Spurenfotos. Die würden sich zwischen Madrid und Barcelona reichlich finden.
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de, Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 82 vom 14.02.2007
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 8
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
So schnell ging das bei Felix mit der Freundschaft nicht. Er fühlte sich reichlich unsicher neben der jungen Spanierin. Die amüsierte sich über seine Verlegenheit und fand ihn entschieden angenehmer als die spanischen jungen Männer, die in ihrer Gegenwart immer gleich total aufdrehten.
»Also, ich habe den Auftrag«, begann sie, »dir von dem Spanischen Bürgerkrieg zu erzählen. Am 17. Juli 1936 putschten die Generäle …«
»Das hab ich voll drauf.«
»Und was fehlt dir?«
»Das Wunder von Madrid zum Beispiel.«
»Du bist nach Madrid gereist, um ein Wunder zu erleben?«
»Nein, das heißt ja, die Verteidigung …«
»No entiendo!«, lachte Dolores, korrigierte sich aber sofort. »Ja, ja, ich verstehe schon. Also hör zu. Pierres Heldenlied. Anfang November zogen etwa 2500 Freiwillige in Madrid singend durch die Gran Via. Ein bisschen Krieg hatten sie vorher in Albacete gespielt, das hat dir Pierre sicher schon erzählt. Weil er das immer als erstes erzählt. Manchmal sagt er auch, dass dort jeder einen Probeschuss abgeben durfte, manchmal erst hier in Madrid. Ist auch Nebensache. Oder?«
Felix hatte nicht richtig zugehört, weil sein Handy klingelte.
»Was … was ist Nebensache?«
»Wo man den ersten Probeschuss abgibt, amigo.«
Felix zog das Handy aus der Tasche und entfernte sich damit ein paar Schritte vom Tisch. »Endlich Sophie, ich auch, entschuldige, genau … ich dich auch.«
Als er wieder am Tisch Platz nehmen wollte, stand Dolores auf. Ein Nachwuchstorero fuchtelte auf einem gepflasterten Rondell mit rotem Tuch vor einem unsichtbaren Stier herum. Felix erzählte seiner Begleiterin von ihren Theaterproben. Sie kannte Goethes großes Drama. »Mephisto als Torero?« lachte sie so laut los, dass der junge Spanier sein rotes Tuch in ihre Richtung schwenkte. »Der Teufel ist auch nicht mehr das, was er früher war. Und du der Faust?« Sie blickte ihn zweifelnd an. Felix Wangen färbten sich rot. Ihm fiel aus Verlegenheit kein vernünftiger Satz ein, Dolores schwieg absichtlich. Dann erbarmte sie sich.
»Vor dir siehst du Casa de Campo.« Sie zeigte in die Runde. »Du verstehst doch ein bisschen spanisch?« »Casa heißt glaube ich, Haus …«
»Genau und Campo Feld«, ergänzte Dolores. »Hier kämpften viele Interbrigadisten zum ersten und letzten Mal.« Sie drehte sich zu Felix. »Ich sammle für meine Arbeit auch persönliche Erlebnisse, weißt du. Alles, was nicht in den Geschichtsbüchern steht. Einer schreibt zum Beispiel, wie hier ein Kamerad neben ihm sein Augenlicht verlor. Durch einen Schuss oder so. Er schnallte seinen Munitionsgurt ab, warf den anderen die Patronen zu und begann die Internationale zu singen, um seinen Kameraden Mut zu machen.«
»Wahnsinn!« Felix strich sich die Haare aus der Stirn. »Aber …, ich begreife solche Storys nicht, verstehst du? Nein, glauben vielleicht, aber verstehen …«
»Bist ja auch kein Interbrigadist«, unterbrach ihn Dolores. »Willst ja nur über den Krieg schreiben.«
In der Metrostation Cuatro Caminos waren noch die Spuren des Terroranschlages vom 11. März 2003 zu sehen. Elektrokabel hingen notdürftig befestigt am nackten Mauerwerk.
»Das sind auch Spuren eines Krieges«, sagte Dolores.
»Und wie wird der deiner Meinung nach enden?«
»Mit Siegern und Verlierern. Wie jeder Krieg.«
»Okay. Wer wird gewinnen?«
Dolores tippte Felix auf die Brust. »Du. Bei der Verteidigung deiner Arbeit.«
Neben der Metrostation Cuidad Universitaria bilden die rötlichen Klinkersteine der Gebäude in der hellen Sonne einen schönen Kontrast zum dunklen Grün der Bäume. Dolores lief zielgerichtet zu einer Bank in der Calle Aniceto Marinas. Der Fluss Manzanares vor ihnen, eingeklemmt zwischen weißen Steinen, schimmerte in den hellen Farben des Himmels.
»Willst du nach der Schule auch studieren?« fragte Dolores.
Felix wurde langsam sicherer. »Ja klar! Spanische Geschichte in Madrid.«
»Und Sophie bleibt zu Hause?« Felix dachte nicht daran diese Frage zu beantworten. Er wies einfach auf den Fluss und sagte: »Schön.«
Dolores, für einen Moment irritiert, fing sich schnell. »Die XI. Brigade der Interbrigadisten hat Madrid hier am Manzanares verteidigt. Der Deutsche Hans Kahle war Kommandeur des 1. Bataillons und ein militärisches Genie, wenn die Quellen stimmen.«
»Hans Kahle? Noch nie gehört.« Felix zog sein Notizbuch hervor. »Als kaiserlicher Kadett ist er freiwillig in den ersten Weltkrieg gezogen. Diese Kriegserfahrungen sollen ihn geprägt haben, und deshalb ist er in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts in die KPD eingetreten und bei Ausbruch des Bürgerkrieges nach Spanien gegangen. Ende 1938 organisierte er von Paris aus Solidaritätsmaßnahmen für ehemalige Spanienkämpfer. In Großbritannien wurde er dann interniert, und auf die Isle of Man und später nach Kanada gebracht. Aber Ernest Hemingway setzte sich persönlich für ihn ein. Er kam frei und blieb bis 1946 in Großbritannien. Dort gründete er auch das Nationalkomitee Freies Deutschland West. Als er nach Deutschland zurückkehrte, wurde er Polizeichef in Mecklenburg.«
Felix blickte seine Begleiterin verblüfft an. »Woher weißt du das alles?«
»Studieren bildet, Felix. Ich weiß noch mehr. Das 1. Bataillon nannte sich stolz Edgar André. Von dem hast du aber schon gehört? Auch nicht? Dann solltest du dich lieber in Deutschland bei den Historikern einschreiben. Edgar André, sein Leben, das ist auch so eine Geschichte für meine Sammlung. Er wurde von den Nazis derart zugerichtet, dass er sich nur noch mit Krücken vorwärts bewegen konnte. Sie verurteilten ihn zum Tode. Im Gerichtssaal soll er stolz gesagt haben … Moment, mir fällt der Text gleich ein …
›Wenn Sie den Mut haben, dann kommen Sie zu meiner Hinrichtung. Sie werden sehen, wie deutsche Antifaschisten zu sterben wissen!‹ Nein, ich glaube nicht, dass einer der Richter die Einladung angenommen hat.«
6.
Der Rio Manzanares kommt aus dem Norden, mit den Ausläufern der Sierra Guadarrama nach Madrid und verlässt sie südöstlich in Richtung Rio Jarama. Er gehört nicht zu den größten Flüssen Spaniens, und in der Stadt gibt er sich besonders friedlich und bescheiden zwischen Büschen und Bäumen.
Felix und Dolores liefen an seinem Ufer entlang. Die junge Frau ließ die Bürgerkriegshelden aufmarschieren. Sie zeigte ans gegenüberliegende Ufer. »Dort rückten Francos Truppen vor. Das waren hauptsächlich Moros, Marokkaner, wegen ihrer Härte und Grausamkeit gefürchtet. Du musst dir den Kampf so vorstellen, dass es ständig hin und her ging. Heute rüber durchs eiskalte Wasser. Morgen zurück. Tagelang kein Schlaf, immer krampfhaft die Augen offen, Feuer, Panzer, Befehle, Angriff, Rückzug, da brauchst du Nerven! Oft wechselten schlagartig auch die Kommandeure, weil die alten verwundet oder tot im Graben lagen. So wurde euer Hans Kahle vom Major zum Oberstleutnant und Chef der XI. Brigade mit den Bataillonen: ›Edgar André‹, ›Ernst Thälmann‹ und ›Commune de Paris‹, später sogar Chef der 45. Division. Jeder konnte über Nacht eine Führungsrolle erhalten, befördert nicht zuletzt vom General Tod.«
Felix hatte sein Diktiergerät vergessen, aber sein dickes Notizbuch wie immer dabei. Er zog es heraus und fragte: »Hast du eine Ahnung, wie viele hier kämpften?«
Auch Dolores hatte vorsorglich Notizen eingesteckt. Sie fand schnell, was sie suchte. »Truppenkonzentrationen 1936 vor Madrid … Auf der Seite der Republik kämpften etwa 17000 Soldaten des 5. Regiments, 7000 Anarchisten, 3400 Freiwillige der Internationalen XI. und XII. Brigaden.« Die junge Frau schob das Blatt zurück in die Tasche und blickte Felix an. »Unser gemeinsamer Freund Pierre Sanders tut manchmal so, als hätte er ganz allein Franco aufgehalten, ja, das ist übertrieben, aber die Internationalen waren für ihn die entscheidende Kraft. Helden waren sie, aber ohne die anderen … Die Madrider Zivilbevölkerung darfst du nicht vergessen. Als die Flüchtlinge in die Stadt strömten und von den Massakern berichteten, griffen sie spontan zu …«
»Den Waffen?« Dolores überlegte einen Moment. »Ja. Es heißt, dass sich Professoren Gewehre besorgten und in die Schützengräben sprangen. Frauen halfen Barrikaden errichten. Die Zivilisten kämpften nicht losgelöst von den Truppen sondern mit ihnen. Wenn du Wunder von Madrid suchst, dann nimm diesen Einsatz als die Nummer 1. Und das zweite … Nein Felix, ich will die Verdienste der Freiwilligen wirklich nicht klein reden. Im Gegenteil.«
Sie lächelte. »Meinetwegen, nennen wir ihren Kampf das zweite Wunder. Aber, hat euch euer Geschichtslehrer noch nie was von der Notwendigkeit objektiver Betrachtungsweise erzählt?«
Felix hüstelte gekünstelt. »Wir haben eine Geschichtslehrerin. Die redet nur von Zusammenhängen und Schlussfolgerungen.«
Sommerabende sind am Casa de Campo besonders schön. Die Hitze des Tages klebt nur noch an den Steinen, die Dämmerung zieht Baumvorhänge so langsam zu, dass man ihre Bewegung verfolgen kann, die Lichter des Gartenlokals spiegeln sich im See.
Felix zeigte auf zwei freie Plätze und sprach die Kellnerin mutig an: »Buenas tardes, por favor dos vinos … dulces.« Dolores hob protestierend die Hände. »Doch keinen süßen Wein, Felix.«
Nach dem dritten »vino tinto«, glaubte sie das Gespräch vorsichtshalber lieber wieder auf den Bürgerkrieg bringen zu müssen. Felix schien ihr immer spanischer zu werden. Der wiederum dachte, dass Dolores spanisches Temperament von ihm erwarte. Dazu stiegen ihm entsprechende Geschichten von Frauen und ihren vermeintlichen Wünschen in den vernebelten Kopf und sorgten auch unterhalb des Bauches für Unruhe. Felix versuchte seinen plötzlichen Tatendrang mit den wenigen Vokabeln in der Landessprache, die er kannte, zu würzen. Beim ersten »Amor« zog Dolores behutsam seinen Arm, der gerade wieder der Kellnerin winken wollte, auf den Tisch der Realität zurück und sagte freundlich aber bestimmt: »Basta, amigo. Reden wir über General Kleber.«
»Was für ein ›Kleber‹ denn? Ist was zerbrochen?«
»General Kleber, der erste Kommandeur der XI. Brigade war ein wichtiger Mann bei der Verteidigung der Stadt. Ich hatte ihn vorhin vergessen zu erwähnen. Er muss irgendetwas mit deiner Heimatstadt zu tun haben. Kann ich dir schriftlich geben.«
Felix nahm einen Schluck aus dem Weinglas und gluckste albern. »In meiner Stadt existiert nur ein Kleber und der heißt Kittifix oder so ähnlich.«
Pierre Sanders saß zufrieden auf seinem Stuhl im Dreieck zwischen Jesus und Maria. Er sah im Schein der Lampen die beiden jungen Leute näher kommen und zog erst kritisch die Stirn in Falten, nahm aber dann Felix leicht schwankenden Gang mit Gelassenheit. Er hatte wieder einmal eine Überraschung vorbereitet. Zuvor musste der junge Mann aber einen heißen Kaffee mit Zitrone schlucken. Trotzdem verstand er die Überraschung erst nach mehrmaliger Wiederholung.
Die spanische Vereinigung der Freunde der Internationalen Brigaden, kurz Amigos genannt, wollte ihm und Dolores eine Autoreise von Madrid nach Barcelona auf den Spuren des Bürgerkrieges finanzieren.
»Jedenfalls wird der Verein das Mietauto bezahlen und … weil ihr unterwegs auch noch Geld braucht«, Pierre öffnete seine Brieftasche und legte mit einer Art weltmännischer Geste 100 Euro auf den Tisch. Preislich war der Bürgerkrieg für ihn wohl noch nicht zu Ende. Die jungen Leute sollten sich freuen. Felix freute sich aber hauptsächlich nach dem bitteren Zitronenkaffee auf ein Glas Bier, das er lautstark bestellte. Dolores fand das Angebot nach kurzer Überlegung gar nicht so übel. Sie brauchte für ihre Arbeit Spurenfotos. Die würden sich zwischen Madrid und Barcelona reichlich finden.
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de, Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 82 vom 14.02.2007














