SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 7
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
3.
Sanders bereitete in der Küche das Frühstück. Felix wachte von den Geräuschen auf. Laut gähnend griff er zum Handy. Telefonieren teilte er in ›Arbeit‹ und ›Spaß‹ ein. Die Arbeit machte keine Probleme. Frau Grabner freute sich und gab gute Ratschläge. Für ihn reichte: »Ja, Mama, selbstverständlich…Alles im grünen Bereich.«
Der Spaß verweigerte sich. Sophie meldete sich nicht, weil er gestern zu spät an sie gedacht hatte?
Beim Frühstück erkundigte sich Pierre nach dem abendlichen Ausflug.
»Ein Typ von Atletico Madrid hat mir am Neptunbrunnen den Fotoapparat geklaut!«
»Der Tormann oder ein Stürmer?«, scherzte der Gastgeber, hob aber gleich beschwichtigend die Hand: »Keine Aufregung, ich borge dir meinen.«
Felix legte das Messer aus der Hand und fragte spontan: »Haben Sie sich im Krieg auch manchmal gegenseitig beklaut?«
»Fragen stellst du! Was denn? Die Bilder von unseren Angehörigen? Wir besaßen doch nichts, was den geringsten Neid oder die Begierde anderer hervorrufen konnte. Nein! Dreimal Nein!«
Der alte Herr steigerte sich und betonte jedes Wort. »Oberstes Gebot waren Kameradschaft und gegenseitiges Vertrauen. Zweifelst du daran?«
»Ganz im Gegenteil. Echt. Menschen wie Sie sind irgendwie beneidenswert, ja, echt, oder besser …, bewundernswert …«
Der Hausherr hob lächelnd die Hände. »Gracias amigo. Wir wollen weder Neid noch Bewunderung. Auch echt. Und jetzt werde ich dir Madrid zeigen. Aber keinen Fußballspieler von Atletico.«
Es war noch angenehm kühl, als die beiden Männer aus dem Haus ins Freie traten. »Am Morgen macht mir das Laufen nicht viel aus«, bemerkte der alte Herr, aber später vor der Iglesia de San José ließ er sich doch erst einmal tief atmend auf eine Bank fallen.
»Diese Straße dort«, erklärte er, »die Calle de Alcala war vor Urzeiten ein Herdenweg, und auch heute noch treiben jedes Jahr zur Erinnerung Schäfer ihre Tiere an der Banco de Espana vorbei. An andere, die hier entlang marschiert sind, denkt wohl niemand mehr. Ich war im November 1936 auf dem Marsch zum Universitätsviertel dabei, auf dem Marsch in den blutigen Kampf. Es ging um Leben oder Tod Madrids.«
Felix nickte und hielt eine sachkundige Bemerkung für angebracht. »Franco hatte bereits fast zwei Drittel Spaniens in seiner Gewalt und wollte um jeden Preis die Hauptstadt erobern.«
»Richtig! Und wäre Madrid damals gefallen, dann …«
Pierre vollendete den Satz nicht.
Dann wäre der Bürgerkrieg zu Ende gewesen, dachte Felix, sprach es aber nicht aus, sondern sagte kämpferisch zur Freude seines Begleiters: »No pasaran!«
»No pasaran«, wiederholte der, »sie kommen nicht durch. Aber das war nicht leicht. Italienische und deutsche Bomber verwüsteten die Stadt, obwohl ihre Regierungen das Nichteinmischungsprotokoll des Völkerbundes unterschrieben hatten.«
»Durften die sich denn das so einfach erlauben?«
Sanders lachte verächtlich. »Das Schizophrene an der Sache war, dass der Völkerbund die Kontrolle der Vereinbarungen auch mit in die Hände von Deutschland und Italien gelegt hatte. Wölfe sollten aufpassen, dass Schafen nichts passiert. Nun zu meinen persönlichen Erlebnissen. Einmal … hier auf der Gran Via …, plötzlich höre ich Brummen von Flugzeugen und das Zischen und Krachen fallender Bomben. Diese Geräusche und Bilder vergisst du nie! Ich sehe heute noch manchmal im Traum Frauen und Kinder flüchten, einen schreienden alten Mann mit heraushängenden Eingeweiden, der Kopf eines anderen war eine blutige Masse, eine Frau mit einem Säugling im Arm, dem ein Granatsplitter die Stirn zertrümmert hat. Und Francos afrikanische Soldaten standen vor der Stadt.«
Der Alte blickte schweigend vor sich hin.

Mütter betrauern ihre Kinder nach den mörderischen Bombenangriffen der Legion Condor.
»Zum Glück halfen uns die Regierungen Mexikos und der Sowjetunion mit Waffen«, fuhr er nach einer Weile fort.
Sowjetunion war für Felix ein Stichwort. Er erzählte, was Onkel Wilhelm behauptet hatte. Pierre stieg vor Erregung das Blut in den Kopf. Er ballte die rechte Hand zur Faust und sagte so laut, dass sich ein Vorübergehender erstaunt umdrehte:»Viva la Union Sovietica!« Ruhiger erzählte er weiter. »Am Tag nach dem Angriff sah man in den Straßen nicht mehr viel von den Schrecken der Nacht. Sogar die meisten Bahnen fuhren wieder. Die Feuer waren gelöscht. No pasaran!«
Er zeigte über die Straße, und auf seinem Gesicht und an seiner Stimme spürte man den Triumph über das, was er berichtete. »Dort drüben befand sich damals ein berühmtes Restaurant. General Mola hatte telefonisch Kaffee bestellt. Für den 8. November. Nach dem Sieg über Madrid. Unsere Radios haben dann immer wieder gesendet: Mola, wo bleibst du, dein Kaffee wird kalt!« Sanders kicherte.
»Wer war Mola?«
»Nicht Franco hat den Putsch vorbereitet, sondern General Sanjurjo, der schon einmal 1932 gescheitert war. Er lebte damals in Portugal im Exil. Auf dem Flug nach Spanien verunglückte er tödlich, ein Zeichen des Himmels, das aber niemand erkennen wollte. Drei Generäle machten weiter: Franco, Queipo de Llana und eben dieser Kaffeebesteller Mola. Franco wurde ihr Anführer.«
Felix schüttelte den Kopf. »Ich kann mir das nicht vorstellen, Herr Sanders. Den Putsch und so. Die Typen meuterten in Afrika, okay, deutsche Flugzeuge transportierten ihre Truppen rüber nach Spanien.«
»Du darfst die nicht vergessen, die sich heimlich die Hände rieben oder offen den Faschisten halfen: Große Teile der Geistlichkeit und Landbesitzer zum Beispiel. Spanien war ein geteiltes Land.« Pierre seufzte. »Und ist es heute noch. Komm weiter, nein, es geht schon.«
Sie liefen ein paar Schritte, stiegen an der Station Gran Via in die Metro und erblickten das Tageslicht wieder vor der Plaza de Espana. Felix folgte seinem Führer wortlos über den weiträumigen Platz, nur einmal erkundigte er sich vorsichtig nach der angekündigten Überraschung, erhielt aber bloß ein geheimnisvolles Lächeln zur Antwort.
Am Rande des Platzes, mitten in einer Parkanlage, glänzte ein künstlicher Teich in der Sonne, und dahinter erhob sich ein Monument, vor dem zwei Reiter scheinbar geradewegs ins Wasser wollten.
»Don Quichotte auf Rosinante und Sancho Pansa auf dem Esel«, stellte sie Sanders vor und setzte sich auf eine Bank. »Manchmal komme ich mir auch vor wie ein Ritter von der traurigen Gestalt.«
»Warum das denn?«
»Als Kommunist, Felix. Quichotte machte sich lächerlich, weil er zu einer Zeit Ritter sein wollte, als es die überhaupt nicht mehr gab …«
»Wollen Sie damit sagen, dass es auch keine Kommunisten mehr gibt?«
Sanders strich sich gedankenverloren über Stirn und Augen. Wie er so da saß, alt und in sich zusammengesunken, tat er Felix leid. Deshalb beantwortete er seine Frage selbst.
»Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es noch viele Kommunisten gibt. Echt. Warum eigentlich nicht? Nein, die sterben nicht aus und außerdem … außerdem reiten die nicht auf solchen müden Kleppern wie die zwei dort durch die Botanik!«
Sanders zwang sich zu einem Lächeln. »Reich mir mal dein Funkgerät und – un momento, por favor!«
Felix deutete die Handbewegung seines Gastgebers richtig und entfernte sich höflich von der Bank. Der Alte telefonierte ein paar Minuten und winkte dann mit dem Handy. Er strahlte regelrecht. »Buena idea. Ich habe sie, Felix! Ich habe sie.«
4.
An der Metrostation Lago steigen meist Menschen aus, die sich von der Großstadt erholen wollen. Sandwege führen an Kieferngehölzen vorbei zu einem künstlichen See, an dessen Ufer ein Restaurant einlädt. Auf dessen Gartenstühlen lungerten um diese Zeit nur drei junge Männer herum.
Pierre bestellte, trotz Felix Protest, dos cervezas, und tat so, als wären die das Ziel des Ausfluges gewesen. Junge, dachte Felix anerkennend, so einen Appetit auf Bier möchte ich mit 92 auch noch haben.
»Nicht weit von hier, an der Casa de Campo haben wir Madrid verteidigt.«
Felix nahm die Worte als Aufforderung in die Runde zu blicken und »Wahnsinn« zu sagen, weil ihm nichts Gescheiteres einfiel.
Sanders blieb bei militärischen Fragen, wechselte aber die Geographie.
»Die Faschisten wollten natürlich nicht nur Madrid. Auch in Barcelona lockten berühmte Cafés. Dort sollte ja im Sommer 1936 die Arbeiterolympiade stattfinden. Viele Sportler waren bereits da, als es zum Putsch kam und blieben als Soldaten. Auch ein berühmter Deutscher, kein Sportler, sein Name fällt mir jetzt nicht ein. Er war aus dem KZ Dachau geflohen und Beauftragter des Zentralkomitees der illegalen KPD.«
»Meinen Sie Hans Beimler?«, sagte Felix. »Über den steht viel in dem Buch, das mir Georg Silbermann geborgt hat.«
»So, was denn?«
Felix kratzte sich verlegen hinterm Ohr. »Wie er erschossen wurde …?« Sanders half. »Hans Beimler wollte als Verantwortlicher für die deutschen Interbrigadisten immer Vorbild sein. Ich glaube, es war Ende 1936, als er die Kämpfer des Thälmann-Bataillons in vorderster Linie besuchte. Auf dem Rückweg traf ihn der tödliche Schuss.« Felix setzte eine Trauermiene auf.
Plötzlich erhob sich sein Begleiter, lief einer jungen Frau entgegen und begrüßte sie mit zwei Wangenküssen. »Das ist Dolores, Dolores Galvan«, stellte er sie Felix vor. »Sie schreibt eine Magisterarbeit an der Uni über den Spanischen Bürgerkrieg und will auch manchmal was von mir wissen. Also zwei große Ausnahmen … Na, was sagst du?«
»Buenos dias, Dolores. Perdon, no hablo espanol, hablo aleman.«
Alle drei lachten. Die junge Frau setzte sich, winkte der Kellnerin und bestellte einen Kaffee.
So hatte sich Felix eine echte Spanierin vorgestellt: Dunkler verlockender Teint, schwarze Glitzeraugen, rötlichbraune, halblange Haare, im Nacken mit einem Gummi straff zusammen gehalten, kein Quäntchen Fett auf der sichtbaren Haut zwischen blauem T-Shirt und kurzem, ockerfarbigen Rock. Über ihrer Schulter baumelte eine helle Leinentasche.
Pierre erläuterte ihr ausführlich, was Felix nach Spanien geführt hatte. Sie hörte interessiert zu, nur ihre Augen verirrten sich hin und wieder in die Richtung des jungen Mannes, und einmal spielte dabei auch ein leichtes Lächeln um ihre Lippen. Sie sprach sehr gut deutsch. Ihre Mutter stammte aus Österreich. Deren Vater war Interbrigadist gewesen und der Grund für das Thema der Magisterarbeit.
»Lebt dein Großvater noch?«, erkundigte sich Felix.
»Aber ja und wie! Er hat mit 90, seine dritte Frau geheiratet, und es ist durchaus möglich, dass ich noch eine neue Tante bekomme. Er arbeitet in Wien verbissen an einer Dokumentation über die österreichischen Interbrigadisten. Du solltest ihn besuchen. Im Alten Rathaus. Horst Meerhofer heißt er.«
Sanders hatte, ohne zu fragen, für alle einen Riesensalatteller bestellt. Felix kämpfte tapfer mit den Oliven, die sich hartnäckig seiner Gabel verweigerten. Dolores führte die Früchte demonstrativ mit zwei Fingern zum Mund.
»Wieso bezahlt ein Verein alles?«, wollte sie wissen.
»Leider nur für mich«, schwächte Felix ab. »Die Arbeit schreibe ich nämlich gemeinsam mit einer Freundin und einem Freund.«
»Wie heißt sie denn, die Freundin?«
»Sophie.«
Dolores zog vorsichtig mit den Fingerspitzen einen Olivenkern aus dem Mund. »Sophie«, wiederholte sie. »Ein schöner Name.«
Felix blickte an ihr vorbei auf den See.
»Wisst ihr was«, sagte Sanders gutgelaunt und wischte sich mit einer Serviette den Mund ab, »ich brauche jetzt ein Mittagsschläfchen. Zu Hause. Ich bezahle und den Rest erledigt ihr alleine. Ihr scheint euch ja bereits … angefreundet zu haben. Aber erzähl ihm hauptsächlich vom Bürgerkrieg, Dolores.«
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com , www.pahl-rugenstein.de, Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 81 vom 07.02.2007
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 7
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
3.
Sanders bereitete in der Küche das Frühstück. Felix wachte von den Geräuschen auf. Laut gähnend griff er zum Handy. Telefonieren teilte er in ›Arbeit‹ und ›Spaß‹ ein. Die Arbeit machte keine Probleme. Frau Grabner freute sich und gab gute Ratschläge. Für ihn reichte: »Ja, Mama, selbstverständlich…Alles im grünen Bereich.«
Der Spaß verweigerte sich. Sophie meldete sich nicht, weil er gestern zu spät an sie gedacht hatte?
Beim Frühstück erkundigte sich Pierre nach dem abendlichen Ausflug.
»Ein Typ von Atletico Madrid hat mir am Neptunbrunnen den Fotoapparat geklaut!«
»Der Tormann oder ein Stürmer?«, scherzte der Gastgeber, hob aber gleich beschwichtigend die Hand: »Keine Aufregung, ich borge dir meinen.«
Felix legte das Messer aus der Hand und fragte spontan: »Haben Sie sich im Krieg auch manchmal gegenseitig beklaut?«
»Fragen stellst du! Was denn? Die Bilder von unseren Angehörigen? Wir besaßen doch nichts, was den geringsten Neid oder die Begierde anderer hervorrufen konnte. Nein! Dreimal Nein!«
Der alte Herr steigerte sich und betonte jedes Wort. »Oberstes Gebot waren Kameradschaft und gegenseitiges Vertrauen. Zweifelst du daran?«
»Ganz im Gegenteil. Echt. Menschen wie Sie sind irgendwie beneidenswert, ja, echt, oder besser …, bewundernswert …«
Der Hausherr hob lächelnd die Hände. »Gracias amigo. Wir wollen weder Neid noch Bewunderung. Auch echt. Und jetzt werde ich dir Madrid zeigen. Aber keinen Fußballspieler von Atletico.«
Es war noch angenehm kühl, als die beiden Männer aus dem Haus ins Freie traten. »Am Morgen macht mir das Laufen nicht viel aus«, bemerkte der alte Herr, aber später vor der Iglesia de San José ließ er sich doch erst einmal tief atmend auf eine Bank fallen.
»Diese Straße dort«, erklärte er, »die Calle de Alcala war vor Urzeiten ein Herdenweg, und auch heute noch treiben jedes Jahr zur Erinnerung Schäfer ihre Tiere an der Banco de Espana vorbei. An andere, die hier entlang marschiert sind, denkt wohl niemand mehr. Ich war im November 1936 auf dem Marsch zum Universitätsviertel dabei, auf dem Marsch in den blutigen Kampf. Es ging um Leben oder Tod Madrids.«
Felix nickte und hielt eine sachkundige Bemerkung für angebracht. »Franco hatte bereits fast zwei Drittel Spaniens in seiner Gewalt und wollte um jeden Preis die Hauptstadt erobern.«
»Richtig! Und wäre Madrid damals gefallen, dann …«
Pierre vollendete den Satz nicht.
Dann wäre der Bürgerkrieg zu Ende gewesen, dachte Felix, sprach es aber nicht aus, sondern sagte kämpferisch zur Freude seines Begleiters: »No pasaran!«
»No pasaran«, wiederholte der, »sie kommen nicht durch. Aber das war nicht leicht. Italienische und deutsche Bomber verwüsteten die Stadt, obwohl ihre Regierungen das Nichteinmischungsprotokoll des Völkerbundes unterschrieben hatten.«
»Durften die sich denn das so einfach erlauben?«
Sanders lachte verächtlich. »Das Schizophrene an der Sache war, dass der Völkerbund die Kontrolle der Vereinbarungen auch mit in die Hände von Deutschland und Italien gelegt hatte. Wölfe sollten aufpassen, dass Schafen nichts passiert. Nun zu meinen persönlichen Erlebnissen. Einmal … hier auf der Gran Via …, plötzlich höre ich Brummen von Flugzeugen und das Zischen und Krachen fallender Bomben. Diese Geräusche und Bilder vergisst du nie! Ich sehe heute noch manchmal im Traum Frauen und Kinder flüchten, einen schreienden alten Mann mit heraushängenden Eingeweiden, der Kopf eines anderen war eine blutige Masse, eine Frau mit einem Säugling im Arm, dem ein Granatsplitter die Stirn zertrümmert hat. Und Francos afrikanische Soldaten standen vor der Stadt.«
Der Alte blickte schweigend vor sich hin.

Mütter betrauern ihre Kinder nach den mörderischen Bombenangriffen der Legion Condor.
»Zum Glück halfen uns die Regierungen Mexikos und der Sowjetunion mit Waffen«, fuhr er nach einer Weile fort.
Sowjetunion war für Felix ein Stichwort. Er erzählte, was Onkel Wilhelm behauptet hatte. Pierre stieg vor Erregung das Blut in den Kopf. Er ballte die rechte Hand zur Faust und sagte so laut, dass sich ein Vorübergehender erstaunt umdrehte:»Viva la Union Sovietica!« Ruhiger erzählte er weiter. »Am Tag nach dem Angriff sah man in den Straßen nicht mehr viel von den Schrecken der Nacht. Sogar die meisten Bahnen fuhren wieder. Die Feuer waren gelöscht. No pasaran!«
Er zeigte über die Straße, und auf seinem Gesicht und an seiner Stimme spürte man den Triumph über das, was er berichtete. »Dort drüben befand sich damals ein berühmtes Restaurant. General Mola hatte telefonisch Kaffee bestellt. Für den 8. November. Nach dem Sieg über Madrid. Unsere Radios haben dann immer wieder gesendet: Mola, wo bleibst du, dein Kaffee wird kalt!« Sanders kicherte.
»Wer war Mola?«
»Nicht Franco hat den Putsch vorbereitet, sondern General Sanjurjo, der schon einmal 1932 gescheitert war. Er lebte damals in Portugal im Exil. Auf dem Flug nach Spanien verunglückte er tödlich, ein Zeichen des Himmels, das aber niemand erkennen wollte. Drei Generäle machten weiter: Franco, Queipo de Llana und eben dieser Kaffeebesteller Mola. Franco wurde ihr Anführer.«
Felix schüttelte den Kopf. »Ich kann mir das nicht vorstellen, Herr Sanders. Den Putsch und so. Die Typen meuterten in Afrika, okay, deutsche Flugzeuge transportierten ihre Truppen rüber nach Spanien.«
»Du darfst die nicht vergessen, die sich heimlich die Hände rieben oder offen den Faschisten halfen: Große Teile der Geistlichkeit und Landbesitzer zum Beispiel. Spanien war ein geteiltes Land.« Pierre seufzte. »Und ist es heute noch. Komm weiter, nein, es geht schon.«
Sie liefen ein paar Schritte, stiegen an der Station Gran Via in die Metro und erblickten das Tageslicht wieder vor der Plaza de Espana. Felix folgte seinem Führer wortlos über den weiträumigen Platz, nur einmal erkundigte er sich vorsichtig nach der angekündigten Überraschung, erhielt aber bloß ein geheimnisvolles Lächeln zur Antwort.
Am Rande des Platzes, mitten in einer Parkanlage, glänzte ein künstlicher Teich in der Sonne, und dahinter erhob sich ein Monument, vor dem zwei Reiter scheinbar geradewegs ins Wasser wollten.
»Don Quichotte auf Rosinante und Sancho Pansa auf dem Esel«, stellte sie Sanders vor und setzte sich auf eine Bank. »Manchmal komme ich mir auch vor wie ein Ritter von der traurigen Gestalt.«
»Warum das denn?«
»Als Kommunist, Felix. Quichotte machte sich lächerlich, weil er zu einer Zeit Ritter sein wollte, als es die überhaupt nicht mehr gab …«
»Wollen Sie damit sagen, dass es auch keine Kommunisten mehr gibt?«
Sanders strich sich gedankenverloren über Stirn und Augen. Wie er so da saß, alt und in sich zusammengesunken, tat er Felix leid. Deshalb beantwortete er seine Frage selbst.
»Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es noch viele Kommunisten gibt. Echt. Warum eigentlich nicht? Nein, die sterben nicht aus und außerdem … außerdem reiten die nicht auf solchen müden Kleppern wie die zwei dort durch die Botanik!«
Sanders zwang sich zu einem Lächeln. »Reich mir mal dein Funkgerät und – un momento, por favor!«
Felix deutete die Handbewegung seines Gastgebers richtig und entfernte sich höflich von der Bank. Der Alte telefonierte ein paar Minuten und winkte dann mit dem Handy. Er strahlte regelrecht. »Buena idea. Ich habe sie, Felix! Ich habe sie.«
4.
An der Metrostation Lago steigen meist Menschen aus, die sich von der Großstadt erholen wollen. Sandwege führen an Kieferngehölzen vorbei zu einem künstlichen See, an dessen Ufer ein Restaurant einlädt. Auf dessen Gartenstühlen lungerten um diese Zeit nur drei junge Männer herum.
Pierre bestellte, trotz Felix Protest, dos cervezas, und tat so, als wären die das Ziel des Ausfluges gewesen. Junge, dachte Felix anerkennend, so einen Appetit auf Bier möchte ich mit 92 auch noch haben.
»Nicht weit von hier, an der Casa de Campo haben wir Madrid verteidigt.«
Felix nahm die Worte als Aufforderung in die Runde zu blicken und »Wahnsinn« zu sagen, weil ihm nichts Gescheiteres einfiel.
Sanders blieb bei militärischen Fragen, wechselte aber die Geographie.
»Die Faschisten wollten natürlich nicht nur Madrid. Auch in Barcelona lockten berühmte Cafés. Dort sollte ja im Sommer 1936 die Arbeiterolympiade stattfinden. Viele Sportler waren bereits da, als es zum Putsch kam und blieben als Soldaten. Auch ein berühmter Deutscher, kein Sportler, sein Name fällt mir jetzt nicht ein. Er war aus dem KZ Dachau geflohen und Beauftragter des Zentralkomitees der illegalen KPD.«
»Meinen Sie Hans Beimler?«, sagte Felix. »Über den steht viel in dem Buch, das mir Georg Silbermann geborgt hat.«
»So, was denn?«
Felix kratzte sich verlegen hinterm Ohr. »Wie er erschossen wurde …?« Sanders half. »Hans Beimler wollte als Verantwortlicher für die deutschen Interbrigadisten immer Vorbild sein. Ich glaube, es war Ende 1936, als er die Kämpfer des Thälmann-Bataillons in vorderster Linie besuchte. Auf dem Rückweg traf ihn der tödliche Schuss.« Felix setzte eine Trauermiene auf.
Plötzlich erhob sich sein Begleiter, lief einer jungen Frau entgegen und begrüßte sie mit zwei Wangenküssen. »Das ist Dolores, Dolores Galvan«, stellte er sie Felix vor. »Sie schreibt eine Magisterarbeit an der Uni über den Spanischen Bürgerkrieg und will auch manchmal was von mir wissen. Also zwei große Ausnahmen … Na, was sagst du?«
»Buenos dias, Dolores. Perdon, no hablo espanol, hablo aleman.«
Alle drei lachten. Die junge Frau setzte sich, winkte der Kellnerin und bestellte einen Kaffee.
So hatte sich Felix eine echte Spanierin vorgestellt: Dunkler verlockender Teint, schwarze Glitzeraugen, rötlichbraune, halblange Haare, im Nacken mit einem Gummi straff zusammen gehalten, kein Quäntchen Fett auf der sichtbaren Haut zwischen blauem T-Shirt und kurzem, ockerfarbigen Rock. Über ihrer Schulter baumelte eine helle Leinentasche.
Pierre erläuterte ihr ausführlich, was Felix nach Spanien geführt hatte. Sie hörte interessiert zu, nur ihre Augen verirrten sich hin und wieder in die Richtung des jungen Mannes, und einmal spielte dabei auch ein leichtes Lächeln um ihre Lippen. Sie sprach sehr gut deutsch. Ihre Mutter stammte aus Österreich. Deren Vater war Interbrigadist gewesen und der Grund für das Thema der Magisterarbeit.
»Lebt dein Großvater noch?«, erkundigte sich Felix.
»Aber ja und wie! Er hat mit 90, seine dritte Frau geheiratet, und es ist durchaus möglich, dass ich noch eine neue Tante bekomme. Er arbeitet in Wien verbissen an einer Dokumentation über die österreichischen Interbrigadisten. Du solltest ihn besuchen. Im Alten Rathaus. Horst Meerhofer heißt er.«
Sanders hatte, ohne zu fragen, für alle einen Riesensalatteller bestellt. Felix kämpfte tapfer mit den Oliven, die sich hartnäckig seiner Gabel verweigerten. Dolores führte die Früchte demonstrativ mit zwei Fingern zum Mund.
»Wieso bezahlt ein Verein alles?«, wollte sie wissen.
»Leider nur für mich«, schwächte Felix ab. »Die Arbeit schreibe ich nämlich gemeinsam mit einer Freundin und einem Freund.«
»Wie heißt sie denn, die Freundin?«
»Sophie.«
Dolores zog vorsichtig mit den Fingerspitzen einen Olivenkern aus dem Mund. »Sophie«, wiederholte sie. »Ein schöner Name.«
Felix blickte an ihr vorbei auf den See.
»Wisst ihr was«, sagte Sanders gutgelaunt und wischte sich mit einer Serviette den Mund ab, »ich brauche jetzt ein Mittagsschläfchen. Zu Hause. Ich bezahle und den Rest erledigt ihr alleine. Ihr scheint euch ja bereits … angefreundet zu haben. Aber erzähl ihm hauptsächlich vom Bürgerkrieg, Dolores.«
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com , www.pahl-rugenstein.de, Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 81 vom 07.02.2007














