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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 5
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem »Condorflieger« der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht außerdem gemeinsam mit der jungen Spanierin Dolores die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona. Wieder zu Hause holt die Gegenwart in Gestalt der neofaschistischen »Sportgruppe Mölders« die Vergangenheit zurück. Felix muss sich nicht nur zwischen Dolores und Sophie entscheiden. Neben einer spannenden Rahmenhandlung vermitteln die Autoren Ereignisse des Spanischen Bürgerkrieges aus heutiger Sicht.

11.

Den NamenWilhelm Hampel gab es auf der Telefon-CD in den Altbundesländern nur dreimal. Felix hatte beim zweiten Anlauf Glück. Der Onkel seiner Mutter lebte in Neuburg an der Donau. Nach kurzem Erstaunen freute er sich am Telefon »außerordentlich« und lud Felix spontan ein. Selbstverständlich könne sein Neffe noch »ein paar Kameraden« mitbringen. Er habe immer gern junge Menschen um sich. Felix Kameraden hießen natürlich Alexander und Sophie.
Sie hatten die Nacht über in drei verschiedenen Zügen gesessen und blinzelten auf dem Bahnhofsvorplatz von Neuburg verschlafen auf wartende Taxis und eilig vorbeilaufende Menschen. Felix fühlte sich verantwortlich. »Vor Neun nicht bei Onkel Wilhelm«, bestimmte er. »Die Donau wollte ich schon immer mal sehen.«
Alexander gähnte mit weit aufgerissenem Mund. Sophie war alles egal. Sie schlenderten quer durch die Stadt. Auf einer Eisenbrücke blieben sie enttäuscht stehen. Kein Schiff oder Boot weit und breit. Weder blau noch besonders reizvoll beeilte sich der Fluss unter ihnen weiter zu kommen. Alexander spuckte ins Wasser.
Besser gefiel den dreien später die Englisch-Garten-Siedlung, in der Onkel Wilhelm wohnte. Sie sah allerdings mittlerweile reichlich deutsch aus: Ordentlich gepflegte Vorgärten mit sauber geschnittenem Rasen und Tujas als Blickschutz, weiß getünchte Einfamilienhäuser, stabile Carports, breite Balkone mit Holzbrüstung.
W. Hampel stand deutlich sichtbar an einem Klingelbrett, und der Hausherr wenig später vor der Tür. Er sah aus wie ein gutmütiger Pensionär. Der lange Oberlippenbart in seinem rundlichen Gesicht zitterte beim Sprechen. Forschen Schrittes führte er die jungen Leute in ein geräumiges, gut bürgerlich eingerichtetesWohnzimmer und stellte einen Krug mit Saft und vier Gläser auf den blanken Marmortisch.
Die Frage, die Felix am meisten interessierte, beantwortete er sofort. »Ich habe 1960 die Ostzone verlassen. Unter den Russen und Kommunisten fehlte mir«, er fasste sich an die Kehle, »einfach die Luft zum Atmen - und der Whisky. Später habe ich mehrfach an deine Eltern geschrieben, aber meine Briefe wurden nie beantwortet.«
»Und nach der Wende?«
»Nach der Wende habe ich auf ein Zeichen gewartet. Ebenfalls vergeblich. Vor zwei Jahren ist meine Frau gestorben. Na ja, da dachte ich auch an euch. Aber ich habe doch keine Trauerkarte geschickt. Nun hast du angerufen. Warum eigentlich? Pakete braucht ihr in der Zone ja wohl nicht mehr!« Felix schluckte und überlegte, was er antworten sollte. Blieb aber dann bei der Wahrheit.
»Das Kostüm aus Spanien für deinen Vater?«, unterbrach der Onkel den Bericht des Jungen überrascht, »das hatte ich wahrhaftig völlig vergessen. Mephisto soll es bei eurer Theateraufführung tragen? Na gut, heute muss es ja immer was Ausgefallenes sein. Gretchen läuft wahrscheinlich splitternackt über die Bühne. Und Faust erscheint im Schlafanzug. Wo und wann steigt denn die Premiere?« »In der Aula unserer Schule, wahrscheinlich im Herbst«, beeilte sich Alexander zu antworten. »Nach den großen Ferien.«
Hampel schmunzelte. »Ja, ja, der alte Goethe! Nicht tot zu kriegen sein Faust! Den kenne ich gut. Erst kürzlich habe ich darin geblättert. Ein echt deutsches Werk. Wisst Ihr, welche Strophe ich auswendig hersagen kann?« »Den Anfang«, vermutete Sophie.
»Nein! Ich habe doch weder Philosophie noch sonst was studiert und bin auch kein armer Tor. Hört mal zu!« Der Hausherr erhob sich, reckte seinen Oberkörper so lange, bis er fast senkrecht stand und begann zu deklamieren: »Schwebe noch einmal die Runde über Flammen und Schaudergrauen, ist es doch im Tal und Grunde gar gespenstisch anzuschauen.«
»Kennt Ihr das?« Hampels Augen strahlten.
Die Besucher schüttelten verlegen die Köpfe.
»Mephisto sagt das in der Walpurgisnacht.«
»Die müssen wir bei unserer Aufführung leider außen vor lassen.«
»Gibt's keine Hexen an eurer Schule?« Der alte Herr schmunzelte. Dann lud er seine Gäste erst mal zu einem ordentlichen Frühstück ein. Während sie aßen, begann er seine Lebensgeschichte zu erzählen und kam nach dem Bericht über den Tod seiner Frau langsam auf Spanien zu sprechen.
Er schwärmte von »seiner großen Liebe zur Fliegerei« und von diesem unbeschreiblichen Gefühl über allen zu sein, die Erde unter sich zu lassen.
In was für Fliegern er dieses Glücksgefühl erlebt hätte, wollte Sophie wissen. Der Alte schien sich über diese Frage zu ärgern.
»In einer JU 52«, entgegnete er leicht gereizt und fuhr im gleichen Ton fort.
»1936 zettelten die Russen in Spanien einen Bürgerkrieg an, sie wollten sich das Land wegen seiner Häfen einverleiben. Es geht gegen die Roten, sagte mein Kommandant und da habe ich natürlich keine Sekunde gezögert und mich sofort freiwillig gemeldet. Ich hatte die Ehre, mit einer der ersten 32 Maschinen fliegen zu dürfen. Wir holten Francos Truppen aus Marokko. Dort hatte der Widerstand am 17. Juli seinen Anfang genommen. Unter der Losung: Über ganz Spanien wolkenloser Himmel.« Hampels Gesicht wurde, als er sich daran erinnerte, selbst zu einer Art »wolkenlosen Himmel«. »Die Widerstandsbewegung war ein voller Erfolg«, fuhr er fort. »Siege meldeten Marokko, Sevilla, Galicien, Navarra, Mallorca, Teile Andalusiens, Burgos … Im Prinzip nur der Osten und Norden Spaniens und Madrid, die Hauptstadt, nicht. Da hätte härter durchgegriffen werden müssen.«
Seinen Besuchern fehlten sekundenlang die Worte.
»Härter durchgegriffen?« fasste sich endlich Sophie. »Gegen wen?« »Na gegen die verdammte rote kommunistische Regierung, Kindchen. Verstehst du das nicht?«
Alexander gab Sophie ein Zeichen zu schweigen. Die dachte aber nicht daran. »Nein!« widersprach sie heftig. »Das verstehe ich nun wirklich nicht! So viel ich weiß, hatte im Februar 1936 in einer geheimen demokratischen Wahl die Volksfront den Sieg errungen, und nicht wie Sie behaupten, irgendwelche Roten! Die Kommunisten besaßen nur 17 Mandate!«
Hampel winkte unwillig ab. »Volksfront oder Rotfront, wo ist da der Unterschied? Verbrecher die einen wie die anderen.«
Dieses Mal versuchte Felix dagegen zu halten.Was er sagte, klang allerdings wenig überzeugend. Herr Hampel hörte offenbar absichtlich nicht richtig zu. Dann begann er unvermittelt von Spaniens zivilen Schönheiten zu schwärmen, von den tollen Hotels, in denen die deutschen Flieger wohnten, von Ausflügen in die Berge, von den feurigen, schwarzhaarigen Frauen.
»Haben Sie auch auf Guernica Bomben geworfen?«, unterbrach ihn Sophie im aggressiven Ton.
»Ach darauf willst du hinaus, Kindchen«, der Hausherr musste sich sichtlich bemühen, ruhig zu bleiben. »Guernica, das haben sie uns immer in die Schuhe schieben wollen! Ja, ich war dabei. Aber ich und meine Kameraden haben nur die Brücke bombardiert und das war kriegsbedingt wichtig. Die Brände in der Innenstadt haben die Roten selber gelegt, um den Vormarsch Francos zu stoppen. Ja, da staunst du, Kindchen! Und militärisch war Guernica ein voller Erfolg, das hat damals schon unser Oberst Jaenecke festgestellt!«
»Fast 1700 Tote, meist Frauen und Kinder, ein voller Erfolg?«, blieb Sophie hartnäckig.
»Krieg ist nun mal kein Geländespiel!«
Es entstand eine peinliche Pause.
»War damals in Spanien auch ein gewisser Werner Mölders dabei?«, fragte Felix schließlich.
Hampels Gesichtszüge blühten wieder auf. Die Falten auf seinen Wangen erschienen plötzlich weniger tief, die Lippen nicht mehr blutleer. »Aber gewiss doch! Werner Mölders war unser Bester! Er hat insgesamt 115 Luftsiege errungen, davon 14 in Spanien. Er wurde dafür vom Führer persönlich dekoriert.« Hampel blickte stolz um sich, als hätte er die Auszeichnung erhalten. »Leider flog die Maschine, in der Werner 1941 saß, um an einer Beerdigung teilzunehmen, gegen einen Schornstein und stürzte ab. Ja schade. Ein schwerer Verlust  für die deutsche Luftwaffe. Wartet mal.«
Der Alte stand auf und holte eilig ein Buch aus dem Schrank. Den Titel »Mölders und seine Männer« las er im Ton eines Pastors, mit der heiligen Schrift in er Hand vor. Er blätterte und zeigte seinen Besuchern Fotos von deutschen Fliegern in Spanien. Seine Helden im Kampf und in der Freizeit. Alexander tat interessiert. Felix wurde immer verlegener. Sophie kochte vor Wut, bis sie es nicht mehr aus hielt. »Das sind keine Helden, Herr Hampel, sondern Kriegsverbrecher!«
Man hörte im Zimmer plötzlich das Ticken der Wanduhr. Hampels Zähne begannen leicht zu klappern. Felix blickte verlegen zu Boden und Alexander vorwurfsvoll Sophie an.
Der Alte fing sich zuerst. »Kriegsverbrecher?« wiederholte er und man sah ihm an, dass er am liebsten nicht nur gesprochen hätte. »Kriegsverbrecher? Werner Mölders und seine Männer haben dem katholischen Spanien zum Sieg über den Bolschewismus verholfen! Aber«, Hampel senkte die Stimme, »so ist das leider heute. Unser Jagdgeschwader 74 hier in Neuburg war bis vor kurzem stolz auf den Namen Werner Mölders. Herr Struck von der SPD hat es gegen den Willen der Flieger umbenannt. Per Befehl!« Hampels Stimme fing nun auch noch an zu zittern. »Per Befehl«, wiederholte er, »einfach so, von heute auf morgen. Nicht nur gegen denWillen der Flieger! Gegen den Willen unserer ganzen Stadt …« Hampel stand auf, holte eine Zeitung aus dem Schrank und las daraus vor, was der Oberbürgermeister von Neuburg, Dr. Bernhard Gmeling, über Mölders in der Neuburger Rundschau geschrieben hatte. Was Mölders geleistet habe, stand darin, sei seine soldatische Pflicht gewesen. Mölders habe als Christ nur seine Aufgabe ernst genommen und sich der Verantwortung gestellt. Der alte Mann legte die Zeitung auf den Tisch und starrte Sophie feindselig an. »Als Christ seine Aufgabe ernst genommen, Kindchen, davon können sich heute viele eine Scheibe abschneiden! Das ist die Wahrheit!«
Sophie reichte es endgültig. »Als Christ Bomben auf wehrlose Zivilisten werfen«,  schrie sie den Alten an und stand auf. »Besten Dank für dieses deutsche Frühstück, Herr Hampel!«
Sie verließ die Wohnung, ohne sich noch einmal umzudrehen. Alexander wandte sich lächelnd an den Hausherrn. »Waren die Mädchen zu ihrer Zeit auch schon so .., so aufmüpfig?«
Felix ging ebenfalls ohne Verabschiedung. Er hätte Sophie draußen am liebsten umarmt und geküsst. Die traut sich was, dachte er, die traut sich was. Und er? Küssen? Fehlanzeige.
Der ist nicht wie Vater! dachte Sophie und widersprach in Gedanken ihrer Mutter. Wenn's darauf ankommt, dann steht er wie eine Eins.
Sie bummelten durch die Einkaufsmeile Neuburgs und waren sich einig über Hampel. Das wirkte bindend. Zaghaft ergriff Felix nach einer Weile Sophies Hand. Sie ließ es geschehen und beider Herzen schlugen schneller.
Vor einer Drogerie stießen sie auf Alex. Der schaute erstaunt auf ihre Hände und warf ihnen Unhöflichkeit und bescheuertes Benehmen vor. Einfach wegzu- laufen! Immerhin hätte der alte Mann sie gastfreundlich empfangen. Sophie explodierte. »Auf den Schädel hätte ich dem alten Faschisten die Brateier knallen sollen! Von wegen nur die Brücke von Guernica bombardiert! Und seine dummen Heldenlieder auf Mölders.«
Alexander verzog überheblich den Mund und sagte sehr von oben herab: »Bist du endlich fertig? Ihr zwei lauft rum mit Silbermanns Geschichten im Kopf und stellt euch taub, wenn einer was anderes erlebt hat. Herr Hampel ist auf seine Art ein ehrlicher Typ. Er steht zu dem, was er getan hat. Es ist nun mal kompliziert mit diesem Krieg. Vielleicht wollten die Russen tatsächlich die spanischen Häfen und eines, da bin ich mir hundertprozentig sicher, wollten sie bestimmt. Den Bolschewismus in Spanien durchpeitschen!«
Felix kam auch in Fahrt. »Was hatten denn verdammt noch mal die Russen mit der demokratischenWahl 1936 in Spanien zu tun? Aber dieser Faschist Mölders! Ist es nicht ein Skandal, dass bis vor kurzem in Deutschland ein Jagdgeschwader seinen Namen trug und ein Bürgermeister das ausgerechnet auch noch christlich begründete? Und die Sportgruppe in Kaltenberg …«
So ging es eine Weile hin und her, bis Alexander genug hatte. »Geschenkt!« rief er. »Ich spiele nicht mehr mit. Ihr lauft ja nicht rund. So was Verbissenes.« Er lief davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. »Ja, verpiss dich«, schrie ihm Felix wütend nach. »Verpiss dich endlich!«

12.

»Heiliger Martin« nennen die Schüler des Gymnasiums ihren Schulleiter Tom Kaschinsky, obwohl er nicht mit Hilfe von Gänsen sein Amt angetreten hat. Er ist jung, sportlich und kleidet sich nicht übertrieben korrekt. Ruft er Schüler zu sich, stehen die selten mit feuchten Händen und schweißbedeckter Stirn vor seiner Tür.
Sophie, Felix und Alexander hatten keine Ahnung, was er von ihnen mitten in den Ferien wollte. Er bat sie freundlich Platz zu nehmen und hielt sich nicht lange bei der Vorrede auf. »Ich mische mich kaum bei den Themen für die Jahresarbeiten der anderen Lehrer ein«, begann er, »weil ich gewisse Befindlichkeiten der Kollegen berücksichtigen muss. Nun hat mir Frau Dr. Kalbstein von eurem Vorhaben berichtet und …«
»Sie wollen uns davon abraten!«
Der Schulleiter blickte Sophie überrascht an. »Wie kommen Sie denn darauf? Nein, ganz im Gegenteil«, fuhr er fort, »ich finde das Thema nicht nur höchst interessant, sondern auch aktuell. In Spanien beginnt, glaube ich, gerade jetzt eine Auseinandersetzung mit diesem Bürgerkrieg. Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen?«
»Durch ein Faschingskostüm und ein Lied.«
Herr Kaschinsky glaubte, sich verhört zu haben.
»Ja. Mein Onkel war damals in Spanien dabei und hat sich das Kostüm mitgebracht…« »Und meine Mutter kannte das Lied Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsren Schützengräben aus…Unser Hausmeister kennt es übrigens auch.« Herr Kaschinsky lächelte. »Ich leider nicht. In Heidelberg, wo ich zur Schule gegangen bin, sang man es nicht. Stimmt doch mal an!«
Sophie hatte das Lied mittlerweile komplett mit Hilfe ihrer Mutter gelernt. Herr Kaschinsky klatschte anerkennend in die Hände. »Den Faschisten werden wir nicht weichen«, sagte er nachdenklich, »das ist doch hoch aktuell! So gut die Erforschung der ehemaligen DDR gemeint ist, Frau Dr. Kalbstein steht, wie ihr wisst, ein bisschen darauf …Aber …« Der Schulleiter zuckte mit den Schultern. »Erstens sieht und hört man ja genug davon in den Medien. Vieles gefällt mir dabei übrigens nicht, das sage ich ganz offen. Gut, ich habe in Heidelberg gelebt. Aber manches in der DDR war doch gar nicht so übel. Ich bin zum Beispiel gegen immer mehr Macht und Einfluss der Länder in Bildungsfragen.«
Er kam sofort wieder zum Thema. »Also, ich wollte euch nur sagen, auf meine Unterstützung dürft ihr euch voll und ganz verlassen. Ich stelle mir vor, dass wir die Auswertung dann, na ja, möglicherweise in etwas größerem Rahmen vornehmen. Vielleicht sogar unter Teilnahme von Zeitzeugen und der interessierten Öffentlichkeit. Was haltet ihr davon?«
Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern stand auf und sagte, bevor er jedem die Hand gab: »Ich freue mich übrigens auch schon auf eure Theatervorstellung.« Wieder draußen auf dem Schulhof war es für Alexander plötzlich keine Frage mehr, dabei zu sein. »Wir ziehen das komplett durch«, verkündete er. »Das ganze Potpourri von Faust bis Madrid.«
Felix blieb wie angewurzelt stehen. »Erst hast du null Bock auf alles und nun …« Alexander streichelte sich das Kinn. »Es irrt der Mensch so lang er strebt, Felix, und noch mal mit Goethe, der Worte sind genug gewechselt, wir wollen endlich Taten sehen. Unser Heiliger Martin wird ein Auge kriegen!« »Ich jetzt schon«, stöhnte Sophie. »Diese Geschichtsarbeit schaukelt sich selbstständig immer höher.Wahrscheinlich klatschen wir damit voll auf den Bauch.« »Nein, in die Hände«, widersprach Felix.
Er ahnte zwar den Grund für Alex Kehrtwende, dachte sich aber, was soll's. Freund bleibt Freund. Und Ende gut alles gut. Auch wenn erst der Anfang vom guten Ende beschlossene Sache war.

13.

Eine Woche war seit dem Besuch der drei beim Schulleiter vergangen. Die Geschichtsarbeit führte zu einer neuen Einladung nach Kaltenberg. Als Sophie, Felix und Alexander etwas unsicher SilbermannsWohnzimmer betraten, saßen schon zwei Personen darin.  »Frau Lukowschik und Herr Machner vomVerein ›Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939 e.V.‹, stellte Silbermann sie vor.
Frau Lukowschik, eine rundliche, resolute Frau, deren Alter schwer zu schätzen war, begann noch vor dem Kaffeetrinken mit der Übermittlung einer Botschaft des Vereins. Sie fing mit dessen Aufgaben und Zielen an: die Erinnerung an die Interbrigadisten wach halten, aber gleichzeitig offensiv auftreten gegen die Neonazis. Sie selbst sei die Tochter eines ehemaligen Kämpfers, also dem Vermächtnis ihres Vaters verpflichtet …, deshalb …
Ihre Rede unterstützte sie durch lebhafte Gesten, die ihr Begleiter, ein dunkelhaariger, sehr besonnen wirkender Mann, vergeblich einzudämmen versuchte.
Die jungen Leute hörten wortlos zu.Weil ihnen gar nichts anderes übrig blieb. Silbermann servierte inzwischen Kaffee und Kuchen.
Nachdem er ebenfalls Platz genommen hatte, brachte die Hauptrednerin den Grund des Treffens auf den Punkt.
Sophie rutschte unruhig auf ihrem Platz hin und her, Felix öffnete vor Überraschung den Mund, blieb aber stumm, nur Alex sagte beeindruckt: »Wow, das ist der Hammer.«
Dieser Hammer war ein Angebot. Einer von den drei jungen Leuten sollte auf Kosten des Vereins übermorgen nach Madrid fliegen, und sich dort mit dem Zeitzeugen Pierre Sanders, Silbermanns Freund, treffen.
»Und was verlangen Sie dafür von uns?«, fragte Alexander gedehnt.
Dieses Mal ließ Herr Machner seine Begleiterin gar nicht erst zuWort kommen.
»Im Prinzip nichts, als das, was Sie sowieso vorhaben. Ihre Arbeit schreiben. Nein, Herr Silbermann hat ihnen keinen Auftrag erteilt. Er ist gespannt auf ihre Ergebnisse.«
»Vielleicht«, meinte er dann und blickte zu Frau Lukowschik, »könnten Sie ja dabei auch kurz auf das Schicksal ihres Vaters eingehen. Und natürlich auf Manfred Stern.«
»Machen wir!«, reagierte Alexander begeistert. »Versprochen! Nur ein Problem sehe ich. Warum nur einer von uns nach Madrid?«
Die Vereinsmitglieder sahen sich leicht irritiert an.
Felix rettete die Situation. »Einer reicht voll, Alex! Wir werden doch nicht von der Deutschen Bank gesponsert. Aber etwas anderes. Übermorgen abfliegen, das dürfte kaum zu schaffen sein. Verschieben wir um eine Woche?« Er blickte Herrn Machner an.
»Das geht leider nicht. Pierre Sanders ist dann nicht mehr in Madrid. Er macht Urlaub in Andalusien. Also einer von Ihnen müsste sich schon spontan entschließen.« Er blickte die jungen Leute nacheinander fragend an. Sophie meldete sich zu Wort. »Ihr Angebot nehmen wir dankbar an.«
»Und wer fliegt?«, fragte Felix gespannt.
Sophie lachte. »Na du, wer denn sonst!«
Beim Abschied lässt die Liebe ihre Masken fallen und zeigt ihr wahres Gesicht.
Sophie stand neben Felix in der Halle des Flughafens. Sie sahen nicht nur aus wie ein Liebespaar. Später, als die Wolken unter dem Flugzeug im grellen Sonnenlicht glänzten, dachte er immer noch an sie. Sophie. Schon der Name! Und alles andere. Etwas fehlte zwar noch, aber bestimmt nicht mehr lange … Jeden Tag wollten sie SMS tauschen und Punkt 21 Uhr ganz fest aneinander denken. Jeden Tag.
Der grauhaarige, gutgekleidete Mann neben Felix faltete die Zeitung zusammen und riss ihn aus seinen Träumereien.
»Allein in die Ferien?«
Felix schüttelte stolz den Kopf. »Ich fliege dienstlich nach Madrid.«
Der Grauhaarige schob überrascht die Unterlippe vor. »Verkaufen Sie Fabriken in Spanien oder Ferienhäuser?«
Idiot, dachte Felix, antwortete aber trotzdem höflich. »Ich schreibe an einer Arbeit über den Spanischen Bürgerkrieg und will mir an den Orten des Geschehens ein Bild machen.«
»Für eine Zeitung?«
Felix lag das Ja schon auf den Lippen. Er schüttelte aber noch rechtzeitig den Kopf. »Nur für die Schule.«
»Und dafür so einen Aufwand? Na ja, Papi wird's bezahlen, oder?«
»Nein!«
Die Antwort schien dem Mann zu missfallen. »Nicht, dass ich es Ihnen missgönne. Ist doch schön mal mit Steuergeldern Madrid unsicher machen. Aber …«
»Ich habe einen Sponsor gefunden.«
»Darf man seinen Namen erfahren?«
»Der Verein Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939 e.V.«
Der Grauhaarige grinste. »Dass die sich dafür stark machen, verstehe ich.«
»Das tun auch andere! Unser Schulleiter zum Beispiel!«
»Sicher einer von der alten SED-Garde.« Der Mann griff wieder nach seiner Zeitung. Dann sagte er noch etwas. »Sie werden in Spanien einige Überraschungen erleben, junger Mann!«
Das Flugzeug begann leicht zu schaukeln. Felix schloss die Augen und dachte wieder an Sophie.


"Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.comwww.pahl-rugenstein.de Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest 

Online-Flyer Nr. 79  vom 24.01.2007



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