SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 4
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
9.
Georg Silbermanns schlohweiße Haare hingen wie Fusseln an seinen Schläfen. Falten zerfurchten die Stirn und die Augen schimmerten matt hinter dicken Brillengläsern. Er trug ein oben offenes, ockerfarbenes Hemd, ein breiter straffer Ledergürtel hielt eine zerknitterte Leinenhose über dem mageren Bauch. Der alte Mann hatte sie freundlich ins Haus gebeten, und auf abgeschabten Sesseln saßen die jungen Leute ihm gegenüber. Sophie begann zu erzählen, was sie in der Zeitung über ihn gelesen und wie sie zu ihm gefunden hatten. Felix berichtete empört von ihren Erlebnissen im Dorf. Der alte Mann hörte ohne Spur von Erregung zu. »Die Leute sind verängstigt. Dahinter steckt diese Sportgruppe Werner Mölders, die in der Umgebung ihr Unwesen treibt«, erklärte er mit ruhiger Stimme. »Nach dem Artikel über mich in ›Der Zeit‹ haben die schon mal probeweise Judensau auf den Bürgersteig vor meinem Haus gesprüht. Ich kenne ihren Anführer. Er heißt Maik Schuster. Ein rothaariger Verbrecher!«
»Und wer war dieser Werner Mölders?«, fragte Sophie.
»Ein faschistischer Jagdflieger, der auch in Spanien gegen die Republik gekämpft hat. Legion Condor nannten sich diese Raubvögel, ohne die Franco in Afrika verhungert wäre.«
Die jungen Leute blickten ihren Gastgeber fassungslos an.
»Darf sich eine Sportgruppe denn nach so einem nennen?«, besann sich Felix zuerst.
Der Gastgeber nickte bitter. »Das darf sie. Ob ich Angst habe?«, wiederholte er Sophies nächste Frage.
»Nein, bloß wachsam und vorsichtig bin ich wieder geworden. Wie vor 70 Jahren.« Er rieb sich die Augen. »Ja, wie vor 70 Jahren. Damals, als Verfolgter in Deutschland, Luxemburg, Belgien, Frankreich…Wo man untergekommen war, das verriet man in diesen Zeiten nicht mal seinen besten Freunden, müsst ihr wissen. Ich habe die Dorfbewohner gebeten, nicht jedem Fremden meine Adresse zu nennen.«
»Diese Sportgruppe kennt sie doch sowieso«, meinte Sophie.
Silbermann wischte sich mit der Hand über die Stirn. »Es gibt viele solcher Banden.« Er stand auf. »Wollt ihr etwas trinken?«
Silbermanns Stimme war jung geblieben und während er erzählte, verloren seine Augen ihren matten Schimmer.
»Als Hitler 33 an die Macht kam, arbeitete ich als Hilfsredakteur einer linken Zeitung in Franken. Ich war Kommunist, bin's heute noch, und Antifaschist und Jude, auch das ist so geblieben. Bereits im März 1933 haben sie mich verhaftet. Zwei ganz normale Polizisten, die ausgesprochen freundlich zu mir waren.«
Über das Gesicht des alten Mannes huschte ein Lächeln. »Ich gab vor, mich von meiner Freundin verabschieden zu wollen und sie ließen mich allein in ihr Haus, dessen Hinterausgang direkt in ein kleines Wäldchen führte. Dort habe ich mich versteckt, bis es dunkel wurde.«
»Aber die Polizisten suchten doch bestimmt nach Ihnen?«
Herr Silbermann lächelte wieder. »Ich hatte Glück«, antwortete er ausweichend. »Sehr viel Glück sogar. Ich kam durch bis Brüssel.« Felix schüttelte erstaunt den Kopf. »Durch bis Brüssel, das klingt bei Ihnen wie ein Kinderspiel. Das war doch bestimmt …«
»Wirklich ein Kinderspiel«, unterbrach ihn der Gastgeber. »Im Vergleich zu später. In Brüssel wohnte ich bei einem Kommunisten, Pierre Sanders, der lebt auch noch. Und in Brüssel kam … kam das größte Glück auf mich zu. Ja.« Silbermann schwieg.
»Größtes Glück?« lächelte Alexander, »das kann nur eine Frau gewesen sein.«
»Richtig geraten, junger Freund. Und was für eine! Sie hieß Lika und war die Tochter eines jüdischen Barons aus Estland. Mein Freund arbeitete als Konditor in einem Cafe in Brüssel. Als ich ihn eines Tages besuchte, kam Lika herein.« Der Gastgeber wandte sich an Sophie. »Liebe beginnt immer ähnlich, mein Fräulein, aber sie endet oft furchtbar unterschiedlich. Likas Eltern wollten mit ihr nach Palästina. Der Staat Israel existierte damals noch nicht.Wer tausend Pfund vorweisen konnte, durfte legal in Palästina einreisen. Likas Eltern zahlten auch für mich.«
»In Palästina waren Sie endlich in Sicherheit!«
»Ja. Aber … am 16. Februar 1936 errang die Volksfront in Spanien den Wahlsieg.«
»War Spanien denn zu dieser Zeit eine Republik mit Wahlen und so?«
»Habt ihr das nicht in Geschichte behandelt?« Sophie schüttelte den Kopf. »Wir behandeln in Geschichte bloß Zusammenhänge und Schlussfolgerungen.«
Silbermann kniff die Augen zusammen und legte sich die Hand auf die Stirn. »Es gab eine erste spanische Republik von, lasst mich überlegen, von 1873-1874. Danach kamen die Bourbonen wieder an die Macht. Alfons Nummer XIII. musste 1931 abdanken, und die nächste Republik wurde ausgerufen. Viel versprochen, wenig gehalten, so kann man die damaligen Regierungen zusammenfassen. Nach denWahlen im November 1933 streikten die Arbeiter in Asturien. Überall im Land wuchs die Unzufriedenheit. Die linken Kräfte schlossen sich zur Volksfront zusammen und errangen am historischen 16. Februar 1936 den Wahlsieg.
»Die Volksfront?«, fragte Felix.
»Ja.«
»Also die Kommunisten?«
»Aber nein. Die erhielten nur 17 Mandate. Die Volksfront bestand aus republikanischen Parteien, den Sozialisten und anderen Gruppen. Die neue Regierung gab den Bauern Land, der Einfluss der katholischen Kirche wurde zurück gedrängt, staatlich geleitete Betriebe gegründet, profaschistische Generäle versetzt – Franco nach den Kanarischen Inseln. Aber es blieben noch genug Gegner der Republik auf ihren Posten. Am 17. und 18. Juli putschte das Militär mit Franco an der Spitze. Überall in der Welt meldeten sich Freiwillige zur Verteidigung der spanischen Republik. Im Oktober erließ dann die rechtmäßige spanische Regierung ein Dekret über die Bildung von Internationalen Brigaden. Die deutschen und italienischen Faschisten unterstützten Franco vom ersten Tag an mit Soldaten und Flugzeugen.« Silbermann hob die Stimme. »Am 26. April 1937 legten deutsche Bomber die Stadt Guernica im Baskenland in Schutt und Asche. Habt ihr davon schon gehört oder gelesen?«
»Nein.«
»Es gab sehr viele Tote und verletzte Zivilisten.« Georg Silbermann machte eine Pause, danach sprach er lauter als notwendig. »In einem der Flugzeuge hatte Staffelkapitän Heinz Trettner gesessen. Der wurde übrigens später Generalinspekteur der Bundeswehr. Und Herr Mölders kam nach dem Krieg ebenfalls zu Ehren. Damit solltet ihr euch auch beschäftigen.«
»Sie hielt es nicht in Palästina?«, brachte Sophie den alten Mann wieder zu seiner Biographie zurück.
»Richtig!« Silbermann goss Mineralwasser in ein Glas.
»Ging es Ihnen dort nicht gut?«, fragte Alex.
»Ich habe Orangenkisten geschleppt, um finanziell nicht völlig von Likas Eltern abhängig zu sein. Ging es mir gut?« Silbermann spielte mit der Hand in seinen Haaren. »Richtig gut, sicher nicht. Es gab viel Unrecht damals in Palästina. Auch auf unserer Seite, den Juden. Aber das war nicht der Grund, weshalb Lika und ich beschlossen, nach Spanien zu gehen.«
»Um einer Republik, die, na ja, ziemlich weit entfernt lag, zu helfen?« Alexander schüttelte verständnislos den Kopf.
»Wir Antifaschisten wussten damals bereits, dass in diesem Krieg mehr auf dem Spiel stand als Spanien. Hitler zeigte zum ersten Mal seine Eisenkrallen und Giftzähne, was heißt zeigte, er probierte sie aus. Wir wollten sie ihm abhacken und ausschlagen. Lika und ich flogen auf eigene Kosten nach Barcelona. Dort mussten wir uns trennen. Sie wurde als Krankenschwester eingesetzt und ich notdürftig zum Automonteur ausgebildet. In Madrid habe ich dann französische und sowjetische Wagen repariert. Im Herbst 1937 wurde ich Richtkanonier an einer mexikanischen Kanone. Ihr müsst wissen, dass nur Mexiko und die Sowjetunion der spanischen Republik halfen. England, Frankreich und viele andere Länder predigten zwar offiziell Nichteinmischung, unterstützten aber mehr oder weniger offen die Faschisten.«
Der alte Mann hielt sich plötzlich eine Hand auf die Brust, begann unregelmäßig, zuletzt sehr erregt, zu atmen, redete aber, wenn auch holpriger weiter. Die jungen Leute merkten, wie schwer ihm das fiel.
»Wir verloren den Krieg. Warum – das steht auf einem anderen Blatt. Mit vielen Kameraden kam ich nach verschiedenen Zwischenstationen wie Internierungslager in Frankreich nach Auschwitz.«
Auschwitz! Felix und Sophie schauten sich betroffen an. »Und was wurde aus Ihrer Frau?«, fragte das Mädchen leise.
»Ich habe sie nie wieder gesehen.« Silbermann stand langsam auf und verließ gebückt den Raum.
Nach einer Weile kam er zurück und sagte: »Entschuldigt bitte, habt ihr noch Fragen?«
Sophie nickte. »Wir haben gehört, dass sogar die Historiker immer noch streiten, was die Einschätzung des Spanischen Bürgerkrieges betrifft.«
»Und nun wollt ihr meine Meinung hören.« Silbermann legte wieder seine Hand auf die Brust.
»Ich bin ein alter Mann und nicht mehr, wie es heute heißt, besonders flexibel. Ihr solltet euch selbst ein Bild machen. Ja, nach verschiedenen Antworten auf diese und andere Fragen suchen und selbst entscheiden, welche richtig ist. Darauf …, darauf wäre ich sehr gespannt.«
Wenn man genau hin sah, konnte man das Wort »Judensau« vor Silbermanns Haus auf dem Bürgersteig immer noch entziffern. Sophie regte sich furchtbar darüber auf, und Felix stimmte ihr zu.
»Wie einer freiwillig alles im Stich lassen und unbedingt zum Gewehr greifen will, das fasse ich nicht«, äußerte sich Alexander. »Das ist doch total daneben, oder? Der Silberfuchs hätte in aller Ruhe in Palästina Kinder machen und glücklich leben können. Und überhaupt …«
»Und überhaupt!« fuhr ihn Sophie an. »Du hättest an seiner Stelle natürlich deinen Arsch nicht von der Stelle bewegt.«
Alexander nickte unbeeindruckt. »Genau. Und du, Felix?«
»Weiß nicht. Aber ich finde die Entscheidung von Silbermann und seiner Lika bewundernswert. Das auf jeden Fall.«
»Und was hat's gebracht?«, trumpfte Alexander auf. »Nimm mal den Erfolg zum Maßstab. Und überhaupt. Wir sollen herausfinden, warum in Spanien bestimmte Lichter an oder ausgingen? Ist doch irgendwie nicht real, was der Typ verlangt, oder?«
Felix und Sophie kamen nicht mehr zum Antworten. Vier junge Männer eilten im Sturmschritt auf sie zu. Schnürstiefel und Glatzen demonstrierten unmissverständlich, wessen Geistes Kinder sie waren. Und ihre Absichten waren auch bald erkennbar. »Sind das Deutsche?«, fragte ein langer Rothaariger provokativ, und die anderen antworteten wie auf Befehl im Chor. »Nein, das sind keine Deutschen.« »Weil ihr euch mit den Juden zusammen tun tut! Deshalb! Deshalb…Deutschland erwache!« Der Rothaarige ballte die rechte Hand zur Faust. Alexander trat einen Schritt zurück. Felix nicht. »Sei vorsichtig, Maik Schuster!«, drohte er. Maik Schuster? Die vier glotzten erstaunt. »Deutschland ist bereits erwacht!« fuhr Felix unbeirrt fort. »Ihr habt keine Chance! Ein Schlag und eure Sportgruppe hat's mal gegeben! Der Staatsanwalt wartet nur darauf.«
Maik ballte immer noch die rechte Hand zur Faust. Bewegte sie aber nicht. »Wir tun euch noch kriegen«, sagte er, »wir tun euch alle kriegen!« »Bloß euch selber nicht ein«, lachte Felix.
Der Bus schaukelte in die Stadt zurück. Felix, Alexander und Sophie hätten eigentlich viel miteinander zu bereden gehabt. Aber keiner von ihnen sprach ein Wort. Sophie blickte ab und zu bewundernd zu Felix und berührte einmal wie unabsichtlich seine Hand.
10.
Frau Vester bebte vor Zorn am ganzen Körper.
»Judensau auf den Bürgersteig gesprüht«, empörte sie sich. »Und diese Halunken laufen frei herum? Das darf doch wohl nicht wahr sein.«
Sie griff wütend zum Telefon. Sophie trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Der Diensthabende am anderen Apparat versuchte vergeblich den Redeschwall zu unterbrechen. »Wir sind ausschließlich für Notfälle zuständig, gute Frau …« »Ist Judensau vielleicht kein Notfall?«
»Aber gewiss doch, gute Frau! Sie rufen doch aber auch nicht den Tierschutzverein an, wenn Ihr Haus brennt. Wenden Sie sich bitte an Ihre nächste Polizeidienststelle. « Der Mann legte auf. Frau Vesters Abschiedsgruß »Arschloch« blieb ihm erspart.
Der Beamte im Revier 1 verfügte über mehr Zeit und Geduld. Er ließ Sophies Mutter reden und bemerkte nur ab und zu: »Das ist genau meine Meinung.« Das half aber wenig. Weil er leider nichts machen konnte. Der Betroffene müsste erst einmal Anzeige erstatten.
Sophies Mutter hangelte nach dem Telefonbuch und wählte Silbermanns Nummer. Der reagierte sehr zurückhaltend. »Maik Schuster und seine Konsorten anzeigen?«, fragte er. »Da kann ich es auch gleich meinem Friseur erzählen. Die Staatsmacht in Deutschland ist traditionell auf dem rechten Auge fast blind. Sie blinzelt damit nur ab und zu in die Kameras. Aber wie kommen Sie überhaupt auf mich? Die netten jungen Leute? Verstehe. Selbstverständlich werde ich die nach besten Kräften unterstützen und viele ehemalige Kameraden würden das auch tun.«
Frau Vester wurde konkret. »Viele ehemalige Kameraden?« fragte sie. »Zum Beispiel?«
»Nun viele ist übertrieben«, korrigierte sich Herr Silbermann. »Die meisten sind ja schon tot, aber mein alter Freund Pierre Sanders lebt noch, ja, den könnten sie aufsuchen.«
Frau Vester holte Papier und Kugelschreiber, ließ letzteren aber bald wieder sinken. »In Madrid wohnt Ihr Kamerad«, sagte sie enttäuscht. »Nicht gerade mit dem Fahrrad zu erreichen.« Sie bedankte sich, legte den Hörer auf und sagte tief atmend: »Dann eben nicht. Erledigt, das Thema.«
Für Sophie noch nicht. Felix musste wenigstens erwähnt werden. Wie er sich so mutig vor diese fiesen Typen gestellt hatte. Ihre Augen verrieten das Mädchen, als sie der Mutter diese Tat ausführlich schilderte. Deren Augen leuchteten nicht.
»Hör mal zu, Tochter, der Felix, dass ist kein Mann für eine Frau wie dich.«
»Ich bin überhaupt noch keine Frau, Mama!«
»Wie bitte?« Mutter Vester blickte ihre Tochter überrascht von der Seite an und verlor dabei den Faden. Es entstand eine Pause. »Dein Vater«, redete sie dann weiter, »das war auch so einer. Schmales Gesicht, lange Haare und der Blick wie ein Genie oder Superkünstler. Ja, er stellte sich auch liebend gern vor die Front. Das imponierte mir. Aber dann«, Frau Vester ließ die Arme auf ihren Schoß sinken, »aber dann, mein Kind, als es darauf ankam … Einfach abhauen war nur das eine, aber …«
»Was aber, Mama?«, drängte Sophie.
»Er hat seit zwei Jahren keinen Pfennig mehr überwiesen. Adresse unbekannt, und ich weiß nicht …«
»Was weißt du nicht?« Frau Vester wischte sich mit der Hand über die Augen. »Ich weiß nicht«, sagte sie langsam, »wie lange ich noch die Miete für dieses Haus bezahlen kann.«
Sophie erschrak. »Müssen wir dann etwa hier raus?«
»Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt. Aber rechtzeitig Hände weg von Hungergenies und Bettelkünstlern, mein Kind. Der Felix, das ist so einer. Verlass dich drauf. Ich habe den Blick dafür.«
Alexanders Vater hatte sich nach dem Untergang der DDR selbständig gemacht und einen kleinen Baubetrieb gegründet. Anfangs mit großem Erfolg, aber mittlerweile fehlte es an Aufträgen. Selten nur huschte noch ein Hauch von Zufriedenheit über das Gesicht von Herrn Gebauer, auch hörte er nie richtig zu, wenn Frau oder Sohn etwas erzählten. Sein Kopf arbeitete nach Feierabend unablässig weiter an Kostenvoranschlägen und Bankkrediten. Lächeln schien er verlernt zu haben.
Die Geschichte von Herrn Silbermann und der Sportgruppe Werner Mölders interessierte ihn ausnahmsweise beim Abendessen. Er hatte dazu sogar eine »eigene Meinung«. »Natürlich verurteile ich solche Menschen, die Judensau auf teure frisch verlegte Bürgersteige sprühen. Das ist alles kein Weg. Aber«, Herr Gebauer hob Stimme und Messer. »Nur, so wie jetzt, kann es auch nicht ewig weiter gehen. Ich bin bestimmt kein Anhänger der Rechten, doch entspricht nicht manches derWahrheit, was sie sagen? Die Bomben auf Tausende unschuldige Menschen im Februar 1945 in Dresden zum Beispiel? War das etwa kein Völkermord?« Er legte das Messer aus der Hand und sagte schwer atmend, völlig aus dem Zusammenhang: »Uns kleinen Leuten schnüren sie die Luft ab.«
»Wer schnürt dir die Luft ab, Ernst Moritz?«, mischte sich Alexanders Mutter erregt ein. »Du meinst doch nicht etwa die Juden?«
»So direkt natürlich nicht, Kerstin. Nur unbestritten ist doch wohl, dass sie schon wieder das große Geld und weltweit Macht besitzen! Aber lassen wir das.« Herr Gebauer griff erneut nach seinem Messer und redete mit veränderter Stimme weiter. »Ihr wollt also über den Spanischen Bürgerkrieg eure Geschichtsarbeit schreiben?«
Alexander zuckte mit den Schultern.»Ich bin mir noch nicht sicher.« Sein Vater leckte sich die Lippen und bewegte den Kopf nachdenklich hin und her. »Was soll dabei herauskommen?« fragte er und hob seinerseits die Schultern. »Was war damals in Spanien gut und was böse? Was richtig und was falsch? Ich weiß zufällig mehr, als du denkst, über diesen Krieg, weil vor ein paar Wochen ein Bericht darüber im Fernsehen lief.«
Alexander horchte auf.
»Ja, der Film zeigte eindeutig, wie kompliziert das damals alles ablief. Die Kommunisten, unterstützt von den Russen, wollten in Spanien an die Macht. Franco und Hitler griffen ein. Man muss versuchen, das historisch richtig einzuordnen. Ja, das wäre eine dankbare Aufgabe für euch. Ja.« Herr Gebauer lächelte nun doch.
Alexander nicht. Er griff nach dem Käseteller.
Als Felix heimkam, saß zum Glück kein Dietmar Wolfensteiner am gedeckten Tisch. Frau Grabner, in der Küche beschäftigt, fragte wie gewohnt: »Na, wie war's?« Statt dem Üblichen, »wie schon«, hörte sie dieses Mal einen ausführlichen Bericht. Ihr Blick wurde dabei immer besorgter. »Was ihr aber auch macht!«, sagte sie vorwurfsvoll.
»Was denn?« fragte ihr Sohn und begann sich zu ärgern. Er hätte wie üblich antworten sollen.
»Na ja, legt euch mit den Rechten an!«
»Wir doch nicht! Die höchstens mit uns!«
»Das läuft am Ende auf das Selbe hinaus. Sie werden euch das nicht vergessen! «
»Was denn bloß?«
»Eure …mit den Juden.«
»Sollen sie doch.«
»Sollen sie doch? Wie redest du denn? Die schrecken vor nichts zurück. Nein, ihr hättet ihnen nie und nimmer von eurem Plan erzählen dürfen. Das kann sehr kritisch für euch werden.«
Felix prustete laut los. »Sehr kritisch, Mama! Weil die Typen Frau Kalbstein wahrscheinlich zwingen werden, uns durchfallen zu lassen. Meinst du zufällig das?«
Frau Grabner ging nicht auf diesen Ton ein. »Diese Leute haben eine andere Meinung von Hitler und dem Faschismus als wir, verstehst du? Sie denken deshalb sicher auch anders über euren blöden Spanienkrieg.«
Felix zog die Augenbrauen finster zusammen. »Was ist denn blöd an diesem Krieg?«
»Blöd ist sicher nicht das richtige Wort, aber Herr Wolfensteiner hat doch auch gemeint, nein, nicht blöd, aber dass ihr lieber nicht … Weißt denn du, wie's kommt, mein Sohn? Über fünf Millionen Arbeitslose, das gab's schon mal in Deutschland und danach… Was wollt ihr denn dagegen tun? Eine Geschichtsarbeit schreiben? Vielleicht wird man sich irgendwann daran erinnern. Immer erinnern sich die neuen Machthaber an alles, was einer mal gesagt oder aufgeschrieben hat. Das war auch so nach der Wende in Deutschland, deshalb …«
»Sollte man am besten das Maul halten, wenn die Rechten immer frecher werden?« Felix schlug zornig mit der Hand auf den Tisch. »Entschuldige, aber so was Bescheuertes habe ich schon lange nicht mehr gehört.«
Er drehte sich um, verließ wortlos die Küche und versuchte vergeblich in seinem Zimmer milder über seine Mutter zu urteilen. Dieses Mal half nicht einmal der mitleidige Gedanke, dass sie mit allem allein da stand. Er musste schließlich auch allein entscheiden! Wütend warf er sich auf sein Bett und dachte an einen gelben Mond auf einem T-Shirt. Ruhiger wurde er davon aber auch nicht.
"Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 78 vom 17.01.2007
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 4
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
9.
Georg Silbermanns schlohweiße Haare hingen wie Fusseln an seinen Schläfen. Falten zerfurchten die Stirn und die Augen schimmerten matt hinter dicken Brillengläsern. Er trug ein oben offenes, ockerfarbenes Hemd, ein breiter straffer Ledergürtel hielt eine zerknitterte Leinenhose über dem mageren Bauch. Der alte Mann hatte sie freundlich ins Haus gebeten, und auf abgeschabten Sesseln saßen die jungen Leute ihm gegenüber. Sophie begann zu erzählen, was sie in der Zeitung über ihn gelesen und wie sie zu ihm gefunden hatten. Felix berichtete empört von ihren Erlebnissen im Dorf. Der alte Mann hörte ohne Spur von Erregung zu. »Die Leute sind verängstigt. Dahinter steckt diese Sportgruppe Werner Mölders, die in der Umgebung ihr Unwesen treibt«, erklärte er mit ruhiger Stimme. »Nach dem Artikel über mich in ›Der Zeit‹ haben die schon mal probeweise Judensau auf den Bürgersteig vor meinem Haus gesprüht. Ich kenne ihren Anführer. Er heißt Maik Schuster. Ein rothaariger Verbrecher!«
»Und wer war dieser Werner Mölders?«, fragte Sophie.
»Ein faschistischer Jagdflieger, der auch in Spanien gegen die Republik gekämpft hat. Legion Condor nannten sich diese Raubvögel, ohne die Franco in Afrika verhungert wäre.«
Die jungen Leute blickten ihren Gastgeber fassungslos an.
»Darf sich eine Sportgruppe denn nach so einem nennen?«, besann sich Felix zuerst.
Der Gastgeber nickte bitter. »Das darf sie. Ob ich Angst habe?«, wiederholte er Sophies nächste Frage.
»Nein, bloß wachsam und vorsichtig bin ich wieder geworden. Wie vor 70 Jahren.« Er rieb sich die Augen. »Ja, wie vor 70 Jahren. Damals, als Verfolgter in Deutschland, Luxemburg, Belgien, Frankreich…Wo man untergekommen war, das verriet man in diesen Zeiten nicht mal seinen besten Freunden, müsst ihr wissen. Ich habe die Dorfbewohner gebeten, nicht jedem Fremden meine Adresse zu nennen.«
»Diese Sportgruppe kennt sie doch sowieso«, meinte Sophie.
Silbermann wischte sich mit der Hand über die Stirn. »Es gibt viele solcher Banden.« Er stand auf. »Wollt ihr etwas trinken?«
Silbermanns Stimme war jung geblieben und während er erzählte, verloren seine Augen ihren matten Schimmer.
»Als Hitler 33 an die Macht kam, arbeitete ich als Hilfsredakteur einer linken Zeitung in Franken. Ich war Kommunist, bin's heute noch, und Antifaschist und Jude, auch das ist so geblieben. Bereits im März 1933 haben sie mich verhaftet. Zwei ganz normale Polizisten, die ausgesprochen freundlich zu mir waren.«
Über das Gesicht des alten Mannes huschte ein Lächeln. »Ich gab vor, mich von meiner Freundin verabschieden zu wollen und sie ließen mich allein in ihr Haus, dessen Hinterausgang direkt in ein kleines Wäldchen führte. Dort habe ich mich versteckt, bis es dunkel wurde.«
»Aber die Polizisten suchten doch bestimmt nach Ihnen?«
Herr Silbermann lächelte wieder. »Ich hatte Glück«, antwortete er ausweichend. »Sehr viel Glück sogar. Ich kam durch bis Brüssel.« Felix schüttelte erstaunt den Kopf. »Durch bis Brüssel, das klingt bei Ihnen wie ein Kinderspiel. Das war doch bestimmt …«
»Wirklich ein Kinderspiel«, unterbrach ihn der Gastgeber. »Im Vergleich zu später. In Brüssel wohnte ich bei einem Kommunisten, Pierre Sanders, der lebt auch noch. Und in Brüssel kam … kam das größte Glück auf mich zu. Ja.« Silbermann schwieg.
»Größtes Glück?« lächelte Alexander, »das kann nur eine Frau gewesen sein.«
»Richtig geraten, junger Freund. Und was für eine! Sie hieß Lika und war die Tochter eines jüdischen Barons aus Estland. Mein Freund arbeitete als Konditor in einem Cafe in Brüssel. Als ich ihn eines Tages besuchte, kam Lika herein.« Der Gastgeber wandte sich an Sophie. »Liebe beginnt immer ähnlich, mein Fräulein, aber sie endet oft furchtbar unterschiedlich. Likas Eltern wollten mit ihr nach Palästina. Der Staat Israel existierte damals noch nicht.Wer tausend Pfund vorweisen konnte, durfte legal in Palästina einreisen. Likas Eltern zahlten auch für mich.«
»In Palästina waren Sie endlich in Sicherheit!«
»Ja. Aber … am 16. Februar 1936 errang die Volksfront in Spanien den Wahlsieg.«
»War Spanien denn zu dieser Zeit eine Republik mit Wahlen und so?«
»Habt ihr das nicht in Geschichte behandelt?« Sophie schüttelte den Kopf. »Wir behandeln in Geschichte bloß Zusammenhänge und Schlussfolgerungen.«
Silbermann kniff die Augen zusammen und legte sich die Hand auf die Stirn. »Es gab eine erste spanische Republik von, lasst mich überlegen, von 1873-1874. Danach kamen die Bourbonen wieder an die Macht. Alfons Nummer XIII. musste 1931 abdanken, und die nächste Republik wurde ausgerufen. Viel versprochen, wenig gehalten, so kann man die damaligen Regierungen zusammenfassen. Nach denWahlen im November 1933 streikten die Arbeiter in Asturien. Überall im Land wuchs die Unzufriedenheit. Die linken Kräfte schlossen sich zur Volksfront zusammen und errangen am historischen 16. Februar 1936 den Wahlsieg.
»Die Volksfront?«, fragte Felix.
»Ja.«
»Also die Kommunisten?«
»Aber nein. Die erhielten nur 17 Mandate. Die Volksfront bestand aus republikanischen Parteien, den Sozialisten und anderen Gruppen. Die neue Regierung gab den Bauern Land, der Einfluss der katholischen Kirche wurde zurück gedrängt, staatlich geleitete Betriebe gegründet, profaschistische Generäle versetzt – Franco nach den Kanarischen Inseln. Aber es blieben noch genug Gegner der Republik auf ihren Posten. Am 17. und 18. Juli putschte das Militär mit Franco an der Spitze. Überall in der Welt meldeten sich Freiwillige zur Verteidigung der spanischen Republik. Im Oktober erließ dann die rechtmäßige spanische Regierung ein Dekret über die Bildung von Internationalen Brigaden. Die deutschen und italienischen Faschisten unterstützten Franco vom ersten Tag an mit Soldaten und Flugzeugen.« Silbermann hob die Stimme. »Am 26. April 1937 legten deutsche Bomber die Stadt Guernica im Baskenland in Schutt und Asche. Habt ihr davon schon gehört oder gelesen?«
»Nein.«
»Es gab sehr viele Tote und verletzte Zivilisten.« Georg Silbermann machte eine Pause, danach sprach er lauter als notwendig. »In einem der Flugzeuge hatte Staffelkapitän Heinz Trettner gesessen. Der wurde übrigens später Generalinspekteur der Bundeswehr. Und Herr Mölders kam nach dem Krieg ebenfalls zu Ehren. Damit solltet ihr euch auch beschäftigen.«
»Sie hielt es nicht in Palästina?«, brachte Sophie den alten Mann wieder zu seiner Biographie zurück.
»Richtig!« Silbermann goss Mineralwasser in ein Glas.
»Ging es Ihnen dort nicht gut?«, fragte Alex.
»Ich habe Orangenkisten geschleppt, um finanziell nicht völlig von Likas Eltern abhängig zu sein. Ging es mir gut?« Silbermann spielte mit der Hand in seinen Haaren. »Richtig gut, sicher nicht. Es gab viel Unrecht damals in Palästina. Auch auf unserer Seite, den Juden. Aber das war nicht der Grund, weshalb Lika und ich beschlossen, nach Spanien zu gehen.«
»Um einer Republik, die, na ja, ziemlich weit entfernt lag, zu helfen?« Alexander schüttelte verständnislos den Kopf.
»Wir Antifaschisten wussten damals bereits, dass in diesem Krieg mehr auf dem Spiel stand als Spanien. Hitler zeigte zum ersten Mal seine Eisenkrallen und Giftzähne, was heißt zeigte, er probierte sie aus. Wir wollten sie ihm abhacken und ausschlagen. Lika und ich flogen auf eigene Kosten nach Barcelona. Dort mussten wir uns trennen. Sie wurde als Krankenschwester eingesetzt und ich notdürftig zum Automonteur ausgebildet. In Madrid habe ich dann französische und sowjetische Wagen repariert. Im Herbst 1937 wurde ich Richtkanonier an einer mexikanischen Kanone. Ihr müsst wissen, dass nur Mexiko und die Sowjetunion der spanischen Republik halfen. England, Frankreich und viele andere Länder predigten zwar offiziell Nichteinmischung, unterstützten aber mehr oder weniger offen die Faschisten.«
Der alte Mann hielt sich plötzlich eine Hand auf die Brust, begann unregelmäßig, zuletzt sehr erregt, zu atmen, redete aber, wenn auch holpriger weiter. Die jungen Leute merkten, wie schwer ihm das fiel.
»Wir verloren den Krieg. Warum – das steht auf einem anderen Blatt. Mit vielen Kameraden kam ich nach verschiedenen Zwischenstationen wie Internierungslager in Frankreich nach Auschwitz.«
Auschwitz! Felix und Sophie schauten sich betroffen an. »Und was wurde aus Ihrer Frau?«, fragte das Mädchen leise.
»Ich habe sie nie wieder gesehen.« Silbermann stand langsam auf und verließ gebückt den Raum.
Nach einer Weile kam er zurück und sagte: »Entschuldigt bitte, habt ihr noch Fragen?«
Sophie nickte. »Wir haben gehört, dass sogar die Historiker immer noch streiten, was die Einschätzung des Spanischen Bürgerkrieges betrifft.«
»Und nun wollt ihr meine Meinung hören.« Silbermann legte wieder seine Hand auf die Brust.
»Ich bin ein alter Mann und nicht mehr, wie es heute heißt, besonders flexibel. Ihr solltet euch selbst ein Bild machen. Ja, nach verschiedenen Antworten auf diese und andere Fragen suchen und selbst entscheiden, welche richtig ist. Darauf …, darauf wäre ich sehr gespannt.«
Wenn man genau hin sah, konnte man das Wort »Judensau« vor Silbermanns Haus auf dem Bürgersteig immer noch entziffern. Sophie regte sich furchtbar darüber auf, und Felix stimmte ihr zu.
»Wie einer freiwillig alles im Stich lassen und unbedingt zum Gewehr greifen will, das fasse ich nicht«, äußerte sich Alexander. »Das ist doch total daneben, oder? Der Silberfuchs hätte in aller Ruhe in Palästina Kinder machen und glücklich leben können. Und überhaupt …«
»Und überhaupt!« fuhr ihn Sophie an. »Du hättest an seiner Stelle natürlich deinen Arsch nicht von der Stelle bewegt.«
Alexander nickte unbeeindruckt. »Genau. Und du, Felix?«
»Weiß nicht. Aber ich finde die Entscheidung von Silbermann und seiner Lika bewundernswert. Das auf jeden Fall.«
»Und was hat's gebracht?«, trumpfte Alexander auf. »Nimm mal den Erfolg zum Maßstab. Und überhaupt. Wir sollen herausfinden, warum in Spanien bestimmte Lichter an oder ausgingen? Ist doch irgendwie nicht real, was der Typ verlangt, oder?«
Felix und Sophie kamen nicht mehr zum Antworten. Vier junge Männer eilten im Sturmschritt auf sie zu. Schnürstiefel und Glatzen demonstrierten unmissverständlich, wessen Geistes Kinder sie waren. Und ihre Absichten waren auch bald erkennbar. »Sind das Deutsche?«, fragte ein langer Rothaariger provokativ, und die anderen antworteten wie auf Befehl im Chor. »Nein, das sind keine Deutschen.« »Weil ihr euch mit den Juden zusammen tun tut! Deshalb! Deshalb…Deutschland erwache!« Der Rothaarige ballte die rechte Hand zur Faust. Alexander trat einen Schritt zurück. Felix nicht. »Sei vorsichtig, Maik Schuster!«, drohte er. Maik Schuster? Die vier glotzten erstaunt. »Deutschland ist bereits erwacht!« fuhr Felix unbeirrt fort. »Ihr habt keine Chance! Ein Schlag und eure Sportgruppe hat's mal gegeben! Der Staatsanwalt wartet nur darauf.«
Maik ballte immer noch die rechte Hand zur Faust. Bewegte sie aber nicht. »Wir tun euch noch kriegen«, sagte er, »wir tun euch alle kriegen!« »Bloß euch selber nicht ein«, lachte Felix.
Der Bus schaukelte in die Stadt zurück. Felix, Alexander und Sophie hätten eigentlich viel miteinander zu bereden gehabt. Aber keiner von ihnen sprach ein Wort. Sophie blickte ab und zu bewundernd zu Felix und berührte einmal wie unabsichtlich seine Hand.
10.
Frau Vester bebte vor Zorn am ganzen Körper.
»Judensau auf den Bürgersteig gesprüht«, empörte sie sich. »Und diese Halunken laufen frei herum? Das darf doch wohl nicht wahr sein.«
Sie griff wütend zum Telefon. Sophie trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Der Diensthabende am anderen Apparat versuchte vergeblich den Redeschwall zu unterbrechen. »Wir sind ausschließlich für Notfälle zuständig, gute Frau …« »Ist Judensau vielleicht kein Notfall?«
»Aber gewiss doch, gute Frau! Sie rufen doch aber auch nicht den Tierschutzverein an, wenn Ihr Haus brennt. Wenden Sie sich bitte an Ihre nächste Polizeidienststelle. « Der Mann legte auf. Frau Vesters Abschiedsgruß »Arschloch« blieb ihm erspart.
Der Beamte im Revier 1 verfügte über mehr Zeit und Geduld. Er ließ Sophies Mutter reden und bemerkte nur ab und zu: »Das ist genau meine Meinung.« Das half aber wenig. Weil er leider nichts machen konnte. Der Betroffene müsste erst einmal Anzeige erstatten.
Sophies Mutter hangelte nach dem Telefonbuch und wählte Silbermanns Nummer. Der reagierte sehr zurückhaltend. »Maik Schuster und seine Konsorten anzeigen?«, fragte er. »Da kann ich es auch gleich meinem Friseur erzählen. Die Staatsmacht in Deutschland ist traditionell auf dem rechten Auge fast blind. Sie blinzelt damit nur ab und zu in die Kameras. Aber wie kommen Sie überhaupt auf mich? Die netten jungen Leute? Verstehe. Selbstverständlich werde ich die nach besten Kräften unterstützen und viele ehemalige Kameraden würden das auch tun.«
Frau Vester wurde konkret. »Viele ehemalige Kameraden?« fragte sie. »Zum Beispiel?«
»Nun viele ist übertrieben«, korrigierte sich Herr Silbermann. »Die meisten sind ja schon tot, aber mein alter Freund Pierre Sanders lebt noch, ja, den könnten sie aufsuchen.«
Frau Vester holte Papier und Kugelschreiber, ließ letzteren aber bald wieder sinken. »In Madrid wohnt Ihr Kamerad«, sagte sie enttäuscht. »Nicht gerade mit dem Fahrrad zu erreichen.« Sie bedankte sich, legte den Hörer auf und sagte tief atmend: »Dann eben nicht. Erledigt, das Thema.«
Für Sophie noch nicht. Felix musste wenigstens erwähnt werden. Wie er sich so mutig vor diese fiesen Typen gestellt hatte. Ihre Augen verrieten das Mädchen, als sie der Mutter diese Tat ausführlich schilderte. Deren Augen leuchteten nicht.
»Hör mal zu, Tochter, der Felix, dass ist kein Mann für eine Frau wie dich.«
»Ich bin überhaupt noch keine Frau, Mama!«
»Wie bitte?« Mutter Vester blickte ihre Tochter überrascht von der Seite an und verlor dabei den Faden. Es entstand eine Pause. »Dein Vater«, redete sie dann weiter, »das war auch so einer. Schmales Gesicht, lange Haare und der Blick wie ein Genie oder Superkünstler. Ja, er stellte sich auch liebend gern vor die Front. Das imponierte mir. Aber dann«, Frau Vester ließ die Arme auf ihren Schoß sinken, »aber dann, mein Kind, als es darauf ankam … Einfach abhauen war nur das eine, aber …«
»Was aber, Mama?«, drängte Sophie.
»Er hat seit zwei Jahren keinen Pfennig mehr überwiesen. Adresse unbekannt, und ich weiß nicht …«
»Was weißt du nicht?« Frau Vester wischte sich mit der Hand über die Augen. »Ich weiß nicht«, sagte sie langsam, »wie lange ich noch die Miete für dieses Haus bezahlen kann.«
Sophie erschrak. »Müssen wir dann etwa hier raus?«
»Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt. Aber rechtzeitig Hände weg von Hungergenies und Bettelkünstlern, mein Kind. Der Felix, das ist so einer. Verlass dich drauf. Ich habe den Blick dafür.«
Alexanders Vater hatte sich nach dem Untergang der DDR selbständig gemacht und einen kleinen Baubetrieb gegründet. Anfangs mit großem Erfolg, aber mittlerweile fehlte es an Aufträgen. Selten nur huschte noch ein Hauch von Zufriedenheit über das Gesicht von Herrn Gebauer, auch hörte er nie richtig zu, wenn Frau oder Sohn etwas erzählten. Sein Kopf arbeitete nach Feierabend unablässig weiter an Kostenvoranschlägen und Bankkrediten. Lächeln schien er verlernt zu haben.
Die Geschichte von Herrn Silbermann und der Sportgruppe Werner Mölders interessierte ihn ausnahmsweise beim Abendessen. Er hatte dazu sogar eine »eigene Meinung«. »Natürlich verurteile ich solche Menschen, die Judensau auf teure frisch verlegte Bürgersteige sprühen. Das ist alles kein Weg. Aber«, Herr Gebauer hob Stimme und Messer. »Nur, so wie jetzt, kann es auch nicht ewig weiter gehen. Ich bin bestimmt kein Anhänger der Rechten, doch entspricht nicht manches derWahrheit, was sie sagen? Die Bomben auf Tausende unschuldige Menschen im Februar 1945 in Dresden zum Beispiel? War das etwa kein Völkermord?« Er legte das Messer aus der Hand und sagte schwer atmend, völlig aus dem Zusammenhang: »Uns kleinen Leuten schnüren sie die Luft ab.«
»Wer schnürt dir die Luft ab, Ernst Moritz?«, mischte sich Alexanders Mutter erregt ein. »Du meinst doch nicht etwa die Juden?«
»So direkt natürlich nicht, Kerstin. Nur unbestritten ist doch wohl, dass sie schon wieder das große Geld und weltweit Macht besitzen! Aber lassen wir das.« Herr Gebauer griff erneut nach seinem Messer und redete mit veränderter Stimme weiter. »Ihr wollt also über den Spanischen Bürgerkrieg eure Geschichtsarbeit schreiben?«
Alexander zuckte mit den Schultern.»Ich bin mir noch nicht sicher.« Sein Vater leckte sich die Lippen und bewegte den Kopf nachdenklich hin und her. »Was soll dabei herauskommen?« fragte er und hob seinerseits die Schultern. »Was war damals in Spanien gut und was böse? Was richtig und was falsch? Ich weiß zufällig mehr, als du denkst, über diesen Krieg, weil vor ein paar Wochen ein Bericht darüber im Fernsehen lief.«
Alexander horchte auf.
»Ja, der Film zeigte eindeutig, wie kompliziert das damals alles ablief. Die Kommunisten, unterstützt von den Russen, wollten in Spanien an die Macht. Franco und Hitler griffen ein. Man muss versuchen, das historisch richtig einzuordnen. Ja, das wäre eine dankbare Aufgabe für euch. Ja.« Herr Gebauer lächelte nun doch.
Alexander nicht. Er griff nach dem Käseteller.
Als Felix heimkam, saß zum Glück kein Dietmar Wolfensteiner am gedeckten Tisch. Frau Grabner, in der Küche beschäftigt, fragte wie gewohnt: »Na, wie war's?« Statt dem Üblichen, »wie schon«, hörte sie dieses Mal einen ausführlichen Bericht. Ihr Blick wurde dabei immer besorgter. »Was ihr aber auch macht!«, sagte sie vorwurfsvoll.
»Was denn?« fragte ihr Sohn und begann sich zu ärgern. Er hätte wie üblich antworten sollen.
»Na ja, legt euch mit den Rechten an!«
»Wir doch nicht! Die höchstens mit uns!«
»Das läuft am Ende auf das Selbe hinaus. Sie werden euch das nicht vergessen! «
»Was denn bloß?«
»Eure …mit den Juden.«
»Sollen sie doch.«
»Sollen sie doch? Wie redest du denn? Die schrecken vor nichts zurück. Nein, ihr hättet ihnen nie und nimmer von eurem Plan erzählen dürfen. Das kann sehr kritisch für euch werden.«
Felix prustete laut los. »Sehr kritisch, Mama! Weil die Typen Frau Kalbstein wahrscheinlich zwingen werden, uns durchfallen zu lassen. Meinst du zufällig das?«
Frau Grabner ging nicht auf diesen Ton ein. »Diese Leute haben eine andere Meinung von Hitler und dem Faschismus als wir, verstehst du? Sie denken deshalb sicher auch anders über euren blöden Spanienkrieg.«
Felix zog die Augenbrauen finster zusammen. »Was ist denn blöd an diesem Krieg?«
»Blöd ist sicher nicht das richtige Wort, aber Herr Wolfensteiner hat doch auch gemeint, nein, nicht blöd, aber dass ihr lieber nicht … Weißt denn du, wie's kommt, mein Sohn? Über fünf Millionen Arbeitslose, das gab's schon mal in Deutschland und danach… Was wollt ihr denn dagegen tun? Eine Geschichtsarbeit schreiben? Vielleicht wird man sich irgendwann daran erinnern. Immer erinnern sich die neuen Machthaber an alles, was einer mal gesagt oder aufgeschrieben hat. Das war auch so nach der Wende in Deutschland, deshalb …«
»Sollte man am besten das Maul halten, wenn die Rechten immer frecher werden?« Felix schlug zornig mit der Hand auf den Tisch. »Entschuldige, aber so was Bescheuertes habe ich schon lange nicht mehr gehört.«
Er drehte sich um, verließ wortlos die Küche und versuchte vergeblich in seinem Zimmer milder über seine Mutter zu urteilen. Dieses Mal half nicht einmal der mitleidige Gedanke, dass sie mit allem allein da stand. Er musste schließlich auch allein entscheiden! Wütend warf er sich auf sein Bett und dachte an einen gelben Mond auf einem T-Shirt. Ruhiger wurde er davon aber auch nicht.
"Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 78 vom 17.01.2007














