SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge XXIII
Niemandsland
Von Wolfgang Bittner
Wieder zu Hause, fällt es schwer, den täglichen Anforde-rungen zu genügen; die Kinder sind wegzubringen und abzuholen, die Zentralheizung soll erneuert werden, eine Vorlesung ist vorzubereiten, Rechnungen sind zu beglei-chen, Briefe zu beantworten, der Rasen ist zu mähen. Das Baby schreit, es hat Hunger. Ruth fragt: »Kannst du mal ins Geschäft hinüberlaufen und eine große Dose Kindergrieß holen?« Alles fast so wie vorher und doch wieder ganz anders. Die Kiefern hinter dem Haus wach-sen langsam nach, der Vorgarten ist neu bepflanzt.
Aber sofort stellt sich wieder die Frage: Wo bleibt jetzt das Positive? Gerold sagt: »Daß wir leben, ist Zufall - und daß wir weiterleben, ebenfalls.« Mit dieser Ansicht hat er immerhin den lebensphilosophischen Ansatz sei-nes Großvaters von der manisch-depressiven auf eine mehr fatalistisch-resignative Ebene gehoben. Vor einigen Tagen habe ich ihn wiedergesehen, und er hat uns für heute zu sich eingeladen. Seit einem Vierteljahr bewohnt er das Gartenhaus von Max und Renate. Er habe es erwei-tert, hat er mir erzählt, einen Kamin und einen zweiten Raum angebaut. Von Helga habe er sich zwar räumlich getrennt, sie seien aber immer noch zusammen.
Die Trüffel, es gibt sie in den Wäldern der näheren Umgebung tatsächlich. Jeden Morgen geht er schon früh los, den Hund an der Leine. Die Ausbeute soll zwar nicht gut, für den Anfang aber auch nicht schlecht sein. Er müsse erst Erfahrungen sammeln, sagt er, Fundorte kennenlernen und in einer Karte vermerken, den Hund noch besser trainieren. An Abnehmern fehle es nicht, und die Preise seien eher im Steigen begriffen. Eine todsichere Sache, ein Traumberuf, sagt Gerold. Auch Helga habe sich eines Besseren belehren lassen. Vor allem habe sie ihn gebeten, ja geradezu angefleht, sie nicht zu verlassen. Er habe das Trinken einschränken können, Schnaps trin-ke er zum Beispiel überhaupt nicht mehr, ab nächstem Jahr wolle er keinen Tropfen Alkohol mehr anrühren.
Von einem Plan für den Winter und das kommende Frühjahr hat er ebenfalls berichtet, sozusagen für die pilzfreie Zeit. Er will einen Roman schreiben, im Kopf habe er ihn schon fertig. Über sein eigenes Leben. Er stellt sich das so vor: Er setzt sich jeden Tag mehrere Stunden an den Schreitisch und schreibt, wenigstens drei Seiten pro Tag. So ähnlich wie Thomas Mann oder Theo-dor Fontane. Das mache in einem Monat etwa neunzig Seiten, in zwei Monaten hundertachtzig, in drei Monaten zweihundertsiebzig. Ich habe ihm zugeredet, obwohl ich hinsichtlich seiner Arbeitsdisziplin und seiner Fähigkeit, Gedanken in Literatur umzusetzen, starke Zweifel habe. Hat man es nicht versucht, sieht alles so leicht aus. Von seinem Theaterstück war keine Rede mehr. Ob ich vielleicht versuchen sollte, es mit ihm zusammen fer-tigzuschreiben, fragte ich Ruth beim Nachhausekommen. Sie riet mir mit Nachdruck ab. »Du investierst sehr viel Zeit und Energie«, sagte sie, »deine eigene Arbeit bleibt liegen, es gibt mit Sicherheit Auseinandersetzungen und Dank hast du nicht zu erwarten.« Obwohl ich weiß, daß sie Recht hat, überlege ich immer noch. Vielleicht, daß er Fuß faßt, wenn erst einmal der Anfang gefunden ist.
Ich repariere die Kinderfahrräder. Auf der Terrasse ist es angenehm, die letzten warmen Herbsttage. Eine Kette muß erneuert werden, ein Reifenmantel. »Stell dir vor«, ruft Ruth heraus, »eben kam in den Nachrichten durch, daß einer der aktivsten Gewalttäter bei den Krefelder Krawallen - du weißt: als der amerikanische Vizepräsi-dent zu Besuch war - ein V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes war!«
Sie ist erschrocken und empört dar-über. »Er soll als sogenannter >agent provocateur< aufgetreten sein«, sagt sie. »Was die sich bloß dabei denken.« Die. Was denken die sich dabei? »Hast du heute schon Zeitung gelesen?« frage ich, und sie verneint. »Ein großer Aufsatz im Feuilleton über Rousseau, den kann ich dir zur Lektüre empfehlen.« »Was hat das damit zu tun?« »Dann weißt du, was die sich denken.«
Sie holt die Zeitung, setzt sich in den Liegestuhl und liest, »Geistige Welt« heißt die Rubrik. Sie zitiert: »Die liberalen Menschheitsbeglücker, die in Amerika die Skla-verei und in Rußland die Leibeigenschaft in einem Zuge aufhoben, wähnten ihr unheilvolles Werk im Geiste Rousseaus zu verrichten. Noch ihre Nachfahren lernten aus den Folgen, die Amerika eine unentwickelbare Un-terschicht und Rußland die bolschewistische Revolution bescherten, so wenig, daß sie nach 1945 für die Freiset-zung der Kolonien sorgten, die seither für die erste und zweite Welt zu einer unerträglichen Belastung wurde ...«
Sie blickt auf und sagt: »Unfaßbar.« Nicht wahr. Skla-verei und Leibeigenschaft waren ein echter Menschheitsfortschritt, ihre Aufhebung ist reaktionär und muß schleunigst rückgängig gemacht werden. Das hören wir, so oder ähnlich, heute auch schon wieder einmal aus höchsten Kreisen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Wor-über wundern wir uns eigentlich noch. 8,7 Prozent Ar-beitslose in der Bundesrepublik, 3,4 Millionen Sozial-hilfeempfänger, über eine Million fehlender Wohnungen. Während die Unternehmensgewinne steigen. Und wie sieht es erst woanders aus, in Südamerika beispielsweise oder in Indien oder in Afrika, wo jeden Tag Hunderttau-sende zugrunde gehen. Zahlen, die in ihrer statistischen Nüchternheit kaum noch erschrecken und doch mit größter Genauigkeit beweisen, wie schwierig es ist, zu-sammen mit anderen ein menschenwürdiges Leben zu führen.
Unzählige kleine Schritte vorwärts, um einige große Schritte rückwärts wieder auszugleichen. Weder mit Hil-fe der Technik, noch mit Hilfe der Wissenschaft, sondern nackten Fußes durch unwirtliches Gelände, manchmal auch kaffeetrinkend in einem Restaurant, in dem Auslän-der unerwünscht sind. Der Umgang mit anderen. Den wir zu verantworten oder mitzuverantworten haben. Die täglichen kleinen Schritte. Und die Reaktionen darauf, mit denen zu leben wir lernen müssen. Eine anonyme Zuschrift: »Du rote Sau! Dich und dieses Packzeug von Kameltreibern haben sie vergessen zu vergasen.« Da mer-ken wir erst, was eigentlich läuft und wie die andere Seite aussieht.
»Wir kümmern uns um die Kinder, den Haushalt, die Arbeit«, sagt Ruth, »wir sprechen mit den Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen und Nachbarn, aber zumeist über Nebensächlichkeiten. Dabei verlieren wir nicht sel-ten aus dem Auge, wie andere Menschen wirklich denken, wenigstens geht mir das so. Plötzlich dann ein Wort, ein Satz, als bekäme man einen Schlag.«
»Das ist das eine«, antworte ich. »Darauf können wir uns noch einlassen. Was aber geschieht darüber hinaus, irgendwo in den Büros, Laboratorien, Befehlszentralen, in den Werkstätten und Fabriken, ja sogar in den Schlafzimmern?«
Ruth legt die Zeitung beiseite und rückt sich den Liegestuhl in den Schatten unter dem Fliederbaum. »Du hast recht«, erwidert sie, »das meiste geht an uns vorbei. Oder wir wollen es nicht wahrnehmen, vielleicht, weil wir gera-de mit etwas anderem beschäftigt sind, uns gar nicht zuständig fühlen oder weil kein direkt Verantwortlicher erkennbar ist.«
Die Fahrräder sind wieder in Ordnung, und ich setze mich an den Gartentisch. »Ich erzähle dir so eine Ge-schichte«, sage ich, »die habe ich neulich von einem Mit-reisenden im Flugzeug gehört, und du wirst eine ähnliche wahrscheinlich aus dem >Totenschiff< von Traven in Erinnerung haben. Meine Geschichte beginnt allerdings nicht in Antwerpen Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern auf dem Seeweg von Afrika nach Europa, und zwar im Juli und August dieses Jahres.« »Das ist ja gerade erst gewesen«, sagt sie. »Du machst mich neugierig.«
Die Geschichte: Der holländische Frachter »Anny Da-nielsen« hat gerade den Hafen von Algier verlassen und steuert auf die offene See. Da werden an Bord zwei blinde Passagiere entdeckt. Die 22 und 34 Jahre alten Männer, Algerier, haben weder Ausweispapiere noch Geld bei sich, an Kleidung nur das, was sie auf dem Leib tragen. »In Algerien konnten wir keine Arbeit finden«, erklären sie auf Befragen, »deswegen haben wir unsere Heimat verlassen.« Der Kapitän nimmt ein Protokoll auf und läßt die beiden festsetzen. Sie sollen in Cuxhaven, dem Be-stimmungsort des Schiffes, an Land gebracht werden. »Halt«, sagen dort die Beamten des Bundesgrenzschut-zes, und sie vertreten damit nichts als die Buchstaben des Gesetzes. Denn wirtschaftliche Gründe zählen nicht im internationalen Asylrecht, noch dazu bei Bürgern sozialistisch orientierter Staaten wie Algerien, die sich von unserem höheren Lebensstandard angezogen fühlen könnten. Also »Halt«.
Hätten sie wenigstens politische Gründe angedeutet. Schwierigkeiten mit dem »System« oder ähnliches. Wel-cher Grenzschutzbeamte hätte das nicht als naheliegend empfunden und dafür wohlwollendes Verständnis ge-zeigt. Oder handelte es sich um geflüchtete Waffenfabri-kanten, Bordellbesitzer oder Gummiwarenhersteller, die vor dem vietnamesischen Sozialismus flüchten mußten. Also zurück mit ihnen, denken wir uns, als sei das so einfach. Aber Algerien...
weigert sich, die Passagiere zu-rückzunehmen, da sich ihre Staatsbürgerschaft ohne entsprechende Papiere nicht nachweisen lasse.
Keine Zuständigkeitt, hier wie dort. Da könnte ja jeder kommen. Mögen sie gefälligst bleiben, wo sie sind, was geht uns das an. In Holland, Frankreich und England das gleiche, keine Aufenthaltsgenehmigung, keine Arbeitserlaubnis, nicht einmal richtig staatenlos. Zwei überflüssige Menschen. Verzweifelt soll der Kapitän der »Anny Danielsen« geäußert haben: »Entweder mein Schiff sinkt, oder die beiden sterben.« Damit ist die Angelegenheit erledigt, den Gesetzen scheinbar Genüge getan, die Akten können geschlossen werden. Offiziell oder de jure, sagt man, und hat sich etwas dabei gedacht oder auch nicht. -
Die alte Frau Nerlich holt das Baby zum Spazierenge-hen ab. Ruth fragt, ob sie gegen Mittag mit uns aufs Land fahren will. »Soviel Platz habt ihr doch gar nicht im Auto«, gibt sie zu bedenken, aber Ruth winkt ab: »Dann setz ich mich mit den Kindern nach hinten«, und Oma Nerlich sagt hocherfreut zu. Wir blicken ihr hinterher, wie sie, liebevoll mit dem Kind redend, fortgeht. »Gut, daß wir sie haben«, sagt Ruth.
Mittags laden wir das Auto voll und fahren hinaus zum Kiesteich. Aus der Blockhütte ist ein richtiges kleines Haus geworden. Der Gemüsegarten ist eingezäunt, Hüh-ner und Enten laufen herum, der Hund, eine Katze. Vor der Tür brät über dem Holzkohlenfeuer ein Spanferkel, daneben ist ein Faß Bier aufgebockt, für die Kinder gibt es Limonade.
Als erstes fällt mir auf, daß Gerolds Zahnlücke ver-schwunden ist. Er wirkt straffer und lebhafter als sonst, kommt uns mit ausgebreiteten Armen entgegen und be-grüßt alle mit einem Kuß. Oma Nerlich ist etwas verlegen, aber Helga nimmt sich ihrer an und zeigt ihr das Haus und den Garten. »Wie schön!« höre ich ihre helle begei-sterte Stimme, »wie praktisch!« Im Garten gibt sie fach-kundige Ratschläge, denen auch Gerold vom Zaun aus zuhört. Von manchen Kräutern, die sie anzubauen emp-fiehlt, kennen wir nicht einmal die Namen. »Ein Leben lang im Garten«, sagt sie vergnügt, »da kennt man sich schon aus.« Der breite Dialekt gibt ihren Erläuterungen etwas Gemütliches. Gleich darauf wird sie wieder ernst. »Früher haben wir die Erfahrungen der Alten noch ge-braucht«, setzt sie bekümmert hinzu, »heute ist das alles anders geworden, ich komme mir manchmal überflüssig vor, als ob ich störe. Wer braucht heute noch den guten Rat einer alten Frau.« Sie hat Recht, denke ich, ihre schwarze gebeugte Gestalt vor Augen, das weiße Haar leuchtet in der Sonne. Wie verrückt das alles ist. Als wäre Altern eine Strafe und als könnten wir auf Erfahrungen verzichten.
»Wie kommt es«, frage ich Max und Renate, »daß ihr euch von diesem Paradies getrennt habt?« »Nicht getrennt«, sagt Renate, »wir haben freien Zu-gang. Wir können uns zur Zeit nur nicht darum kümmern und hatten Bedenken, das Grundstück unbeaufsichtigt zu lassen. Du weißt, die Brandstiftungen und Einbrüche hier in der Gegend.«
Max berichtet, daß sie in der Stadt ein Haus gekauft haben, in dem er eine Praxis für Sprachheilkunde begon-nen hat. »Ich wollte nicht eher damit herausrücken, bis ich alles geregelt hatte«, sagt er entschuldigend, »und dann warst du ja längere Zeit fort.« Die Praxis laufe hervorragend, wirft Renate ein. Sie überlege, ob sie nicht ebenfalls eine zusätzliche Ausbil-dung anfangen solle, um mit Max zusammenzuarbeiten.
Gerold kümmert sich um das Spanferkel, Ruth und Renate wollen noch einen Salat zubereiten, und die Kinder balgen sich um die Schaukel, die an einem Baum befestigt ist. Max hängt ein dickes Klettertau daneben, und jetzt wollen beide klettern. »Einigt euch doch«, meint er. Das ist leicht gesagt. »Onkel Max«, rufen sie, »fahr doch bitte mit uns Boot!« Ich gehe zu den Seerosen, setze mich ans Ufer und schaue ihnen zu.
Als nach und nach alle wieder zusammenkommen, gibt es Essen. »Nein sowas«, sagt Oma Nerlich und schlägt die Hände zusammen. »Soviel Fleisch und Salat, Bier und Limonade! Wer hätte gedacht, daß es uns einmal so gut geht!« Das Weißbrot, erklärt sie, habe in ihrer Kindheit noch Franzbrot geheißen, wahrscheinlich nach den Fran-zosen aus der Zeit der Napoleonischen Kriege, und sei erheblich teurer als das übliche Roggenbrot gewesen. »Wir haben es mit etwas Marmelade darauf wie Kuchen verschlungen. Es gab ja nichts, Hunger sogar noch, als ich mit vierzehn Jahren zum Bauern in Stellung kam. Die Schweine wurden besser gehalten als die Mägde, die waren ja nur zur Arbeit gut, die Schweine sollten verkauft oder geschlachtet werden.« Nachdem sie ihre ersten Hemmungen überwunden hat, probiert sie von allem. »Es schmeckt köstlich«, meint sie, »aber der Appe-tit läßt mit zunehmendem Alter leider nach. Gebt mal noch den Kindern, damit sie etwas größer werden als ich.«
Nach dem Essen erzählt sie weiter über ihre Arbeit kurz nach dem ersten Weltkrieg beim Bauern. Elf Kinder zu Hause, der Vater Landarbeiter, man war froh, wenn man überhaupt eine Stelle fand und ein paar Pfennige bekam, um sich Kleidung kaufen zu können. Morgens um fünf melken, füttern, ausmisten, dann im Haushalt und auf dem Feld helfen, bis es dunkel wurde, für zwei Mägde ein Bett. Arbeit und Schläge, und Hunger sogar beim Essenkochen. Die Bäuerin paßte auf wie ein Luchs, den Schlüssel zur Speisekammer trug sie in ihrer Schürzentasche. Abstufungen auch unter den Mägden und Knechten, strenge Über- und Unterordnung. So etwas wie Kollegialität gab es nicht. Die jüngsten wurden schi-kaniert und geschunden. Sie erzählt den ganzen Nachmit-tag. Einmal sagt Renate: »Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.« Dabei ist kaum ein Menschenalter vergangen.

Dieses Buch erschien erstmals 1992 im Forum Verlag Leipzig, im September 2000 neu aufgelegt im Allitera Verlag, München
Der Autor
Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane »Marmelsteins Verwandlung«, »Die Fährte des Grauen Bären«, »Die Lachsfischer vom Yukon« und »Narrengold« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller«. www.wolfgangbittner.de
Online-Flyer Nr. 71 vom 21.11.2006
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge XXIII
Niemandsland
Von Wolfgang Bittner
Wieder zu Hause, fällt es schwer, den täglichen Anforde-rungen zu genügen; die Kinder sind wegzubringen und abzuholen, die Zentralheizung soll erneuert werden, eine Vorlesung ist vorzubereiten, Rechnungen sind zu beglei-chen, Briefe zu beantworten, der Rasen ist zu mähen. Das Baby schreit, es hat Hunger. Ruth fragt: »Kannst du mal ins Geschäft hinüberlaufen und eine große Dose Kindergrieß holen?« Alles fast so wie vorher und doch wieder ganz anders. Die Kiefern hinter dem Haus wach-sen langsam nach, der Vorgarten ist neu bepflanzt.
Aber sofort stellt sich wieder die Frage: Wo bleibt jetzt das Positive? Gerold sagt: »Daß wir leben, ist Zufall - und daß wir weiterleben, ebenfalls.« Mit dieser Ansicht hat er immerhin den lebensphilosophischen Ansatz sei-nes Großvaters von der manisch-depressiven auf eine mehr fatalistisch-resignative Ebene gehoben. Vor einigen Tagen habe ich ihn wiedergesehen, und er hat uns für heute zu sich eingeladen. Seit einem Vierteljahr bewohnt er das Gartenhaus von Max und Renate. Er habe es erwei-tert, hat er mir erzählt, einen Kamin und einen zweiten Raum angebaut. Von Helga habe er sich zwar räumlich getrennt, sie seien aber immer noch zusammen.
Die Trüffel, es gibt sie in den Wäldern der näheren Umgebung tatsächlich. Jeden Morgen geht er schon früh los, den Hund an der Leine. Die Ausbeute soll zwar nicht gut, für den Anfang aber auch nicht schlecht sein. Er müsse erst Erfahrungen sammeln, sagt er, Fundorte kennenlernen und in einer Karte vermerken, den Hund noch besser trainieren. An Abnehmern fehle es nicht, und die Preise seien eher im Steigen begriffen. Eine todsichere Sache, ein Traumberuf, sagt Gerold. Auch Helga habe sich eines Besseren belehren lassen. Vor allem habe sie ihn gebeten, ja geradezu angefleht, sie nicht zu verlassen. Er habe das Trinken einschränken können, Schnaps trin-ke er zum Beispiel überhaupt nicht mehr, ab nächstem Jahr wolle er keinen Tropfen Alkohol mehr anrühren.
Von einem Plan für den Winter und das kommende Frühjahr hat er ebenfalls berichtet, sozusagen für die pilzfreie Zeit. Er will einen Roman schreiben, im Kopf habe er ihn schon fertig. Über sein eigenes Leben. Er stellt sich das so vor: Er setzt sich jeden Tag mehrere Stunden an den Schreitisch und schreibt, wenigstens drei Seiten pro Tag. So ähnlich wie Thomas Mann oder Theo-dor Fontane. Das mache in einem Monat etwa neunzig Seiten, in zwei Monaten hundertachtzig, in drei Monaten zweihundertsiebzig. Ich habe ihm zugeredet, obwohl ich hinsichtlich seiner Arbeitsdisziplin und seiner Fähigkeit, Gedanken in Literatur umzusetzen, starke Zweifel habe. Hat man es nicht versucht, sieht alles so leicht aus. Von seinem Theaterstück war keine Rede mehr. Ob ich vielleicht versuchen sollte, es mit ihm zusammen fer-tigzuschreiben, fragte ich Ruth beim Nachhausekommen. Sie riet mir mit Nachdruck ab. »Du investierst sehr viel Zeit und Energie«, sagte sie, »deine eigene Arbeit bleibt liegen, es gibt mit Sicherheit Auseinandersetzungen und Dank hast du nicht zu erwarten.« Obwohl ich weiß, daß sie Recht hat, überlege ich immer noch. Vielleicht, daß er Fuß faßt, wenn erst einmal der Anfang gefunden ist.
Ich repariere die Kinderfahrräder. Auf der Terrasse ist es angenehm, die letzten warmen Herbsttage. Eine Kette muß erneuert werden, ein Reifenmantel. »Stell dir vor«, ruft Ruth heraus, »eben kam in den Nachrichten durch, daß einer der aktivsten Gewalttäter bei den Krefelder Krawallen - du weißt: als der amerikanische Vizepräsi-dent zu Besuch war - ein V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes war!«
Sie ist erschrocken und empört dar-über. »Er soll als sogenannter >agent provocateur< aufgetreten sein«, sagt sie. »Was die sich bloß dabei denken.« Die. Was denken die sich dabei? »Hast du heute schon Zeitung gelesen?« frage ich, und sie verneint. »Ein großer Aufsatz im Feuilleton über Rousseau, den kann ich dir zur Lektüre empfehlen.« »Was hat das damit zu tun?« »Dann weißt du, was die sich denken.«
Sie holt die Zeitung, setzt sich in den Liegestuhl und liest, »Geistige Welt« heißt die Rubrik. Sie zitiert: »Die liberalen Menschheitsbeglücker, die in Amerika die Skla-verei und in Rußland die Leibeigenschaft in einem Zuge aufhoben, wähnten ihr unheilvolles Werk im Geiste Rousseaus zu verrichten. Noch ihre Nachfahren lernten aus den Folgen, die Amerika eine unentwickelbare Un-terschicht und Rußland die bolschewistische Revolution bescherten, so wenig, daß sie nach 1945 für die Freiset-zung der Kolonien sorgten, die seither für die erste und zweite Welt zu einer unerträglichen Belastung wurde ...«
Sie blickt auf und sagt: »Unfaßbar.« Nicht wahr. Skla-verei und Leibeigenschaft waren ein echter Menschheitsfortschritt, ihre Aufhebung ist reaktionär und muß schleunigst rückgängig gemacht werden. Das hören wir, so oder ähnlich, heute auch schon wieder einmal aus höchsten Kreisen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Wor-über wundern wir uns eigentlich noch. 8,7 Prozent Ar-beitslose in der Bundesrepublik, 3,4 Millionen Sozial-hilfeempfänger, über eine Million fehlender Wohnungen. Während die Unternehmensgewinne steigen. Und wie sieht es erst woanders aus, in Südamerika beispielsweise oder in Indien oder in Afrika, wo jeden Tag Hunderttau-sende zugrunde gehen. Zahlen, die in ihrer statistischen Nüchternheit kaum noch erschrecken und doch mit größter Genauigkeit beweisen, wie schwierig es ist, zu-sammen mit anderen ein menschenwürdiges Leben zu führen.
Unzählige kleine Schritte vorwärts, um einige große Schritte rückwärts wieder auszugleichen. Weder mit Hil-fe der Technik, noch mit Hilfe der Wissenschaft, sondern nackten Fußes durch unwirtliches Gelände, manchmal auch kaffeetrinkend in einem Restaurant, in dem Auslän-der unerwünscht sind. Der Umgang mit anderen. Den wir zu verantworten oder mitzuverantworten haben. Die täglichen kleinen Schritte. Und die Reaktionen darauf, mit denen zu leben wir lernen müssen. Eine anonyme Zuschrift: »Du rote Sau! Dich und dieses Packzeug von Kameltreibern haben sie vergessen zu vergasen.« Da mer-ken wir erst, was eigentlich läuft und wie die andere Seite aussieht.
»Wir kümmern uns um die Kinder, den Haushalt, die Arbeit«, sagt Ruth, »wir sprechen mit den Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen und Nachbarn, aber zumeist über Nebensächlichkeiten. Dabei verlieren wir nicht sel-ten aus dem Auge, wie andere Menschen wirklich denken, wenigstens geht mir das so. Plötzlich dann ein Wort, ein Satz, als bekäme man einen Schlag.«
»Das ist das eine«, antworte ich. »Darauf können wir uns noch einlassen. Was aber geschieht darüber hinaus, irgendwo in den Büros, Laboratorien, Befehlszentralen, in den Werkstätten und Fabriken, ja sogar in den Schlafzimmern?«
Ruth legt die Zeitung beiseite und rückt sich den Liegestuhl in den Schatten unter dem Fliederbaum. »Du hast recht«, erwidert sie, »das meiste geht an uns vorbei. Oder wir wollen es nicht wahrnehmen, vielleicht, weil wir gera-de mit etwas anderem beschäftigt sind, uns gar nicht zuständig fühlen oder weil kein direkt Verantwortlicher erkennbar ist.«
Die Fahrräder sind wieder in Ordnung, und ich setze mich an den Gartentisch. »Ich erzähle dir so eine Ge-schichte«, sage ich, »die habe ich neulich von einem Mit-reisenden im Flugzeug gehört, und du wirst eine ähnliche wahrscheinlich aus dem >Totenschiff< von Traven in Erinnerung haben. Meine Geschichte beginnt allerdings nicht in Antwerpen Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern auf dem Seeweg von Afrika nach Europa, und zwar im Juli und August dieses Jahres.« »Das ist ja gerade erst gewesen«, sagt sie. »Du machst mich neugierig.«
Die Geschichte: Der holländische Frachter »Anny Da-nielsen« hat gerade den Hafen von Algier verlassen und steuert auf die offene See. Da werden an Bord zwei blinde Passagiere entdeckt. Die 22 und 34 Jahre alten Männer, Algerier, haben weder Ausweispapiere noch Geld bei sich, an Kleidung nur das, was sie auf dem Leib tragen. »In Algerien konnten wir keine Arbeit finden«, erklären sie auf Befragen, »deswegen haben wir unsere Heimat verlassen.« Der Kapitän nimmt ein Protokoll auf und läßt die beiden festsetzen. Sie sollen in Cuxhaven, dem Be-stimmungsort des Schiffes, an Land gebracht werden. »Halt«, sagen dort die Beamten des Bundesgrenzschut-zes, und sie vertreten damit nichts als die Buchstaben des Gesetzes. Denn wirtschaftliche Gründe zählen nicht im internationalen Asylrecht, noch dazu bei Bürgern sozialistisch orientierter Staaten wie Algerien, die sich von unserem höheren Lebensstandard angezogen fühlen könnten. Also »Halt«.
Hätten sie wenigstens politische Gründe angedeutet. Schwierigkeiten mit dem »System« oder ähnliches. Wel-cher Grenzschutzbeamte hätte das nicht als naheliegend empfunden und dafür wohlwollendes Verständnis ge-zeigt. Oder handelte es sich um geflüchtete Waffenfabri-kanten, Bordellbesitzer oder Gummiwarenhersteller, die vor dem vietnamesischen Sozialismus flüchten mußten. Also zurück mit ihnen, denken wir uns, als sei das so einfach. Aber Algerien...
weigert sich, die Passagiere zu-rückzunehmen, da sich ihre Staatsbürgerschaft ohne entsprechende Papiere nicht nachweisen lasse.
Keine Zuständigkeitt, hier wie dort. Da könnte ja jeder kommen. Mögen sie gefälligst bleiben, wo sie sind, was geht uns das an. In Holland, Frankreich und England das gleiche, keine Aufenthaltsgenehmigung, keine Arbeitserlaubnis, nicht einmal richtig staatenlos. Zwei überflüssige Menschen. Verzweifelt soll der Kapitän der »Anny Danielsen« geäußert haben: »Entweder mein Schiff sinkt, oder die beiden sterben.« Damit ist die Angelegenheit erledigt, den Gesetzen scheinbar Genüge getan, die Akten können geschlossen werden. Offiziell oder de jure, sagt man, und hat sich etwas dabei gedacht oder auch nicht. -
Die alte Frau Nerlich holt das Baby zum Spazierenge-hen ab. Ruth fragt, ob sie gegen Mittag mit uns aufs Land fahren will. »Soviel Platz habt ihr doch gar nicht im Auto«, gibt sie zu bedenken, aber Ruth winkt ab: »Dann setz ich mich mit den Kindern nach hinten«, und Oma Nerlich sagt hocherfreut zu. Wir blicken ihr hinterher, wie sie, liebevoll mit dem Kind redend, fortgeht. »Gut, daß wir sie haben«, sagt Ruth.
Mittags laden wir das Auto voll und fahren hinaus zum Kiesteich. Aus der Blockhütte ist ein richtiges kleines Haus geworden. Der Gemüsegarten ist eingezäunt, Hüh-ner und Enten laufen herum, der Hund, eine Katze. Vor der Tür brät über dem Holzkohlenfeuer ein Spanferkel, daneben ist ein Faß Bier aufgebockt, für die Kinder gibt es Limonade.
Als erstes fällt mir auf, daß Gerolds Zahnlücke ver-schwunden ist. Er wirkt straffer und lebhafter als sonst, kommt uns mit ausgebreiteten Armen entgegen und be-grüßt alle mit einem Kuß. Oma Nerlich ist etwas verlegen, aber Helga nimmt sich ihrer an und zeigt ihr das Haus und den Garten. »Wie schön!« höre ich ihre helle begei-sterte Stimme, »wie praktisch!« Im Garten gibt sie fach-kundige Ratschläge, denen auch Gerold vom Zaun aus zuhört. Von manchen Kräutern, die sie anzubauen emp-fiehlt, kennen wir nicht einmal die Namen. »Ein Leben lang im Garten«, sagt sie vergnügt, »da kennt man sich schon aus.« Der breite Dialekt gibt ihren Erläuterungen etwas Gemütliches. Gleich darauf wird sie wieder ernst. »Früher haben wir die Erfahrungen der Alten noch ge-braucht«, setzt sie bekümmert hinzu, »heute ist das alles anders geworden, ich komme mir manchmal überflüssig vor, als ob ich störe. Wer braucht heute noch den guten Rat einer alten Frau.« Sie hat Recht, denke ich, ihre schwarze gebeugte Gestalt vor Augen, das weiße Haar leuchtet in der Sonne. Wie verrückt das alles ist. Als wäre Altern eine Strafe und als könnten wir auf Erfahrungen verzichten.
»Wie kommt es«, frage ich Max und Renate, »daß ihr euch von diesem Paradies getrennt habt?« »Nicht getrennt«, sagt Renate, »wir haben freien Zu-gang. Wir können uns zur Zeit nur nicht darum kümmern und hatten Bedenken, das Grundstück unbeaufsichtigt zu lassen. Du weißt, die Brandstiftungen und Einbrüche hier in der Gegend.«
Max berichtet, daß sie in der Stadt ein Haus gekauft haben, in dem er eine Praxis für Sprachheilkunde begon-nen hat. »Ich wollte nicht eher damit herausrücken, bis ich alles geregelt hatte«, sagt er entschuldigend, »und dann warst du ja längere Zeit fort.« Die Praxis laufe hervorragend, wirft Renate ein. Sie überlege, ob sie nicht ebenfalls eine zusätzliche Ausbil-dung anfangen solle, um mit Max zusammenzuarbeiten.
Gerold kümmert sich um das Spanferkel, Ruth und Renate wollen noch einen Salat zubereiten, und die Kinder balgen sich um die Schaukel, die an einem Baum befestigt ist. Max hängt ein dickes Klettertau daneben, und jetzt wollen beide klettern. »Einigt euch doch«, meint er. Das ist leicht gesagt. »Onkel Max«, rufen sie, »fahr doch bitte mit uns Boot!« Ich gehe zu den Seerosen, setze mich ans Ufer und schaue ihnen zu.
Als nach und nach alle wieder zusammenkommen, gibt es Essen. »Nein sowas«, sagt Oma Nerlich und schlägt die Hände zusammen. »Soviel Fleisch und Salat, Bier und Limonade! Wer hätte gedacht, daß es uns einmal so gut geht!« Das Weißbrot, erklärt sie, habe in ihrer Kindheit noch Franzbrot geheißen, wahrscheinlich nach den Fran-zosen aus der Zeit der Napoleonischen Kriege, und sei erheblich teurer als das übliche Roggenbrot gewesen. »Wir haben es mit etwas Marmelade darauf wie Kuchen verschlungen. Es gab ja nichts, Hunger sogar noch, als ich mit vierzehn Jahren zum Bauern in Stellung kam. Die Schweine wurden besser gehalten als die Mägde, die waren ja nur zur Arbeit gut, die Schweine sollten verkauft oder geschlachtet werden.« Nachdem sie ihre ersten Hemmungen überwunden hat, probiert sie von allem. »Es schmeckt köstlich«, meint sie, »aber der Appe-tit läßt mit zunehmendem Alter leider nach. Gebt mal noch den Kindern, damit sie etwas größer werden als ich.«
Nach dem Essen erzählt sie weiter über ihre Arbeit kurz nach dem ersten Weltkrieg beim Bauern. Elf Kinder zu Hause, der Vater Landarbeiter, man war froh, wenn man überhaupt eine Stelle fand und ein paar Pfennige bekam, um sich Kleidung kaufen zu können. Morgens um fünf melken, füttern, ausmisten, dann im Haushalt und auf dem Feld helfen, bis es dunkel wurde, für zwei Mägde ein Bett. Arbeit und Schläge, und Hunger sogar beim Essenkochen. Die Bäuerin paßte auf wie ein Luchs, den Schlüssel zur Speisekammer trug sie in ihrer Schürzentasche. Abstufungen auch unter den Mägden und Knechten, strenge Über- und Unterordnung. So etwas wie Kollegialität gab es nicht. Die jüngsten wurden schi-kaniert und geschunden. Sie erzählt den ganzen Nachmit-tag. Einmal sagt Renate: »Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.« Dabei ist kaum ein Menschenalter vergangen.

Dieses Buch erschien erstmals 1992 im Forum Verlag Leipzig, im September 2000 neu aufgelegt im Allitera Verlag, München
Der Autor
Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane »Marmelsteins Verwandlung«, »Die Fährte des Grauen Bären«, »Die Lachsfischer vom Yukon« und »Narrengold« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller«. www.wolfgangbittner.deOnline-Flyer Nr. 71 vom 21.11.2006














