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Jugendschicksale
Manni
Von Rudi Rute
Zwei Jahre auf Bewährung hat er schon, aber das ist Manni egal, wenn es um ein schnelles Geschäft geht. "Ich muss ja schließlich auch leben", wie er immer betont, wenn er wieder mal ein krummes Ding gedreht hat, bei dem er aufgeflogen ist. Manni ist 20 Jahre alt, offiziell seit 1 1/2 Jahren als Obdachloser gemeldet, und schläft die meiste Zeit in den Kellern der Hochhaussiedlung, in der er aufgewachsen ist. Manchmal schläft er auch bei seiner älteren Schwester, wenn sie ihn reinläßt, oder bei Freunden für ein, zwei Nächte. Seine Eltern haben ihn vor einem Jahr rausgeschmissen, als er besoffen mal wieder gewalttätig wurde und sich an der Mutter vergriff. Seine Eltern hatten es leid mit seinen Ausrastern, und seitdem er endgültig aus der Schule für schwer Erziehbare ohne Abschluss rausgeflogen ist, haben sie jede Hoffung aufgegeben und verweigern ihm jedwede Unterstützung
Dahinter steht ein langer Leidensweg der Eltern, die selbst Alkoholprobleme haben und immer wieder versuchten, mit Hilfe des Jugendamtes Manni in den Griff zu bekommen. "Wer in der LaLa- Schule schon den Abschluss nicht packt, der kann endgültig einpacken und wird keinen Fuß mehr auf die Erde bekommen", sagt sein Vater, ein gebürtiger Türke, der mit einer Deutschen verheiratet ist.
Und da sind auch noch sechs jüngere Geschwister von insgesamt 10 Kindern, die allesamt noch durchgebracht werden müssen, wovon die meisten ebenfalls Schwierigkeiten in der Schule haben, und schon mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Manni zieht gierig an seinem Joint. Einen Hang zur Gewalt hatte er schon immer, und der Drang danach war stets am größten, wenn er sich argumentativ von den Lehrern in die Ecke gedrängt oder bei Fehlverhalten ertappt fühlte. Beim "Abziehen" sei er aber nie brutal oder wirklich wütend, sondern tue nur so, um den Leuten Angst zu machen, sagt Manni und gibt sich betont cool.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de
Arbeit hat das Arbeitsamt für ihn keine
Manni hat bereits mehrere erfolglose Versuche des Arbeitsamtes hinter sich, ihn über eine berufsbildende Maßnahme aus der Statistik und von der Straße zu holen - meistens Kurse ohne jedweden brauchbaren Abschluss oder ehrliche Sichtung seiner durchaus vorhandenen Kernkompetenzen im handwerklichen Bereich. Vor allem: Manni will wirklich arbeiten und endlich mal etwas Geld verdienen, von dem er leben kann, denn im Grunde seines Herzens träumt er von einer eigenen Wohnung und einem coolen Job, mit dem er gerade soviel Kohle verdient, "daß er von den Arschlöschern vom Amt loskommt", wie er sich auszudrücken pflegt. Doch Arbeit hat das Arbeitsamt keine für ihn, außer natürlich 1 Euro Jobs bzw. für 70 Cent die Stunde, da er als unter Fünfundzwanzigjähriger noch unter die speziellen Programme zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit fällt. Programme, bei denen man aber manchmal das Gefühl hat, sie sind eigens dafür entwickelt worden, die Jugendlichen sinnlos zu beschäftigen, gar zu schikanieren, um sie möglichst schnell loszuwerden. Viele junge Erwachsene entziehen sich deshalb inzwischen den Ämtern, die ihnen feindlich erscheinen, da die eigentlichen Interessen der jungen Menschen kaum Berücksichtigung finden.
Mit der Verschärfung von Hartz ist neuerdings auch Mannis Traum von der eigenen Wohnung den Bach runter gegangen. Gerade als er endlich alle Papiere für den Antrag zusammen hatte und die Amtsgänge erledigen wollte, wurde über Nacht das Gesetz geändert, und alle Bemühungen waren umsonst. Zurück nach Hause kann er nicht, und in den verschiedenen Auffanghäusern für Obdachlose hat er es meist nicht länger als eine Nacht ausgehalten. Vor allem wollten ihm dort die Leute Vorschriften machen, wann er da zu sein hat, und was er am nächsten Tag alles zu erledigen hätte. Sein jugendliches Aussehen ließ selbst dort, wo sonst nur Alkies und Berber einkehren und mürrisch mit dem Notdürftigsten versorgt werden, die Angestellten der Stadt regelrecht zur Höchstform auflaufen, um sich solange "erzieherisch" an ihm zu betätigen, bis sie ihren Klienten wieder verscheucht hatten.
Lehrstelle ohne Abschluß?
Manni hat die Schnauze von Eltern, Lehrern, Jugendamt, Arbeitsamt, Sozialarbeitern, Gutmenschen und Bewährungshelfern gestrichen voll, und lässt sich weder etwas vorschreiben noch auf viel ein. Wenige "Helfer" haben noch Kontakt zu Ihm, da er sich dem offiziellem Leben immer mehr entzogen hat, "denn die haben mich nicht ernst genommen, und ich bin jetzt erwachsen ",wie Manni sagt. Und dann betont er noch mal, dass er Arbeit sucht und endlich Geld verdienen will, um sich u. a. neue Klamotten zu kaufen. Auf eine echte Lehrstelle würde er sich auch noch mal einlassen, nur ohne Abschuss kaum vorstellbar. "Selbst mit Abschluss in der LaLa-Schule haste keine Chance, denn das steht ja auf dem Zeugnis", sagt Manni.
Kaum jemand mit Abschlüssen aus diesen Schulen schafft später die Berufsschule, da dort der Leistungsanspruch viel zu hoch ist, da die Lehrpläne der regulären Schulen ganz andere sind, als an den Schulen mit Lernbehinderungen. Die schulischen Defizite sind für diese Schüler ohne schulbegleitende Maßnahmen kaum aufzuholen. Hauptschulabschluss ist nicht gleich Hauptschulabschluss, leider fragt aber auf der Berufsschule niemand nach, da die unter dem Erwartungsdruck und Qualitätsanspruch der Handelskammern stehen. Selbst Jugendliche mit regulärem Hauptschulabschluss schaffen die Berufsschulen oft nicht, da die Anforderungen z.B. in Mathematik und einigen Nebenfächern so hoch sind, daß man sich fragt, was dies mit dem Beruf und der Praxis eines "einfachen Handwerkergesellen" zu tun hat. Statt sich wie früher einen Lappen, Eimer und ein paar Bürsten zu besorgen, um sich z.B. vom selbständigen Fensterputzer zum Millionär hochzuarbeiten, bedarf es heutzutage erstmal einer Ausbildung zum Gebäudereiniger und dafür braucht man einen Realschulabschluss, sonst kann man nicht gewerblich tätig werden.
Ohne Schulabschluss keine Lehre, ohne Lehre kein Gewerbe, auch "Schuhe putzen" muss schließlich gelernt sein, bevor man auf die Menschheit losgelassen wird. Selbst für die vereinzelt immer mal wieder vorkommenden "Durchblicker" und Individualisten, die, mit ihrer Intelligenz gestraft, sich aus ganz anderen Motiven früh der Leistungsgesellschaft entzogen oder dagegen revoltiert haben, sind die späteren Wege als Quereinsteiger z. B. in die Medien und beim Film und anderen kreativen Berufen in den letzen Jahren systematisch durch klar umrissene Ausbildungsberufe verschlossen worden. Die klassische Karriere vom Kabelhelfer über den Produktionsfahrer bis hoch zum Aufnahmeleiter zählt inzwischen zu den Märchenstunden einer Generation, die es eigentlich besser wissen müsste.
Hartz am Abgrund
Zurück zu Manni, denn der hatte gerade vor ein paar Tagen seinen Personalausweis verloren, und als er beim Arbeitsamt vorsprach wegen einer Arbeit, war dieser genau wie die Kontoauszüge der letzen 4 Monate. natürlich Pflicht vorgelegt zu werden, um überhaupt noch "beraten" zu werden. Ohne Geld kein neuer Personalausweis beim Ordnungsamt, und die Sparkasse fordert für die Auszüge der letzten 4 Monate inzwischen sage und schreibe 50 Euro Bearbeitungsgebühr von ihren Kunden, obwohl ein Knopfdruck auf dem Computer genügt, um sämtliche Geschäftsvorfälle mal eben auszudrucken. Seit dem das Bundessozialhilfegesetz ausgehebelt und stattdessen Hartz an diese Stelle getreten ist, sind solche "Notfälle" als Härtefälle nicht mehr eingeplant, womit sich Hartz am Abgrund der Verfassungsmäßigkeit bewegt. Es bedarf schon ganz konkreter Nachfrage beim Arbeitsamt mit Verweis auf das Grundgesetz Artikel 1 Absatz 2 unter Androhung von Presse bis man dort hektisch in Bewegung gerät und mit der heißen Nadel gestrickte "kleine Lösungen" angeboten bekommt. Dann wird mit dem Amtsleiter kommuniziert und getrickst, um mit der Ausstellung von Gutscheinen, die über soziale Träger ausgezahlt werden, schnell Geld flüssig zu machen, für das es eigentlich keine klaren Regelvorgaben mehr gibt. Manni weiß viel, aber das Grundgesetz hat er nicht gelesen, so hatte sich -- für ihn -- der Gang zum Arbeitsamt damit unverrichteter Dinge erledig, hätte er mich nicht um Hilfe gebeten. Sein eigentlicher Bewährungshelfer, der ihn dazu gezwungen hatte, sich dort zu melden, war jedenfalls mit der neuen Sachlage beim Arbeitsamt schlichtweg überfordert, und übte stattdessen weiter Druck auf Manni aus.
"Geld irgendwie besorgen"
"Er solle sich das Geld gefälligst - irgendwie - besorgen", aber einen guten, legalen Rat hatte er auch nicht für ihn. Irgendwie besorgt sich Manni nun die Kohle, denn er will ja schließlich nicht für 2 Jahre im Bau landen, weil er die Bewährungsauflagen nicht erfüllt hat. Hier an der Tischtennisplatte im Park, wo die besser betuchten Kids und Jugendlichen aus der Gesamtschule täglich vorbeikommen, um zum Schulbus zu gelangen, schien Manni der richtige Platz, um sich das Geld "irgendwie" zu besorgen. Manni träumt inzwischen sogar davon mal soviel Kohle zu haben, daß er selbst als Dealer einsteigen kann, um Turnpiece an die Schüler zu verkaufen, denn das hält er auf die Dauer für "cooler" als sie einfach nur abzuziehen. Manni verabschiedet sich von mir, und sagt zum Abschluss: "Du bist einer der wenigen Sozialfuzzys, die OK sind, denn Du hörst wenigstens mal zu."
Als er in den Schluchten der Hochhäuser verschwand, quälte mich tagelang die Frage, was ich ihm hätte sagen sollten und wie ich ihm helfen könnte. Ich wusste in diesem Moment nicht, womit ich ihn denn noch locken könnte sein Leben zu ändern, denn ihm Hoffnung auf eine vernünftig bezahlte Arbeit oder gar eine Ausbildungsstelle zu machen, wäre verlogen, und mich in den Kreis derer einzureihen, die ihm als sinnlosen Rat eine Schule oder 1 Euro Job empfehlen, hätte das Vertrauensverhältnis zwischen uns nachhaltig zerstört.
Einer muss schließlich dranbleiben
Es vergingen Tage bis ich für Manni einen wirklich "guten Ratschlag" hatte, derweil denen "da ganz oben" in der Politik alles scheißegal ist, so wie Manni, da ganz unten. Also rief ich beim Arbeitsamt an, was dort einen entsprechenden Wirbel auslöste, und man übergab ihm Tage später einen Gutschein, mit der er seinen Personalausweis und die 50 Euro bei der Sparkasse bezahlen konnte, damit er vom Arbeitsamt "beraten" wird.
An einer der Türen eines Sachbearbeiters im Arbeitsamt stand "Ich bin kein Täter, sondern auch nur Opfer", was mich hoffen lässt, dass auch dort immer noch Menschen arbeiten, die die Dinge nicht unkommentiert tun, die man von ihnen verlangt
Mit diesem Gedanken und der kleinen Geschichte über Manni würde ich Sie werte Leser/innen nun gerne alleine lassen. Ich versuche Manni derweil davon zu überzeugen, dass Teenager abzuziehen oder gar Haschisch zu verkaufen eine totale Scheißidee ist, die ich in meinem Revier definitiv nicht zulasse. Außerdem werde ich ihm ausführlich erklären, warum Kleindealerei sowieso ein schlechtes Geschäft ist, mit dem man gerade mal den Eigenbedarf gedeckt bekommt, was wiederum in keinem Verhältnis zu Risiko steht erwischt zu werden. Ihn auf den grundsätzlichen Zusammenhang einer fehlgeleiteten, verlogenen Drogenpolitik und seine darauf aufbauenden Denkstruktur hinzuweisen, werde ich sicherlich unterlassen. Damit würde ich ihn nur überfordern. Daß er derweil als legaler Schnorrer auf der Hohestraße oder als Altflaschensammler in der Innenstadt das Doppelte in der Stunde verdienen würde, sollte vorerst Denkanstoss genug sein... Ob Manni das allerdings versteht, mit seiner jungen Männlichkeit vereinbaren kann und meine dringende Mahnung ernst nimmt, gar weiterführende Ratschläge von mir annimmt... Wer weiß. Viel wichtiger ist aber im Moment, daß wenigstens Sie mich irgendwie verstanden haben.
Online-Flyer Nr. 62 vom 19.09.2006
Jugendschicksale
Manni
Von Rudi Rute
Zwei Jahre auf Bewährung hat er schon, aber das ist Manni egal, wenn es um ein schnelles Geschäft geht. "Ich muss ja schließlich auch leben", wie er immer betont, wenn er wieder mal ein krummes Ding gedreht hat, bei dem er aufgeflogen ist. Manni ist 20 Jahre alt, offiziell seit 1 1/2 Jahren als Obdachloser gemeldet, und schläft die meiste Zeit in den Kellern der Hochhaussiedlung, in der er aufgewachsen ist. Manchmal schläft er auch bei seiner älteren Schwester, wenn sie ihn reinläßt, oder bei Freunden für ein, zwei Nächte. Seine Eltern haben ihn vor einem Jahr rausgeschmissen, als er besoffen mal wieder gewalttätig wurde und sich an der Mutter vergriff. Seine Eltern hatten es leid mit seinen Ausrastern, und seitdem er endgültig aus der Schule für schwer Erziehbare ohne Abschluss rausgeflogen ist, haben sie jede Hoffung aufgegeben und verweigern ihm jedwede Unterstützung
Dahinter steht ein langer Leidensweg der Eltern, die selbst Alkoholprobleme haben und immer wieder versuchten, mit Hilfe des Jugendamtes Manni in den Griff zu bekommen. "Wer in der LaLa- Schule schon den Abschluss nicht packt, der kann endgültig einpacken und wird keinen Fuß mehr auf die Erde bekommen", sagt sein Vater, ein gebürtiger Türke, der mit einer Deutschen verheiratet ist.
Und da sind auch noch sechs jüngere Geschwister von insgesamt 10 Kindern, die allesamt noch durchgebracht werden müssen, wovon die meisten ebenfalls Schwierigkeiten in der Schule haben, und schon mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Manni zieht gierig an seinem Joint. Einen Hang zur Gewalt hatte er schon immer, und der Drang danach war stets am größten, wenn er sich argumentativ von den Lehrern in die Ecke gedrängt oder bei Fehlverhalten ertappt fühlte. Beim "Abziehen" sei er aber nie brutal oder wirklich wütend, sondern tue nur so, um den Leuten Angst zu machen, sagt Manni und gibt sich betont cool.
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de
Arbeit hat das Arbeitsamt für ihn keine
Manni hat bereits mehrere erfolglose Versuche des Arbeitsamtes hinter sich, ihn über eine berufsbildende Maßnahme aus der Statistik und von der Straße zu holen - meistens Kurse ohne jedweden brauchbaren Abschluss oder ehrliche Sichtung seiner durchaus vorhandenen Kernkompetenzen im handwerklichen Bereich. Vor allem: Manni will wirklich arbeiten und endlich mal etwas Geld verdienen, von dem er leben kann, denn im Grunde seines Herzens träumt er von einer eigenen Wohnung und einem coolen Job, mit dem er gerade soviel Kohle verdient, "daß er von den Arschlöschern vom Amt loskommt", wie er sich auszudrücken pflegt. Doch Arbeit hat das Arbeitsamt keine für ihn, außer natürlich 1 Euro Jobs bzw. für 70 Cent die Stunde, da er als unter Fünfundzwanzigjähriger noch unter die speziellen Programme zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit fällt. Programme, bei denen man aber manchmal das Gefühl hat, sie sind eigens dafür entwickelt worden, die Jugendlichen sinnlos zu beschäftigen, gar zu schikanieren, um sie möglichst schnell loszuwerden. Viele junge Erwachsene entziehen sich deshalb inzwischen den Ämtern, die ihnen feindlich erscheinen, da die eigentlichen Interessen der jungen Menschen kaum Berücksichtigung finden.
Mit der Verschärfung von Hartz ist neuerdings auch Mannis Traum von der eigenen Wohnung den Bach runter gegangen. Gerade als er endlich alle Papiere für den Antrag zusammen hatte und die Amtsgänge erledigen wollte, wurde über Nacht das Gesetz geändert, und alle Bemühungen waren umsonst. Zurück nach Hause kann er nicht, und in den verschiedenen Auffanghäusern für Obdachlose hat er es meist nicht länger als eine Nacht ausgehalten. Vor allem wollten ihm dort die Leute Vorschriften machen, wann er da zu sein hat, und was er am nächsten Tag alles zu erledigen hätte. Sein jugendliches Aussehen ließ selbst dort, wo sonst nur Alkies und Berber einkehren und mürrisch mit dem Notdürftigsten versorgt werden, die Angestellten der Stadt regelrecht zur Höchstform auflaufen, um sich solange "erzieherisch" an ihm zu betätigen, bis sie ihren Klienten wieder verscheucht hatten.
Lehrstelle ohne Abschluß?
Manni hat die Schnauze von Eltern, Lehrern, Jugendamt, Arbeitsamt, Sozialarbeitern, Gutmenschen und Bewährungshelfern gestrichen voll, und lässt sich weder etwas vorschreiben noch auf viel ein. Wenige "Helfer" haben noch Kontakt zu Ihm, da er sich dem offiziellem Leben immer mehr entzogen hat, "denn die haben mich nicht ernst genommen, und ich bin jetzt erwachsen ",wie Manni sagt. Und dann betont er noch mal, dass er Arbeit sucht und endlich Geld verdienen will, um sich u. a. neue Klamotten zu kaufen. Auf eine echte Lehrstelle würde er sich auch noch mal einlassen, nur ohne Abschuss kaum vorstellbar. "Selbst mit Abschluss in der LaLa-Schule haste keine Chance, denn das steht ja auf dem Zeugnis", sagt Manni.
Kaum jemand mit Abschlüssen aus diesen Schulen schafft später die Berufsschule, da dort der Leistungsanspruch viel zu hoch ist, da die Lehrpläne der regulären Schulen ganz andere sind, als an den Schulen mit Lernbehinderungen. Die schulischen Defizite sind für diese Schüler ohne schulbegleitende Maßnahmen kaum aufzuholen. Hauptschulabschluss ist nicht gleich Hauptschulabschluss, leider fragt aber auf der Berufsschule niemand nach, da die unter dem Erwartungsdruck und Qualitätsanspruch der Handelskammern stehen. Selbst Jugendliche mit regulärem Hauptschulabschluss schaffen die Berufsschulen oft nicht, da die Anforderungen z.B. in Mathematik und einigen Nebenfächern so hoch sind, daß man sich fragt, was dies mit dem Beruf und der Praxis eines "einfachen Handwerkergesellen" zu tun hat. Statt sich wie früher einen Lappen, Eimer und ein paar Bürsten zu besorgen, um sich z.B. vom selbständigen Fensterputzer zum Millionär hochzuarbeiten, bedarf es heutzutage erstmal einer Ausbildung zum Gebäudereiniger und dafür braucht man einen Realschulabschluss, sonst kann man nicht gewerblich tätig werden.
Ohne Schulabschluss keine Lehre, ohne Lehre kein Gewerbe, auch "Schuhe putzen" muss schließlich gelernt sein, bevor man auf die Menschheit losgelassen wird. Selbst für die vereinzelt immer mal wieder vorkommenden "Durchblicker" und Individualisten, die, mit ihrer Intelligenz gestraft, sich aus ganz anderen Motiven früh der Leistungsgesellschaft entzogen oder dagegen revoltiert haben, sind die späteren Wege als Quereinsteiger z. B. in die Medien und beim Film und anderen kreativen Berufen in den letzen Jahren systematisch durch klar umrissene Ausbildungsberufe verschlossen worden. Die klassische Karriere vom Kabelhelfer über den Produktionsfahrer bis hoch zum Aufnahmeleiter zählt inzwischen zu den Märchenstunden einer Generation, die es eigentlich besser wissen müsste.
Hartz am Abgrund
Zurück zu Manni, denn der hatte gerade vor ein paar Tagen seinen Personalausweis verloren, und als er beim Arbeitsamt vorsprach wegen einer Arbeit, war dieser genau wie die Kontoauszüge der letzen 4 Monate. natürlich Pflicht vorgelegt zu werden, um überhaupt noch "beraten" zu werden. Ohne Geld kein neuer Personalausweis beim Ordnungsamt, und die Sparkasse fordert für die Auszüge der letzten 4 Monate inzwischen sage und schreibe 50 Euro Bearbeitungsgebühr von ihren Kunden, obwohl ein Knopfdruck auf dem Computer genügt, um sämtliche Geschäftsvorfälle mal eben auszudrucken. Seit dem das Bundessozialhilfegesetz ausgehebelt und stattdessen Hartz an diese Stelle getreten ist, sind solche "Notfälle" als Härtefälle nicht mehr eingeplant, womit sich Hartz am Abgrund der Verfassungsmäßigkeit bewegt. Es bedarf schon ganz konkreter Nachfrage beim Arbeitsamt mit Verweis auf das Grundgesetz Artikel 1 Absatz 2 unter Androhung von Presse bis man dort hektisch in Bewegung gerät und mit der heißen Nadel gestrickte "kleine Lösungen" angeboten bekommt. Dann wird mit dem Amtsleiter kommuniziert und getrickst, um mit der Ausstellung von Gutscheinen, die über soziale Träger ausgezahlt werden, schnell Geld flüssig zu machen, für das es eigentlich keine klaren Regelvorgaben mehr gibt. Manni weiß viel, aber das Grundgesetz hat er nicht gelesen, so hatte sich -- für ihn -- der Gang zum Arbeitsamt damit unverrichteter Dinge erledig, hätte er mich nicht um Hilfe gebeten. Sein eigentlicher Bewährungshelfer, der ihn dazu gezwungen hatte, sich dort zu melden, war jedenfalls mit der neuen Sachlage beim Arbeitsamt schlichtweg überfordert, und übte stattdessen weiter Druck auf Manni aus.
"Geld irgendwie besorgen"
"Er solle sich das Geld gefälligst - irgendwie - besorgen", aber einen guten, legalen Rat hatte er auch nicht für ihn. Irgendwie besorgt sich Manni nun die Kohle, denn er will ja schließlich nicht für 2 Jahre im Bau landen, weil er die Bewährungsauflagen nicht erfüllt hat. Hier an der Tischtennisplatte im Park, wo die besser betuchten Kids und Jugendlichen aus der Gesamtschule täglich vorbeikommen, um zum Schulbus zu gelangen, schien Manni der richtige Platz, um sich das Geld "irgendwie" zu besorgen. Manni träumt inzwischen sogar davon mal soviel Kohle zu haben, daß er selbst als Dealer einsteigen kann, um Turnpiece an die Schüler zu verkaufen, denn das hält er auf die Dauer für "cooler" als sie einfach nur abzuziehen. Manni verabschiedet sich von mir, und sagt zum Abschluss: "Du bist einer der wenigen Sozialfuzzys, die OK sind, denn Du hörst wenigstens mal zu."
Als er in den Schluchten der Hochhäuser verschwand, quälte mich tagelang die Frage, was ich ihm hätte sagen sollten und wie ich ihm helfen könnte. Ich wusste in diesem Moment nicht, womit ich ihn denn noch locken könnte sein Leben zu ändern, denn ihm Hoffnung auf eine vernünftig bezahlte Arbeit oder gar eine Ausbildungsstelle zu machen, wäre verlogen, und mich in den Kreis derer einzureihen, die ihm als sinnlosen Rat eine Schule oder 1 Euro Job empfehlen, hätte das Vertrauensverhältnis zwischen uns nachhaltig zerstört.
Einer muss schließlich dranbleiben
Es vergingen Tage bis ich für Manni einen wirklich "guten Ratschlag" hatte, derweil denen "da ganz oben" in der Politik alles scheißegal ist, so wie Manni, da ganz unten. Also rief ich beim Arbeitsamt an, was dort einen entsprechenden Wirbel auslöste, und man übergab ihm Tage später einen Gutschein, mit der er seinen Personalausweis und die 50 Euro bei der Sparkasse bezahlen konnte, damit er vom Arbeitsamt "beraten" wird.
An einer der Türen eines Sachbearbeiters im Arbeitsamt stand "Ich bin kein Täter, sondern auch nur Opfer", was mich hoffen lässt, dass auch dort immer noch Menschen arbeiten, die die Dinge nicht unkommentiert tun, die man von ihnen verlangt
Mit diesem Gedanken und der kleinen Geschichte über Manni würde ich Sie werte Leser/innen nun gerne alleine lassen. Ich versuche Manni derweil davon zu überzeugen, dass Teenager abzuziehen oder gar Haschisch zu verkaufen eine totale Scheißidee ist, die ich in meinem Revier definitiv nicht zulasse. Außerdem werde ich ihm ausführlich erklären, warum Kleindealerei sowieso ein schlechtes Geschäft ist, mit dem man gerade mal den Eigenbedarf gedeckt bekommt, was wiederum in keinem Verhältnis zu Risiko steht erwischt zu werden. Ihn auf den grundsätzlichen Zusammenhang einer fehlgeleiteten, verlogenen Drogenpolitik und seine darauf aufbauenden Denkstruktur hinzuweisen, werde ich sicherlich unterlassen. Damit würde ich ihn nur überfordern. Daß er derweil als legaler Schnorrer auf der Hohestraße oder als Altflaschensammler in der Innenstadt das Doppelte in der Stunde verdienen würde, sollte vorerst Denkanstoss genug sein... Ob Manni das allerdings versteht, mit seiner jungen Männlichkeit vereinbaren kann und meine dringende Mahnung ernst nimmt, gar weiterführende Ratschläge von mir annimmt... Wer weiß. Viel wichtiger ist aber im Moment, daß wenigstens Sie mich irgendwie verstanden haben.
Online-Flyer Nr. 62 vom 19.09.2006














