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Aktueller Online-Flyer vom 04. August 2020  

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Kommentar
Lust auf Russen-Krieg sinkt
Aber Heiko will zum Hindukusch
Von Ulrich Gellermann

In den NATO-Ländern wollen nur noch 38 Prozent der Bevölkerung den Kampf gegen die Russen aufnehmen, falls die NATO-Staaten von denen angegriffen würden. Das ermittelte eine Studie des halbwegs renommierten „Pew Research Center“. Das in Washington ansässige Institut hat die Befragung jüngst in 16 wichtigen NATO-Ländern durchgeführt. Und obwohl die durch nichts begründete Frage nach der Reaktion auf einen Angriff der Russen auf die NATO die sachliche Sorgfalt der Umfrage schwer in Zweifel zieht, entspricht die Technik der Erhebung den üblichen Standards. Man bekennt sogar, dass nur 53 Prozent der Befragten das Militärbündnis positiv beurteilen. Obwohl die Russen-Angriffs-Frage natürlich keine Frage ist, sondern der ideologische Hebel zur Meinungsmache. Denn obwohl sich der ursprünglich propagierte Sinn der NATO, den Westen vor den Kommunisten zu schützen, mangels sozialistischer Länder längst aufgelöst hat, haben die Russen den Sozialismus als Erbfeind abgelöst. Diese Behauptung muss immer und immer wieder in das Gehirn westlicher Medienkonsumenten gestanzt werden. Und sei es auch im Gewand einer Frage.

Angesichts schwindender Kriegsbegeisterung in den NATO-Ländern meldet sich der Geistes-Riese Heiko Maas von der Münchner Sicherheitskonferenz mit einem alten Schlager aus der Hitparade der Hysterie: Der frühere SPD-Verteidigungsminister Peter Struck habe zu Beginn des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr gesagt, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Maas weiter: „Man muss heute hinzufügen - auch im Irak, in Libyen und im Sahel.“ Atemlos wartet die Welt darauf, dass Maas die Bundeswehr zur Abwehr des Corona-Virus nach Wuhan entsenden will, um die deutsche Gesundheit dort zu verteidigen, von wo sie bedroht wird: Aus China. Der Riese Heiko wird solche Kriegsfantasien jedenfalls bis zum letzten Sozialdemokraten in die laue Medienluft blasen.

Deutlich modernere Schlachtplatten liefern in diesen Tagen die GRÜNEN: "Europa trägt eine Verantwortung für seine Nachbarschaft. Jedes Vakuum, das die Europäische Union in der Vergangenheit gelassen hat, haben andere militärisch ausgenutzt", erklärt Grünen-Chefin Annalena Baerbock feierlich und bewirbt sich mit diesem Satz tapfer um den Joschka-Fischer-Lügenpreis. Das Wort Europa ist die erste Lüge, denn die Dame meint natürlich die kleinere EU, meldet aber mit ihrem Wording mal eben einen imperialen Geländegewinn an. Das nächste Lügenwort ist "Verantwortung", diese längst zerschlissene Vokabel ist der Tarnmantel, hinter dem die GRÜNEN schon Verantwortung in Jugoslawien übernommen hatten, um einen NATO-Krieg zu rechtfertigen. EU-Staaten wie Frankreich im Verein mit Deutschland lassen allerdings kein Vakuum in ehemaligen Kolonial-Ländern wie Mali aufkommen. Obwohl wirklich niemand außerhalb der EU gedroht hatte, ein mögliches Vakuum dort militärisch zu nutzen. Ob das Vakuum im Gehirn der Frau Baerbock operabel ist, wagt niemand zu sagen.

Bekannt ist allerdings, dass sie mit ihrer Vakuum-Theorie den andauernden Libyenkrieg meint; jedenfalls weiß dies das ZDF, das der Dame zu ihrer Vakuum-These diese Überschrift spendierte: "Baerbock fordert mehr EU-Engagement in Libyen". Eine härtere Gangart in Libyen fordert auch der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger. Zwar sagt er "Es müssen nicht gleich Bomben fallen“, aber er spricht mit dem SPIEGEL über das "Versagen europäischer Außenpolitik". Nicht gleich? Aber doch sicher später. So treffen sich die NATO-Freunde von Regierung und grüner Opposition auf einem Schicksalsdampfer namens Europa, dessen Kapelle gern und immer wieder den Choral "Näher mein Gott zu Dir" spielt, das letzte Stück, das die Bordkapelle der Titanic intoniert hatte. Von Gott ist bisher keine Stellungnahme bekannt.

Der Schiffseigner, Donald Trump, geht sogar weit über Libyen hinaus: Die Nato solle vergrößert werden und den Nahen Osten aufnehmen, forderte der Mann jüngst. Er habe sogar den neuen Namen „Nato-ME (Middle East)“ dem Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg vorgeschlagen. Noch fehlt der Vorschlag von Trump, einen Israeli an die Spitze der NATO zu stellen. – Die Umfrage des „Pew Research Center“ zeigt, dass es in der Bevölkerung der NATO-Länder nicht an Vernunft mangelt. Weiter oben in der NATO-Hierarchie sieht es offenkundig anders aus. Statt Geld für Umfragen auszugeben, sollten die Kosten eher für eine Therapie eingesetzt werden. Dazu allerdings werden die Völker ihre Staatenlenker und jene, die sich dafür halten, zwingen müssen.


Erstveröffentlichung am 16. Februar 2020 bei rationalgalerie.de – Eine Plattform für Nachdenker und Vorläufer

Top-Foto:
Ulrich Gellermann (aus Video-Interview: deutsch.rt.com)


Online-Flyer Nr. 736  vom 19.02.2020



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