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Aktueller Online-Flyer vom 23. August 2019  

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Kommentar
Da war doch noch was
Geländewagentauglich
Von Harald Schauff

Geländewagen sind ursprünglich für unwegsamen Untergrund konzipiert, ‚Gelände‘ eben, unasphaltierte Sand- und Schotterpisten eingeschlossen, also da, wo es mehr rappelt und rumpelt denn rollt. Traditionell wird der Einsatz dieses Fahrzeugtyps eher in Gebirgen, Wüsten oder afrikanischen Savannen verortet, wo er an Löwen, Zebras und Giraffen vorbei schaukelt. Was haben derart schwere und gepanzerte Gefährte zur Erstürmung der freien Wildbahn und die ihnen nach empfundenen SUVs auf den ebenen, glatten Asphaltbahnen des mitteleuropäischen Großstadtdschungels verloren?

Nicht nur weitaus gewichtiger und massiger als normale PKW, verbrauchen sie auch mehr Kraftstoff und nebeln die Umwelt ungleich heftiger ein mit CO2, Feinstaub und Stickoxiden. Das hört sich wenig zukunftstauglich an, möchte man meinen. Ein Irrtum. Denn genau auf jene Zukunft möchten die Anschaffer dieser Ungetüme bestens vorbereitet sein. Sie erwarten nämlich von ihr, höchst ungemütlich und rumpelig zu werden. Dafür wollen sie gerüstet und gepanzert sein. Angefangen mit dem maroden Verkehrsnetz. Eine stetig wachsende Zahl von Bodenwellen und Schlaglöchern lässt immer mehr Straßen zu abenteuerlichen Buckelpisten verkommen. Zu selten erfahren jene Ausbesserung.

Für rumpeltaugliche SUVs kein Problem. Sie fahren noch oder erst recht, wenn es das letzte Stück Asphalt zerbröselt hat, die Fahr- endgültig zur Wildbahn verkommen ist. Es verhält sich genau umgekehrt zur Wildnis, die schon da war, bevor geländetaugliche Fahrzeuge darin auftauchten. In der Großstadt tuckern nun die Jeeps, Landrover, Landkreuzer und SUVs herum und warten bzw. sorgen dafür, dass sich der Zustand der Straßen ihnen anpasst, d.h. geländewagentauglich wird.

Die klobigen Parkraumfresser trotzen noch ganz anderen Widrigkeiten. Auch dem Klimawandel geschuldete Wetterkatastrophen können ihnen nichts anhaben: Mit ihren über 3 Tonnen wird sie so schnell kein Sturm fort blasen und kein Starkregen-Sturzbach fort reißen. Gut gepanzert halten sie auch schneeballgroßen Hagelkörnern stand. In ihrem Innenraum sitzen die Insassen so geborgen wie in einer Raumkapsel. Und bekommen von der Außenwelt eben so viel/ wenig mit. Gegen extreme Hitze hilft die Klimaanlage. Bei Frosteinbrüchen lässt sich die Sitzheizung einschalten. Auch deshalb rollen SUV-Fahrer der Zukunft furchtlos entgegen: Ein angewärmtes Hinterteil geht so schnell nicht auf Grundeis.

Trotz Antriebs von gestern, ein Drittel der klobigen Kreuzer fährt mit Diesel, reihen sich die SUVs in die Fahrspur von morgen ein. Ihre Kolonne rollt unaufhaltsam voran und vergrößert sich. Laut SPIEGEL (Nr.52, 22.12.2018) wuchs ihr Marktanteil zwischen 2007 und 2018 von rund 7,2 auf 27 %. Und damit ihr Platzbedarf: Inzwischen fordert der ADAC von Großstädten wie Hamburg größere Parkplätze für die Blechriesen.

Diese preschen mit Allradantrieb und aufgeblendeten Scheinwerfern in die düstere, rumpelige Zukunft vor. Gleichzeitig brettern sie hinein in die gehobenen bis abgehobenen PKW-Klassen. Nun gibt es sie auch zu Mondpreisen ab 170.000 Euro wie den Bentley Bentayga. Davor lag die Obergrenze bei 160.000. Endlich weiß die kaufkräftige Kundschaft, wo sie ihre überschüssigen Penunzen hinein pumpen kann: In die verstärkten Reifen des neuen Familienstolzmobils. Der bietet Familien, die sich ihn leisten können, nicht nur ein zweites sicheres Zuhause, sondern hat auch bei Statussymbolen die Kühlerhaube vorn. Und wehe dem, der es wagt, ihm bei seiner freien Fahrt in die Quere zu kommen...


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe Juni 2019, erschienen.


Online-Flyer Nr. 709  vom 12.06.2019



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