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Aktueller Online-Flyer vom 18. Juni 2019  

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Globales
Mali zwischen Terrorismus & Drogen-Mafia, ländlichem Aufruhr & sozialer Revolte
Djihadismus – Anstoß zum roll back
Von Georges Hallermayer

Vor dem Hintergrund geschrumpfter französischer Investitionen und eines massiv gesunkenen Handelsvolumen auf der einen Seite, den beachtlichen Infrastrukturinvestitionen Chinas und seit 2011 größter Handelspartner des Kontinents auf der anderen Seite, stand der französische Imperialismus vor der Herausforderung, eine Tendenzwende zu erzwingen und seine Dominanz (wieder) zur Geltung zu bringen. Der beispiellose Weg der VR China aus Armut, Abhängigkeit und Unterentwicklung gilt in Westafrika als Entwicklungsmodell, noch vor dem „american way of life“ und dem „Black Empowerment“ Südafrikas – in Mali (und Niger) sahen das für Europäer unvorstellbare 80 Prozent der Bevölkerung, in Nigeria sogar 83 Prozent“ (1) – eine geostrategische Herausforderung ersten Ranges. Schließlich läuft die West-Ost-Trasse in dem AU-China-Projekt zur Verbindung aller Hauptstädte durch Mali, das mit der VR China eine bis dato enge freundschaftliche Partnerschaft verband – von den Maßnahmen, die abgewickelt wurden, seien nur erwähnt die Universität von Kabala (2) oder die pharmazeutische Fabrik in Snankoroba (3).



Die panafrikanische Führungsmacht Libyen war kaum zerstört, da gab dem französischen Präsidenten Francois Hollande in Mali ein Militärputsch 2012 in der Hauptstadt Bamako, der gleichzeitige sezessionistische Aufstand der Tuaregs im Norden und die Invasion djihadistischer Gruppen, aus Libyen ins Land strömend, die Chance, der amtierenden Regierung „zuhilfe“ zu kommen: chronologisch Nr. 47 die Militärmission „Serval“, eine Modifizierung der 68er Blaupause, mit dem Präsident Mobido Keita gestürzt worden war. Wie der Senegalese Demba Moussa Dembele, der Vize-Präsident des renommierten internationalen Netzwerks Frantz Fanon schrieb, führe „der französische Staat unter dem Deckmantel des Antiterror-Kampfes eine Offensive zur Rekolonisierung von Mali“ (4).

Die Vereinten Nationen traten mit der Stabilisierungsmission MINUSMA in den Kampf ein. Um sich ihren eigenen Anteil zu sichern, sprang Deutschland über die Europäische Union mit „Ausbildungsmissionen“ (EUTEM, EUCAP) ein, an denen sich auch die Bundeswehr beteiligt.“ Ausbildung“ das neokoloniale Paradigma des alten kolonialen „zivilisatorischen Missionsgeistes“.

Zwei Jahre brauchte es, bis die von Präsident Holland ins Auge gefasste Unabhängigkeit Azawads vorläufig zu den Akten gelegt wurde: 2015 wurde in Algier mit aufständischen Tuareg-Gruppen ein Friedensvertrag geschlossen, „aufs lose Prinzip Hoffnung gestützt“ (5), auf dass der politische status quo gewahrt bleibe. Die Ausarbeitung eines Entwicklungsplans für die Regionen im aufsässigen Norden ließ weitere zwei Jahre auf sich warten, bis 3,35 Mrd. € für die folgenden 10 bis 15 Jahre versprochen werden konnten (6).

Welchen Feind bekämpfen? (7)

Die Grenzen zwischen Bündnispartnern, Djihadisten und afrikanischer Mafia sind fließend und mit Dollars geschmiert. In Zentralmali vermischt sich Djihadismus wie Boko Haram in Nigeria mit sozialer Revolte. Zum einen sind den blutigen Streitigkeiten um Land und Bodennutzung zwischen nomadisierenden Rinderzüchtern (Fulani/Peul) und ansässigen Ackerbauern (Dogon), aber auch innerethnischen Konflikten, im letzten Jahr die Hälfte der eintausend gezählten Toten (8) zum Opfer gefallen (9). Zum zweiten dienen traditionell handwerklich in Mali hergestellte Gewehre nicht nur dörflichen Heimwehren, sondern auch kriminellen Banden und Milizen, die sich mit Überfällen und Entführungen ihre Existenz sichern. Zum dritten sind Drogenschmuggler – perfekt getarnt unter Migranten und Djihadisten professionell organisierte, gut vernetzte Parasiten im Migrantenzug bis Marokko. (10) Entlang der Migrationsrouten über Mali und Algerien bis Tripolis wird in einer Kette von Drogen-Clans der Tuaregs, zum Teil in djihadistische Kampfverbände integriert - das aus Lateinamerika anlandende Kokain nach Europa geschmuggelt. Nach dem Bericht der UNO im letzten Jahr wurden in Marokko 2016 1,6 t Kokain beschlagnahmt und 803 Schmuggler verhaftet, 2017 waren es bereits 2,8 t Kokain und 1.053 Verhaftete. (11)

sich ausbreitende Unsicherheit - objektiv

Die Ergebnisse der Studie „Viel Militär, weniger Sicherheit“ von Charlotte Wiedemann (12), eine deutliche Kritik der militärischen Interventionspolitik. „Die Zonen der Unsicherheit breiten sich im Land immer weiter aus.“

Der bewaffnete Aufruhr hat sich trotz des Friedensvertrags 2015 immer weiter ausgebreitet. Geschätzte 3.000 Mann starke djihadistische Gruppen stehen ca. 15.000 malische, 3.000 französische, 3.000 europäische und 12.000 UNO-Soldaten gegenüber. (13) Der djihadistische Mordbrand zieht sich mittlerweile vom Norden bis in den Süden Malis durch, wie die US-UK-EU-gesponsorte ACLED Datenbank dokumentiert, und hat auch auf die Nachbarstaaten Niger und Burkina-Faso übergegriffen. (14) Die Intensität der djihadistischen Attacken stieg von 124 im Jahr 2017 um 50 % auf 192 im Jahr 2018, laut UNO sogar auf 237 (15) - Dabei hat sich die Zahl der zu beklagenden Todesopfer 2017 im Vergleich zu den Vorjahren mehr als verdoppelt (über 900) und im Jahr 2018 auf über 1000 gestiegen. Und die tödlichen Auseinandersetzungen haben sich vom Norden (Gao) mehr ins Zentrum (Mopti) verlagert.

Die djihadistische Guerilla greift mittlerweile nicht nur die Truppen der UN-Mission an. Bei einem Anschlag auf die französische Botschaft und das Hauptquartier der malischen Armee im März 2018 starben 16 Personen (16). Und Samstag Nacht am 23. Februar 2019 griff ein Pick-up einen Kontrollposten in Koulikoro (60 km nördlich von Bamako) (17) an, dem Sitz von EUTM, der vom deutschen Brigadegeneral Peter Miro befehligten, aus 600 Soldaten bestehende EU-Trainingsmission. Und neun malische Soldaten des G5-Sahel-Kontingents mussten am 1. März (18) im Zentrum des Landes durch eine Mine ihr Leben lassen wie sechs ihrer Kameraden am 12. März (19) Und ein Ende ist nicht abzusehen….

… und subjektiv

Wahlen, zwar verschoben, fanden statt Im August letzten Jahres. Von den 23 Kandidaten, die es sich leisten konnten, aus den Reihen der etwa 200 Parteien anzutreten, setzte sich der wiedergewählte Präsident Ibrahim Bubakar Keita durch. (Die Hälfte der Kandidaten-Kaution von 38.000 € wird bei über 5 % Stimmenanteil zurückerstattet. (20) IBK trat mit dem Versprechen an, den Friedensvertrag mit dem aufrührerischen Norden mit Leben zu füllen (21).

Gibt die Präsenz des ausländischen Militärs, also auch die Bundeswehr, der Bevölkerung das Gefühl der Sicherheit? wurde u.a. in dreijähriger Forschungsarbeit (22) Vertreter von Jugendorganisationen, Frauenverbänden und lokaler Behörden in allen Provinzen Malis (23) befragt. Als Ergebnis stellte Präsident Ibrahim Boubakar Keita am 31. Januar das „Weißbuch der Zivilgesellschaft für Frieden und Sicherheit in Mali“ vor. Erarbeitet wurde die Studie von dem renommierten Stockholmer Friedensinstitut SIPRI und Conascipal, der malischen „Nationalen Koalition für Frieden und gegen den Handel mit Handfeuerwaffen“ In den drei Nordprovinzen Timbouctou, Gao und Kidal sahen sich nur 15 % sicherer, während 85 Prozent dies verneinten. Auch in den Zentralprovinzen Mopti und Segou verneinten dies noch 60 Prozent. Nur in den bislang relativ sicheren Südprovinzen um die Hauptstadt Bamako fühlten sich die Bürger mit den ausländischen Truppen sicherer (24).

Die Fortsetzung des (beobachtenden) UN-Mandas MINUSMA ist politisch infrage gestellt. Nicht nur der 191 eigenen Todesopfer wegen (25). Die G5-Sahel-Truppe soll sie ersetzen, sobald die Finanzierung (50 Mio. € EU, 50 Mio. durch die 5 Sahel-Staaten, 60 Mio. USA, 100 Mio. Saudi-Arabien, VAR 30 Mio.) läuft. Das Hauptquartier in Sévaré (im Zentrum bei Mopti) wurde in Juni durch ein Attentat zerstört und in die Hauptstadt verlegt. Mit einem Budget von 1,3 Mrd. € versucht das Militär, Vertrauen in die Regierung zurückzugewinnen, indem es (wie das französische Militär in der Zentralafrikanischen Republik) Infrastruktur-Projekte (Schulbau, Krankenstationen etc.) realisiert (26). Innenpolitisch steigt der Druck, so forderte auch der gewerkschaftliche Dachverband UNTM den Abzug. „Die UN-Mission Minusma und die Dominanz internationaler Akteure bei Entscheidungen über malische Belange wird als Belastung gesehen… Den Dialog mit Djihadisten zu tabuisieren, wird als Diktat der europäischen Partner empfunden und trägt zum Gefühl der Entmündigung bei“ so Charlotte Wiedemann in ihrer Zusammenfassung (27).

Ein malischer General a. D., beschrieb für „Le Monde Diplomatique“ (28) ein mögliches Szenario nach einem Abzug ausländischer Truppen so: „Dann würden wir mit den Dschihadisten verhandeln, und wenn sie islamisches Recht einführen wollen, werden wir sehen, was genau das sein soll. Vielleicht ist es ja nicht schlecht. Die Dschihadisten wollen eine saubere Gerichtsbarkeit und haben in manchen Fragen recht.“ Ob und wie verhandelt werden kann und wie groß die Chance auf Erfolg ist, kann niemand vorhersagen. Aber die Bevölkerung erwartet immer dringender eine Lösung. „Man kann nicht alle Dschihadisten töten. Es gibt auch in Mali keine Alternative zu Verhandlungen“, sagt auch die Leiterin des Berliner Zentrums für internationale Friedenseinsätze, Almut Wieland-Karimi. Dass dies zuallererst eine Entscheidung der Malier sei, meine nun immerhin auch das Auswärtige Amt. (29)

failed state ...

Der Generalsekretär der UNO Gutierrez zeigte sich beunruhigt über das zähe Tempo der Umsetzung des Friedensvertrags (30). Die Installierung der staatlichen „Übergangsverwaltung“ in den nördlichen Regionen Kidal, Menaka,Tombouctou und Taoudenni verläuft zögerlich, wenngleich die Gouverneure ihre Arbeit aufgenommen haben. In 34 % der Lokalitäten, in einem Drittel des Nordens, ist nunmehr die staatliche Verwaltung präsent (wenngleich schwach und gefährdet) 3 % mehr als im Vorjahr. Das heißt, dass im überwiegenden Teil der riesigen Provinzen die traditionellen religiösen Stammesführer, wenn nicht die Djihadisten die staatliche Autorität ausüben (31), von staatlicher Souveränität kaum die Rede sein kann.

Der Prozess der Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration der Aufständischen ist über die Testphase kaum hinausgekommen: Nur 1600 Kämpfer von den 8000 Registrierten nehmen an dem Wiedereingliederungs-Programm teil (32). Die Ex-Rebellen der CMA suspendierten ihre Mitarbeit an der „Concertation“ mit der Regierung, damit ihre Kämpfer schneller in die regulären Streitkräfte integriert werden. (33)

Ministerin von der Leyen nahm bei ihrem Besuch im November „Malis Regierung in die Pflicht“. Nicht nur, weil Im Februar “versehentlich“ ein deutscher Konvoi beschossen und im Januar 10 MINUSMA-Soldaten getötet worden waren (34). Nur Steinchen im großen Mosaik imperialistischer Abhängigkeit sind die Projekte der Kreditanstalt für Wiederaufbau im Umfang von 285 Mio. € (35). Und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit koordiniert die Fortbildungs-Initiative der deutschen Großindustrie, das „fellowship programme 2019 – 1921“ „Afrika kommt“ auch für malische Führungskräfte. Die beiden deutschen Investitionsfonds „AfricaConnect“ für deutsche und europäische Unternehmen und „AfricaGrow“ für afrikanische Start-ups (36). – versprochen für 2019 – stehen noch auf dem Papier.

... am Tropf

2013 sprach das anvisierte Budget von 750 Millionen Euro, zur Hälfte mit Krediten finanziert, eine klare Sprache: 31 % fürs Militär, 31 % für den Staatsapparat, die Hälfte davon für die im nächsten Monat vorgesehenen Wahlen und den gleichen Betrag zur Ankurbelung der Privatwirtschaft. Aber nur 1 % für humanitäre Zwecke (Flüchtlinge, Kriegsopfer) und 8 % für die Bildung (37).

Die malischen Militärausgaben sind seit 2014 mit 181,1 Mio. US-$ exponentiell auf das Zweieinhalbfache angestiegen (455,8 Mio.$ 2017) (38), das Militär verbraucht damit bereits 3,05 % des Bruttosozialprodukts (39). Wirtschaftsminister Boubou Cissé selbst bestätigte in Interview, dass bis zum Jahr 2015 80 Prozent des Staatshaushalts fürs „Funktionieren“ gebraucht wurden, allerdings nunmehr 40 Prozent für Investitionen in die Infrastruktur, Häfen und Landwirtschaft bestimmt seien (40).

Dabei ist die öffentliche Verschuldung nach dem Bertelsmann Transformations-Index (BTI) von 26,4 % des BSP 2014 auf fast 40 % 2017 gestiegen. (41) Das jährliche Budgetdefizit von 18 % im Jahr 2018 (um 7,5 Mio.€ auf 573,6 Mio. € gestiegen) wird „durch ausländische Budgethilfen finanziert“, wie ganz offen die „Le Nouveau Reveil“ am 28. Sept. 2018 (42) berichtete. Der französische Premierministers Edouard Philippe, begleitet von Armeeministerin Florence Parly und Außenminister Jean-Yves Le Drian (43), brachten am 23. Februar mit 35 Mio. € Donation eine Tranche zur Stabilisierung des malischen Haushalts mit. (Was die deutsche Bundesregierung an „Budgethilfe“ beisteuert, wäre noch zu eruieren). Die im Schlepptau mitgereisten französischen Wirtschaftsbosse werden sich – wie üblich - ihren Teil davon und von den 85 Mio. € französischer Kredite zu sichern wissen (siehe unten).

Zivilgesellschaft – zum ersten Mal gefragt

Wo der Schuh wirklich drückt, zeigt das oben zitierte „Weißbuch für Frieden & Sicherheit in Mali“. Nicht der Mangel an Sicherheit wird in allen drei Zonen Malis als Hauptproblem genannt.-Die Arbeitslosigkeit ist das größte Problem für die Menschen im Norden, gefolgt von der unsicheren Lage durch bewaffnete Gruppierungen, danach kommt Armut, kein Zugang zu Strom oder Wasser und das „kriminelle“ Banditentum. Auch im Süden um die Hauptstadt ist die Arbeitslosigkeit das drängendste Problem, gefolgt von Armut, erst an dritter Stelle kommt der Mangel an Sicherheit durch den Konflikt im Norden, danach die Konflikte zwischen den Gemeinschaften (z.B. Rinder züchtende Nomaden und Ackerbauern) und die Unsicherheit, die kriminellen Aktivitäten oder dem Schmuggel (Drogen, Migranten) geschuldet sind (44). In den beiden Zentralprovinzen Mopti und Segou werden Infrastrukturmängel als Hauptproblem genannt, dann Schulen und Gesundheitseinrichtungen. An dritter Stelle der Zugang zu Wasser und Strom, dann das Auftreten von Krankheiten. Erst an letzter Stelle wird der Konflikt im Norden oder bewaffnete Gruppen aufgeführt. (45)

Den Djihadisten ist mit militärischen Mitteln allein nicht beizukommen, das wird immer offensichtlicher. Und daran wird auch die 10.000 Mann starke G5-Sahel-Truppe nichts ändern. Das hat die nigerianische Regierung, die sich an G5-Sahel nicht beteiligt, erkannt. Was gebraucht wird, sind Investitionen in die sozialökonomische Entwicklung - eine Perspektive für die junge Bevölkerung. Eine Woche vor der Präsidentschaftswahl kündigte Finanzminister Bobou Cissé eine „Entwicklungsstrategie für die Nordregionen“ an: über 10 Jahre sollen 3,35 Mrd. € in die öffentliche Verwaltung, öffentliche Dienstleistungen und die Infrastruktur investiert werden,10 Prozent seien schon gesichert. (46) Quod erat demonstrandum…

His masters voice

Das Jahr 2019 soll die Lösung aller Probleme bringen, sozusagen den gordischen Knoten multitasking durchzuschneiden: die Dominanz von Franceafrique nachhaltig gesichert - die größte Herausforderung wird die wirtschaftliche Entwicklung, Arbeitsplätze für die rapide wachsende junge Bevölkerung.- wenn nicht diese den Herrschenden einen Strich durch ihre Rechnung macht…

Siegesmeldungen sorgen für beruhigenden Optimismus: Die französische Militärministerin Florence Parly verkündete am 1. März, dass seit 2015 600 Terroristen getötet worden seien (47).

Die mehrmals verschobenen Parlamentswahlen stehen im Juni an, sie mit einem Referendum zu verbinden (wie sie Macron gegen die Gelbwesten-Bewegung ins Auge gefasst hatte), eine ausgeklügelte Taktik (48) der externen Berater. Die Regierung könnte im Referendum die Einrichtung eines 2-Kammer-Systems nach US-Vorbild und die geplante Neuzerschneidung des Staatsgebietes in Wahlkreisen absegnen lassen (49). Dazu sucht Staatspräsident IBK die Unterstützung der Oppositionsparteien, d.h. der angestammten Eliten (50) und nicht den Dialog mit der Bevölkerung (auch der muslimischen) wie es im „Weißbuch der Zivilgesellschaft für Frieden und Sicherheit in Mali“ in einem „neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Regierung und Bevölkerung“ (51) gefordert wird.

SADI, die 60.000 Mitglieder starke marxistisch-leninistische Partei der „Solidarite africaine pour la democratie et l’independence » - im Land mit 5 Parlamentsabgeordneten, 15 Bürgermeister und 267 Stadt- und Gemeinderäten verankert – protestierte und boykottiert bis auf weiteres die Parlamentsarbeit (52). Dem Boykott hat sich neben anderem die Oppositionsparteienbündnis Codem angeschlossen. (53) Der frühere Premierminister Moussa Mara (2014/15) kritisiert die Territorial-Reform als „den Karren vor die Ochsen zu spannen“ (54)

Die malische Regierung bewegt das hörbare soziale Rumoren (71,4 % der 18 Millionen Einwohner lebt unter der Armutsgrenze): Um einer Protestwelle wie in Frankreich oder im Sudan zuvorzukommen, stellt sie ein „gigantisches Programm der wirtschaftlichen Infrastruktur“ auf.

Bei leeren Kassen sollen über 10 Jahre verteilt 22,8 Mio. € in die Infrastruktur investiert werden, die Wirtschaft von Gold (75 % des Exports) und Baumwolle weniger abhängig machen. (13 industrielle Goldminen beschäftigen 11.000 Arbeiter – auf 350 Goldfeldern schürfen 500.000 handwerkelnde Kleinstunternehmer (55)). Diese für das Vorhaben äußerst bescheidene Summe soll offensichtlich als Anschubfinanzierung für private Partnerschaften dienen. Der Internationale Währungsfonds gibt jedenfalls grünes Licht „die ökonomische Performance Malis... im ganzen positiv“ (56) und die Weltbank Kredite (57): für den Notplan über 30 Mio. $ und Sanierung der neu aufgestellten Eisenbahnlinie Dakar-Bamako mit1 Mrd. $ - und weitere 27,8 Mio. US-$ für die Rehabilitierung des Flusses Niger. In 10 Jahren sollen 8.700 km Straßen und Autobahnen repariert und konstruiert, sechs Brücken (darunter die vierte in Bamako gegen Mautkonzession), drei Binnenhäfen, eine Wirtschaftszone und im Norden eine neue Stadt.

Man könnte meinen, der malische Präsident kommt gerade von einer Peking-Reise zurück. Doch weit gefehlt, Wirtschaftsminister Cisse wendet sich ausschließlich an Privatunternehmen und kündigt ihnen Steuersenkungen an (58), und Abdoulaye Pona, der Chef der mächtigen Bergwerks-Kammer (mit dem deutschen BDI vergleichbar) schließt expressis verbis eine chinesische Beteiligung aus (59). Wieviel die neue US-Agentur, nach Präsident Trump ein mit 60 Mrd. Dollars gefüllter Topf, an Krediten zuschießt, ist noch nicht öffentlich, ebenso wenig zu welchen Konditionen. Politische Bedingungen dürften überflüssig sein, die externen neoliberalen Berater haben in der letzten Legislaturperiode ganze Arbeit geleistet.

Jedenfalls, was die Eisenbahn betrifft, wurden die Weichen neu gestellt und die Chinesen ausgebootet. Die den Chinesen 2014 /2015 übertragenen Milliarden-Aufträge sind annulliert dank des Kollateralschadens, den die zwei Attentäter 2015 im Radison Blue Hotel verursachten: Die Ermordung der beiden für Afrika verantwortlichen Topmanager der chinesischen Staatsunternehmen für Straßen-, Brücken- und Eisenbahnbau. Nachdem Wochen zuvor 5 chinesische Eisenbahnarbeiter getötet worden waren, wurden Sicherheitsgarantien verlangt. (Dadurch verzögerte sich auch die Einrichtung eines Confucius Instituts an der Universität in Bamako, das erst am 30. Juni 2018 eingeweiht werden konnte (60)). Im Gefolge diplomatischer Verwicklungen zwischen Senegal und Mali wurde die gemeinsame Eisenbahngesellschaft Transrail im letzten Jahr liquidiert und eine neue DBF (Dakar-Bamako Ferroviaire) mit neuem Management gegründet. Die seit 12 Monaten streikenden Eisenbahner sollen mit zwei bzw. drei Monatsgehälter abgespeist werden. (61)

Wirtschaftsminister Boubou Cisse spricht von 4.740 km neuer Bahnstrecke, davon 3240 km in Mali: Die Hauptverbindung von Dakar (Senegal) bis Bamako, von dort nach Süden zum zweitgrößten Tiefseehafen von Cote d’Ivoire San Pedro (unterstützt von der westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion UEMOA). Die dritte Achse in Richtung Westen soll Bamako mit dem Tiefseehafen von Conacry (Guinea) verbinden, die vierte Nordmali erschließen von Bamako nach Kidal über Mopti, Timbouctou und Gao). (62)

Es versteht sich, dass die anvisierten Häfen unter der Kontrolle des französischen Medienmoguls Bollore stehen. 14 Mrd. Dollar soll das ambitionierte Projekt kosten. Der Chef des mächtigen Unternehmerverbandes favorisiert französische Unternehmen, aber geht mit dem Chef des US-Multis Railnet International zum Regierungschef, Premierminister Soumeylou Boubeye Maiga, mit dem malischen international tätigen Ingenieurbüro CIRA SA in Begleitung, das von Railnet und der malischen Bergbaukammer mit der Durchführbarkeitsstudie beauftragt ist (63).


Fußnoten:

1 Africa Times 27. Okt. 2016 : « poll africans are looking east to china for development model” Jeff Brown: „China is Communist. Damn it!” Jakarta 2017
AIDDATA Working Paper 64 September 2018: “Connective Financing: Chinese Infrastructure Projects and the Diffusion of Economic Activity in Developing Countries”, Conclusions S. 30 ff.
2 Malinet 13. März 2019 : “Cite universitaire de Kabala: Le joyau pet a accueillir ses locataires »
3 Allafrica 22. Mai 2018: Mali. Usine de produits pharmaceutiques de Sanankoroba – 30 milliards de F CFA pour la realisation de cette infrastructure »
4 Humanite 17. Mai 2013: «Sous le manteau de la lutte antiterroriste, les autorités françaises mènent une offensive de recolonisation au Mali»
5 Deutschlandfunk 20. Juni 2015: “Ein Friedensvertrag, gestützt auf lose Hoffnungen“
6 Jeune Afrique 26. Juli 2017 : Mali : 3,35 milliards d’euros promis pour le developpement des regions du Nord »
7 L’Afrique Reelle Nr. 110, Februar 2019. S. 2 - 10
8 SIPRI 31. Jan. 2019: „Livre Blanc de la societe civile pour la paix et la securite au Mali », S.13
https://reliefweb.int/report/mali/livre-blanc-de-la-soci-t-civile-pour-la-paix-et-la-s-curit-au-mali
9 Le Parisien 1. Jan. 2019 : « Mali : 37 morts dans lÄatagque d’un village peul »
10 L‘Humanite 21. Nov. 2018 : « Afrique de l’ouest. Au Mali, les derives de la lutte antiterroriste »
11 Jeune Afrique 20. März 2019: „Maroc: la nouvelle route de la cocaine »
12 Charlotte Wiedemann: „Viel Militär, weniger Sicherheit. Mali – fünf Jahre nach Beginn der Intervention“. Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) Januar 2018, 27 Seiten
13 Afrique.le360 12. Febr. 2018: „malgre 15.000 agents des forces etrangeres l’insecurite gagne du terrain »
14 Jeune Afrique 25. Febr. 2019 : « Comment le jihad armé se diffuse au Sahel »
15 Jeune Afrique 17. März 2019 : « Mali : l’attaque du camp militaire de Dioura fait 21 morts »
16 Deutsche Welle 1. März 2019: „Flintlock": Afrikas Armeen üben in der Wüste Burkina Fasos“
17 Journal du Cameroun 24. Febr. 2019 : « Mali : deux présumés terroristes tués prés de Bamako »
18 France 24 2. März 2019 : neuf soldat malien du G5-Sahel mort par une mine dans le centre »
19 France 24 13. März 2019 : « Au moins six militaires tue d’ mine mardi »
20 Jeune Afrique: 3. Jan. 2019: „[Infographie] Combien coûte une candidature à une présidentielle en Afrique subsaharienne »
21 SIPRI 31. Jan. 2019: „Livre Blanc de la societe civile pour la paix et la securite au Mali , S. 13
22 abamako 14. März 2017: „Paix et Sécurité au Mali : La société civile fait le point sur sa contribution »
23 SIPRI 31. Jan. 2019: „Livre Blanc de la societe civile pour la paix et la securite au Mali »
https://reliefweb.int/report/mali/livre-blanc-de-la-soci-t-civile-pour-la-paix-et-la-s-curit-au-mali
24 SIPRI 31. Jan. 2019: „Livre Blanc de la societe civile pour la paix et la securite au Mali », S. 23
25 Deutsche Welle 22. März 2019: „MINUSMA im Kapf um Malis Zukunft“
26 Jeune Afrique 20. März 2019: Force conjointe du G% Sahel : « Nous devons gagner la confiance des civils »
27 SIPRI 31. Jan. 2019: „Livre Blanc de la societe civile pour la paix et la securite au Mali », S.3
28 Le Monde Diplomatique 12. April 2018 : « Mit Dschihadisten verhandeln ? »
29 Le Monde Diplomatique 12. April 2018 : « Mit Dschihadisten verhandeln ? »
30 Jeune Afrique 28. Jan. 2019: „Mali: pourquoi la mise en oeuvre de l’accord de paix avance si lentement » Jeune Afrique 17. März 2019 : « Mali : Sékou Allaye Bolly, le commerçant peul qui voulait réintégrer les anciens jihadistes »
31 Charlotte Wiedemann: „Viel Militär, weniger Sicherheit. Mali-fünf Jahre nach Beginn der Intervention“ Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) Jan. 2018 27. S.
32 Jeune Afrique 28. Jan. 2019: „Mali: pourquoi la mise en oeuvre de l’accord de paix avance si lentement »
33 Jeune Afrique 21. März 2019: „Redéploiement de l’armée au Mali : les ex-rebelles de la CMA font pression sur Bamako »
34 Deutsche Welle 17. Febr. 2019: „Bundeswehr-Soldaten in Mali beschossen“
35 Deutsche Welle 12. Nov. 2018: „Von der Leyen in Mali: „Die Regierung muss mehr Verantwortung übernehmen“
36 Deutsche Welle 14. Jan. 2019: „Was steckt hinter dem deutschen Milliardenfonds für Afrika?“
37 Plan_du_Relance_Durabable_du_8_avril_2013.pdf.
38 https://tradingeconomics.com/mali/militaryexpenditure
39 https://www.statista.com/statics/810493/ratio-of-military-expenditure-to-gross-domestic-produktgdpmali/
40 Jeune Afrique 19. März 2019: “Mali – Boubou Cissé, ministre de l’economie : « Nous continuerons a reduire les impots des entreprises »
41 BTI 2018 Country Report Mali. BTI_2018_Mali.pdf
42 Le Nouveau Reveil 28. Sept. 2018 : « Mali : Budget d’État-2019 : IBK dépensera plus de 5 milliards par jour »
43 Malibuzz TV 24. Febr. 2019: Visite du Premier ministre francais Edouard Philippe au Mali : Un coup de fouet a la cooperation franco-malienne »
44 SIPRI 31. Jan. 2019: „Livre Blanc de la societe civile pour la paix et la securite au Mali , S. 9
45 SIPRI 31. Jan. 2019: „Livre Blanc de la societe civile pour la paix et la securite au Mali »S. 9
46 Jeune Afrique 26. Juli 2017: „Mali : 3,35 milliards d’euros promis pour le développement des régions du Nord »
47 Le360afrique 1. März 2019: "http://afrique.le360.ma/mali/societe/2019/02/28/25278-sahel-plus-de-600-terroristes-neutralises-par-larmee-francaise-depuis-2015-25278
48 Jeune Afrique 19. März 2019 : « Mali : les nouveaux equilibres de la scene politique a la veille des legislatives »
49 Jeune Afrique 20. März 2019 : « (Tribune) La reforme territoriale au Mali, ou l’art de mettre la charrue avant les boeufs »
50 Jeune Afrique 18. März 2019: „Mali : IBK en quete de consensus sur la revision de la Constitution »
51 SIPRI 31. Jan. 2019: „Livre Blanc de la societe civile pour la paix et la securite au Mali », S.13
https://reliefweb.int/report/mali/livre-blanc-de-la-soci-t-civile-pour-la-paix-et-la-s-curit-au-mali, S. 32
52 Mali actu 7. Sept. 2019 : Mali : Elaboration de la loi electorale : Le parte SADI denonce le caractere noninclusiv du processus »
53 Jeune Afrique 1. März 2019 : « Mali : comment Housseini Amion Guindo, ex-ministre de l’Éducation d’IBK, a refait parler de lui »
54 Jeune Afrique 20. März 2019 : « (Tribune) La reforme territoriale au Mali, ou l’art de mettre la charrue avant les boeufs »
55 Jeune Afrique 21. März 2019 : « Industries extractives au Mali : une filiere en or »
56 Jeune Afrique Nr. 3036 17. März 2019, S. 125 :
57 Jeune Afrique 18. März 2019: „Mali : pas d’avancée sans le privé »
58 Jeune Afrique 19. März 2019 : « Mali – Boubou Cissé, ministre de l’Economie : « Nous continuerons à reduire les impots des entreprises »
59 Jeune Afrique 20. März 2019 : « Un projet ferroviaire pour désenclaver le Mali »
60 Yunnan Gateway 2. Juli 2018 : « SFU, Mali unveil Confucius Institute »
61 Jeune afrique 20. März 2019 : « Un projet ferroviaire pour desenclaver le Mali »
62 Jeune Afrique Nr. 3036 vom 17. März 2019 : « Mali. Le sursaut »,S. 136 « Des trains nommes desir »
63 Sahel-elite 27 Febr. 2019: „Mali/Transport: le developpement des Chemins de fer en marche » Jeune Afrique 20. März 2019 : « Un projet ferroviaire pour desenclaver le Mali »

Online-Flyer Nr. 699  vom 03.04.2019

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