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Aktueller Online-Flyer vom 25. August 2019  

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Kommentar
Macron: "Über Gräber – vorwärts!“
100 Jahre Erster Weltkrieg
Von Ulrich Gellermann

Rund hundert Jahre ist der Erste Weltkrieg vorbei. Und im Bundestag erinnerte man an das Ende des mörderischen Schlachtens. Mit dabei: Emmanuel Macron, der „chef des armées“, der französische Staatspräsident. Immerhin wüten 6.800 französische Soldaten in Zentral- und Westafrika, um das koloniale Erbe tapfer gegen die Eingeborenen zu verteidigen. Denn die, so muss man vermuten, wollen tatsächlich ihre Rohstoffe selbst verwerten und sie nicht den französischen Konzernen freiwillig überlassen. Untertänigst darf die Bundeswehr in Mali bei dieser postkolonialen Aktion mitwirken: Gegen Sinn, Verstand und Grundgesetz beteiligt sich die deutsche Armee an der französischen "Anti-Terror-Operation Barkhane". Davon zur Gedenkfeier im Bundestag kein Wort. Aktuelle Tote stören nur, wenn man den längst Verstorbenen gedenkt.

Eilfertig hat das ZDF Macrons Rede als "historisch" überbewertet. Die hohle Phraseologie des smarten Männchen aus Paris bewährte sich vor allem im Aussparen: Wann immer er wohltönend von "Europa" sprach, war immer nur die Europäische Union gemeint. Staaten wie Russland liegen dem Eliteschüler wohl außerhalb jenes Tellerrandes, der die Grenze zwischen Krieg und Frieden markiert: Wer ein Land wie Russland ignoriert, der will es zum Feind erklären. Erst jüngst forderte Macron, assistiert von Angela Merkel: Europa müsse mehr Verantwortung für seine Verteidigung und seine Sicherheit übernehmen, es brauche eine größere europäische Souveränität. "Dieser Kampf ist nicht gewonnen, dieser Kampf wird nie gewonnen sein". Und so viel Kampf löste dann bei Frau Merkel auch prompt fatale Träume aus: "Wir sollten an der Vision arbeiten, eines Tages auch eine echte europäische Armee zu schaffen", sagte die Dame in einer Rede im Europaparlament in Straßburg.

So hangelte sich Macron dann im Bundestag von Gemeinplatz zu Gemeinplatz, immer schön die deutsch-französischen Gemeinsamkeiten beschwörend und wie nebenbei Goethe zitierend: "Und so, über Gräber vorwärts". Dass dieses Zitat auch schon von Hans von Seeckt, Generaloberst, und von 1920 bis 1926 Chef der Heeresleitung der Reichswehr, missbraucht worden war, wusste sein Redenschreiber offenkundig nicht. Tatsächlich aber unterstrich es eine Rede, die über die neuen Gräber in Afrika gut zu schweigen wusste und die alten in Verdun oder im Hürtgenwald nur als Staffage für ein fabuliertes neues Europa benutzte.

Macron und Merkel erleben zurzeit schlechte Umfragewerte. In solchen Zeiten macht sich ein bisschen Militär als Dekoration immer gut. Das muss auch der Präsident des "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" Wolfgang Schneiderhan gedacht haben, der sich bei den im Bundestag anwesenden Soldaten für die Unterstützung des "Volksbund" bedankte. Tatsächlich schaufelt die Bundeswehr fleißig an neuen Kriegsgräbern. In Afghanistan und anderswo. Über Gräber vorwärts, zu neuen Untaten.


Erstveröffentlichung am 19. November 2018 bei rationalgalerie.de – Eine Plattform für Nachdenker und Vorläufer

Top-Foto:
Ulrich Gellermann (aus Video-Interview: deutsch.rt.com)


Online-Flyer Nr. 683  vom 21.11.2018

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