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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2018  

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Globales
Präsident Abbas'''' missverständliche Rede
Für Israel und Freunde ein gefundenes Fressen
Von Arn Strohmeyer

Es war in Teilen eine wirre, unausgegorene und deshalb verunglückte Rede, die Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas in der vergangenen Woche auf dem palästinensischen Nationalkongress in Ramallah gehalten hat. Dass westliche Medien und Politiker (vor allem die Israels) nur darauf gelauert hatten, dass Abbas ein falsches Wort entwischen würde, das also als „Antisemitismus“ oder „Holocaustleugnung“ ausgelegt werden konnte, war klar. Und der alte Palästinenserführer war unvorsichtig genug, sich auf dieses politische Glatteis zu begeben. Und so tappte er in die von ihm selbst gestellte Falle, weil seine Worte so vage, nicht eindeutig und streckenweise so missverständlich waren. Und die Öffentlichkeitsarbeit der palästinensischen Autonomiebehörde (PA) war obendrein so schlecht, dass man vergeblich auf eine Klarstellung des Gesagten wartete. Lange Zeit konnte man von offizieller Seite nicht erfahren, was er denn nun wirklich gesagt hatte und war auf fragwürdige Agenturtexte und Übersetzungen seiner Rede von Privatleuten angewiesen. Die wichtigste Frage, die sich stellte, war: War diese Rede wirklich „antisemitisch“ und hatte Abbas den Holocaust geleugnet?

Den Übersetzungen zufolge hat Abbas sich auf drei jüdische Autoren bezogen: Karl Marx, Arthur Koestler und Isaac Deutscher, die konstatiert hätten, dass der Judenhass keine religiösen Gründe gehabt, sondern im Geld- und Finanzgebaren der Juden seine Wurzeln gehabt habe. Ohne im Einzelnen auf diese drei Autoren eingehen zu können, ist diese Aussage historisch nicht korrekt, denn im ganzen Mittelalter hat es sehr wohl einen religiösen Judenhass gegeben, weil die Juden als Jesus-Mörder angesehen wurden und die Kirche das Judentum als religiöse Konkurrenz empfand. Man denke nur an Martin Luthers fanatischen Judenhass. Der Reformator rief sogar dazu auf, sie umzubringen. Ein weiteres Beispiel: Unter dem spanischen Königspaar Ferdinand und Isabella mussten die Juden im 15. Jahrhundert ihrer Religion abschwören und wurden selbst dann noch von der Inquisition verfolgt, weil diese behauptete, dass die Juden ihre Religion im Geheimen weiter ausübten. Es gibt noch viele Beispiele für Judenhass aus religiösen Gründen.

Bei der Aussage von Abbas (wieder mit Bezug auf die drei genannten Autoren), dass der Hass auf Juden mit ihrer Rolle im Geldwesen zusammenhänge, liegt er ja nicht ganz falsch. Wer da gleich „Antisemitismus“ schreit, zeigt nur historische Unkenntnis. Allerdings muss man an dieser Stelle berücksichtigen, dass es zwei grundverschiedene Definitionen von Antisemitismus gibt. Die eine Richtung erklärt ihn aus der Geschichte heraus. Danach sind Juden nicht wegen ihrer „Rasse“, ihrer Kultur oder ihrer Position als Minderheit primär verfolgt worden, sondern aufgrund ökonomischer Bedingungen. So schreibt der deutsche Soziologe Walter Hollstein: „Bis zum Aufkommen des Kapitalismus war den Juden eine Vorrangstellung in der Zirkulations- und Handelssphäre eingeräumt. In der feudalistischen Epoche hatte das jüdische ‚Handels- und Wucherkapital große Ausdehnungsmöglichkeiten‘“.

Was ja auch nicht verwundert und eher aus der Not geboren war, weil den Juden der Zugang zu den meisten Berufen versagt war – etwa Landwirtschaft, Handwerk usw. Hollstein schreibt weiter: „Die Juden erfüllten in der Zirkulationssphäre konkrete Funktionen zur Aufrechterhaltung der mittelalterlichen Gesellschaft und wurden deshalb nicht umsonst von Königen und Adel beschützt. Das Aufkommen des Kapitalismus und die damit verbundene Verwandlung aller Klassen in Produzenten von Tauschwerten (und nicht mehr nur Gebrauchswerten) und Geldbesitzer beendigte notwendigerweise die Vorrangstellung der Juden in der Zirkulationssphäre. Durch die Entwicklung der Städte und einer einheimischen Handelsklasse werden die Juden völlig aus dem Handel verdrängt. Sie werden zu Wucherern, deren hauptsächliche Kundschaft Adelige und Könige sind.“

Und weiter: „Der relative Überfluss an Geld erlaubt es, dem Adel, das Joch der Wucherer abzuschütteln. Die Juden werden nach und nach aus allen Ländern vertrieben. Einige assimilieren sich und gehen in der einheimischen Bourgeoisie auf. In einigen Städten, vor allem in Deutschland und Italien, beschäftigen sich die Juden hauptsächlich damit, dem Volk, vor allem Bauern und Handwerkern, Kredite zu geben. Zu kleinen Wucherern abgesunken, (…) werden die Juden oft zu Opfern blutiger Aufstände. Im Allgemeinen ist der mittelalterliche Kapitalismus die Periode der grausamsten Judenverfolgungen.“ In Osteuropa, schreibt Hollstein weiter, habe der mittelalterliche Kapitalismus so gut wie nicht existiert, weil es dort keine Trennung zwischen Kaufmanns- und Wucherkapital gegeben habe. Dort seien die Juden vor allem Kaufleute und Zwischenhändler gewesen. Während sie aus Westeuropa verdrängt worden seien, hätten sie im Osten Europas ihre Position festigen können. Das sind historische Fakten zum Verständnis des Antisemitismus, wenn auch keine Gründe für Antisemitismus.

Antisemitismus: ewig, unvergänglich und geschichtslos?

Den hier genannten historischen Gründen für Antisemitismus steht die Auffassung der Zionisten gegenüber: Der Antisemitismus habe nichts mit historischen Umständen zu tun: Er ist ewig, unvergänglich und geschichtslos, er ist ein beständiges Charakteristikum der menschlichen Natur. Der Zionist Leo Pinsker ging so weit, den Antisemitismus für eine Psychose zu halten, die er für unheilbar und sogar für vererbbar erklärte. Die Zionisten leiten aus diesem Antisemitismus-Begriff ihre Absicht ab, in Palästina ihren eigenen Nationalstaat zu schaffen, weil nur so der Judenhass umgangen werden könne. Dass Zionismus und Antisemitismus sich komplementär ergänzen, ist auch kein Geheimnis: Denn der Judenhass des letzteren fördert den Nationalismus und Zusammenhalt des ersteren. Zudem sorgt Antisemitismus dafür, dass mehr Juden nach Israel auswandern.

Für die israelische Politik hat dieser ahistorische Antisemitismus-Begriff den Vorteil, dass sie sich bei allem, was sie tut, aus der Verantwortung stehlen kann. Denn schuld sind ja immer die „anderen“, eben die „Antisemiten“. Ein solcher Antisemitismus-Begriff entlastet Israel auch davon, (darauf weist der israelische Journalist Gideon Levy in einer Reaktion auf die Abbas-Rede hin), sich für seine Verbrechen an den Palästinensern zu entschuldigen. Immerhin hat sich Abbas für seine halbwahren und missverständlichen Äußerungen entschuldigt.

Gideon Levy schreibt über Israel wörtlich: „Eine Nation, die nicht aufgehört hat zu besetzen, zu zerstören und zu töten, und nie daran gedacht hat, sich für irgendetwas zu entschuldigen, bringt ihre Opfer dazu, sich für einen miesen Satz ihres Anführers zu entschuldigen. (…) Abbas ist viel weniger ein Holocaust-Leugner als Israel ein Leugner der Nakba ist. Aber es ist erlaubt, die Nakba zu leugnen, in der Tat ist es ein Muss in Israel, und es ist zu Recht verboten, den Holocaust zu leugnen. Die Tatsache, dass der Holocaust viel schrecklicher war als die Nakba, legitimiert nicht die Leugnung der Katastrophe des anderen, die niemals endet.“

Auch dass die israelische Politik gegenüber den Palästinensern heute selbst eine der Hauptursachen für Hass auf Juden in der Welt ist, kann man mit diesem Antisemitismus-Begriff von sich weisen und eben auf den „ewigen Antisemitismus“ der anderen verweisen. Dieser zionistische und völlig undifferenzierte Antisemitismusbegriff wird in der westlichen Welt kritiklos übernommen und vertreten, und nur so kann man ihn bei jeder Kritik an der israelischen Politik als Vorwurf erheben, auch und gerade gegenüber Abbas und den Palästinensern.

Der Antisemitismus-Begriff der NS-Ideologie hatte beides zum Inhalt: eine pseudowissenschaftliche Rassenlehre und Verschwörungstheorien von einem die „Welt beherrschenden Finanzjudentum“. Man muss Abbas vorwerfen, sich gerade angesichts dieser gefährlichen Begriffssprache ungenau und missverständlich ausgedrückt zu haben. Hier hätte es einer klaren und eindeutigen Distanzierung bedurft, um nicht in den Verdacht schlimmer ideologischer Abgründe zu geraten. Dass er den Holocaust geleugnet hat, ist unsinnig, er hat offenbar (so ganz klar wird das aus den Übersetzungen nicht) nicht exakt die korrekten Ursachen für dieses Mega-Verbrechen genannt oder es in einen historisch unkorrekten Zusammenhang gestellt. Aber das ist ja keine Leugnung.

Die Vorwürfe, die man Abbas machen kann, gelten umgekehrt auch für die westlichen Medien und die westliche Politik – speziell die Israels. Da reicht eine ungenaue und in der Tat zu vage Aussage zu dem Themenkomplex Antisemitismus und Holocaust, und schon spult die proisraelische Propagandamaschine ihre immer gleichen Stereotypen ab: Hier die Guten und dort die Bösen. Differenzierung, Gebrauch einer exakten Begriffssprache sowie ein korrekter Blick auf die Geschichte sind dabei nicht gefragt. Israel kamen die unglückliche Aussagen von Abbas zudem gerade recht, um von seinen Massakern an friedlichen und unbewaffneten Demonstranten an der Grenze zum Gazastreifen abzulenken, die inzwischen über 50 Tote und Tausende von Verletzten gefordert haben. Ja, Abbas unglückliche Rede ist sogar geeignet, diese Massaker noch zu rechtfertigen, sind die Palästinenser doch alle „Antisemiten“ und „Terroristen“.

Ideologische Einseitigkeit der westlichen Mainstream-Medien

Der ganze Vorgang erinnert stark an Ausführungen des früheren iranischen Präsidenten Ahmadinejad vor einigen Jahren. Er hatte auf einer Pressekonferenz einen Blick in die Geschichte geworfen und angemerkt, dass das zionistische Regime, das Millionen Palästinenser unterdrücke, „genauso aus den Büchern der Geschichte verschwinden“ werde wie das Apartheidregime in Südafrika und die Sowjetunion. Ahmadinejad hat weder gesagt, wie das geschehen soll noch hat er ein Subjekt genannt, wer hier angeblich vernichten will. Westliche Medien machten aus seiner Aussage aber sofort: Der Iran will Israel vernichten! Sie behaupten das bis heute. Dass der Iran gar nicht die militärischen Kapazitäten besitzt, das zu tun, und dass Israels Ministerpräsident umgekehrt ständig mit einem Präventionskrieg auf den Iran droht – wen interessiert das schon? Das ist ein sehr schöner Beleg für die ideologische Einseitigkeit der westlichen Mainstream-Medien – Lückenpresse eben.

Online-Flyer Nr. 658  vom 09.05.2018

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Von Kostas Koufogiorgos
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