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Aktueller Online-Flyer vom 22. September 2017  

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Globales
Besuch von US-Präsident Donald Trump in Polen
Ein neues "Wunder an der Weichsel"?
Von Wolfgang Effenberger

Vor dem Denkmal für den Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg – damals halfen amerikanische Piloten den polnischen Aufständischen – huldigten jubelnde Polen US-Präsident Trump (1), der sich mit der Aussage „Das amerikanische Volk liebt Polen“ (2) die Sympathien sicherte. Im Vorfeld hieß es dazu aus dem Weißen Haus, der erste bilaterale Besuch in Europa diene dazu, „Amerikas unerschütterliches Bekenntnis zu einem unserer engsten europäischen Verbündeten zu bekräftigen“ (3), und die Bedeutung zu unterstreichen, die die US-Regierung der „Stärkung der gemeinschaftlichen Verteidigung“ durch die Nato beimesse.

Trump: "Polen ist das Herz Europas"

Die polnische Regierung verspricht sich von Trump, dass er Polen gegen die - angeblich von Deutschland dominierte - EU den Rücken stärkt, vor allem gegen Merkels Flüchtlingspolitik. (4) Polen will keine Flüchtlinge aufnehmen. In seiner denkwürdigen Rede zeichnet Trump, mit „Donald Trump, Donald Trump“-Rufen begeistert gefeiert, die Geschichte Polens, welches von Russland und Deutschland zerrieben worden sei, als ein leuchtendes Beispiel für die Widerstandsfähigkeit der westlichen Zivilisation. Die Verklärung Polens gipfelte dann in dem Statement: „Polen ist das Herz Europas“ (5).

In der Tat: Bereits 1361 wurden das Königreich Polen und das Großfürstentum Litauen zusammengeführt. (6) 1604 drangen polnisch-litauische Truppen bis nach Moskau vor ("Zeit der Wirren"). 1618 umfasste das polnisch-litauische Gebiet in der größten territorialen Ausdehnung seiner Geschichte den größten Teil des Staatsgebiets des heutigen Polen, das heutige Litauen, Lettland und Weißrussland sowie Teile des heutigen Russland, Estland, Moldawien, Rumänien und der Ukraine. Zwischen 1772 und 1795 wurde dieses riesige Gebiet zwischen Russland, Preußen und Österreich-Ungarn aufgeteilt.

Um Preußen vollständig zu bezwingen, gründete Napoleon 1806 einen von Frankreich abhängigen Rumpfstaat (7), der bis zur Auflösung 1795 noch zum Königreich Polen gehört hatte. 1916, nach militärischem Raumgewinn im Osten, proklamierten die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn im November 1916 die Gründung eines selbstständigen Königreichs Polen (Zweikaisermanifest) aus zuvor russischen Gebieten. (8) Damit wurden die Friedensverhandlungen mit Zar Nikolaus II. und Rasputin unmöglich gemacht, die keinen polnischen Staat mehr dulden wollten.

Mit Kriegsende 1918 entstand auf dem Gebiet des Königreichs Polen die "Zweite Polnische Republik". Diese begann unverzüglich, die Nachbarn mit Krieg zu überziehen. Gehalten hat sich aber nur der Mythos vom "Wunder an der Weichsel": Mitte August 1920 stand der sowjetische Reitergeneral Michail Tuchatschewski mit seiner Armee vor den Toren Warschaus. Mit Unterstützung Frankreichs führte Marschall Jósef Pilsudski den Gegenangriff und drängte die sowjetischen Kräfte bis weit in die Ukraine zurück. Der anschließend in Riga (18.3.1921) erzwungene Friedensschluss (die Sowjets waren durch die Konterrevolution geschwächt) verlegte die am 8. 12. 1919 festgelegte polnisch-russische Grenze ("Curzon-Linie") um ca. 200 km nach Osten. Die Bevölkerung zwischen alten und der nun neuen polnisch-russischen Ostgrenze umfasste etwa 6 Millionen Ukrainer und Weißrussen, etwa 1,4 Millionen Juden und nur etwa 1,5 Millionen Polen.(9) In dem Narrativ vom "Wunder an der Weichsel" wird unterschlagen, dass Ende 1919 die polnischen Truppen unter Marschall Pilsudski und die sie unterstützenden ausländischen militärischen Verbände bis nach Kiew vorstoßen konnten. Diese Erfolge wurden bald durch die sowjetische Rote Armee zunichte gemacht: Sie warf die polnische Armee so weit in das Landesinnere Polens zurück, dass eine Besetzung Polens drohte. (10) Parallel zum polnisch-sowjetischen Krieg überfiel Polen Litauen und eroberte im Oktober 1920 die litauische Hauptstadt Vilnius (polnisch Wilno).

Dem polnischen Armeegeneral und Ministerpräsidenten von 1981 bis 1985, Woijech Jaruzelski (11) (1923-2014), verdanken wir einen Einblick in die patriotische Seele vieler Polen. In seinen Erinnerungen „Mein Leben für Polen“ schildert er seine Erfahrungen vor Kriegsbeginn 1939: „Wir sind eine Macht. Wir sind ein großes Land … Einmal drangen wir in der Tschechoslowakei ein und nahmen die Region Teschen in Besitz [Oktober 1938, W.E.]. Dann richteten wir ein Ultimatum an Litauen, das sich zurückziehen musste. Überall Defilees und Paraden, eine ständige Zurschaustellung von Macht. Und vor allem eine dauernde Geringschätzung der Kräfte des Gegners. … Die Bolschewiken zählen sowieso nicht, eine Armee auf tönernen Füßen. Und außerdem haben wir mächtige Verbündete im Westen … Doch damals wünschten wir uns diesen Krieg herbei … und wir würden diesen Deutschen zeigen, mit wem sie es zu tun hatten“ (12).

Heute, so Jaruzelski 1991 bei Abfassung seiner Erinnerungen, „erscheint uns das unerhört, und wenn ich daran denke, schäme ich mich“. Wenn alle Staats- und Regierungschefs in einer so ehrlichen Weise ihre Geschichte reflektieren würden, sähe es in der Welt weitaus friedlicher aus. Von dieser Größe scheint Donald Trump noch weit entfernt zu sein. Sein Auftreten in Warschau glich einem Fußtritt in Richtung der polnischen Nachbarn Russland und Deutschland. Russland wird destabilisierendes Verhalten vorgeworfen – einen Tag vor dem Treffen mit Putin sicherlich sehr konstruktiv – und gegen Deutschland wird gleich eine dreifache Attacke geritten: Trump „will eine andere EU, höhere deutsche Beiträge für die NATO und geht vor allem die deutsch-russische Energiekooperation an.“ (13)

Wie bei seiner ersten Auslandsreise nach Riad geht es dem "Dealmaker" Trump vor allem um das Geschäft – vornehmlich das Waffengeschäft: Für bis zu 7,6 Milliarden Dollar soll Polen acht Patriot-Raketenabwehrsysteme des Herstellers Raytheon ankaufen. (14) Dann soll Polen vom russischen Gas abgekoppelt werden und amerikanisches Flüssiggas kaufen. Da trifft es sich gut, dass sowohl die USA als auch Polen dem Klimaschutz keine Priorität einräumen.

Annäherung Deutschlands an Russland verhindern

Wie in Riad traf sich Trump mit Staats- und Regierungschefs aus der Nachbarregion. Die aus mittel- und osteuropäischen EU-Staaten stammenden Politiker hatten sich zu einem Gipfeltreffen der "Drei-Meere-Initiative" in Warschau eingefunden, mit Trump als Ehrengast. (15) Geplant ist ein Korridor unabhängiger Staaten von Finnland bis nach Rumänien, der – wie schon ab 1919/20 – Europa vor der Sowjetunion „schützen“ soll. Heute geht es in erster Linie darum, die Annäherung Deutschlands an Russland zu verhindern bzw. zu erschweren.

Am 4. Februar 2015 hielt der Gründer und Vorsitzende des führenden privaten US-amerikanischen Think Tanks "STRATFOR" (Abkürzung für "Strategic Forecasting Inc."), George Friedman, eine Rede vor dem renommierten "Chicago Council on Global Affairs"(16). Prominente Redner wie die US-Präsidenten John F. Kennedy und Barack Obama sprachen hier zu hohen US-Militärs, Hedge-Fondsmanagern, einflussreichen Politikern und Vertretern internationaler Konzerne zu den globalen Aspekten amerikanischer Politik.

In erschütternder Offenheit legte Friedman in Chicago die strategischen Ziele der USA in Europa auf den Tisch und machte gleich am Anfang deutlich, dass die USA keine "Beziehungen" mit "Europa" haben. Es gäbe nur bilaterale Beziehungen zu den europäischen Staaten. „Das Hauptinteresse der US-Außenpolitik während des letzten Jahrhunderts, im Ersten und Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland... Seit einem Jahrhundert ist es für die Vereinigten Staaten das Hauptziel, die einzigartige Kombination zwischen deutschem Kapital, deutscher Technologie und russischen Rohstoff-Ressourcen, russischer Arbeitskraft zu verhindern.“ (17)

England habe im unter Bismarck vereinten und wirtschaftlich aufstrebenden Deutschland die Hauptgefahr gesehen. Da hätte Reichskanzler Bismarck nicht widersprochen. Am 7. April 1888 äußerte er sich wie folgt: „Das Interesse Englands ist, daß das Deutsche Reich mit Rußland schlecht steht, unser Interesse, daß wir mit ihm so gut stehen, als es der Sachlage nach möglich ist.“ (18)

Seit 1871 ist einer Elite der angelsächsischen Länder jedes Mittel recht, um eine starke Mittelmacht in Europa zu verhindern: Wirtschafts- und Handelskriege, Intrigen und gezielte Destabilisierungsmaßnahmen.

Und schon 1919 gab es die Idee, einen Gürtel von Pufferstaaten zwischen Deutschland und Russland zu schaffen – den Begriff "Cordon Sanitaire" hatte der damalige französische Außenminister S. Pichon aus der Seuchenthematik in die politische Diskussion eingeführt. Bald erstreckte sich tatsächlich von Finnland über die baltischen Staaten und Polen bis Rumänien ein Staatengürtel, der die Sowjetunion vom übrigen Europa trennen sollte – angeblich zum Schutz vor der "bolschewistischen Weltrevolution". Um heute den Alptraum einer deutsch-russischen Kombination zu verhindern, wollen die USA auf diese Idee zurückgreifen.


USA bauen einen Gürtel aus antirussischen Staaten auf, um Deutschland und Russland von einander abzuschneiden/ bzw. zu schwächen. (19)

Zibigniew Brzezinski (1928-2017), graue Eminenz der amerikanischen Außenpolitik und zeitlebens ausgewiesener Russlandhasser, wollte Russland aufbrechen und in 68 Teile zerschlagen. Friedman jedoch äußert sich moderater: „wir wollen die Russische Föderation nicht töten, sondern nur etwas verletzen bzw. ihr Schaden zufügen“ (20).

Seit dem 31. Juli 2014 ist John F. Tefft Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Moskau. Er hat sich einen Namen als notorischer Unruhestifter und Experte für Regimewechsel gemacht. Seine Visitenkarte weist als Referenzen die Operationen in der Ukraine, in Georgien und in Lettland aus. Offensichtlich soll er jetzt die russische Bevölkerung gegen Präsident Putin aufbringen, damit dieser gestürzt wird. Die von außen inszenierte Krise des Rubels mit dramatischen Kursverlusten ist ebenfalls Teil der Strategie, in Russland einen Aufstand zu provozieren. (21)

Fortsetzung der expansionistischen und ausbeuterischen US-Außenpolitik

Für jeden, der, ermutigt durch Trumps Wahlversprechen, den Konflikt mit Russland zu entschärfen, auf Frieden in Europa gehofft hatte, muss nun leider klar sein: Donald Trump ist nicht die Alternative, sondern die Fortsetzung der expansionistischen und ausbeuterischen US-Außenpolitik, die auf einen Krieg mit Russland und damit einen Weltkrieg zusteuert. (22)

Bereits unter US-Präsident Barack Obama wurde das Strategiepapier TRADOC 525-3-1 (23) vom Dezember 2014 mit dem Titel "Win in a Complex World 2020-2040" verabschiedet. Danach haben sich die US-Streitkräfte auf Die Abwehr nachfolgender Bedrohungen vorzubereiten:
  1. Russland und China
  2. Iran und Nordkorea
  3. Terrorismus
Im Klartext: Die US-Streitkräfte sollen sich also in erster Linie auf einen Krieg mit Rußland und China einstellen.

Zum Abschluss seiner Rede im Februar 2015 beruhigte Friedman die Europäer: Europa werde zum menschlichen Normalfall zurückkehren und Kriege führen wie z.B. in Jugoslawien und der Ukraine. Er rechne aber nicht mit 100 Millionen Toten.

Und doch besteht seit dem 7. Juli 2017 wieder Grund zur Hoffnung: Einen Tag nach dem provozierenden Auftritt in Warschau einigte sich Donald Trump mit Vladimir Putin auf einen Waffenstillstand in Syrien, und zwar in einer deutlich freundschaftlichen Begegnung.


Anmerkungen

1) http://www.deutschlandfunk.de/us-praesident-in-polen-hohe-erwartungen-an-trump.1773.de.html?dram:article_id=390266
2) http://www.handelsblatt.com/politik/international/trump-in-polen-dreifacher-angriff-auf-deutschland/20028084.html
3) http://www.epochtimes.de/politik/europa/trump-besucht-vor-g20-gipfel-polen-a2139369.html
4) http://www.deutschlandfunk.de/us-praesident-in-polen-hohe-erwartungen-an-trump.1773.de.html?dram:article_id=390266
5) http://www.handelsblatt.com/politik/international/trump-in-polen-dreifacher-angriff-auf-deutschland/20028084.html
6) Davies Norman: Im Herzen Europas. Geschichte Polens. S. 299
7) Monika Senkowska-Gluck: Das Herzogtum Warschau, in: Heinz-Otto Sieburg (Hrsg.): Napoleon und Europa, Köln, Berlin 1971, S. 225f.
8) Keya Thakur-Smolarek: Der Erste Weltkrieg und die polnische Frage: Die Interpretationen des Kriegsgeschehens durch die zeitgenössischen polnischen Wortführer. Berlin 2014.
9) Nach Angaben auf Grund polnischer Quellen (“Polen. Deutschland und die Oder-Neiße-Grenze; Ostberlin, 1959, S. 863, 928 f.)
10) Norman Davies: White Eagle – Red Star. The Polish Soviet War 1919–1920. Pimlico, London 1972, 2004,
11) Woijech Jaruzelski von 1981 bis 1989 Vorsitzender der Polnischen Vereinigten Arbei
12) Woijech Jaruzelski: „Mein Leben für Polen“ . München/Zürich 1993, S. 41
13) http://www.handelsblatt.com/politik/international/trump-in-polen-dreifacher-angriff-auf-deutschland/20028084.html
14) http://www.faz.net/aktuell/politik/donald-trump-kritisiert-russland-bei-besuch-in-polen-15093825.html
15) http://www.zeit.de/2017/27/drei-meere-initiative-donald-trump-polen
16) Gegründet ein Jahr nach dem Council on Foreign Affairs (CFR) als "Chicago Council on Foreign Relations" am 20. Februar 1922 .
17) George Friedman am 4 Februar 2015 in Chicago unter https://www.youtube.com/watch?v=oaL5wCY99l8&feature=youtu.be
hier die gesamte Rede über 70 Minuten
https://www.youtube.com/watch?v=QeLu_yyz3tc
18) Max Lenz/Erich Marcks: Das Bismarck-Jahr. Hamburg 1915, Seite 190
19) Screenshot aus https://www.youtube.com/watch?v=QeLu_yyz3tc
20) http://www.anderweltonline.com/klartext/klartext-2015/klartext-aus-amerika-us-think-tank-benennt-offen-imperiale-ziele/
21) Ukraine: The Brown (Shirt) Revolution – Interview mit Prof. Francis Boyle
http://sputniknews.com/voiceofrussia/2014_02_22/Ukraine-The-Brown-Shirt-Revolution-Prof-Francis-Boyle-7578/
22) Vgl.dazu Naomi Klein: „No ist Not Enough. Resisting Trump´s Schock Politics and Winning the World We Need.” Chicago 2017
23) http://tradoc.army.mil/tpubs/pams/TP525-3-1.pdf


Siehe dazu auch:

Zum Treffen von Donald Trump und Wladimir Putin beim G20-Gipfel in Hamburg
Schicksalhaftestes Treffen seit dem Zweiten Weltkrieg
Von Stephen F. Cohen
NRhZ 621 vom 12.07.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=23971

Online-Flyer Nr. 621  vom 12.07.2017

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