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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Kommentar
Über die Rolle von Gefängnissen
Universität für Terror
Von Uri Avnery

VOR EIN paar Tagen beging ein Mann eine terroristische Handlung im Zentrum Londons, einer Stadt, die ich liebe. Er überfuhr einige Menschen auf der Westminster Bridge, erstach einen Polizisten und näherte sich den Toren des Parlaments. Dort wurde er erschossen. All das geschah im Schatten von Big Ben, einem unwiderstehlichen Anziehungspunkt für Fotografen. Es war eine alle Welt elektrisierende Nachricht. Innerhalb von Minuten wurde Da’esch die Schuld zugeschrieben. Aber dann kam die Wahrheit ans Licht: Der Terrorist war ein britischer Bürger, ein moslemischer Konvertit, in England geboren. Von früher Jugend an hatte er eine Reihe kleiner Vergehen begangen. Er war ein paarmal im Gefängnis und wieder draußen. Wie kam gerade dieser Mensch dazu, ein religiöser Eiferer zu werden, ein Schachid – ein Zeuge für die Wahrheit Allahs -, der sein Leben für die Größe des Islam opferte? Wie war er zum Täter einer Tat geworden, die Europa und die ganze Welt schockierte?

Menschen Angst machen

BEVOR ICH versuche, diese faszinierende Frage zu beantworten, schiebe ich eine Bemerkung über die Wirksamkeit des „Terrorismus“ ein. Wie das Wort schon sagt, geht es darum, Angst zu verbreiten. Es ist eine Methode, ein politisches Ziel zu erreichen, indem man Menschen Angst macht. Aber warum haben die Menschen so viel Angst vor Terroristen? Darüber habe ich mich schon gewundert, als ich noch ein Jugendlicher war und zu einer Organisation gehörte, die die britischen Oberherren als „terroristisch“ bezeichneten. Ich weiß nicht, wie viele Menschen im selben Monat im Vereinigten Königreich bei Unfällen auf der Straße umgekommen sind, in dem Monat, in dem das Töten am Westminster geschah. Ich vermute, dass die Zahl weit höher war. Und doch haben die Menschen keine große Angst vor Unfällen auf der Straße. Sie vermeiden es nicht, auf die Straße zu gehen. Gefährliche Autofahrer werden nicht in Vorbeugehaft genommen.

Andererseits genügt eine kleine Anzahl von „Terroristen“, ein Klima der Angst in ganzen Ländern, ganzen Kontinenten, ja auf dem ganzen Globus zu erzeugen. Großbritannien sollte wirklich der letzte Ort in der Welt sein, dessen Bewohner sich dieser vollkommen irrationalen Furcht unterwerfen. 1940 stand die kleine Insel gegen den Koloss des von den Nazis eroberten Europas. Ich erinnere mich an ein bewegendes Plakat, das in Palästina an die Mauern geklebt war. Es zeigte den Kopf Winston Churchills mit der Unterschrift: „Gut, dann eben allein!“ Konnte ein einzelner Terrorist mit einem Auto und einem Messer diesem Land Furcht bis zur Unterwerfung einflößen? Für mich klingt das verrückt, aber das ist nur eine Nebenbemerkung. Meine Absicht hier ist es, Licht auf eine Institution zu werfen, über die nur wenige Leute nachdenken: das Gefängnis.

Terror: Das hat das Gefängnis bewirkt

DER TERRORISTISCHE Angriff am Westminster wirft eine einfache Frage auf: Wie ist ein Kleinkrimineller zu einem Schachid geworden, der die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zieht? Darüber gibt es viele Theorien, von denen viele von Experten aufgestellt wurden, die weit kompetenter sind als ich. Religionsexperten. Kulturexperten. Islamismus-Experten. Kriminologen. Meine Antwort ist sehr einfach: Das hat das Gefängnis bewirkt.

Verbrechen, um ins Gefängnis gesteckt zu werden

WIR WOLLEN uns möglichst weit von Britannien und Religion entfernen. Wir wollen auf Israel und unsere Verbrechens-Szene hier zurückkommen. Wir hören oft von großen Verbrechen, die von Menschen begangen wurden, die einmal als jugendliche Straftäter angefangen haben. Wie wird ein gewöhnlicher Mensch zu einem Führer organisierter Kriminalität? Wo hat er studiert? Nun, am selben Ort wie ein britischer Dschihadist. Oder übrigens auch ein israelischer muslimischer Dschihadist. Ein Junge hat zu Hause Schwierigkeiten. Vielleicht schlägt sein Vater regelmäßig seine geliebte Mutter. Vielleicht ist seine Mutter Prostituierte. Vielleicht ist er ein schlechter Schüler und seine Schulkameraden verachten ihn. Das sind nur einige von Hunderten möglicher Gründe. Mit 14 wird der Junge beim Stehlen erwischt. Nachdem er von der Polizei verwarnt und freigelassen wurde, stiehlt er wieder. Er wird ins Gefängnis gesteckt. Im Gefängnis nehmen sich die am höchsten geachteten Verbrecher seiner an, vielleicht sogar sexuell. Er wird immer wieder ins Gefängnis gesteckt und allmählich steigt er in der unsichtbaren Gefängnis-Hierarchie auf.

Er wird von seinen Mitgefangenen geachtet, er genießt Autorität. Das Gefängnis wird seine Welt, er kennt die Regeln. Er fühlt sich wohl. Wenn er entlassen wird, ist er wieder ein Niemand. Bewährungshelfer behandeln ihn wie einen Gegenstand. Er sehnt sich danach, in seine Welt zurückzukommen, an den Ort, an dem man ihn kennt und an dem er Achtung genießt. Er wird nicht ins Gefängnis gesteckt, weil er ein Verbrechen begangen hat. Er begeht ein Verbrechen, um ins Gefängnis gesteckt zu werden. Also begeht er ein schlimmeres Verbrechen als zuvor. Er wird selbst zu einem Verbrechens-Chef. Wenn er ins Gefängnis zurückkommt, behandelt ihn sogar der Oberwärter wie einen alten Bekannten. Im Laufe der Jahre dient das Gefängnis diesem Menschen als Universität, als Universität für Verbrechen. Dort lernt er alle notwendigen Tricks, bis er schließlich Professor im Fach Verbrechen wird. Der kleine muslimische Dieb, der ins Gefängnis gesteckt wird, begegnet dort vielleicht einem eingesperrten muslimischen Prediger, der ihn davon überzeugt, dass er kein verachteter Krimineller ist, sondern einer der wenigen, die von Allah dazu erwählt sind, die Ungläubigen zu vernichten.

Gefängis: Universität für Verbrechen

ALLES DAS ist altbekannt. Ich decke da nichts Neues auf. Jeder Gefängnisinsasse, Kriminologe, hoher Polizeibeamte, Oberwärter im Gefängnis oder Bewährungshelfer-Psychologe weiß das weit besser als ich. Wenn das so ist, wie kommt es dann, dass niemand etwas daran ändert? Warum funktioniert das Gefängnis heutzutage genauso wie es das schon vor Jahrhunderten getan hat? Ich habe den Verdacht, dass die einfache Antwort diese ist: Niemand weiß, was man stattdessen tun sollte. Die Briten hatten früher eine gute Lösung: Sie schickten alle Kriminellen, selbst kleine Diebe, nach Australien. Wenn sie sie nicht vorher schon gehenkt hatten. Aber in der modernen Zeit gibt es nicht einmal mehr diese Abhilfe. Australien ist jetzt eine starke Nation, die unglückselige Flüchtlinge auf entfernte Inseln im Pazifik schickt. Die führende Macht in der Welt, die Vereinigten Staaten, die einige der besten Universitäten hat, hält Millionen ihrer Bürger in Gefängnissen fest, wo sie sich in abgebrühte Kriminelle verwandeln.

Israels Gefängnisse platzen aus allen Nähten. Viele der Insassen sind „Terroristen“, die dort ohne Gerichtsurteile eingesperrt sind. Das wird euphemistisch „Vorbeugehaft“ genannt – ein Oxymoron, wie es nicht schärfer und dümmer sein könnte. Wenn man einen israelischen Polizeibeamten nach der Logik des ganzen Systems fragt, zuckt er die Achseln und antwortet – auf jüdische Art – mit einer Frage: Was sollen wir denn sonst mit ihnen machen? Also schicken Gesellschaften Jahr für Jahr und Jahrhundert für Jahrhundert ihre Kriminellen auf die Universität für Verbrechen, wo sie lernen, bessere und professionellere Kriminelle zu werden. Ein Studium mit Vollpension, bei dem der Staat für alle Kosten aufkommt. Und natürlich hängt eine riesige Armee von Gefängnispersonal, Polizeibeamten, Experten und Akademikern (mitsamt ihren weiblichen Entsprechungen) hinsichtlich ihres Lebensunterhalts von diesem System ab. Alle sind zufrieden. Gefängnisse sind nicht nur kontraproduktiv. Sie sind auch unmenschlich. Sie verwandeln Menschen in Zootiere. (Und auch diese sollten freigelassen werden.)

Anderen Lösungen: wird es dafür nicht höchste Zeit?

SELTSAMERWEISE war ich niemals im Gefängnis, allerdings war ich einige Male nahe daran, ins Gefängnis zu kommen. Ich habe es schon an anderer Stelle berichtet: Der Chef von Israels politischer Polizei (Entschuldigung, ich meine „Sicherheitsbehörde“) hat einmal dem Ministerpräsidenten vorgeschlagen, mich in „Vorbeugehaft“ zu nehmen, ohne die Beteiligung eines Richters, als Auslandsspion. Das verhinderte nur der damalige Oppositionsführer Menachem Begin: Er verweigerte seine Zustimmung. Ein weiteres Mal war nach meinem Treffen mit Jasser Arafat während der Belagerung von Beirut. Damals ersuchte die Regierung den Generalstaatsanwalt, wegen Verrats gegen mich zu ermitteln. Der Staatsanwalt war ein freundlicher Mensch und entschied, dass ich kein Verbrechen begangen hätte. Ich hatte die Grenze nicht illegal überschritten, denn ich war als Herausgeber einer Zeitung von der israelischen Armee ins besetzte Ostbeirut eingeladen worden. Es bestand auch kein Verdacht, dass ich die Absicht gehabt hätte, die Staatssicherheit zu gefährden.

Bis heute habe ich folglich keine persönlichen Erfahrungen mit Gefängnis gemacht. Aber die Absurdität der gesamten Situation beschäftigt mich seit vielen Jahren. Ich habe in der Knesset einige Reden zu diesem Thema gehalten. Vergeblich. Niemand weiß eine andere Lösung. Meine verstorbene Frau Rachel war Lehrerin. Sie weigerte sich immer, ältere Schüler als die der zweiten Klasse (die Achtjährigen) zu unterrichten. Sie bestand darauf, dass in diesem Alter der Charakter des Menschen schon voll ausgebildet sei. Danach könne man nichts mehr ändern. Wenn das so ist, sollten sich vielleicht alle Bemühungen auf Kinder in einem sehr frühen Alter konzentrieren. Ich bin sicher, dass irgendwo Experimente mit anderen Lösungen durchgeführt werden. Vielleicht in Skandinavien. Oder auf den Fiji-Inseln. Wird es dafür nicht höchste Zeit?


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 607  vom 05.04.2017

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