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Aktueller Online-Flyer vom 17. August 2017  

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Kommentar
Gedanken über die wirkliche Wahl
Vielleicht kommt ja der Messias
Von Uri Avnery

WENN MIR vor 50 Jahren jemand erzählt hätte, die Führer von Israel, Jordanien und Ägypten hätten sich im Geheimen getroffen, um Frieden zu schließen, hätte ich gedacht, ich träume. Wenn man mir erzählt hätte, dass die Führer von Ägypten und Jordanien Israel vollkommenen Frieden dafür angeboten hätten, dass es – mit einigem Gebietsaustausch und einer symbolischen Rückkehr von Flüchtlingen – die besetzten Gebiete verließe, hätte ich geglaubt, der Messias sei gekommen. Ich hätte angefangen, an Gott oder Allah oder an irgendeinen da oben zu glauben. Und doch wurde vor ein paar Wochen bekannt, dass die Führer von Ägypten und Jordanien tatsächlich im letzten Jahr im Geheimen mit dem Ministerpräsidenten von Israel im freundlichen Seebad Akaba, bei dem die drei Staaten aneinander stoßen, zusammengekommen sind. Die beiden arabischen Führer, die de facto für die gesamte arabische Welt handeln, hatten dieses Angebot gemacht. Benjamin Netanjahu blieb die Antwort schuldig und fuhr nach Hause. Ebenso wie der Messias.

DONALD TRUMP, der Chef-Komödiant der USA, gab vor Kurzem seine Antwort auf die Frage nach der Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts. Zwei Staaten, ein Staat, worauf auch immer die beiden Seiten sich einigen, gab er zur Antwort. Er hätte ebenso gut antworten können: „Zwei Staaten, ein Staat, drei Staaten, vier Staaten, sucht es euch aus!“ Tatsächlich, wenn du in La La Land lebst, ist die Zahl der Staaten unbegrenzt. Zehn Staaten sind ebenso gut wie ein Staat. Je mehr, umso lustiger. Vielleicht musste sich ein total Unschuldiger wie Trump äußern, um zu veranschaulichen, wie viel Unsinn man über diese Wahl reden kann.

Bis heute im Besitz der ganzen Beute

AM FÜNFTEN Tag des Sechs-Tage-Krieges veröffentlichte ich einen offenen Brief an den Ministerpräsidenten Levi Eschkol und bat ihn dringend, den Palästinensern die Möglichkeit anzubieten, im Westjordanland und im Gazastreifen einen eigenen Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt zu errichten. Gleich nach dem Krieg lud mich Eschkol zu einem vertraulichen Gespräch ein. Er hörte geduldig zu, als ich ihm den Gedanken erklärte. Am Ende sagte er mit wohlwollendem Lächeln: „Uri, was für ein Händler bist du? Ein guter Händler fängt damit an, dass er ein Maximum fordert und ein Minimum bietet. Dann schachert man und am Ende wird irgendwo in der Mitte ein Kompromiss gefunden.“ „Das stimmt“, antwortete ich, „wenn man einen Gebrauchtwagen verkaufen will. Aber wir wollen hier die Geschichte ändern!“ Tatsache ist, dass damals niemand glaubte, dass die Großmächte zulassen würden, dass Israel die Gebiete behält. Man sagt, dass Generäle immer den letzten Krieg führen. Dasselbe gilt für Staatsmänner. Am Tag nach dem Sechs-Tage-Krieg (1967) dachten die israelischen Führer an den Tag nach dem 1956er Krieg, als der US-Präsident Dwight D. Eisenhower und der sowjetische Präsident Nikolai Bulganin David Ben-Gurion gezwungen hatten, alles besetzte Gebiet schmachvoll zurückzugeben.

Es schien nur eine einzige Wahl zu geben: die Gebiete an König Hussein von Jordanien zurückgeben, wie die große Mehrheit befürwortete, oder sie dem palästinensischen Volk geben, wie meine Freunde und ich, die wir eine winzige Minderheit waren, vorschlugen. Ich erinnere mich an ein weiteres Gespräch. Der Minister für Handel und Industrie Chaim Zadok, ein sehr kluger Rechtsanwalt, hielt eine feurige Ansprache in der Knesset. Als er aus dem Plenum kam, stellte ich ihn zur Rede: „Aber Sie glauben kein einziges Wort von dem, was sie eben gesagt haben!“ Darauf antwortete er lachend: „Über das, woran einer glaubt, kann jeder eine gute Rede halten. Die Kunst ist, eine gute Rede über etwas zu halten, an das er nicht glaubt!“ Dann fügte er ernst hinzu: „Wenn sie uns zwingen, alle Gebiete zurückzugeben, werden wir alle Gebiete zurückgeben. Wenn sie uns zwingen, einen Teil der Gebiete zurückzugeben, werden wir einen Teil der Gebiete zurückgeben. Wenn sie uns nicht zwingen, irgendetwas zurückzugeben, werden wir alles behalten.“ Das Unglaubliche geschah: Präsident Lyndon Johnson und die ganze übrige Welt kümmerten sich einen Dreck darum. Man ließ uns die gesamte Beute, bis zum heutigen Tag. Das ist ein Unglück.

Zwei von drei Wünschen erfüllen

ICH KANN der Versuchung nicht widerstehen, noch einmal einen alten Witz zu wiederholen. Gleich nach der Gründung Israels erschien Gott David Ben-Gurion und sagte zu ihm: „Du hast meinem Volk Gutes getan. Nenne mir einen Wunsch und ich werde ihn dir erfüllen.“ „Ich wünsche mir, dass Israel ein jüdischer und ein demokratischer Staat sei und alles Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan umfasse“, antwortete Ben-Gurion. „Das ist selbst für mich zu viel!“ rief Gott aus. „Aber ich will dir zwei von den drei Wünschen erfüllen.“ Seitdem können wir zwischen einem jüdischen und demokratischen Staat Israel in einem Teil des Landes, einem demokratischen Staat im ganzen Land, der nicht jüdisch sein wird, und einem jüdischen Staat im ganzen Land, der nicht demokratisch sein wird, wählen. Genau diese Wahl haben wir nach all der langen Zeit auch heute noch. Der jüdische Staat im ganzen Land bedeutet Apartheid. Israel unterhielt immer herzliche Beziehungen zu dem rassistischen Afrikaander-Staat in Südafrika, bis er zusammenbrach. Einen solchen Staat hier schaffen ist der reine Wahnsinn.

Die Annektionisten haben einen Trick im Ärmel: das Westjordanland annektieren, aber nicht den Gazastreifen. Das würde einen Staat mit einer Minderheit von 40% Palästinensern schaffen. In einem solchen Land würde eine ständige Intifada wüten. Aber in Wirklichkeit ist selbst das ein Hirngespinst. Gaza kann nicht für immer und ewig von Palästina getrennt werden. Es gehört seit undenklichen Zeiten zum Land. Auch Gaza müsste annektiert werden. Das würde einen Staat mit einer geringen arabischen Mehrheit schaffen, einer Mehrheit, die ihrer nationalen und bürgerlichen Rechte beraubt wäre. Diese Mehrheit würde schnell immer größer.

Eine derartige Situation wäre auf die Dauer unhaltbar. Israel wäre gezwungen, den Arabern alle Bürgerrechte, darunter auch das Wahlrecht, zu gewähren. Utopische Idealisten würden eine solche Lösung begrüßen. Wie wunderbar! Die Ein-Staat-Lösung! Demokratie, Gleichheit und das Ende des Nationalismus. Als ich sehr jung war, habe ich meine Hoffnung auch auf diese Lösung gesetzt. Das Leben hat mich davon geheilt. Jeder, der heutzutage im Land lebt, weiß, dass das vollkommen unmöglich ist. Die beiden Nationen würden einander bekämpfen. Wenigstens die ersten ein oder zwei Jahrhunderte lang. Ich habe niemals einen genauen Plan davon gesehen, wie ein solcher Staat funktionieren würde. Mit einer Ausnahme: Der glänzende Führer der extrem rechten Zionisten Vladimir Jabotinsky schrieb 1940 für die Alliierten einen solchen Plan. Wenn der Staatspräsident ein Jude sein wird, verfügte er, wird der Ministerpräsident ein Araber sein. Und so weiter. Jabotinsky starb ein paar Monate später und sein Plan mit ihm.

Zionisten sind ins Land gekommen, um in einem jüdischen Staat zu leben. Das war ihr vorherrschendes Motiv. Sie können sich ein Leben, in dem sie wieder eine jüdische Minderheit wären, gar nicht vorstellen. Wenn die Situation so würde, würden sie allmählich auswandern, wie es die Afrikaander tun. Tatsächlich geschehen solche Auswanderungen in die USA und nach Deutschland schon jetzt unbemerkt. Der Zionismus war immer eine Einbahnstraße – in Richtung Palästina. Nach dieser „Lösung“ würde es anderslang gehen.

Zwei Staaten für zwei Völker

DIE WAHRHEIT ist: Wir haben überhaupt keine Wahl. Die einzige realistische Lösung ist die viel geschmähte „Zwei Staaten für zwei Völker“-Lösung, die schon viele Male für tot erklärt worden ist. Entweder diese Lösung oder die Vernichtung beider Völker. Wie sehen die Israelis dieser Realität ins Auge? Sie tun es auf israelische Art: indem sie der Realität nicht ins Auge sehen. Sie leben einfach Tag für Tag vor sich hin und hoffen, dass sich das Problem von selbst löst. Vielleicht kommt schließlich ja der Messias.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 604  vom 15.03.2017

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