NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Globales
Die Schockstrategie und die
Epidemie des Anti-Donald-Syndroms (ADS)
Von Mathias Bröckers

Im Real Game of Thrones überschlagen sich die Ereignisse [1]. Das Einreiseverbot, mit dem König Donald Reisende aus sieben Ländern für 90 Tage von seinem exzeptionalistischen Imperium fernhalten will, stößt immer noch auf scharfe Proteste. Nicht nur in den Städten des Königreichs, auch im Ausland kam es zu großen Anti-Donald-Demonstrationen. Dieser Bann, den der neue König ausgesprochen hat, sorgt merkwürdigerweise für sehr viel größere Betroffenheit als die Bomben, die seine Vorgänger seit Jahren genau über diesen Ländern abwarfen. König Obama hatte es im letzten Dienstjahr bekanntlich auf auf 26.172 Abwürfe [2] gebracht und damit zu einem persönlichen Rekord, doch gegen diese Bomben wurde fast nirgendwo demonstriert. Ähnlich ist die Lage auch bei der so heftig kritisierten Migrationspolitik Donalds, bei der es sich, wie Chronisten des Königreichs jetzt herausgefunden haben, um ein Plagiat handelt. Donald hatte sich bei einer 20 Jahre alten Rede von Bill "Free Willy" Clinton [3] bedient, gegen die aber damals weder "Pussyhats" noch sonstwer protestierten.


President Donald J. Trump (Quelle: whitehouse.gov)

Der neue König setzt also fort, was seine Vorgänger im Namen von "Nation", "Freiheit" und "Werten" des exzeptionalistischen Königreichs vor ihm getan haben. Zuletzt ließ er im mit Einreiseverbot belegten Königreich Yemen ein 8-jähriges Mädchen erledigen [4], dessen älterer Bruder zuvor einer Obama-Drohne zum Opfer gefallen war, doch unter Donald stoßen diese Operationen nun weltweit auf solches Entsetzen, dass sogar einzelne 8-jährige Mordopfer Aufmerksamkeit erhalten.

1,5 Millionen Leichen des "War on Terror" waren kein Thema


Dass der von W. ausgerufene und von Obama fortgesetzte "War on Terror" schon 1,5 Millionen Leichen produziert hat - darunter auch viele Kinder - war und ist dagegen kein Thema. Denn jetzt ist das "Monster" Donald los. Das ehemalige Nachrichtenmagazin zeigt ihn als blutigen Kopf-Abschneider. Warum wirkt bei ihm monströs und schrecklich, was zuvor als normal und akzeptabel galt? Nur an der Eichenhörnchenfrisur des neuen Königs kann das eigentlich nicht liegen ...


Cover der Spiegel-Ausgabe vom 4.2.2017

Ein Grund mag sein, dass sich Donald mit der gesamten Gilde der Herolde und Lautsprecher angelegt hat. "You are Fake News!" hatte er einem Herold von CNN zugerufen [5], weil diese Organisation üble Gerüchte über angebliche Orgien Donalds in der Hauptstadt des Ultrabösen publiziert hatten. Sodann hatte er sämtliche Mitarbeiter seiner Regierung angewiesen, dieser Bühne keine Interviews [6] mehr zu gewähren. Auch wenn er damit in klassischer Tradition steht - König Obama ignorierte zum Beispiel "Fox", und auch der berühmte King Kohl, der Ziehvater von Königin Angela, den man "Birne" nannte und der mit "Bimbes" [7] gefüttert werden musste, sprach nie mit dem "Spiegel" - so wird Donalds Boykott nun als "unerhört" angesehen.

Der Staat im Staat gegen Donald

Zur Beantwortung der Frage, warum unter Donald jetzt furchtbar schlimm ist, was vorher als normal galt, müssen wir einmal mehr in die Tiefen des Staats herabsteigen, zu den unsichtbaren Meistern der Intelligence, die als Schattenspieler und Strippenzieher seit Jahrzehnten die Fäden im Königreich in der Hand haben und für die mit Donalds Wahlsieg einer der größten anzunehmenden Unfälle eingetreten ist. Ein Thronfolger, der nicht aus ihrem Think-Tank-Land stammt, ein "Cowboy" [8], der in die wohlgehütete Domäne der "Yankee"-Herrschaft eingebrochen ist und der sich tatsächlich daran zu machen scheint, einen "Sumpf" trockenzulegen. Nicht den oberflächlichen der Oligarchen und Plutokraten, zu denen er ja selbst gehört und an dem sich auch unter Donald wenig ändern wird [9] und allenfalls das Personal wechselt, sondern den unterirdischen Sumpf des Tiefenstaats, von dessen Existenz die meisten Leute im Königreich eigentlich gar nichts wussten.

Tatsächlich aber existiert im exzeptionalistischen Königreich neben der Regierung noch eine Art Staat im Staat, der einst unter dem Namen C.O.G. ("Continuity Of Government") für Notfallzwecke eingerichtet worden war, damit im Falle von Krieg oder Krisen die Geschäfte weitergeführt werden können.

Diese im Kriegsministerium des Königreichs auch "Doomsday Project" [10] genannten Strukturen und Befehlsketten waren unter Ronald I. im Geheimen weiter ausgebaut worden, der damit zwei seiner Top-Offiziere betraut hatte. Dies waren Donald Rumsfeld und der junge Dick Cheney, die später als Kriegsminister sowie als "Darth Vader" unter (bzw. wegen dessen Tölpelhaftigkeit de facto über) König W. amtierten. Auf ihrer Uhr geschah dann 9/11 und wurde in Folge der "War on terror" ausgerufen.

Anders als die üblichen Drei-Buchstaben-Agenturen des Tiefenstaats verfügt die COG-Struktur über ein Kommunikationsnetzwerk, das parallel und separat von allen Regierungs- und Militärkanälen [11] läuft; und das zum Beispiel benutzt wurde, als unter Ronald und Bush senior Waffen- und Rauschgift-Geschäfte direkt aus dem Weißen Haus abgewickelt wurden, was später als "Iran-Contra-Affäre" bekannt geworden ist. Wie einer der Erforscher dieser Schattenstrukturen, Professor Scott, herausfand [12], spielten diese Kanäle auch schon bei dem Mord an König Jack, den alle JFK nannten, eine Rolle, ebenso wie bei den Reaktionen auf die "Teppichmesser des Schreckens" [13] nach 9/11.

Donald gegen den Staat im Staat

Um wirkliche Macht im exzeptionalistischen Königreich auszuüben, reicht es nicht, nur auf den öffentlichen Thron zu gelangen, denn ohne Kontrolle über die Befehlsketten der unsichtbaren C.O.G.-Strukturen, die auch Verfassung und Gesetz außer Kraft setzen, ist selbst ein König im Ernstfall relativ machtlos. Auch Donalds Zwitschergerät, mit dem er Hofschreiber und Lautsprecher überbrückt und direkt mit seinen Untertanen kommuniziert, würde nichts nützen, wenn alle Ätherwellen gestört sind und nur noch der C.O.G.-Kanal sendefähig ist, um über den "Ausnahmezustand" zu informieren. Deshalb lautet nach dem Kampf Donald vs. Hillary und der Eroberung des Throns die Konstellation nunmehr Donald vs. Deep State [14] und nur auf diesem Hintergrund sind Donalds Aktionen seit der Amtsübernahme zu verstehen.

Denn was hat die Flut von "Executive Orders" zu bedeuten, mit denen der neue König täglich überrascht, was bringt ihn dazu, mit Blitz-Dekreten wie dem Einreiseverbot nicht nur einige Länder, sondern seine eigenen Landsleute und die ganze Welt auf die Palme zu bringen, warum schockiert er mit Aussagen, dass Folter für ihn akzeptabel sei? Auch wenn König Donald vielleicht nicht der Schlaueste ist, ist er gewiss nicht doof und weiß genau, dass er sich mit diesen Aktionen keine Freunde macht und seine Gegner schockiert. Warum macht er es dennoch, warum gibt er sich nicht versöhnlicher, "präsidialer", warum pfeift er auf eine "gute Presse" und die Demonstrationen gegen ihn?

Was Donald da im Rahmen seiner Schockstrategie Tag für Tag ablässt, sind Testballons, bei denen es weniger um die vorhersagbare Reaktion der Öffentlichkeit geht, als um ein Check-Up der internen Loyalität geht, um ein Ausmerzen von schwachen Gliedern - wie der sofort gefeuerten Justizministerin - in der Befehlskette. Nur so kann einer, der den Thron gegen den gesamten Apparat erobert hat, seine Macht konsolidieren. Aus diesem Grund hat er auch den Meistern der Intelligence ihren Stammplatz im "Nationalen Sicherheitsrat" gestrichen - sie werden nur noch "bei Bedarf" hinzugebeten - und seinen Chefberater Steve Bannon [15], den man auch "Breitbart" nannte, an ihre Stelle gesetzt [16].

Er nimmt als persönlicher Einflüsterer des Königs nun dieselbe intime Rolle ein wie einst "Bloody Henry" Kissinger bei "Tricky Dick" Nixon oder Dick Cheney bei W. und hat sich denn auch schon als Donalds "Darth Vader" bezeichnet. Natürlich scherzhaft, aber er meint es ernst - und wird ab sofort dabei sitzen, wenn jeden Dienstag auf der "Kill List" [17] die durch Drohnen zu erledigenden Opfer angekreuzt werden. Diese praktische und zeitsparende Einrichtung hatte König Obama 2016 seinen neuen Rekord an politischen Morden ermöglicht und wird auch von Donald beibehalten; ob er der Jagdleidenschaft dann ebenso frönt wie sein Vorgänger bleibt noch abzuwarten.

Gemessen an den Leichenbergen, zu denen Bloody Henry und Cheney ihre Majestäten einst ermunterten, ist Donalds Einflüsterer "Breitbart" Bannon zwar noch völlig unbelastet, wird aber bereits als gefährlich [18] und böse [19] porträtiert. Wie sehr er das wirklich ist, muss sich noch herausstellen, sehr schlau ist er auf jeden Fall.

Die überfallartige Schockstrategie, mit der die Donald-Regierung gestartet ist, war sicher seine Idee, ebenso wie die erwartbaren hysterischen Reaktionen, die sie auslösten. Nicht zufällig hat der "Breitbart" den Honigdachs zum Wappentier erklärt, der sich auch von Bienenstichen oder Schlangenbissen nicht abhalten lässt: "he gives a shit" - und so dürfen wir ihn uns in Donalds ovalem Büro, zu dem er als einziger jederzeit Zutritt hat, sehr entspannt vorstellen, wenn er die Nachrichten zur Kenntnis nimmt. Und befriedigt feststellen kann, dass die Wahlverlierer, seine Gegner aus den liberalen und linken und libertären Lagern, in geradezu apokalyptischer Hysterie ausrasten und dabei alles über Bord werfen, was ihnen an "Werten" wie Demokratie, Toleranz und political correctness doch angeblich heilig ist.

Nach oben geschlossene Hitler-Skala nicht mehr grauenhaft genug

Und selbst die vornehmsten Herolde und Lautsprecher des Königreichs, die den rüden "Breitbart"-Brigaden stets Hass, Hetze und "Fake News" vorgeworfen hatten, produzieren nun in Sachen Donald nichts mehr anderes als genau das. ADS - das Anti-Donald-Syndrom - hatte sich epidemisch ausgebreitet und den von akuten Fieberschüben heimgesuchten Herolden und Lautsprechern war selbst die nach oben geschlossene Hitler-Skala nicht mehr grauenhaft genug, wenn es um die Boshaftigkeit des neuen Königs ging. Der Honigdachs war's zufrieden and gave a shit ...

Nur wenige im exzeptionalistischen Königreich waren weder vom Donaldismus noch von ADS befallen. Sie hielten das Anti-Donald-Geschrei für genauso selbstgefällig wie den König selbst und völlig ungeeignet, sich ernsthaft über eine Zukunft nach Donald [20] Gedanken zu machen.


Fussnoten:

[1] https://www.heise.de/tp/suche/?rm=search&channel=tp&sort=d&q=%22Real+Game+of+Thrones%22
[2] http://blogs.cfr.org/zenko/2017/01/05/bombs-dropped-in-2016/
[3] https://www.youtube.com/watch?v=FZXbG5gvoC0
[4] https://heise.de/-3616304
[5] https://www.youtube.com/watch?v=icLz5xxkCAE
[6] http://www.politico.com/story/2017/01/trump-cnn-press-234455
[7] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-15561260.html
[8] http://www.broeckers.com/2017/01/14/yankee-and-cowboy-war-2-0-8/
[9] https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/feb/02/corporate-dark-money-power-atlantic-lobbyists-brexit
[10] http://whowhatwhy.org/2014/11/13/doomsday-project-led-warrantless-surveillance-detention-911/
[11] http://www.larsschall.com/2014/07/16/reden-wir-ueber-den-amerikanischen-tiefenstaat/
[12] http://whowhatwhy.org/2014/11/13/doomsday-project-led-warrantless-surveillance-detention-911/
[13] http://www.journalof911studies.com/dick-cheney-john-yoo-and-cog-on-911/
[14] https://consortiumnews.com/2017/01/28/deep-state-vs-donald-trump/
[15] http://time.com/4657665/steve-bannon-donald-trump/
[16] https://heise.de/-3609914
[17] https://heise.de/-3384519
[18] http://airwww.alternet.org/steve-bannon-christian-holy-war-islam-donald-trump-capitalism-secularism-atheism
[19] http://www.dailykos.com/story/2017/1/29/1627101/-If-Bannon-is-the-evil-puppet-master-Steven-Miller-is-his-Jewish-evil-protege-Who-is-he
[20] https://www.nzz.ch/feuilleton/zukunft-nach-trump-mehr-selbstkritik-bitte-ld.143572?


Mit freundlicher Genehmigung von Mathias Bröckers übernommen von heise.de

Online-Flyer Nr. 599  vom 08.02.2017

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie