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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2017  

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Kommentar
Gedanken zum Jom-Kippur-Krieg
Die Kissinger-Story
Von Uri Avnery

ICH SCHREIBE dieses (Gott möge mir verzeihen) am Jom Kippur. Genau vor 43 Jahren, in eben diesem Augenblick, gingen die Sirenen. Wir saßen im Wohnzimmer, von dem aus man auf eine von Tel Avivs Hauptstraßen hinuntersieht. Die Stadt war vollkommen still. Keine Autos. Überhaupt kein Verkehr. Ein paar Kinder fuhren auf ihren Fahrrädern umher. Das war am Jom Kippur, dem heiligsten Tag im Judentum, erlaubt. Damals wie heute. Meine Frau Rachel und unser Gast Professor Hans Kreitler waren ins Gespräch vertieft. Der Professor war ein bekannter Psychologe und wohnte in der Nähe, deshalb konnte er zu Fuß kommen. Und dann wurde die Stille von einer Sirene zerrissen. Einen Augenblick lang dachten wir, es wäre ein Irrtum, aber dann stimmten eine weitere und noch eine weitere Sirene ein. Wir traten ans Fenster und sahen einen Aufruhr. Die Straße, die noch ein paar Minuten zuvor vollkommen leer gewesen war, begann sich mit Militär- und zivilen Fahrzeugen zu füllen. Und dann ging das Radio an, das wegen Jom Kippur geschwiegen hatte: Krieg war ausgebrochen.

Läßt Macht Klugheit außer Acht?


VOR EIN PAAR Tagen wurde ich gefragt, ob ich bereit sei, im Fernsehen über die Rolle Henry Kissingers in diesem Krieg zu sprechen. Ich war einverstanden, aber im letzten Augenblick wurde die Sendung abgesetzt, weil der Sender die dafür vorgesehene Zeit der Darstellung, wie Juden an der Klagemauer Gott um Vergebung bitten, widmen musste. In diesen Netanjahu-Zeiten hat Gott natürlich Vorrang. Statt also im Fernsehen zu sprechen, werde ich jetzt hier meine Gedanken über diesen Gegenstand niederschreiben. Henry Kissinger hat mich immer fasziniert. Einmal nahm mich meine Freundin Jael, die Tochter Mosche Dajans - natürlich als der große Mann nicht zu Hause war, denn er war mir feind – mit in seine große Bibliothek voller ungelesener Bücher und forderte mich auf, mir eines als Geschenk auszusuchen. Ich wählte ein Buch Kissingers und es hat mich sehr beeindruckt.

Wie Schimon Peres und ich wurde Kissinger 1923 geboren. Er war ein paar Monate älter als wir beide. Seine Familie verließ Nazi-Deutschland fünf Jahre später als meine und ging über England in die USA. Wir mussten beide sehr früh zu arbeiten anfangen, aber er setzte sein Studium fort und wurde Professor, während ich Armer nicht einmal die Grundschule abschloss. Ich war von der Klugheit seiner Bücher beeindruckt. Er näherte sich der Geschichte ohne Sentimentalität und beschäftigte sich besonders mit dem Wiener Kongress, in dem nach dem Sturz Napoleons einige kluge Staatsmänner das Fundament für ein stabiles absolutistisches Europa legten. Kissinger hob die Bedeutung ihrer Entscheidung hervor, den Vertreter des besiegten Frankreichs Talleyrand einzuladen. Ihnen war klar, dass Frankreich zum neuen System gehören müsse. Um den Frieden zu sichern, dachten sie, sollte niemand aus dem neuen System ausgeschlossen werden. Leider ließ der Kissinger, der an der Macht war, die Klugheit des Kissingers, der Professor gewesen war, außer Acht: Er schloss die Palästinenser aus.

Israels Spion unter mysteriösen Umständen gestorben

DAS THEMA, über das ich im Fernsehen sprechen sollte, war eine Frage, die die israelischen Historiker seit diesem schicksalhaften Jom Kippur faszinierte und umtrieb: Wusste Kissinger von dem bevorstehenden ägyptisch-syrischen Angriff? Hatte er Israel wegen seiner schändlichen eigenen Pläne nicht gewarnt? Nach dem Krieg wurde Israel von einer einzigen Frage zerrissen: Warum hatte unsere von Ministerpräsidentin Golda Meir und Verteidigungsminister Mosche Dajan geführte Regierung alle Zeichen eines bevorstehenden Angriffs ignoriert? Warum hatte sie die Armee-Reservisten nicht rechtzeitig einberufen? Warum hatte sie keine Panzer zu unseren Stützpunkten am Sueskanal geschickt? Als die Ägypter angriffen, wurde die Stellung nur schwach von zweitklassigen Soldaten gehalten. Die meisten Soldaten waren wegen des hohen religiösen Feiertags nach Hause geschickt worden. Die Stellung war leicht zu überrennen.

Der israelische Geheimdienst wusste natürlich von der massiven Bewegung der ägyptischen Einheiten in Richtung Kanal. Er verkannte sie als bedeutungsloses Manöver, als ein Manöver, das Israel erschrecken sollte. Um das zu verstehen, muss man bedenken, dass die israelische Armee nach dem unglaublichen Sieg erst sechs Jahre zuvor, als sie alle Nachbar-Armeen in sechs Tagen zerschmettert hatte, abgrundtiefe Verachtung für die ägyptischen Streitkräfte empfand. Die Idee, dass sie es wagen könnten, eine so folgenreiche Operation durchzuführen, schien ganz abwegig zu sein. Dazu kam noch die allgemeine Verachtung für Anwar al-Sadat, den Mann, der ein paar Jahre zuvor die Macht vom legendären Gamal Abd-al-Nasser geerbt hatte. In der Gruppe „freier Offiziere“, die, von Nasser geführt, 1952 die unblutige Revolution in Ägypten gemacht hatten, wurde Sadat als der am wenigsten Intelligente betrachtet und deshalb übereinstimmend zu Nassers Vertreter ernannt. In Ägypten, einem Land unzähliger Witze, gab es auch hierüber einen Witz. Darin hieß es: Immer wenn in der Versammlung des Rates der freien Offiziere ein Thema zur Sprache kam und alle ihre Ansichten darlegten, stand Sadat als Letzter auf und fing zu sprechen an. Nasser legte dann einen Finger an seine Stirn, drückte leicht dagegen und sagte: „Setz dich, Anwar, setz dich.“

Im Laufe der sechs Jahre zwischen den Kriegen übermittelte Sadat Golda einige Male, dass er zu Friedensverhandlungen auf der Basis des Rückzugs Israels von der besetzten Sinaihalbinsel bereit sei. Golda wies das voller Verachtung zurück. (Tatsächlich hatte Nasser selbst kurz vor seinem Tod einen  solchen Schritt beschlossen. Ich spielte bei der Übermittelung dieses Angebots an unsere Regierung eine kleine Rolle.) Zurück ins Jahr 1973: Fast im letzten Augenblick wurde Israel von einem gut aufgestellten Spion, der kein Geringerer als Nassers Schwiegersohn war, gewarnt. Er gab das genaue Datum des bevorstehenden Angriffs, aber die falsche Uhrzeit an. Statt Mittag kündigte er den frühen Abend an. Es war ein Unterschied von einigen schicksalhaften Stunden. In Israel wurde später darüber debattiert, ob der Mann ein Doppelagent gewesen sei und absichtlich die falsche Uhrzeit gesagt habe. Es war zu spät, man konnte ihn nicht mehr fragen – er war unter mysteriösen Umständen gestorben. Als Golda Kissinger über die bevorstehende ägyptische Aktion informierte, warnte er sie davor, einen präventiven Angriff durchzuführen, der Israel ins Unrecht setzen würde. Golda vertraute Kissinger, anders als der israelische Stabschef David („Dado“) Elasar. Kissinger verzögerte auch das Informieren seines Chefs Präsident Nixons um zwei Stunden.

Was für ein Spiel spielte Kissinger?

WAS FÜR ein Spiel spielte Kissinger? Für ihn war das Hauptziel Amerikas, die Sowjetunion aus der arabischen Welt zu vertreiben, sodass die USA die einzige Macht in der Region blieben. In seiner Welt der „Realpolitik“ war dieses das für ihn einzige Ziel von Bedeutung. Alle Beteiligten, darunter wir armen Israelis, waren nur Bauern auf dem riesigen Schachbrett. Ein großer Krieg, der jedoch unter Kontrolle war, war für ihn die praktische Möglichkeit, alle in der gesamten Region von den USA abhängig zu machen.

Als die Angriffe Ägyptens und Syriens zu Beginn erfolgreich waren, geriet Israel in Panik. Dajan, der sich in dieser Krise als das, was er wirklich war, nämlich ein Trottel, erwies, sprach von der „Zerstörung des Dritten Tempels“. (Damit schloss er unseren Staat den beiden jüdischen Tempeln des Altertums an, die von den Assyrers bzw. den Römern zerstört worden waren.) Die Armeeführung unter Dado bewahrte einen kühlen Kopf und plante ihre Gegenbewegungen mit bewundernswerter Genauigkeit. Aber schon bald ging die Munition aus und Golda wandte sich verzweifelt an Kissinger. Er setzte die „Luftbrücke“ mit Nachschub in Gang. Er schickte Israel gerade so viel, wie es für seine Verteidigung brauchte. Nicht mehr. Die Sowjetunion konnte nicht eingreifen. Kissinger war Herr der Situation.

Kampf mit verkehrten Fronten

MIT BEMERKENSWERTER Widerstandskraft (und den von Kissinger gelieferten Waffen) drehte die israelische Armee den Spieß um, schlug die Syrer weit hinter ihre Ausgangslinie zurück und näherte sich Damaskus. An der Südfront überquerten israelische Einheiten den Sueskanal und hätten eine Offensive in Richtung Kairo unternehmen können. Es war ein recht verworrenes Bild: Eine ägyptische Armee war noch östlich vom Kanal und so gut wie eingeschlossen, aber sie war noch in der Lage, sich zu verteidigen, während die israelische Armee hinter ihrem Rücken, westlich vom Kanal, auch in einer gefährlichen Lage war, denn sie lief Gefahr, von ihrem Heimatland abgeschnitten zu werden. Alles in allem war es ein klassischer „Kampf mit verkehrten Fronten“. Wenn der Krieg seinen Lauf genommen hätte, hätte die israelische Armee vor den Toren von Damaskus und Kairo stehen können und die ägyptische und die syrische Armee hätten um einen Waffenstillstand zu Israels Bedingungen gebeten. An dieser Stelle betrat Kissinger die Szene.    

Kissinger erreichte sein Ziel

DER ISRAELISCHE Vormarsch wurde auf Befehl Kissingers hundertundeinen Kilometer vor Kairo angehalten. Dort errichtete man ein Zelt und ständige Waffenstillstandsverhandlungen begannen. Ägypten wurde von dem hohen Offizier Abd-al-Rani Gamassi vertreten, der schon bald die Sympathien der israelischen Journalisten gewann. Der israelische Vertreter war der ehemalige Chef des Militärnachrichtendienstes, Angehöriger der Regierung und Reservegeneral Aharon Jariv. Jariv wurde bald abberufen, um seinen Sitz im Kabinett wieder einzunehmen. Er wurde von dem sehr beliebten aktiven Armeegeneral Israel Tal ersetzt. Dieser wurde Talik genannt und ich war mit ihm befreundet. Talik war dem Frieden zugetan und ich drängte ihn oft, er solle die Armee verlassen und Führer des israelischen Friedenslagers werden. Er weigerte sich, weil seine alles beherrschende Leidenschaft der Gedanke war, den Merkava zu schaffen, einen original israelischen Panzer, der seiner Mannschaft ein Maximum an Sicherheit bieten würde.

Unmittelbar nach dem Kampf traf ich mich regelmäßig mit Talik zum Mittagessen in einem bekannten Restaurant. Passanten wunderten sich wohl über diese beiden – den bekannten Panzer-General und den vom gesamten Establishment gehassten Journalisten -, wie sie so miteinander plauderten. Talik erzählte mir – natürlich im Vertrauen -, was geschehen war: Eines Tages hatte ihn Gamassy beiseite genommen und ihm erzählt, dass er neue Instruktionen erhalten habe: Anstatt nur über einen Waffenstillstand zu reden, konnte er über einen Frieden zwischen Israel und Ägypten verhandeln. Talik war außerordentlich erregt, flog nach Tel Aviv und eröffnete Golda Meir die Neuigkeit. Aber Golda blieb kühl. Sie sagte Talik, er solle auf alle Gespräche über Frieden verzichten. Als sie sah, dass er aufs Äußerste bestürzt war, erklärte sie ihm, sie habe Kissinger versprechen müssen, dass alle Friedensgespräche ausschließlich unter der Schirmherrschaft der USA geführt werden würden.

Und so geschah es: Eine Waffenstillstandsvereinbarung wurde unterzeichnet und eine Friedenskonferenz wurde – offiziell unter der gemeinsamen Schirmherrschaft der USA und Sowjetrusslands – nach Genf einberufen. Ich flog nach Genf, um zu sehen, was geschehen würde. Kissinger war dort, um die Bedingungen zu diktieren, aber sein sowjetischer Amtskollege Andrei Gromyko war eine harte Nuss. Nach ein paar Redebeiträgen wurde die Konferenz ohne Ergebnis vertagt. (Für mich war es eine bedeutsame Veranstaltung, weil ich dort den britischen Journalisten Edward Mortimer kennenlernte, der für mich ein Treffen mit dem PLO-Vertreter in London Said Hamami arrangierte. So kam das erste israelisch-PLO-Treffen zustande. Aber das ist eine andere Geschichte.) Der Jom-Kippur-Krieg kostete viele Tausende Israelis, Ägypter und Syrer das Leben. Kissinger erreichte sein Ziel. Die Sowjets verloren die arabische Welt an die Vereinigten Staaten. Bis Vladimir Putin des Weges kam.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 584  vom 19.10.2016

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