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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Globales
Vom Tigris in die Berge des Hindukusch und von Europa nach Afghanistan
Die doppelte Vertreibung
Von Jürgen Heiducoff

Julian King - neuer Sicherheitskommissar der EU hat davor gewarnt, dass als Folge der Kämpfe um Mossul die Sicherheit in Europa und anderen Teilen der Welt gefährdet werden könne. King sagte der „Welt“: "Die Rückeroberung der nordirakischen IS-Hochburg Mossul kann dazu führen, dass gewaltbereite IS-Kämpfer nach Europa zurückkommen. Das ist eine sehr ernste Bedrohung, auf die wir vorbereitet sein müssen.“ King sagte weiter: „Es befinden sich derzeit insgesamt noch rund 2500 IS-Kämpfer aus EU-Ländern in den Kampfgebieten. Vergleichbare Fälle in der Vergangenheit, wie Afghanistan, haben uns gezeigt, dass am Ende nur einige Kämpfer zurückkehren, weil einige von ihnen im Gefecht gefallen sind oder aber sich neue Kampfschauplätze suchen“. (1)

Vertreibung der Terrormiliz des „Islamischen Staates“ vom Tigris

Dies darf nicht darüber hinweg täuschen, dass der Kampf einer breiten Koalition gegen den IS begleitet von brutalem Bombenterror eine besondere Dimension darstellt. Die Erfahrung lehrt, dass auch die Offensive gegen Mossul nicht zur Liquidierung des IS führen wird, sondern zu seiner Vertreibung. Einer dieser neuen Kriegsschauplätze, auf den die verdrängten Terrorkämpfer des IS ausweichen könnten, wird Afghanistan sein. Die ersten IS – Kämpfer sind dort bereits aufgetaucht. In dieser globalisierten Welt bleibt nur wenig dem Zufall überlassen. Auch zwischen den ärmsten und zerstörten Regionen gibt es Beziehungen und kausale Zusammenhänge.

Derzeit werden islamistische Extremisten in Mossul bekämpft. Wieder Mal wurde die militärische Option gewählt – inszeniert und unterstützt auch vom Westen. Die Bundesrepublik Deutschland ist dabei. Die Bundeswehr bildet kurdische Peschmergakämpfer aus und berät sie. Man kann dies auch überschreiben mit: direkte Unterstützung mit Waffenlieferungen und Beratung zum effektiven Vernichten menschlichen Lebens.

Die Bundeswehr trägt mit den Tornados zur Aufklärung der Lage im Nahen Osten bei. Das hat vor einigen Jahren schon Mal – in Afghanistan – nichts gebracht. Wie auch immer der Kampf um Mossoul ausgehen mag, er wird neuen Terror hervor bringen. Hass, Rache und Kampfeswille gegen die Ungläubigen wird die Banditen des „Islamischen Staates“ im Willen stärken. Viele werden neu rekrutiert und in anderen Regionen ihren Kampf fortsetzen – auch vor allem in Afghanistan. Und politische Verbündete der Bundesregierung werden ihr schmutziges, aber lohnendes Spiel auch hier weiter treiben.

Von Flüchtlingen zu Vertriebenen - Der Weg der Kriegsflüchtlinge aus Deutschland und Europa zurück nach Afghanistan

Doch auch eine zweite Vertreibung wirft ihre erschreckenden Schatten voraus: die Vertreibung tausender afghanischer Flüchtlinge aus Deutschland und Europa zurück in das Kriegsgebiet. Diese Vertreibung – festgeschrieben in Abkommen der Bundesrepublik und der EU wird neue soziale Spannungen und eine Atmosphäre des Ausweglosigkeit und des Hasses am Hindukusch hervorrufen. Dies wiederum wird sich als Nährboden für noch mehr Terror erweisen. Und der Krieg in Afghanistan wird weiter angeheizt werden. Schuld ist eine unverantwortliche Politik in Berlin und Brüssel.

Motive der Flucht


Trotz der Bereitschaft, zu unwürdigen Bedingungen zu schuften, können immer mehr Afghanen ihre Familien in ihrer Heimat nicht ernähren. Der Aufbau einer selbständigen Existenz als Handwerker oder Händler scheitert am Defizit der Kundschaft. Wenn der Aufwand die Einkünfte weit übersteigt, ist dies ein Verlustgeschäft. Land- und Gartenwirtschaft dient nur der Eigenversorgung. Wer sich also nicht bewaffneten Kräften, ob Polizei, Armee oder etwas einbringlicher einer der Milizen anschließt, bleibt ohne Einkünfte.

Es mag paradox klingen, aber Kriminalität wie Diebstahl, Raub oder Wohnungseinbrüche haben in den afghanischen Städten wenig Sinn, weil es bei den meisten Leuten nichts mehr zu holen gibt. Die wenigen durch Korruption und Verbrechen reich gewordenen Afghanen haben ihr Kapital längst ins Ausland gebracht und lassen ihre Luxusvillen mit hohem Aufwand sichern. Sie bleiben in dem durch ewigen Krieg geschundenen Land, um weitere lohnende „Geschäfte“ zu machen. Für die Kriegsgewinnler fallen die Kosten für Wachmänner und Leibwächter kaum ins Gewicht.

Sie sind aus Afghanistan geflohen, weil ihnen dieses Land keine Überlebensperspektive bietet und weil sie teilweise um ihr und das Leben ihrer Familie fürchten müssen. Alle Hoffnungen knüpften sie an Deutschland, das bereits in den 1970er und 1980er Jahren vielen Afghanen, die vor den Kämpfen zwischen Regierungs- und sowjetischen Truppen und Stammeskriegern flohen, eine zweite Heimat bot. Die meisten der Flüchtlinge von damals gelang die Integration in unsere fremde Welt. Doch diesmal soll es anders kommen. Alle, die nicht als intellektuelles Potential oder Billiglöhner zu gebrauchen sind und erst recht deren Familien, sollen aus dem ersehnten Paradies gedrängt, abgeschoben, vertrieben werden.

Durch eine unverantwortliche Politik werden Tausende Afghanen in das Elend gedrängt, abgeschoben, vertrieben

Vergessen ist die Begrüßungskultur des letzten Jahres, die auch politisch hochgelobt wurde. Dass dies, bedingt durch Medien und soziale Netzwerke eine Kampagne der Fluchtbewegung in Afghanistan erst einmal so richtig anheizte, muss nicht verwundern. Fluchthilfegruppen und -organisationen schossen wie Pilze aus dem Boden.

Berlin hat mit Kabul ein Rückführungsabkommen abgeschlossen, nach dem die Masse der Flüchtlinge abgeschoben werden soll. Afghanistan gilt als sicheres Herkunftsland und wessen Asylantrag abgelehnt wurde, der soll auch zügig abgeschoben werden. Auch in Brüssel ist kurz vor der Afghanistankonferenz ein Abkommen zwischen der EU und der Kabuler Regierung unterzeichnet worden. Als Bedingung für die Gewährung von 15 Milliarden Dollar Hilfe für die nächsten vier Jahre musste sich die Regierung Ghani verpflichten, aus Europa abgeschobene Flüchtlinge wieder aufzunehmen.

Wohlgemerkt: Abgeschoben werden die Afghanen, die kein Asyl in Europa bekommen. Mit anderen Worten: abgeschoben werden die Menschen, die die europäische Wirtschaft nicht als Humankapital verwerten kann. Zurück getrieben werden die, die nach der Auslese der besten Köpfe übrig bleiben. Was erwartet diese Menschen? Viele der Flüchtlingen mussten vor Beginn ihrer Flucht nach Europa Haus, Hof und Vieh verkaufen, um die Schleppergebühren aufzubringen. Wo sollen sie nach ihrer Rückkehr hin?

Es ist nicht zu erwarten, dass die erzwungene Heimkehr Empfangsovationen der Zurückgebliebenen hervorruft. Statt dessen werden sie als Verräter und im besten Fall als Konkurrenten im Kampf ums Überleben bekämpft. Erfahren die Zurückgebliebenen von Startgeldern, besteht die Gefahr, dass dies gewaltsam abverlangt wird. Die Lage in diesem „sicheren Herkunftsland“ hat sich schnell verschlechtert. Viele Provinzen werden durch die bewaffnete Opposition sowie durch örtliche wie auch vagabundierende Kriminelle beherrscht. Überlagert wird diese Situation durch oft ausufernde Stammeskämpfe. Ethnische und religiöse Spannungen kommen hinzu. Ganze Stadtviertel selbst der afghanischen Hauptstadt sind in den letzten Jahren verelendet.

Persönliche Erfahrungen mit dem Leben in Kabul

Ich habe zwei Jahre in einem alten Wohnhaus im Zentrum von Kabul gewohnt. Das war zwischen 2006 und 2008, als die Stadt noch nicht so herunter gekommen war. Und dennoch war es eine Belastung, da zu leben. Ich meine noch nicht einmal den Staub und die Abgase, die die Leute kaum atmen lassen. Ich meine die Gesamtheit der Lebensumstände. Da waren noch Restaurants und Geschäfte vorhanden für die Leute, die über ein Einkommen verfügten. Man konnte sich aber nicht auf die Einhaltung der geringsten Hygieneregeln verlassen, wenn die Kühlkette der Tiefkühlprodukte regelmäßig unterbrochen wurde oder wenn unverpackte Produkte dem all gegenwärtigen Fäkalienstaub ausgesetzt war. Im Winter konnte man sich nur in dem einen durch einen separaten Ölherd beheizten kleinen Raum aufhalten. Die öffentliche Stromversorgung war auf wenige Stunden begrenzt und die Spannung schwankte so stark, dass die Fernseh- und andere Geräte ständig defekt waren. Das Wasser aus dem Brunnen hatte oft eine dunkelbraune Färbung. Da das Wasser durch eine elektrische Pumpe gefördert wurde, lief da natürlich zu den Zeiten des Stromausfalls nichts. Internet – Fehlanzeige. Es bleibt die Erinnerung an ewig lange Nächte im Kerzenschein und an das abrupte Wecken durch eine Detonation in der Nähe am Morgen. Im verstaubten Keller befand sich die Notration: Mineralwasser, Konserven, Bier.

Wohl gemerkt – das war für Kabuler Verhältnisse ein privilegiertes Leben. Dies war einmal und die meisten Menschen heute, die keine regelmäßige Arbeit haben, darben in blanker Not. Die Preise für Heizöl sind unerschwinglich. Selbst getrocknetes Brennholz, das zuhauf an den Zufahrtsstraßen der Stadt zu kaufen ist, ist kaum bezahlbar. Verständlich, denn der Arbeitsaufwand, dieses zu gewinnen, ist enorm. Es handelt sich um das Wurzelholz von zum Teil vor Jahren gefällten oder abgeschossenen Bäumen. Es wurde kaum aufgeforstet, weil das Wasser zum Gießen der Jungpflanzen nicht aufzubringen war. Es kam vor, dass die Leute ihren Zaun oder die letzte Tür verheizten, um die zum Teil strengen Winter zu überstehen. Aber auch der Sommer ist keine Entspannung. Die tropischen Temperaturen machen in den Nächten ein Durchschlafen unmöglich. Besonders schwer haben es die Hazara, eine schiitische Minderheit. Sie und andere Nomadenstämme vegetieren in aus Pappe, Lappen und Fetzen zusammen gefügten Behausungen.

Hinzu kommt die Unsicherheit an Leib und Leben durch die überall in der Stadt vagabundierenden Söldner irgendwelcher ausländischer privaten Sicherheitsfirmen. Sie nehmen sich das Recht, über Leben oder Tod von Passanten zu bestimmen. Kein Hahn kräht, wenn da hin und wieder ein Mensch erschossen wird. Die überaus korrupte Polizei erscheint ohne angemessene Schmiergeldzahlung noch nicht einmal am Tatort. Es gab und es gibt in dieser Welt nur gesundheitlich robuste Menschen. Wer da ernsthaft erkrankt, überlebt nur, wenn er genügend Geld für eine mittelmäßige medizinische Behandlung aufbringen kann oder noch besser, nach Indien zur Behandlung reist. Dies ist in Ansätzen der Versuch, die Hölle zu beschreiben, aus der die Afghanen zu uns geflohen sind. Viele von ihnen sind traumatisiert. Sie haben zum Teil ein Leben in Elend und Krieg hinter sich. Und in diese Hölle sollen sie nun zurückkehren.

Konsequenzen für Deutschland

Wen wundert es, dass sich mehr und mehr von denen, deren Asylantrag abgelehnt wird, um ein Plätzchen für den illegalen Aufenthalt in Deutschland bemühen? Zum Bestreiten ihres Lebensunterhaltes wird sich schon eine Möglichkeit im breiten Spektrum der kriminellen Schattenwirtschaft finden. Gelingt dies nicht und droht endgültig die Abschiebung werden Abscheu und Hass bleiben. Wer jung und gesund ist, wird gezwungen sein, sich vielleicht den Milizen des „Islamischen Staates“ anzuschließen, die gerade auch im Land am Hindukusch Fuß fassen.
Und das „Spiel“ beginnt von vorn. Vielleicht ist dies so gewollt?


Fussnote:

1 https://www.welt.de/politik/ausland/article158844494/Noch-2500-IS-Kaempfer-aus-EU-in-den-Kampfgebieten.html

Online-Flyer Nr. 584  vom 19.10.2016

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