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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Kommentar
Gedanken zu Schimon Peres
Die Sage von Sisyphus
Von Uri Avnery

SIMON PERES ist ein Genie. Ein Genie im Auftreten. Sein ganzes Leben lang hat er an der Darstellung seiner Person in der Öffentlichkeit gearbeitet. Das Image ersetzte den Menschen. Fast alle Artikel, die über ihn geschrieben wurden, seit er krank geworden ist, handeln von der imaginierten Person, nicht von der realen. Wie die Amerikaner gerne sagen: Er ist so unecht, dass er schon wieder echt ist. Oberflächlich gesehen, gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen ihm und mir. Er ist nur 39 Tage älter als ich. Er kam ein paar Monate nach mir ins Land, als wir beide 10 Jahre alt waren. Ich wurde in das Genossenschaftsdorf Nahalal geschickt. Er wurde in das Landwirtschafts-Jugenddorf Ben Schemen geschickt. Von uns beiden kann man sagen, wir seien Optimisten und wir seien unser ganzes Leben lang aktiv gewesen. Hier enden die Ähnlichkeiten.

Großer Vogel Peres

ICH KAM aus Deutschland, wo wir eine wohlhabende Familie gewesen waren. In Palästina büßten wir sehr schnell all unser Geld ein. Ich wuchs in äußerster Armut auf. Er kam aus Polen. Seine Familie war auch in Palästina wohlhabend. Ich behielt einen deutschen Akzent. Er behielt einen sehr starken polnischen. Schon in seiner Kindheit hatte er etwas an sich, das in der jüdischen Schule seiner kleinen Geburtsstadt den Ärger seiner Mitschüler auf ihn lenkte. Sie verdroschen ihn oft. Sein jüngerer Bruder verteidigte ihn. „Warum hassen sie mich so?“, habe er ihn gefragt, erzählte der Bruder. In Ben Schemen hieß er noch Persky. Einer seiner Lehrer empfahl ihm, einen hebräischen Namen anzunehmen, wie wir es fast alle taten. Er schlug den Namen Ben Amoz, den Beinamen des Propheten Jesaja, vor, aber diesen Namen schnappte ihm sein Mitschüler Musia Tehilimsager, der auch einmal berühmt werden sollte, vor der Nase weg. Da schlug ihm der Lehrer den Namen des großen Vogels Peres vor.

Waffen kaufen

ZUM ERSTEN MAL trafen wir uns, als wir 30 Jahre alt waren. Er war schon Generaldirektor des Verteidigungsministeriums, ich war Chefredakteur einer Zeitschrift, die das Land verstimmte. Er lud mich ins Ministerium ein, um von mir zu verlangen, ich solle einen investigativen Artikel nicht veröffentlichen (über das Versenken eines Schiffes mit illegalen Flüchtlingen im Hafen von Haifa durch die Hagana vor der Gründung Israels). Unsere Begegnung war eine Geschichte gegenseitiger Abneigung auf den ersten Blick. Ich mochte ihn schon vor der Begegnung nicht. Im Krieg von 1948 (dem „Unabhängigkeitskrieg“) gehörte ich zu einer Kommando-Einheit, die sich „Samsons Füchse“ nannte. Wir Kampfsoldaten verabscheuten alle die Mitglieder unserer Altersgruppe, die keine Soldaten waren. Peres war nicht Soldat, David Ben-Gurion schickte ihn ins Ausland, um dort Waffen zu kaufen. Das war eine wichtige Aufgabe – aber eine, die ein 60jähriger ebenso gut hätte erledigen können. Diese Tatsache hing sehr lange wie eine Wolke über seinem Kopf. Sie erklärt, warum Angehörige seiner Altersgruppe ihn verabscheuten und warum sie Jitzchak Rabin, Jigal Alon und ihre Kameraden liebten.

Ein Politiker und weiter nichts

SCHIMON PERES war seit seiner Kindheit Politiker – ein wahrer Politiker, ein vollkommener Politiker, ein Politiker und weiter nichts. Keine anderen Interessen, keine Hobbys. Es fing schon in Ben Schemen an. Peres war dort ein Außenseiter, ein Neueinwanderer, der anders als all die sonnenverbrannten athletischen einheimischen Jungen war. Sein nicht besonders schönes Gesicht machte die Sache nicht besser. Trotzdem fand ihn Sonja, die Tochter des Tischlereilehrers, anziehend und sie wurde dann seine Frau. Er lechzte nach der Zuneigung seiner Mitschüler und wollte als einer von ihnen akzeptiert werden. Er trat der Jugendorganisation der allmächtigen Gewerkschaft Histadrut „Arbeitsjugend“ bei und wurde dort sehr aktiv. Da die in Israel aufgewachsenen Jungen, die Sabras, politische Aktivität nicht mochten, stieg Peres in ihren Reihen auf und wurde schon bald Ausbilder.

Die erste Gelegenheit kam für ihn, nachdem er seine Ausbildung in Ben Schemen abgeschlossen hatte und in einen Kibbuz der Arbeitspartei (Mapai) eintrat. Mapai regierte die jüdische Gemeinschaft mit eiserner Faust. Die Partei teilte sich, fast alle jungen Führer traten „Fraktion B“, der Oppositionsgruppe, bei. Peres war fast der Einzige, der der Haupt-Fraktion die Treue hielt. Auf diese Weise zog er die Aufmerksamkeit des Partei-Aufsehers Levi Eschkol auf sich. Es war eine glänzende politische Übung. Seine einstmaligen Kameraden hatten ihn verachtet, aber nun stand er mit der Spitze der Parteileitung in Verbindung. Eschkol machte Ben-Gurion auf ihn aufmerksam, und als 1948 der Krieg ausbrach, schickte ihn der Parteiführer in die USA, um dort Waffen zu kaufen. Von da an war Peres Ben Gurions rechte Hand, bewunderte ihn und – was besonders wichtig war – wurde sein politischer Nachfolger.

In den Gleisen von damals

BEN-GURION PRÄGTE dem neuen Staat seine politischen Anschauungen auf und man kann sagen, dass der Staat auch heute noch in den Gleisen fährt, die er damals legte. Peres war einer seiner Haupthelfer. Ben-Gurion glaubte nicht an Frieden. Seine Ansichten gründeten sich auf die Annahme, dass die Araber niemals Frieden mit dem jüdischen Staat schließen würden, denn der war schließlich auf dem Land erbaut, das einmal ihnen gehört hatte. Es würde keinen Frieden geben, jedenfalls nicht für eine sehr lange Zeit. Darum brauchte der neue Staat eine starke Westmacht als Verbündeten. Die Logik schrieb vor, dass ein solcher Verbündeter nur aus den Reihen der imperialistischen Mächte kommen könne, die den arabischen Nationalismus fürchteten.

Es war ein Teufelskreis: Um sich gegen die Araber zu verteidigen, brauchte Israel einen kolonialistischen anti-arabischen Verbündeten. Eine solche Allianz würde den Hass der Araber auf Israel nur verstärken. Und so weiter bis zum heutigen Tag. Der erste in Aussicht stehende Verbündete war Britannien. Aber das wurde nichts: Die Briten zogen den arabischen Nationalismus vor. Im richtigen Augenblick erschien jedoch ein anderer möglicher Verbündeter auf der Bildfläche: Frankreich. Die Franzosen hatten in Afrika ein ausgedehntes Imperium. Algerien, das offiziell ein französisches Département war, erhob sich 1954. Beide Seiten kämpften mit äußerster Grausamkeit. Die Franzosen konnten es nicht fassen, dass ihre Algerier sich gegen sie erheben würden, und schoben die Schuld auf den neuen Führer, der in Kairo an die Macht gekommen war. Aber kein Land war bereit, ihnen bei ihrem „schmutzigen Krieg“ beizustehen. Keines außer einem.

Ben-Gurion wurde schon alt und er befürchtete, dass Gamal Abd-al-Nasser zum neuen panarabischen Führer werden könnte. „Nasser“ war jung, voller Energie, sah gut aus und hatte Charisma. Er war ein mitreißender Redner und ganz anders als die alten arabischen Honoratioren, die Ben-Gurion gewohnt war. Als die Franzosen Ben-Gurion die Hand hinstreckten, ergriff er sie mit großem Eifer. Es war wieder der alte Teufelskreis: Israel unterstützte die Franzosen bei ihrer Unterdrückung der Araber, der Hass der Araber auf Israel nahm zu und Israel brauchte daher die kolonialen Unterdrücker umso mehr. Vergeblich warnte ich vor diesem katastrophalen Prozess. Ben-Gurions Abgesandter nach Frankreich war Schimon Peres. Mit seiner Hilfe erreichte der Prozess nie erträumte Höhen. Zum Beispiel: Als die UN über den Vorschlag debattierten, die Haftbedingungen des algerischen Führers Ahmed Ben Bella zu verbessern, war Israel das einzige Land in den UN, das dagegen stimmte. (Die Franzosen selbst boykottierten das Treffen.)

Diese unheilige Allianz erreichte 1956 im Suez-Krieg ihren Höhepunkt. Damals griffen Frankreich, Britannien und Israel gemeinsam Ägypten an. Diese Operation wurde weltweit einmütig verurteilt; die USA und Sowjetrussland machten gemeinsame Sache und die drei Verschwörer mussten sich zurückziehen. Israel musste das riesige von ihm besetzte Gebiet zurückgeben. Die Franzosen riefen Charles de Gaulle noch einmal zurück an die Macht und ihm war klar, dass er dem sinnlosen Krieg ein Ende machen musste. Peres pries die Allianz weiterhin, die, so verkündete er, nicht auf bloßen Interessen beruhe, sondern auf tief empfundenen gemeinsamen Werten. Er veröffentlichte diese Rede Satz für Satz und ich widerlegte sie Satz für Satz. Ich sagte voraus, dass Frankreich, wenn der Krieg in Algerien erst einmal vorüber sei, Israel wie eine heiße Kartoffel fallen lassen und seine Verbindungen mit der arabischen Welt wieder anknüpfen werde. Und eben das geschah dann natürlich auch. (Israel nahm an der Stelle Frankreichs die USA.)

Eine der Früchte des Suez-Abenteuers war der Atomreaktor in Dimona. Die Legende will, dass er ein Geschenk Frankreichs an Israel sei, und zwar aus Dankbarkeit für die Dienste, die Peres Frankreich geleistet habe. In Wirklichkeit gehörte er zum Handel Frankreichs mit Israel und zum Aufschwung der französischen Industrie. Viele Bestandteile wurden durch Diebstahl und Betrug erworben. Peres wurde in Israel in den Himmel gehoben. Er wurde als Mann des Krieges, nicht des Friedens, gepriesen.

Verdammt, einen schweren Felsbrocken auf einen Berg zu wuchten

PERES’ Karriere erinnert an die Sage von Sisyphus aus der griechischen Mythologie. Er war von den Göttern verdammt worden, einen schweren Felsbrocken auf einen Berg zu wuchten, und jedes Mal, wenn er seinem Ziel nahe war, glitt ihm der Felsbrocken aus den Händen und stürzte den Berg wieder runter. Nach dem Sinai-Krieg erklomm Peres’ Schicksalslinie neue Höhen. Der Architekt der Beziehungen zu Frankreich, der Mann, der einen Atomreaktor bekommen hatte, wurde zum Stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt und er war auf dem besten Weg, ein bedeutendes Kabinettsmitglied zu werden, als plötzlich alles zusammenbrach. Ben-Gurion wollte unbedingt eine abscheuliche Sabotage-Affäre in Ägypten aufdecken, und seine Kollegen setzten ihn daraufhin ab. Er bestand darauf, die neue Partei Rafi zu gründen. Peres war, ebenso wie Mosche Dajan, sehr zu ihrer beider Missvergnügen gezwungen, Ben Gurion zu begleiten. Ben-Gurion war nicht aktiv, Dayan tat wie gewöhnlich nichts und so blieb es an Peres hängen, den Wahlkampf zu führen. Mit seiner wie gewöhnlich unermüdlichen Energie pflügte er das Land um, aber bei den Wahlen gewann die Partei trotz allen ihren glänzenden Stars nur 10 Sitze in der Knesset mit ihren 120 Abgeordneten und wurde zu einer ohnmächtigen Opposition. Peres’ Felsbrocken stürzte den Berg runter.

Und dann kam die Wiedergutmachung – jedenfalls fast. Abd-al-Nasser schickte seine Armee auf die Sinaihalbinsel, in Israel brach Panik aus. Die Rafi-Partei trat der Regierung bei. Peres erwartete, zum Verteidigungsminister ernannt zu werden, aber im letzten Augenblick bekam der charismatische Dajan das Amt. Israel gewann in sechs Tagen einen durchschlagenden Sieg und der Mann mit der schwarzen Augenklappe wurde zur Weltberühmtheit. Der arme Peres musste sich mit einem geringeren Ministerium zufrieden geben. Wieder war der Felsbrocken ganz unten. Sechs Jahre lang schmachtete Peres, während sich Dajan in der Bewunderung der Männer und noch mehr der Frauen der Welt sonnte. Und dann wandte sich das Glück ihm wieder zu. Die Ägypter überquerten den Suez-Kanal und gewannen einen unglaublichen Anfangssieg, Dajan zerbröckelte wie ein Götzenbild aus ungebranntem Ton. Einige Zeit später waren sowohl Golda Meir als auch Dajan gezwungen zurückzutreten und Peres wurde eindeutig zum Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten. Aber das Unglaubliche geschah: Aus dem Nichts tauchte Jitzchak Rabin auf, der im Land geborene Junge, der Sieger des Sechs-Tage-Krieges. Er wurde zum Ministerpräsidenten gewählt, war jedoch gezwungen, Peres, den er nicht mochte, zum Verteidigungsminister zu ernennen. Der Felsbrocken war wieder zur Hälfte oben.

Die folgenden Jahre waren für Rabin die Hölle. Der Verteidigungsminister hatte nur ein Ziel im Leben: den Ministerpräsidenten zu demütigen und zu schwächen. Es war eine Vollzeitbeschäftigung. Um Rabin zu kränken, tat Peres etwas von historischer Bedeutung: Er schuf die ersten israelischen Siedlungen mitten im besetzten Westjordanland. Damit setzte er einen Prozess in Gang, der jetzt Israels Zukunft bedroht. Wütend, wie er war, gab Rabin ihm den Spitznamen, der ihm seitdem anhaftet: „der unermüdliche Intrigant“. Einige Jahre später musste Rabin vorgezogene Neuwahlen abhalten. Ein paar Kampfflugzeuge, die Israel von den USA bekommen hatte, kamen am Freitag in Israel an und es wurde für die Ehrengäste zu spät, nach Hause zu kommen, ohne den Sabbat zu entweihen. Die religiösen Parteien rebellierten. Rabin führte natürlich die Parteiliste an. Dann geschah etwas. Es kam ans Licht, dass Rabin, nachdem er den Posten des Botschafters in den USA verlassen hatte, ein Bankkonto in Amerika zurückgelassen hatte – etwas, das damals verboten war. Rabins Frau wurde beschuldigt, Rabin nahm die Schuld galant auf sich und trat zurück, Peres wurde die Nummer 1 auf der Liste und endlich näherte sich der Felsbrocken dem Gipfel des Berges.

Am Abend des Wahltages feierte Peres bereits seinen Sieg, als sich in der Nacht das Glücksrad plötzlich anders drehte. Es war unglaublich: Menachem Begin, den viele als Faschisten betrachteten, hatte gewonnen. Der Felsbrocken stürzte ab. Am Vorabend des Libanon-Krieges von 1982 (in dessen Verlauf ich mich mit Jasser Arafat traf) gingen der Oppositionsführer Peres und Rabin Begin besuchen und forderten ihn auf, in den Libanon einzumarschieren. Dann erkrankte Begin an Alzheimer und sein Amtsnachfolger wurde ein weiterer ehemaliger Terrorist, Jitzchak Schamir. Es folgte so etwas wie ein Interregnum, während dessen keine der beiden großen Parteien alleine regieren konnte. Ein Rotations-Schema mit zwei Spitzen entwickelte sich. Bei einer seiner Aufgaben als Ministerpräsident gewann Peres unbestritten Lorbeeren als derjenige, der Israels dreistellige Inflation besiegte und den neuen Schekel einführte, der noch heute unsere Währung ist. Der Felsbrocken stieg gerade wieder in die Höhe, als etwas sehr Schlimmes geschah. Vier arabische Jungen entführten einen vollbesetzten Bus und fuhren damit nach Süden. Der Bus wurde gestürmt. Die Regierung versicherte, dass alle vier Entführer im Kampf getötet worden seien, aber dann veröffentlichte ich ein Foto, auf dem zu sehen war, dass zwei von ihnen lebend gefangen genommen worden waren. Es kam ans Licht, dass sie kaltblütig vom Geheimdienst hingerichtet worden waren. Mitten in dieser Affäre trat Peres Schamirs Nachfolge an, worauf man sich zuvor geeinigt hatte. Peres begnadigte alle Mörder, darunter den Chef von Schin Bet.

Der Felsbrocken ist auf dem Gipfel des Berges angekommen

RABIN ÜBERNAHM wieder die Macht und Peres wurde Außenminister. Eines Tages wollte Peres mich sehen. Das war ungewöhnlich, da die Feindschaft zwischen uns schon sprichwörtlich geworden war. Peres hielt mir eine Vorlesung über die Notwendigkeit, Frieden mit der PLO zu schließen. Da dies seit vielen Jahren das Hauptziel meines Lebens war, konnte ich mich eines Lachens nicht erwehren. Dann erzählte er mir im Geheimen von den Verhandlungen in Oslo und bat mich, meinen Einfluss zu nutzen, um Rabin zu überzeugen. Peres hatte also einen gewissen Anteil an der Vereinbarung, aber es war Rabin, der die folgenreiche Entscheidung traf – und dafür mit dem Leben bezahlte. Ich stelle mir vor, wie der Mörder mit der geladenen Pistole am Fuße der Treppe wartete, Peres ein paar Schritte entfernt vorübergehen ließ und auf Rabin wartete, der ein paar Minuten später die Treppe runterkam.

Das Nobelpreis-Komitee beschloss zunächst, Arafat und Rabin mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen. Peres’ Bewunderer in aller Welt setzten Himmel und Hölle in Bewegung, bis das Komitee Peres Namen der Liste hinzufügte. Die Gerechtigkeit hätte gefordert, dass auch Mahmoud Abbas ausgezeichnet worden wäre, der gemeinsam mit Peres unterschrieben hatte. Aber die Statuten lassen nur drei Preisträger zu. Deshalb wurde Abbas nicht auch zum Nobelpreisträger. Nach Rabins Tod wurde Peres vorläufiger Ministerpräsident. Wenn er unmittelbar nach dem Tod Rabins Wahlen verlangt hätte, hätte er einen erdrutschartigen Sieg errungen. Aber Peres wollte nicht an den Rockschößen eines Toten hängen. Er wartete ein paar Monate ab, in denen er einen unbedachten Krieg im Libanon führte. Am Ende verlor er die Wahlen an Benjamin Netanjahu. (Das veranlasste mich zu dem Scherz: „Wenn eine Wahl verloren werden kann, wird Peres sie verlieren. Wenn eine Wahl nicht verloren werden kann, wird Peres sie trotzdem verlieren.“)

Während des gesamten Wahlkampfes wurde Peres verflucht und beschimpft. Einmal hatte er sich über „ein Meer von (obszönen) Gesten der Orientalen“ beschwert. Das machte ihn bei den Bürgern orientalischer Herkunft noch unbeliebter. In dieser Zeit tat Peres etwas Kluges: Er unterzog sich einer Schönheitsoperation. Sein Aussehen verbesserte sich in bemerkenswerter Weise. Die endgültige Schmach erlitt Peres, als er sich für das Amt des Staatspräsidenten zur Wahl stellte. Der Präsident ist ein Repräsentant ohne wirkliche Macht und wird von der Knesset gewählt. Doch Peres verlor gegen eine Person ohne jegliche Bedeutung, einen Mitläufer der Likud-Partei mit Namen Mosche Katzav. Das schien eine endgültige Kränkung zu sein. Aber wieder geschah das Unglaubliche. Katzav wurde verhaftet und wegen Vergewaltigung verurteilt. In der folgenden Wahl wählte die Knesset Peres in etwas wie einem Anfall kollektiver Reue.

Der Felsbrocken ist auf dem Gipfel des Berges angekommen. Schließlich hat Sisyphus mit seiner unermüdlichen Energie gewonnen. Der lebenslange Politiker, der niemals eine Wahl gewonnen hatte, wurde nun Präsident – und über Nacht wurde er sehr beliebt. Peres waren einige Jahre vergönnt, die neu gewonnene Liebe des Volkes zu genießen, die zu gewinnen sein ganzes Leben hindurch sein Ziel gewesen war. Und dann hatte er vor zwei Wochen einen Schlaganfall und verlor das Bewusstsein. Ich hoffe, er erholt sich wieder. Leute wie ihn gibt es heute nicht mehr.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 581  vom 28.09.2016

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