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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Kommentar
Konflikt – oder Frieden
Bürgerkrieg
Von Uri Avnery

ETWAS SELTSAMES geschieht mit den Chefs des Israelischen Inneren Sicherheitsdienstes Schin Bet, sobald sie im Ruhestand sind. Der Sicherheitsdienst ist per definitionem eine tragende Säule der israelischen Besetzung. Er wird von (jüdischen) Israelis bewundert, von Palästinensern gefürchtet und überall respektiert. Die Besetzung könnte ohne ihn nicht bestehen. Und hier liegt das Paradoxon: Wenn die Chefs des Geheimdienstes ihre Arbeitsstelle verlassen, werden sie zu Wortführern des Friedens. Wie kommt das? Dafür gibt es tatsächlich eine logische Erklärung. Schin-Bet-Agenten sind der einzige Teil des Establishments, der mit der palästinensischen Realität in wirkliche, direkte und tägliche Berührung kommt. Sie befragen verdächtige Palästinenser, foltern sie und versuchen, sie in Informanten umzudrehen. Sie sammeln Informationen und durchdringen die entferntesten Teile der palästinensischen Gesellschaft. Sie wissen mehr über Palästinenser als jeder andere in Israel (und vielleicht auch in Palästina).

Die Intelligenten unter ihnen ("intelligence officers ", Geheimdienst-Offiziere, können tatsächlich intelligent sein und viele von ihnen sind es) denken über das, was sie zu sehen bekommen, auch nach. Sie kommen zu Schlussfolgerungen, die vielen Politikern entgehen: dass wir einer palästinensischen Nation gegenüberstehen, dass diese Nation nicht verschwinden wird, dass die Palästinenser einen eigenen Staat wollen, dass die einzige Lösung des Konflikts ein palästinensischer Staat neben Israel ist. Und darum erleben wir ein seltsames Phänomen: Wenn die Schin-Bet-Chefs den Dienst quittieren, werden sie einer nach dem anderen zu entschiedenen Befürwortern der „Zweistaatenlösung“.

Dasselbe geschieht mit den Chefs von Mossad, Israels externem Geheimdienst. Dessen Hauptaufgabe besteht darin, gegen die Araber im Allgemeinen und die Palästinenser im Besonderen zu kämpfen. Doch in dem Augenblick, wenn sie den Dienst quittieren, werden sie – in direktem Widerspruch zur Politik des Ministerpräsidenten und seiner Regierung - zu Befürwortern der „Zweistaatenlösung“.

Israel vor einem Bürgerkrieg?

DAS GESAMTE PERSONAL der beiden Geheimdienste ist - natürlich - geheim. Alle außer den Chefs. (Das ist mein Verdienst. Als ich Abgeordneter in der Knesset war, brachte ich einen Gesetzesvorschlag ein, in dem es hieß, dass die Namen der Geheimdienst-Chefs öffentlich gemacht werden sollten. Natürlich wurde der Entwurf wie alle meine Vorschläge abgelehnt, aber bald darauf verfügte der Ministerpräsident, dass die Namen der Chefs tatsächlich öffentlich gemacht werden sollten.)

Vor einiger Zeit zeigte das israelische Fernsehen einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Die Türhüter“. Darin wurden die noch lebenden ehemaligen Chefs von Schin Bet und Mossad über mögliche Lösungen des Konflikts befragt. Sie alle befürworteten – unterschiedlich intensiv – Frieden, der sich auf die „Zweistaatenlösung“ gründete. Sie drückten ihre Meinung aus, es werde keinen Frieden geben, wenn die Palästinenser nicht ihren eigenen Nationalstaat bekämen. Zu der Zeit war Tamir Pardo Chef von Mossad und durfte seine Meinung noch nicht sagen. Aber seit Anfang 2016 ist er wieder eine Privatperson. Diese Woche tat er zum ersten Mal den Mund auf. Sein Name verrät es: Pardo ist ein sephardischer Jude, er wurde vor 63 Jahren in Jerusalem geboren. Seine Familie kam aus der Türkei, wo viele Juden nach der Vertreibung aus Spanien vor 515 Jahren Zuflucht gefunden hatten. Er gehört also nicht zur „aschkenasischen Elite“, die der „orientalische“ Teil der jüdisch-israelischen Gesellschaft so sehr verabscheut.

Pardos Hauptpunkt war eine Warnung: Israel stehe vor der Situation eines Bürgerkrieges. Noch sind wir nicht so weit, sagte er, aber wir nähern uns ihm schnell. Seiner Meinung nach ist diese Bedrohung jetzt die Hauptbedrohung, der Israel gegenübersteht. Mehr als das, er sagte, dass diese Bedrohung die einzige sei, die es noch gebe. Diese Aussage bedeutet: Der neueste ehemalige Chef des Mossad sieht keine militärische Bedrohung Israels  – weder durch den Iran noch durch Daesh noch durch sonst irgendjemanden. Das ist eine direkte Infragestellung des Hauptkatalogpunktes in Netanjahus Politik: dass Israel von gefährlichen Feinden und tödlichen Bedrohungen umgeben sei. Aber Pardo sieht eine Bedrohung, die weit gefährlicher ist: die Spaltung innerhalb von Israels jüdischer Gesellschaft. Wir befinden uns nicht im Bürgerkrieg – noch nicht. Aber „wir nähern uns ihm schnell“.

Bürgerkrieg zwischen rechts und links?

BÜRGERKRIEG zwischen wem? Die übliche Antwort ist: zwischen „Rechts“ und „Links“. Wie ich schon früher angemerkt habe: Rechts und Links bedeuten in Israel nicht dasselbe wie in der übrigen Welt. In England, Deutschland, Frankreich und den USA betrifft die Trennung zwischen Links und Rechts die Einstellung hinsichtlich sozialer und wirtschaftlicher Angelegenheiten. Auch wir in Israel haben natürlich viele soziale und wirtschaftliche Probleme. Die Trennung zwischen Links und Rechts betrifft in Israel jedoch fast ausschließlich die Einstellung zu Frieden und Besetzung. Jemand, der das Ende der Besetzung und Frieden mit den Palästinensern will, ist ein „Linker“. Jemand, der die Annexion der besetzten Gebiete und die Vergrößerung der Siedlungen will, ist ein „Rechter“. Aber ich vermute, Pardo meint eine viel tiefer gehende Spaltung, ohne dass er sie ausdrücklich nennt: die Spaltung zwischen den europäischen („Aschkenasen“) und den „orientalischen“ Juden ("Misrachim"). Die „sephardische“ („spanische“) Gemeinschaft, zu der Pardo gehört, wird von vielen als zu den Orientalen gehörig angesehen.

Was die Spaltung unter Umständen so gefährlich macht und was Pardos düster klingende Warnung erklärt, ist die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der Orientalen „rechts“, nationalistisch und wenigstens mild religiös ist, während die Mehrheit der Aschkenasen „links“, eher friedensorientiert und säkular ist. Da die Aschkenasen zudem im Allgemeinen sozial und wirtschaftlich besser gestellt sind als die Orientalen, geht die Spaltung tief. Zu der Zeit, als Pardo geboren wurde (1953), trösteten wir, denen der Beginn der Spaltung schon bewusst war, uns mit dem Glauben, das werde vorübergehen, es sei nur eine Phase. Nach einer Massen-Einwanderung sei eine Spaltung verständlich, aber der „Schmelztiegel“ werde seine Aufgabe schon erfüllen, Heiraten von Angehörigen der verschiedenen Gemeinschaften würden weiterhelfen und nach ein oder zwei Generationen werde die ganze Sache verschwinden und nie wieder auftauchen.

Nun ja, das geschah nicht. Ganz im Gegenteil: die Spaltung vertieft sich schnell. Zeichen gegenseitigen Hasses werden offener sichtbar. Der öffentliche Diskurs ist voll davon. Politiker, besonders die rechten, gründen ihre Karriere auf Aufhetzung und werden dabei von Netanjahu, dem größten Aufhetzer von allen, angeführt. Heiraten zwischen Angehörigen der Gemeinschaften helfen nicht weiter. Gewöhnlich entscheiden sich die Söhne und Töchter gemischter Paare für eine der beiden Seiten – und werden auf dieser Seite zu Extremisten.

Ein schon komisches Symptom ist, dass die Rechte, die (mit kurzen Unterbrechungen) seit 1977 an der Macht ist, sich immer noch wie eine unterdrückte Minderheit benimmt und den „alten Eliten“ an allen ihren, der Rechten, Übeln die Schuld gibt. Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn in Wirtschaft, Medien, Gerichten und Künsten überwiegen immer noch die Angehörigen der „alten Eliten“. Die gegenseitige Feindschaft wächst. Pardo selbst ist ein Beispiel dafür: Seine Warnung entfachte keinen Sturm. Sie ging fast unbemerkt vorüber: eine kurze Bemerkung in den Fernsehnachrichten, eine kurze Erwähnung auf einer der Innenseiten in der Presse und das war’s dann. Über eine solche Bemerkung braucht man sich nicht zu ereifern, oder doch?

Einzige verbindende Kraft: die Armee?

EINES DER SYMPTOME, die Pardo erschreckt haben mögen, ist, dass auch die einzige Kraft, die die Juden im Land verbindet, die Armee, der Spaltung zum Opfer fällt. Die israelische Armee entstand vor der Unabhängigkeit im Untergrund, lange vor Israel selbst, und gründete sich auf die sozialistischen aschkenasischen Kibbuzim. Spuren dieser Vergangenheit sind heute noch in den höheren Rängen zu bemerken: Die meisten Generäle sind Aschkenasen. Das erklärt vielleicht die seltsame Tatsache, dass 43 Jahre nach dem letzten wirklichen Krieg (dem Jom-Kippur-Krieg 1973) und 49 Jahre, nachdem die Armee vor allem zu einer kolonialen Polizeitruppe geworden ist, das Armee-Kommando immer noch gemäßigter als das politische Establishment ist.

Aber von unten wird sie zu einer anderen Armee – einer Armee, in der viele niedere Offiziere eine Kippa tragen, einer Armee, deren neue Rekruten in Häusern aufwachsen wie dem von Elor Asarija und die im nationalistischen israelischen Schulsystem ausgebildet werden, dem System, das Asarija hervorgebracht hat. Der Militärprozess Asarijas zerreißt weiterhin Israel, seit sieben Monaten, nachdem er angefangen hat, und noch weitere Monate, bevor er mit einem Urteil enden wird. Man wird sich erinnern: Asarija ist der Feldwebel, der einen schwer verwundeten arabischen Angreifer, der bereits hilflos am Boden lag, erschoss. Tag für Tag erregt dieser Fall das Land. Die Armeeführung wird von etwas bedroht, das bereits einer allgemeinen Meuterei nahe kommt. Der neue Verteidigungsminister, der Siedler Avigdor Lieberman, unterstützt ganz offen den Soldaten gegen seinen Stabschef, während der wie gewöhnlich politisch feige Benjamin Netanjahu beide Seiten unterstützt.

In dem Prozess geht es schon lange nicht mehr um eine Frage von Moral oder Disziplin, sondern er ist Teil des tiefen Risses, der die israelische Gesellschaft in Stücke reißt. Das Bild vom kindlich aussehenden Totschläger mit seiner Mutter, die im Gerichtssaal hinter ihm sitzt und ihm den Kopf streichelt, wird zum Symbol des drohenden Bürgerkrieges, von dem Pardo spricht.

Bürgerkrieg: nur per Konflikt zu verhindern?

VIELE Israelis sprechen schon von „zwei jüdischen Gesellschaften“ in Israel, einige sprechen sogar von „zwei jüdischen Völkern“ innerhalb der israelischen jüdischen Nation. Was hält sie zusammen? Der Konflikt natürlich. Die Besetzung. Der ständige Kriegszustand. Der leidtragende Vater und eine Säule der israelischen Friedenskräfte Jitzchak Frankenthal hat eine erhellende Formel gefunden: Der israelisch-arabische Konflikt wurde Israel nicht aufgezwungen, sondern es ist umgekehrt: Israel erhält den Konflikt aufrecht, weil es ihn für seine bloße Existenz braucht. Das könnte die endlose Besetzung erklären. Es passt gut in Pardos Theorie vom sich nähernden Bürgerkrieg. Nur ein Gefühl der Einheit, das durch den Konflikt geschaffen wird, kann ihn verhindern. Der Konflikt – oder Frieden.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 578  vom 07.09.2016

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