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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Kommentar
Gedanken zum Zustand Israels
Der große Graben
Von Uri Avnery

DER Staat Israel war noch jung, als zwei berühmte Schauspieler eine kurze Szene spielten: Zwei Araber stehen am Strand und verfluchen ein Boot, das neue jüdische Einwanderer bringt. Dann stehen zwei neue Einwanderer am Strand und verfluchen ein Boot, das neue Einwanderer aus Polen bringt. Dann stehen zwei Polen am Strand und verfluchen ein Boot, das neue Einwanderer aus Deutschland bringt. Dann stehen zwei Einwanderer aus Deutschland am Strand und verfluchen ein Boot, das neue Einwanderer aus Nordafrika bringt. Und so weiter... Vielleicht ist dies die Geschichte aller Einwanderungsländer: der USA, Australiens, Kanadas und anderer. Aber für Israel mit einer nationalistischen Ideologie, die alle Juden umfasst (und alle anderen ausschließt) ist das ein wenig seltsam.

Umkehr der Rollen


DIE NEUE jüdische Gemeinde (Jischuw genannt) im damaligen türkischen Palästina wurde in der Hauptsache von Einwanderern aus Russland gegründet. Davor gab es eine kleine jüdische Gemeinde, die aus ultraorthodoxen Juden aus Osteuropa und weiteren kleinen Gemeinden sephardischer Juden bestand. Diese waren Nachkommen der im frühen 15. Jahrhundert aus Spanien (hebräisch: Sefarad) vertriebenen Juden. Viele von ihnen waren ziemlich reich, da ihnen der einzig wertvolle Besitz gehörte: Land.

Die vor dem Ersten Weltkrieg aus Russland Eingewanderten prägten die Jischuw Generationen lang. Damals gehörte ein großer Teil Polens zu Russland und auch diesen Teil erfasste die Welle der Einwanderung aus Russland. Einer von ihnen, ein junger Mann namens David Grün, änderte seinen Namen in Ben-Gurion. In den 1920er Jahren kam eine Welle von Juden aus dem wieder unabhängigen und antisemitischen Polen und füllte die Reihen der Jischuw.

Als meine Familie 1933 aus Deutschland nach Palästina kam, fand sie diese russisch-polnische Gemeinde hier vor. Die „Deutschen“ wurden von den alten Hasen mit Verachtung behandelt und Jeckes genannt – niemand weiß mit Sicherheit, woher dieser Name kam – und sie wurden regelmäßig betrogen. Das war eine Umkehr der Rollen: In Deutschland waren es die dort ansässigen Juden gewesen, die die weniger kultivierten Einwanderer aus Polen und Russland – die „Ostjuden“ – mit Verachtung behandelt hatten.

Eine neue Rasse

ALL DAS beunruhigte uns, die wir in dieser Zeit Kinder waren, überhaupt nicht. Wir wollten keine Einwanderer und keine Deutschen, Polen oder Russen sein. Wir gehörten zu einer neuen Nation, die in diesem Land das Licht der Welt erblickte. Wir sprachen Hebräisch, eine sehr lebendige, von den Toten auferweckte Sprache. Wir wollten Bauern, Pioniere, sein. Wir schufen einen neuen ortsansässigen, einheimischen Idealtyp. Er bekam den Spitznamen „Sabra“, den Namen der einheimischen Kaktuspflanze: außen stachelig und innen süß. Diese Pflanze wuchs überall im Land, allerdings war sie ursprünglich aus Mexiko importiert worden. Unsere Idee war: All die verschiedenen jüdischen Gemeinschaften sollten all ihre Eigenheiten ablegen und alle Juden sollten in den Schmelztiegel springen, aus dem sie als neugeborene Hebräer wieder heraus steigen würden: eine neue, tief im Boden dieses Landes verwurzelte Rasse.

Ende der 1930er Jahre wurde von allen die neue Terminologie, die eindeutig zwischen jüdisch und hebräisch unterschied, unbewusst übernommen. Wir träumten von einem hebräischen Staat, traten dem hebräischen Untergrund bei und sprachen über hebräische Landwirtschaft, hebräische Industrie und die künftige hebräische Armee. Juden gab es im Ausland: die jüdische Diaspora (gewöhnlich das „jüdische Exil“ genannt), die jüdische Religion, die jüdische Tradition. Dieser Sprachgebrauch war uns natürlich und selbstverständlich. Wir waren sehr damit beschäftigt, etwas vollkommen Neues aufzubauen. An die Diasporajuden dachten wir mit Herablassung. Einige winzige Gruppen predigten sogar den vollständigen Bruch mit den Juden im Ausland und ihrer Geschichte. Aber die Sabras hatten keine Geduld für all diesen ideologischen Unsinn. Das Wort „Zionismus“ wurde sogar zu einem Synonym für Unsinn – „rede keinen Zionismus“ bedeutete: Hör auf, so hochtrabendes Zeug zu reden!

Wir schufen eifrig und ganz bewusst eine neue hebräische Kultur – Dichtung, Literatur, Tanz, Malerei, Theater, Journalismus -, die unsere neue Realität in unserer neuen Heimat widerspiegelte. Dann kam der Holocaust. Als 1944 seine vollkommene Ungeheuerlichkeit nicht mehr zu leugnen war, überkam die Jischuw eine Welle der Reue. Wir waren damals jedoch schon eifrig dabei, „den Staat im Werden“ zu schaffen.

Wunderbare Menschen wie wir

ALS DER STAAT Israel mitten im Krieg von 1948 offiziell ausgerufen wurde, waren wir etwa 650.000 Juden im Land. Innerhalb weniger Jahre holten wir Hunderttausende, dann Millionen neue Einwanderer ins Land. Woher kamen sie? Einige Hunderttausend holten wir aus den Lagern in Europa, wo die Mitleid erregenden vom Holocaust Übriggebliebenen warteten. Aber die große Mehrheit kam aus islamischen Ländern, von Marokko bis zum Iran. Für uns waren sie alle gleich. Sie waren Einwanderer, die in den Schmelztiegel geworfen werden sollten, um so wunderbare Menschen zu werden, wie wir waren.

Fast niemand achtete auf die riesigen Veränderungen in der demografischen Zusammensetzung des jüdischen Volkes, die der Holocaust bewirkt hatte. Zuvor waren die orientalischen Juden eine kleine Minderheit unter den Juden. Danach waren sie ein bei Weitem größerer Teil. Das musste ihr Bewusstsein verändern. Nur sehr wenige alte Hasen (wie ich) warnten, dass wir einer neuen Realität gegenübertreten müssten. Dass sich die aus Europa mitgebrachten Ideale nicht für die orientalischen Einwanderer eigneten. Menschen wie Ben-Gurion und seine Kollegen ließen sich nicht beirren. Sie waren sicher, dass sich die Dinge von selbst regeln würden. Das war schließlich immer so gewesen.

Aber es geschah nicht. Die erste Generation der neuen Einwanderer aus dem „Osten“ (tatsächlich liegt Marokko weit westlich von uns) kämpfte darum, gerade so ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch sie verehrte Ben-Gurion. Aber die zweite Generation begann Fragen zu stellen. Die dritte rebelliert jetzt. Die zionistische Auffassung, alle Juden wären gleich und wiesen nur leichte Unterschiede in Sprache und Hautfarbe auf, ist ein Anachronismus. Die „orientalischen“ Juden zeigen keine Neigung, sich in den Schmelztiegel werfen zu lassen. Sie unterscheiden sich in fast jeder Hinsicht. Der Schmelztiegel ist zerbrochen. Orientalische Juden (die oft fälschlich Sepharden genannt werden) sind stolz auf ihr Erbe. Sie rebellieren gegen die Vormachtstellung der Europäer.

Dieser Kampf beherrscht jetzt das Leben in Israel. Kein Lebensbereich ist davon ausgenommen. Der Kampf ist sozial, wirtschaftlich, kulturell, politisch – zwar oft hinter einer anderen Fassade, aber die ganze Zeit über gegenwärtig. Es ist ein soziales Problem. Da die meisten Europäer Zeit genug hatten, eine gewisse wirtschaftliche Stellung zu erlangen, bevor die Orientalen kamen, sind sie in der Regel wohlhabender. Und sie nehmen die meisten Schlüsselpositionen ein. Die Orientalen fühlen sich ausgebeutet, diskriminiert, als Unterklasse behandelt. Orientalen sind in der Regel stolz darauf, dass sie viel gefühlvoller sind, besonders hinsichtlich nationaler Angelegenheiten. Sie beschuldigen die Aschkenasen (ein altes, überholtes hebräisches Wort für Deutschland), gefühllos, weniger patriotisch zu sein. Sie nehmen auch gegenüber der Religion eine andere Haltung ein. Bewohner muslimischer Länder sind im Allgemeinen gemäßigt religiös, weder Atheisten noch Fanatiker. Die Juden aus islamischen Ländern sind ebenso. Wenige sind sehr religiös, aber noch wenigere würden sich als „säkular“ bezeichnen.

Aschkenasen sind da ganz anders. Es stimmt, die meisten ultra-orthodoxen, anti-zionistischen „charedim“ (die Gott „fürchten“) sind Aschkenasen, ebenso die „religiösen Zionisten“, die schon fast Faschisten sind. Aber die große Mehrheit der Aschkenasen ist „säkular“, ein höflicher Ausdruck für atheistisch. Fast alle Gründer des Zionismus waren radikale Atheisten. Jetzt gewinnt die national-religiöse Gemeinschaft im Land schnell an Boden.

In einem großen Graben zusammenströmen


DIE TRAGÖDIE des heutigen Israels ist nicht, dass es so viele Unterteilungen gibt, sondern dass sie alle in einem großen Graben zusammenströmen. Der Enkel eines Einwanderers aus Marokko gehört wahrscheinlich zu einer niedrigeren sozialen und Einkommens-Klasse, ist gemäßigt religiös und ein radikaler Nationalist. Das bedeutet, dass er gegen die „alten Eliten“ (meist Aschkenasen), gegen die säkulare Kultur, gegen die „Linken“ (die für ihn alle degenerierte Aschkenasen sind) erbittert ist. Er ist auch Fan gewisser Araber hassender Fußballmannschaften und ein Verehrer „orientalischer Musik“ – einer Art von Musik, die weder ganz arabisch noch ganz griechisch und von klassischer Musik ebenso weit entfernt ist wie Teheran von Wien.

Das heißt, politisch gesprochen, dass ein solcher Mensch sehr wahrscheinlich Likud wählt, ganz gleich, was der Likud tut. Aschkenasen können ihn darauf hinweisen, soviel sie wollen, dass der Likud eine Politik betreibt, die in völligem Widerspruch zu seinen, des Orientalen, lebenswichtigen Interessen steht. Die Politik des Likud ist neoliberal, antisozial und begünstigt die sehr Reichen. Der Orientale wird nicht darauf hören. Er ist mit tausend Banden des Gefühls und der Tradition an den Likud gebunden.

Dasselbe trifft auf die andere Seite zu. Die Arbeitspartei (das, was von ihr übrig ist) bleibt ebenso wie Meretz die Partei der Aschkenasen. Ihre Mitglieder bilden die „alte Elite“, auch die unter ihnen, die von öffentlicher Fürsorge leben. Sie blicken auf die Religiösen aller Couleur herab, hören Beethoven (oder tun so als ob), legen ein Lippenbekenntnis für die „Zweistaatenlösung“ ab und verfluchen Netanjahu – der natürlich ein Aschkenase ist wie nur je einer.

Die Spaltung wird zu einem Abgrund

DER GEGENWÄRTIGE Graben zwischen Europäern und Orientalen ist nicht der einzige. Als der Schmelztiegel zerschepperte, wurde jeder einzelne Teil der israelischen Gesellschaft autonom. Der arabische Sektor Israels – mehr als 20% - ist so gut wie von allen anderen abgetrennt. Arabische Bürger sind in der Knesset vertreten, aber diese Woche erließ die Knesset ein Gesetz, das einer Mehrheit von 90 (von 120) Abgeordneten in der Knesset ermöglicht, jeden Abgeordneten der Knesset zu verweisen. Das ist eine direkte Bedrohung der Abgeordneten der Vereinigten Arabischen Partei, die jetzt 13 Abgeordnete umfasst. Die neuen Einwanderer aus Russland („neu“ bedeutet hier: seit 1989) leben ihr eigenes Leben. Sie sind stolz auf ihre russische Kultur und blicken auf uns Unzivilisierte herab, verachten Religion, hassen Sozialisten aller Couleur und hassen – mehr als alle anderen – die Araber von ganzem Herzen. Sie haben ihre eigene ultra-nationalistische Partei, die von „Ewet“ Lieberman geführt wird. Und da sind die Ultra-Orthodoxen, die nicht dazugehören, die den Zionismus hassen und die, fast völlig abgeschnitten von allen anderen, in ihrer eigenen Welt leben. Für sie sind die religiösen Zionisten Ungläubige und dazu verdammt, später einmal in der Hölle zu schmoren.

Das ist mehr oder weniger das Spektrum. Alle Sektoren wurden durch die Armee vereint (außer den Arabern und den Orthodoxen), die eine heilige Institution war – bis ein orientalischer Soldat namens Elor Asarja einen verwundeten arabischen Angreifer auf dem Boden liegen sah und ihm geradewegs in den Kopf schoss. Für die Masse der Orientalen ist er ein Nationalheld. Für das Armee-Kommando und die Masse der Europäer ist er ein Gräuel. Die Spaltung wird zu einem Abgrund. Was kann Israel jetzt einen? Nun ja, zum Beispiel ein guter Krieg.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 572  vom 27.07.2016

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