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Aktueller Online-Flyer vom 25. Februar 2017  

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Literatur
Aus der Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos" – Folge 9
Streitschrift gegen die Resignation
Von Erasmus Schöfer

Am 4. Juni 1931 – vor 85 Jahren – ist er geboren. Seit 1962 ist er als freier Schriftsteller tätig. 1965 zieht er nach München, wo er sich gegen die Notstandsgesetze und später in der Ostermarschbewegung engagiert. 1969 ist er Mitgründer des "Werkkreises Literatur der Arbeitswelt". Zwischen 2001 und 2008 erscheint seine Sisyfos-Tetralogie, ein auf vier Bände angelegter Romanzyklus "Die Kinder des Sisyfos" (Ein Frühling irrer Hoffnung, 2001; Zwielicht, 2004; Sonnenflucht, 2005; Winterdämmerung, 2008) über die deutsche und europäische Geschichte zwischen 1968 und 1989, die die Erinnerung an eine Linke vergegenwärtigt und bewahrt, die zwar erhebliche Veränderungen in Gang setzte, ihr Ziel, ein humane sozialistische Gesellschaftsordnung, jedoch verfehlte. Die NRhZ bringt aus den vier, insgesamt mehr als 2000 Seiten umfassenden Bänden neun Auszüge – Folge 9 aus "Winterdämmerung". Der österreichische Zukunftsforscher und Friedenssucher Robert Jungk hat sich in seinen Schriften und Reden mit weltweitem Echo für eine ökologische und nachhaltige Entwicklung der Industriegesellschaften eingesetzt. Erasmus Schöfer hat ihm in seinem Roman, stellvertretend für alle Kinder des Sisyfos, ein herzliches Denkmal geschrieben.


Erasmus Schöfer mit seiner Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos" (Foto aus dem Arbeiterfotografie-Projekt 68er Köpfe)

Der schmale Buchhändler stand etwas steif, sichtlich unsicher, neben dem niedrigen Podest, auf dem saß ein alter Mann an dem quadratischen Tisch mit Wasserglas und Leselampe, der mal zu ihm, mal in das Publikum schaute, das die wenigen Stuhlreihen in der kleinen Buchhandlung lückenlos besetzt hatte. Aufmerksam, neugierig, hörte der Weißhaarige seiner Begrüßung zu, lächelnd, als ihm zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag und seiner dennoch rastlosen Tätigkeit für eine lebbare Zukunft gratuliert wurde. Auch dafür gedankt, dass ihm, der zum Beispiel auf der Bonner Hofgartenwiese gegen die Raketenrüstung gesprochen hatte – er selbst einer der Hunderttausende Zuhörer – ein Abend seines Lebens für dieses notwendig begrenzte Publikum des BiBaBuZe nicht zu schade sei. Versichern konnte ihm der Buchhändler, dass dieser fast versteckte Ort für die Düsseldorfer Linken, durch die hier täglich geführten Gespräche und die bereit gehaltenen Bücher und Zeitschriften, eine jener Zukunftswerkstätten, jener ins Offene gerichteten DenkStätten sei, die einzurichten er seit Jahren empfehle, als basisdemokratische Medizin gegen die versteinerten Verhältnisse in der herrschenden Politik und Wissenschaft. Grade für sie im Rheinland komme sein eben erschienenes Buch mit dem Titel Projekt Ermutigung und dem Untertitel Streitschrift wider die Resignation wie gerufen, da alle hier noch unter dem Schockerlebnis der Niederlage in dem Kampf stünden, den die, es müsse erlaubt sein zu sagen: heldenhafte Belegschaft des Rheinhauser Kruppstahlwerks, unter aktiver Mitwirkung großer Teile des Proletariats im Ruhrgebiet, ein halbes Jahr lang um den Erhalt ihrer Hütte geführt hat. Darf ich Sie nun direkt fragen, Herr Jungk – gehören Sie zu jener selten gewordnen Sorte Menschen, die man Optimisten nennt?

Da schüttelte der so Angesprochne, leicht lächelnd, sein furchenreiches Haupt und erklärte mit einer warmen, sicheren Stimme: Nein nein, ich sehe, dass die Chancen dafür, dass es immer schlimmer wird, viel größer sind als die Chancen dafür, dass es besser wird. Ich bezeichne mich als einen hochgemuten Pessimisten. Das heißt, obwohl ich pessimistisch bin meine ich, dass es uns nicht hilft, wenn wir angesichts der großen Gefahren für den Bestand der zivilisierten Menschheit die Hände in den Schoß legen. Ich kann das nicht irgendwie ideologisch begründen. Es hat wohl viel mit Karakter zu tun. Ich habe das Glück gehabt, dass meine Eltern mich nie kaputt gemacht haben. Wenn man in so früher Zeit nicht gebrochen wird weiß man: Ich kann doch etwas durchsetzen. Ich bin mit neunzehn Jahren aus dem Nest geworfen worden, hatte keinen Pfennig Geld, meine Eltern konnten mir nichts zahlen. Ich musste dreiunddreißig, direkt nach dem Reichstagsbrand, emigrieren, nach Paris, und ich habe mich trotzdem über Wasser gehalten und weiterleben können. Nach solchen Erlebnissen ist man nicht so unsicher wie viele Leute, die sagen: Wenn ich meinen Job verliere, wenn ich mal kein Geld habe und keine Versicherung und keinen Besitz, dann ist es aus mit mir. Aber ich will dieses Lebensvertrauen nicht nur mit meinem persönlichen Karakter erklären – es ist auch politisch, ich könnte auch sagen: geistesgeschichtlich begründet. Ich bin in meiner Jugend stark durch Martin Buber beeinflusst worden. Martin Buber war der geistige Vater der deutsch-jüdischen Jugendbewegung, in der ich Mitglied war. Buber hat den Messianismus zur Leitidee des Judentums gemacht. Messianismus heißt: Wir müssen die Seligkeit nicht jenseits des Lebens erwarten, sondern wir müssen auf der Erde die Verhältnisse ändern. Wir haben uns sehr früh nach links entschieden, gründeten eine Gruppe, die hieß Rotes Fähnlein, und wir hatten mit den roten Pfadfindern Kontakt.

Wir dachten immer an gesellschaftliche Veränderung. Und in diesem Sinne möchte ich den Gedanken anregen: Vielleicht hat doch auch der Kampf um das Stahlwerk in Rheinhausen – ich habe den in Wien sehr aufmerksam verfolgt! – positive Auswirkungen auf das Bewusstsein der Beteiligten, aller Beteiligten, für die Entwicklung des Ruhrgebiets? Darüber können wir vielleicht später noch diskutieren.

Robert Jungk hielt inne, trank einen Schluck Wasser, wartete auf eine weitere Frage oder die Aufforderung, aus seinem neuen Buch zu lesen. Der Buchhändler war aber offenbar mehr an dem einmaligen Menschen intressiert, sein Buch konnte jeder kaufen und selber lesen. Er fragte: Wenn ich an Ihre frühen Bücher über die Gefahren der Atomenergie denke, Heller als tausend Sonnen, Die Zukunft hat schon begonnen – Sie waren ja mit Günter Anders einer der ersten, die davor gewarnt haben – dann denke ich, dass Sie sich als Wissenschaftler, besorgter Wissenschaftler verstehen?

Jungk wehrte das mit einer nachdrücklichen Handbewegung ab: Überhaupt nicht! Ich bin kein Wissenschaftler! Mir fehlt die Denkweise des Wissenschaftlers. Ich bin stolz darauf, dass ich als Jurnalist in alle Töpfe gucken kann. Das Zusammenführen der zerrissnen, atomisierten Wirklichkeit, das ist mein wichtigster Arbeitsschwerpunkt geworden. Wenn ich einen Beruf für diese Forschungstätigkeit erfinden sollte, hieße der vielleicht Überblicker. Ich bin an keine Institution gebunden, habe in meinem Leben nie Karriere machen müssen, habe keinen Lehrstuhl, keine Pension zu erwarten – das gibt einem große Unabhängigkeit. Ich kann sagen was ich will, kann frecher sein, unbedenklicher. Einen Unfehlbarkeitsanspruch wie der Papst habe ich dabei nie gehabt. Ich bin ein suchender und irrender Mensch, der versucht, den richtigen Weg zu finden. Auf die Gefahr hin, dabei abzustürzen. Wenn man weiß, dass man auch wieder aufstehen und weitermachen kann, hat man vor dem nächsten Absturz keine Angst mehr. Diese Angst macht die meisten Menschen so bedächtig, so konform, dass sie sich nicht mehr aufraffen, etwas Neues zu wagen.

Da rief von hinten aus der vorletzten Reihe der Mann mit dem vernarbten Gesicht und der dunklen Brille, Viktor Bliss, und viele Köpfe wandten sich nach ihm um: Wie haben Sie das gemacht, die Fehler und Niederlagen produktiv zu nutzen?

Nun ja, schaun Sie – Jungk suchte merklich nach einer hilfreichen Antwort – junge Menschen glauben oft, ein Misserfolg sei das Ende. Er ist aber nur eine Etappe auf dem Weg, eine Lernstufe. Nur ängstliche Leute haben keine Misserfolge, weil sie nie radikal gedacht und gelebt haben. Nur nichts wagen! nicht wahr. Ich sichere mich nicht ab. Ich sage manchmal etwas, das ganz überstiegen klingt und ich erwarte, dass dann auch Gegenwind kommt, ein Korrektiv, das mein eignes Nachdenken aber nicht zurückwirft, sondern vertieft und vorwärtsbringt. Es ist schon so – auf meinen Entdeckungsreisen in das vielfältige, widerspruchsvolle Universum der sozialen Experimente bin ich häufig genug teilweisem oder völligem Scheitern begegnet. Oft sind ökonomische Zwänge die Ursache, oft aber auch zermürbender Streit, Rechthaberei, Ehrgeiz, Konkurrenzdenken. Es ist schwer, gegen seine Zeit zu leben. Ich habe dafür keine Rezepte, nur meine Erfahrung, dass es möglich ist. Ein Ende der Alternativen ist nicht abzusehn – wie es hier von manchen Altachtunsechzigern verkündet wird, die ihren Frieden mit der Welt von gestern gemacht haben. Die neue Generation des Widerstands hat aus den Niederlagen der siebziger Jahre gelernt, dass nicht alle Versuche sofort gelingen, dass man auch Wagnisse eingehn muss ohne feste Erfolgsaussicht. Aber euch hier muss ich wohl nicht in Erinnerung rufen, was alles von den Veränderungsimpulsen der geduldigen Stürmer von Achtunsechzig und ihren Nachfolgern verwirklicht wurde, was oft so selbstverständlich geworden ist, dass kaum noch jemand ihren Ursprung kennt – die selbstverwalteten Kinderläden und Frauenhäuser, die Handwerkerhöfe und stadtteilbezognen Kulturzentren, die Instandbesetzer der leerstehenden Häuser, die ökologisch wirtschaftenden Bauernhöfe und Landkommunen, die Autoteiler und Fahrradkuriere, die Gleichstellungsbeauftragten in den Behörden und Gewerkschaften – ich habe nicht alles so spontan im Kopf, ihr könnt meine Aufzählung sicher fortsetzen. Die Ärzte natürlich, die kritischen Mediziner und Juristen. Fest steht doch, dass noch jedes geplante technokratische Monster heute auf riesigen, für die Betreiber sehr kostspieligen! Widerstand der Bürger stößt und längst der gesellschaftliche Konsens zerbrochen ist, nach dem jede technische Neuerung ein humaner Fortschritt sei. Gut, Brockdorf ist gebaut worden, das war eine Niederlage, aber wo sind Wyhl und Wackersdorf und Kalkar? Vielleicht erinnern sich die Älteren unter euch noch, dass die durchgedrehten Atomschwärmer in den fünfziger Jahren dieses Land mit einem halben Hundert Atommeilern bepflastern wollten! Kann man zweifeln, dass dieser Wahnsinn durch die Widerstandsbewegung verhindert wurde, die ihren Ursprung bei den Bürgerinitiativen gegen das Akawe Wyhl hatte? Die wie ich weiß von verschiednen Juristen, Wissenschaftlern und Künstlern unterstützt wurden, deren Herkunft aus dem politischen und sozialen Hintergrund von achtunsechzig unübersehbar war. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass die Friedensbewegung in der Bundesrepublik und in den USA einen wichtigen Einfluss auf Michael Gorbatschow hatte – also ihn zumindest bestärkt hat in der Einsicht, dass dieses atomare Wettrüsten der Supermächte zu ihrem gemeinsamen Untergang führen muss, und er deshalb den Weg zu den INF-Verträgen frei gemacht hat.

Es bleiben noch genug Raketen für den Overkill übrig! rief vorn einer dazwischen, ziemlich rüde.

Aber natürlich! rief Jungk, das ist nur ein Anfang, die Verschrottung der SS 20 und der Pershings! Aber ein Anfang, der uns zeigt: es ist möglich die Denkblockaden zu durchbrechen, die Spirale von Furcht und Drohung umzudrehen in eine von Vertrauen und Hoffnung! Es ist heut noch typisch für das geringe Selbstbewusstsein der neuen sozialen Bewegungen, dass sie sich in Auseinandersetzungen mit dem System von vorn herein als die Schwächeren, die stets Unterlegenen sehen. Ja, gewiss, das sind sie, wenn man die bestehenden Machtverhältnisse betrachtet. Aber! Vergleicht nur mal den Erkenntnisstand, die geistige Beweglichkeit, die Fähigkeit, neue Problemlösungen zu finden und, wie unvollkommen auch immer, zu erproben, dann seht ihr sofort, wie überlegen die systemkritischen Sucher denen sind, die noch die Macht besitzen.


Erasmus Schöfer: Die Kinder des Sisyfos






Roman-Tetralogie, Gesamtpreis 77 Euro
Dittrich Verlag (http://www.dittrich-verlag.de/)
Band 1: Ein Frühling irrer Hoffnung, 2001, 496 Seiten, 17,80 Euro
Band 2: Zwielicht, 2004, 600 Seiten, 19,80 Euro
Band 3: Sonnenflucht, 2005, 380 Seiten, 19,80 Euro
Band 4: Winterdämmerung, 2008, 632 Seiten, 24,80 Euro


Die NRhZ dankt dem Autor Erasmus Schöfer sowie dem Dittrich-Verlag für die Abdruckerlaubnis sowie der Redaktion von CONTRASTE, der Monatszeitung für Selbstorganisation, für die Bereitstellung der neun Auszüge.


Siehe auch:

Folge 1: 1968 – AktionsKomitee Kammerspiele München
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22817

Folge 2: Machen wir heute, was morgen erst schön wird
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22838

Folge 3: Die Brücke über den Rhein
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22850

Folge 4: Die Werkstatt hat Kopfschmerzen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22871

Folge 5: Der Tod hat uns angesprungen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22890

Folge 6: Frauenteater
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22913

Folge 7: Startbahn West
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22933

Folge 8: Ein Besuch in Krupps Villa Hügel
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22947

68er Köpfe
Portraits mit Statements zur 68er-Bewegung - Ausstellung der Arbeiterfotografie Köln
Erasmus Schöfer: Ein Frühling irrer Hoffnung
http://www.arbeiterfotografie.com/af-koeln/68er/exponat-02.html

Online-Flyer Nr. 571  vom 20.07.2016

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