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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Kommentar
Gedanken zum Brexit
Was zum Teufel?
Von Uri Avnery

Was zum Teufel ist mit ihnen los? Sind sie verrückt geworden? Ausgerechnet die Briten? Ich war immer anglophil. Selbst als junger Mann, als ich einer terroristischen Organisation angehörte, die sich der Aufgabe gewidmet hatte, die Briten aus unserem Land zu vertreiben. Damals arbeitete ich in einer Rechtsanwaltskanzlei, die englische Klienten hatte. Die meisten waren mir sympathisch. (Für uns Kolonisierte waren sie alle „Engländer“.) Die Briten beeindruckten mich als äußerst rationales Volk. Selbstbeherrscht, gemäßigt, der Zurschaustellung von Gefühlen abgeneigt. Und jetzt das: Sie treffen eine ganz irrational Entscheidung von historischer Bedeutung und lassen sich bei ihrer Abstimmung von ihrer Abneigung gegen „Fremde“ leiten und in die Irre führen.

Eine Katastrophe

DIE GANZE Angelegenheit war so unbritisch, wie sie nur sein konnte. Die Briten brüsten sich damit, die moderne Demokratie erfunden zu haben. Ihre „Elite“ hat sich nie Illusionen über den gemeinen Mann (und viel später: über die gemeine Frau) gemacht. Britische Wähler trafen keine schicksalhaften Entscheidungen. Sie wählten Leute, die viel kompetenter waren, schicksalhafte Entscheidungen zu treffen, als sie selbst: Leute, die für diese Aufgabe ausgebildet waren. In der Tat: Leute, die für diese Aufgabe geboren waren. Viele der demokratisch gewählten Führer des britischen Volkes empfanden Verachtung für die Leute, von denen sie gewählt wurden. Eine Verachtung, die sie kaum verbargen. Der exemplarische britische Führer Winston Churchill sagte bekanntlich: „Das beste Argument gegen Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem Durchschnittswähler.“

Deshalb ist jedweder Volksentscheid der britischen Demokratie genau  entgegengesetzt. Ein Referendum ist eine Einladung zur Verantwortungslosigkeit. Die Leute folgen ihren flüchtigen Emotionen, am folgenden Tag würden sie vielleicht für das Gegenteil stimmen – dann ist es aber zu spät. Ein spontanes Votum für „ja“ oder „nein“ kann für viele recht zufällig sein – und noch dazu, wenn das Ergebnis an einem oder zwei Prozent hängt. (Ein Referendum sollte wenigstens eine Mehrheit von fünfundsiebzig oder doch wenigstens von sechzig Prozent aufweisen.)  Das Referendum in der letzten Woche zeigte, warum Referenden unverantwortlich sind. Eine Mehrheit – wenn auch eine winzige Mehrheit – der Briten stimmte demokratisch dafür, die Europäische Union zu verlassen.
Warum um Himmels willen?

Inzwischen sind Tausende von Kommentaren gesendet und gedruckt worden. Tausende von Erklärungen sind vorgebracht worden. Aber am Ende läuft alles auf das Folgende hinaus: Die Briten haben die Nase voll von allen diesen Franzmännern und Sauerkrautfressern und anderen „Fremden“, die ihnen erzählen wollen, was für sie gut ist. Zum Teufel mit ihnen. Ich erinnere mich lebhaft an ein wunderbares britisches Plakat nach dem Fall Frankreichs 1940: „Gut denn, also allein!“ stand darauf. Briten meiner Generation werden sich immer an den Geist dieses Spruchs erinnern. Aber heute haben wir nicht 1940. Die Welt hat sich vorwärtsbewegt. Die Welt bewegt sich weiter. Der „Brexit“ mag ein hübsches Spielzeug sein, gut zum Spielen. Aber er ist eine Katastrophe.

Es ist eine kindische Attitüde

VON ALL den vielen Erklärungen, die für diese Entscheidung vorgebracht werden, überzeugt am meisten die, dass in der gesamten demokratischen Welt der Widerwille, ja der Abscheu gegen das vorhandene politische Establishment wächst. Viele britische Wähler haben anscheinend nicht für oder gegen den Brexit gestimmt, sondern für oder gegen die etablierten Parteien. Dieses Gefühl befeuert überall extrem faschistische und in manchen Ländern auch radikal linke Parteien. Donald Trump ist das abscheuliche Kind dieses Gefühls. Ebenso, nur in liebenswürdigerer Form, Bernie Sanders.

In Israel herrscht dasselbe Gefühl vor, nur noch stärker. Der spontane Aufschrei, der plötzlich am Tag nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 erscholl: „Genug, wir haben euch satt!“ (oder „Genug, ihr ekelt uns an!“) und der Golda Meier und Mosche Dajan aus ihrer Machtposition katapultierte, ist jetzt verbreiteter denn je. Die demokratische Welt hat das Establishment satt. Überall werden Politiker als korrupte Mietlinge der Superreichen oder wenigstens als Leute, die keinen Bezug zu den realen Menschen haben, gesehen. Die Brexit-Abstimmung gehört zu diesem weltweiten Trend. Sie ist eine Protestabstimmung, die wenig mit dem Thema des Referendums zu tun hat. Die EU wird als Verkörperung der oberen Klasse, als elitäre undemokratische Bürokratie, eine Kopie der heimischen „Elite“ angesehen. Also weg mit ihr. Es ist eine kindische Attitüde. Ein Kleinkind, das seine Mutter tritt.

Das Vereinigte Königinnenreich wird wieder zu Klein-England

ABER ES ist mehr als das. Viel mehr. Es ist das letzte Gefecht des Nationalismus, ein Rückschritt für die Menschheit. Ich bin Nationalist. Ich glaube, dass die Menschheit sich noch im Stadium der nationalen Identität befindet. Ich glaube, dass im gegenwärtigen Stadium der menschlichen Bestrebungen kein Glaube oder „-ismus“ den Nationalismus überwinden kann. Der Kommunismus versuchte es und scheiterte nach einem jahrhundertlangen Kampf. Der Faschismus versuchte übernational zu werden, er versuchte es und scheiterte. Die christliche Religion hat es versucht und ist gescheitert. Überall, wo diese oder andere Glaubensformen versucht haben, sich dem Nationalismus entgegenzustellen, sind sie zerschmettert worden. Vielleicht war der Kommunismus das offenkundigste Beispiel. Als die Sowjetunion von Deutschland angegriffen wurde, fiel sie in den „Patriotismus“ zurück. Wo sich der Kommunismus mit dem Nationalismus verband wie in Vietnam, erlebte er eine Blütezeit.

Der Zionismus siegte, weil er die jüdische Religionsgemeinschaft in eine moderne israelische Nation verwandelte. Warum wurde vor 250 Jahren der Nationalismus zum Zeitgeist? Weil sein geistiger Inhalt zu den materiellen Umständen passte. Wirtschaftliche, militärische und Entwicklungen in der Kommunikation verlangten immer größere Einheiten. Kleine regionale Einheiten wie die Schotten, die Korsen, die Basken, konnten diese Bedürfnisse nicht erfüllen. Sie konnten sich weder selbst verteidigen noch konnten sie mit größeren Wirtschaftseinheiten konkurrieren. Deshalb schlossen sie sich den neuen Nationalstaaten an: Großbritannien, Frankreich, Spanien. Das Deutsche Reich und die Italienische Republik entstanden. Diese Gegebenheiten veralten jetzt schnell. Die Wirtschaft ist global geworden, die Atombombe ist die Waffe von Großmächten, die globale Umwelt kann nur durch große gemeinsame Anstrengungen der gesamten Menschheit gerettet werden, das Internet und die Medien verbinden alle Menschen und missachten alle Grenzen vollkommen. Der Nationalstaat kann da nicht mithalten, wenn er sich isoliert.

Aber die menschlichen Gefühle verändern sich nicht so schnell wie die materiellen Gegebenheiten. Die Menschen hängen an alten Ideen. Nationen haben ihre Staatsangehörigen noch fest im Griff. Jedes internationale Fußballspiel zeigt das deutlich und eindrucksvoll. Die Fußball-Hooligans sind das wahre Spiegelbild ihrer Nationen. Dies ist die wahre Ursache des Brexit. Der Nationalismus leistet aller regionalen  und globalen Logik Widerstand. Er kämpft um seine Existenz, er hängt an der Vergangenheit. Es ist ähnlich wie in Gerhart Hauptmanns Drama von 1892: Die Weber zerstören die neuen Maschinen des Industriezeitalters, um die veraltete Wirtschaftsordnung zu erhalten, von der ihr Lebensunterhalt abhängt.

Geschichte kann recht komisch sein. Eines der Ergebnisse der Bewegung hin zu größeren post-nationalen Einheiten ist die Auflösung der Nationen im 19. und 20. Jahrhundert. Wenn die wirkliche Souveränität von London und Paris und Madrid nach Brüssel umzieht, ist es nicht zwingend notwendig, dass  Schotten, Korsen und Basken in ihren größeren Nationen verbleiben. Sie können zu ihrem früheren lokalen Mini-Nationalismus zurückkehren und gleichzeitig in der EU bleiben. Das Vereinigte Königinnenreich (habe ich nicht erfunden) wird wieder zu Klein-England. 

Irrsinn

ALS JUGENDLICHER schloss ich mich dem terroristischen Untergrund an, weil ich glaubte, wir müssten unseren eigenen Nationalstaat bekommen: Israel. Im Krieg von 1948 gewann ich die Überzeugung, dass es keine Möglichkeit gab, die Palästinenser dazu zu zwingen, ihr heftiges Verlangen nach einem eigenen Staat aufzugeben. Daraus wurde die Idee „zwei Staaten für zwei Nationen“ geboren. Nicht viel später jedoch trat ich für die Schaffung einer „Semitischen Union“ ein, in der Israel, Palästina und andere arabische Länder auf regionaler Ebene zusammenarbeiten würden. (Vor Kurzem nahm die israelische Gruppe namens „Zwei Staaten, ein Heimatland“ diesen Gedanken wieder auf.) An der Entscheidung der Briten ist etwas Mitleiderregendes und Rührendes. Sie erinnern sich an die alte „Gut denn, also allein!“-Stimmung, den stolzesten Augenblick in ihrer gesamten Geschichte. Sie erinnern sich daran, wie ihre winzige Inselnation die Meere und etwa ein Fünftel der Kontinente beherrschte, darunter auch mein Land. Aber es ist trotzdem Irrsinn.

„Haltet die Welt an, wir wollen aussteigen!“

DER MENSCHLICHE Fortschritt verlangt immer größere Einheiten. Dieses Jahrhundert wird eine neue Weltordnung erleben. Leider werde ich dann nicht mehr dabei sein, aber ich sehe sie schon im Geiste. Sie ist unvermeidlich. Die Frage ist, ob diese Weltordnung demokratisch sein wird oder nicht. Es hängt von der Menschheit ab sicherzustellen, dass sie es sein wird. Dasselbe gilt jetzt für die Europäische Union. Diejenigen, die ihr System ablehnen, müssen für Wandel, für ihre wirkliche Demokratisierung, für effektive soziale Wohlfahrt und Menschenrechte kämpfen. Dafür hätten die britischen Wähler votieren sollen. Stattdessen lautet ihr Votum: „Haltet die Welt an, wir wollen aussteigen!“


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 569  vom 06.07.2016

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