NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Kommentar
NATO-Bataillone am Ostrand in Alarmbereitschaft
Gorbatschow vor Ukraine-Einmarsch
Von Ulrich Gellermann

Dieser Gorbatschow. Der war doch mal der Liebling aller Deutschen, ein Darling des Westens, ein Heils- und Segensbringer aller Welt. Damals. Als einst die Gorbi-Manie die Medien bestimmte. Aber nun? Offenkundig will der Mann die Ukraine im Alleingang zurück nach Russland holen. So jedenfalls muss es der ukrainische Geheimdienst sehen, der "Im Interesse der Staatssicherheit" jüngst gegen den früheren sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow ein Einreiseverbot verhängte. Na klar, Gorbatschow ist nicht ungefährlich, hat er doch fast im Alleingang die einst mächtige Sowjetunion liquidiert. Aber als Chef einer militärischen Operation kann man sich den Mann, der für den Wehrdienst in der Sowjetunion untauglich war, nur schlecht vorstellen. Doch der „Sluschba bespeky Ukrajiny“, der „Sicherheitsdienst der Ukraine“ sieht das anders. Vielleicht weil Gorbatschow ganz, ganz früher als Mähdrescher­mechaniker gearbeitet hat. Und wer Mähdrescher fahren kann, sagt sich der Geheimdienst, der kann auch Panzer fahren, und wer Panzer fahren kann . . .

Auch die NATO und ihr Außenminister Steinmeier müssen das ähnlich sehen. Gerade war Frank-Middle-Initial-Steinmeier auf Beruhigungsreise im Baltikum. Das ZDF kommentiert diese Therapie-Fahrt mit der Überschrift „Berlin vergisst die Kleinen nicht“. Die armen Kleinen. Denn wenn Gorbatschow erst die Ukraine geschluckt hat, dann sind aber sofort die baltischen Länder dran. Deshalb wollen die großen Nato-Staaten jeweils ein Bataillon an den Ostrand des Atlantik-Paktes senden. Schließlich ist die Ostsee ein Randmeer des Atlantiks. Auch deshalb hat Deutschland sofort die Führung eines der Nato-Bataillone in Litauen übernommen. Denn der alte Mann aus Moskau hatte der britischen Zeitung "Sunday Times" erzählt: "Ich bin immer für den freien Willen des Volkes und die meisten auf der Krim wollten mit Russland vereinigt sein." Und damit die Sezession der Krim verteidigt. Und somit die Ukraine bedroht, und überhaupt! Und so das Einreiseverbot ausgelöst.

Die alarmierende Nachricht über den Gorbatschow-Plan zur subversiven Verbreitung des freien Willens und die entschlossene Reaktion der Ukraine hat in den deutschen Medien nur eine geringe Rolle gespielt. Denn etwa zeitgleich war Nadja Sewtschenko in die Ukraine zurückgekehrt. Nadja wer? Mann! Die Heroine der Woche, wenn nicht gar des Jahrzehnts. Die Desperada des Jahrhunderts, die ukrainische Pilotin, die beinahe eigenhändig den Putin erledigt hätte und dabei in einem russischen Gefängnis landete, sie bestimmte tagelang deutsches Schrift- und Bild-Gut: „Ukraine feiert freigelassene Pilotin“, jubelte die TAGESSCHAU, die DEUTSCHE WELLE wusste „Sawtschenko kehrt als Heldin zurück“, begeistert berichtete der West-Berliner TAGESSPIEGEL von den Visionen der Heldin: „Pilotin Sawtschenko kann sich Präsidentschaftskandidatur vorstellen“.

In all dem Jubel ist die bedrohliche Nachricht des neuen Gorbatschow-Imperialismus irgendwie untergegangen. Auch weil eine andere Heldin, die Merkel-Freundin Julia Timoschenko, der freigelassenen Pilotin zu sagen wusste: "Nicht Putin hat Zugeständnisse gemacht, du hast einfach das russische Imperium bezwungen“. Genau so wird es gewesen sein. Eine weitere Information sucht man im deutschen Medien-Rummel ebenfalls fast vergeblich: Die Helden-Pilotin hatte einst tapfer im Bataillon „Ajdar“ gekämpft. Diese hakenbekreuzte Freiwilligen-Einheit hatte die Aufständischen in der Ostukraine kühn mit Entführung, Raub, Misshandlung, Erpressung und vorgetäuschte Hinrichtungen bekämpft und humanitäre Hilfe für die Bevölkerung im Osten der Ukraine blockiert. Denn Hunger ist eine starke Waffe.

Das Fast-Verschweigen der Gorbatschow-Intervention mag aus militär-taktischen Gründen notwendig sein. Denn wenn Michail Gorbatschow die ukrainische Grenze überschreitet, soll er wohl von der Präsenz des Sicherheitsdienstes der Ukraine überrascht werden. Der ist immerhin bei Workshops und Lehrgängen des Bundeskriminalamtes und des Bundesnachrichtendienstes ausgebildet worden. Da wird er schon sehen, der Mähdrescherfahrer, wie eine deutsche Ausbildung wirkt! Das Beschweigen der Mitgliedschaft unserer Helden-Pilotin in einer faschistischen Truppe, erklärt sich kaum. Oder sollte das den Deutschen Medien etwa peinlich gewesen sein? Kaum vorstellbar. Hat man doch längst von der Gorbi-Manie zur Putin-Phobie umgeschaltet. Und die erlaubt nun mal jeden Medien-Schwachsinn.


Erstveröffentlichung am 30. Mai 2016 bei rationalgalerie.de – Eine Plattform für Nachdenker und Vorläufer

Top-Foto:
Ulrich Gellermann (aus Video-Interview: deutsch.rt.com)


Online-Flyer Nr. 564  vom 01.06.2016

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Kalkar imagine
Von Arbeiterfotografie
FOTOGALERIE