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Aktueller Online-Flyer vom 29. April 2017  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Es stinkt zum Himmel!
Von Evelyn Hecht-Galinski

Tatsächlich schreiben deutsche Medien über den zurückgetretenen israelischen Verteidigungsminister Jaalon so, als ob er eine Friedenstaube wäre. Schon seit langem sieht man die Verlogenheit der Berichterstattung, wenn es um die Darstellung von Zuständen im "Jüdischen Staat" geht. Geradezu erschreckend, wie Lesern dabei Sand in die Augen gestreut wird, damit bloß kein Ressentiment gegen Juden und den "Jüdischen Staat" aufkommt. War es nicht der "Kriegsminister Jaalon, der schon immer durchgriff, wenn es darum ging, die illegale Besatzung Palästinas zu festigen und mit aller Besatzungshärte durchgriff, um die zweite Intifada im illegal besetzten Westjordanland niederzuschlagen? Er lehnte einen unabhängigen Palästinenserstaat ebenso ab, wie einen Tausch "Land gegen Frieden", weil auch dieser Machtmensch alles will, nur keinen Frieden. Er mit seiner Anti-Palästinenser-Haltung hält diesen immer wieder vor, dass sie nur einen Traum hätten, nämlich Israel zu zerstören. Doch ist es hingegen nicht ganz anders, und haben die jüdischen Besatzer nicht seit 1948, seit der Nakba und Vertreibung der Palästinenser den palästinensischen Traum zerstört, in einem freien Palästina friedlich zu leben?


Mosche Jaalon (Montage: NRhZ)

Mit zynischer Kälte gegen palästinensischen Menschen

War es nicht Jaalon, der ebenso wie die anderen israelischen politischen Kriegsverbrecher die "moralischste Armee der Welt" befehligte, den Völkermord in Gaza ungehindert ausführen zu können? Diese totale Blindheit gegenüber dem palästinensischen Leid und die zynische Kälte, mit der man den Tod von palästinensischen Menschen nicht nur in Kauf nimmt, sondern diesen auch noch als unvermeidlich hinstellt, um so den palästinensischen Widerstand zu bekämpfen und die Sicherheit der "einzigen Demokratie im Nahen Osten" zu schützen, ist einzigartig in der Welt und vereint alle diese Politiker, von Jaalon bis Netanjahu und von Livni bis Herzog. Egal wie man es dreht und wendet, es sind nur Nuancen, die diese Politiker voneinander trennen, mehr nicht.

Als im April diesen Jahres propagandaträchtig ein neuer "Angriffstunnel" der Hamas aus Gaza von den "jüdischen Verteidigungssoldaten" gefunden wurde, warnte Jaalon die Hamas schon davor, sich keinen Illusionen hinzugeben, um anzugreifen, denn Israel würde mit aller Härte zurückschlagen! (1)

Alles, was aus Gaza, oder von der Hamas kommt, wird als Kriegserklärung dämonisiert, vom Tunnelsystem bis zu den selbst gebauten verzweifelten Raketen, während die "jüdischen Verteidigungssoldaten" vorgeben, immer nur friedenserhaltend zu verteidigen. Bei seinem Abschied lobte Jaalon Netanjahu sogar noch für seinen "harmonischen und respektvollen" Umgang mit ihm, bis zum Krach. Um sich dann als Friedensheld darzustellen, der nur gegen den Rassismus und Radikalisierung in der Gesellschaft gekämpft hätte. Was für eine triefende Verlogenheit dieses Falken, sich als Friedenstaube darzustellen. All das deutet daraufhin, dass er selbst ein neues "Rechts-Mitte Lager" aufbauen will.

Es ist schon mehr als belustigend, wenn sich jetzt alle ehemaligen oder inzwischen machtlosen Politiker als Mahner vor einem Faschismus im "Jüdischen Staat" darzustellen zu versuchen, während sie diesen während ihrer Amtszeit doch selbst befördert haben.

Ethnische Säuberung bis zur Endlösung

Illusionen sollte man aufgeben wenn es um den "jüdischen Staat" und sein Regime geht, denn Frieden steht nicht auf deren Agenda. Am Montag lehnte Ministerpräsident Netanjahu die französische Friedensinitiative endgültig ab. Begründung: nur direkte Verhandlungen "ohne Vorbedingungen" mit den Palästinensern, keine Vermittler, denn diese würden den "Friedensbemühungen" nur schaden. Welche Friedensbemühungen von ihm ausgehen, wird uns für ewig verschlossen bleiben, weil er genau wie seine Kollegen keinen Frieden will, und alle Grundlagen geschaffen hat, um diese auch zu realisieren und die Besatzung und ethnische Säuberung bis zur Endlösung als zionistischen Ziel der Judaisierung Palästinas zu schaffen! Schließlich warf Netanjahu auch noch der französischen Regierung vor, die Unesco-Resolution zum "Tempelberg" unterstützt zu haben, die jüdische Interessen negiere. Leider „vergisst“ Netanjahu, dass der Haram al-Sharif und die al-Aqsa Moschee für alle Muslime unantastbar bleiben müssen, frei von jüdischen Eindringlingen. Denn ständig dringen jüdische Extremisten unter Regierungsschutz provokativ auf die Heiligtümer vor, muslimische Männer werden verbannt und dürfen dort nicht beten; soviel zur Glaubensfreiheit unter dem Netanjahu-Regime! (2)(3)(4)

Wenn jetzt auch noch der durch Jaalons Rückzug aus der Knesset freigewordene Abgeordnetensitz von Yehuda Glick eingenommen wird, einem Vertreter der übelsten Gruppe von Extremisten, die die Juden und ihre Gebete auf dem Tempelberg erzwingen wollen und den Bau eines jüdischen Tempels anstelle des Felsendoms und der al-Aqsa Moschee anstreben, dann ist die Provokation komplett. (5)

Das Chaos im "jüdischen Staat" durch diese Taktik von Netanjahu, der erneut Avigdor Lieberman, den Ex-Außenminister und seiner Beitenu "Israel unser Haus" Partei als Verteidigungs-Kriegsminister ins Kabinett holt, zeigt doch nur seine Strategie. Lieberman war schon als Außenminister nicht tragbar, aber als Kriegsminister ist er natürlich erste Wahl. Lieberman wird alle seine Forderungen erfüllen, von der Einführung der Todesstrafe, allerdings nur für "palästinensische Terroristen", während jüdische Terroristen nicht belangt werden. Er verlangt Sonderleistungen für russische Einwanderer und vieles mehr, was man sich gar nicht vorzustellen vermag. Unter ihm ist zu befürchten, dass er als "Kriegsminister" versuchen wird, Gaza nach einem Angriff ganz in Schutt und Asche zu bomben! Es ist eine mehr als gefährliche Situation für Palästina, und wir müssen darauf gefasst sein, dass die Zukunft sicher noch viel schrecklicher sein wird, sollte dieses neue Kabinett etabliert und eingesetzt sein. (6)

Kanzlerin: US-gesteuerte Marionette

Ja, es stinkt zum Himmel, wie die Politik mit größter Verlogenheit vorgeht, um eigenes Versagen zu vertuschen. Ja, es stinkt zum Himmel, wenn US- oder israelische Drohnen die Lizenz zum Töten nutzen, um eigenmächtig zu entscheiden über gut und böse, über Leben und Tod. Ja, es stinkt zum Himmel, wenn die USA den Terror über die Welt bringen und Waffen verkaufen, um „Regime Changes“ herbeizuführen. Ja, es stinkt zum Himmel, wenn wir eine Spalterin als Kanzlerin haben, die - wie es scheint - als US-gesteuerte Marionette TTIP und CETA durchsetzen will und das Flüchtlingsproblem eigenmächtig zu bewältigen versucht. Sie ist eine der Hauptschuldigen an der Spaltung Europas, eigenmächtig wie zu DDR-Zeiten regiert sie. Ist das noch alternativlos? Nein! Aber wie sehen die Alternativen aus, in einem gespaltenen Europa? Rechts gewinnt immer mehr, was vermieden werden muss, gerade noch einmal konnte ein rechter Burschenschaftler als Präsident in Österreich verhindert werden. Merkel und die GRO/KO hat uns quasi entmündigt, das hat das Klima für eine AfD geschaffen. Aber alle demokratischen vernünftigen Bürger sollten sich davor hüten, auf die geschürte Terrorangst und den Islam-Hass hereinzufallen. Seit geraumer Zeit wurden auffallend viele Artikel zur Christenverfolgung in allen Medien veröffentlicht, wie z.B. "vergesst die Christen nicht", in der FAZ. (7)

Was stutzig machte, dass gerade die mehr als umstrittene Organisation Open Doors Daten dazu lieferte, jetzt mussten dieselben Medien eingestehen, dass es Zweifel an der Seriosität dieser Studie gibt. Aber erschreckend, wie gezielt diese Islamophobie gestreut wurde. (8)

Während Merkel in der Türkei weilt, um den Flüchtlingsdeal unter Dach und Fach zu bringen, hat sich in der Türkei ähnliches ereignet wie im "Jüdischen Staat". Während sich Erdogan, allerdings unter großem Zuspruch des türkischen Parlaments politischer Gegner entledigte, indem man 138 oppositionellen Abgeordneten die Immunität entzogen hatte (9) und diese mehr als fragwürdige Tat international genauso einhellig kritisiert wurde wie die mehr als fragwürdigen Urteile gegen türkische Journalisten, konnte sich desgleichen im "Jüdischen Staat" ungestört fortsetzen. Ich kann mich nicht erinnern, hier je kritische Äußerungen vernommen zu haben, als Abgeordneten der palästinensischen Partei im israelischen Parlament, der Knesset, die Immunität entzogen wurde, oder dass dies sogar verurteilt wurde! Das Netanjahu-Regime hat faschistoide Gesetze und Methoden, um die israelischen Palästinenser aus dem Parlament zu drängen. (10)

Ziel des Netanjahu-Regimes: das jüdische Parlament "araberfrei" machen

Hanan Zoabi, eine palästinensische Menschenrechtsaktivistin und Anwältin, wurde so mehrmals unter mehr als fadenscheinigen Vorwürfen aus der Knesset gedrängt. Das Netanjahu-Regime versucht auf diese Weise, indem sie die palästinensischen Abgeordneten der Balad Partei aus der Knesset drängen, das jüdische Parlament "araberfrei" zu machen und zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Jerusalem nur von Juden regieren zu lassen und sich ihrer politisch wirksam agierenden Gegnern zu entledigen. (11)

Wenn Merkel also jetzt in der Türkei Erdogan ein bisschen lau kritisiert, dann ist das genauso, wie sie Netanjahu während des Gaza-Angriffs ihrer Solidarität versicherte und das Recht auf Selbstverteidigung zubilligte, aber immer angemessen in der Reaktion zu bleiben. Allerdings ist der Türkei anzurechnen, dass sie 3 Millionen Kriegsflüchtlinge aufgenommen hat, im Gegensatz zum "Jüdischen Staat", der den palästinensischen Flüchtlingen die legitime Rückkehr in ihre Heimat verwehrt.

Es stinkt zum Himmel


Fussnoten:

1 http://www.spiegel.de/politik/ausland/gazastreifen-israels-armee-entdeckt-neuen-angriffstunnel-der-hamas-a-1087767.html
2 http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/netanjahu-lehnt-pariser-friedensinitiative-ab-14235235.html
3 http://www.deutschlandfunk.de/tempelberg-in-jerusalem-fels-des-anstosses.886.de.html?dram:article_id=341600
4 http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-09/israel-muslimische-maenner
5 http://www.welt.de/politik/ausland/article139103432/Ein-Leben-fuer-die-Rueckkehr-auf-den-Tempelberg.html
6 http://www.haaretz.com/israel-news/1.721076
7 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/fluechtlingspolitik-vergesst-die-christen-nicht-14223590.html
8 http://www.deutschlandfunk.de/hilfswerk-open-doors-zweifel-an-seriositaet-von-studie.1818.de.html?dram:article_id=354813
9 http://www.rp-online.de/politik/138-tuerkische-abgeordnete-verlieren-immunitaet-aid-1.5991131
10 http://www.haaretz.com/israel-news/.premium-1.706303
11 http://www.fr-online.de/politik/israel-knesset-verbannt-arabische-abgeordnete,1472596,33756646.html


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzen der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Top-Foto:
Evelyn Hecht-Galinski (sicht-vom-hochblauen.de)


Online-Flyer Nr. 563  vom 25.05.2016

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