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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Jenseits von Kriegen feiern wir die Befreiung!
Von Evelyn Hecht-Galinski

An diesem Sonntag, dem 8. Mai 2016, an dem sich zum 71. Mal der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt, befindet sich Deutschland erneut an vielen Kriegsschauplätzen. Hat das mörderische Geschehen, der deutsche NS-Eroberungskrieg mit Hilfe von Verbündeten, in dem über 50 Millionen Menschen in Europa ihr Leben verloren haben, nichts bewirkt? Sechs Millionen jüdische Bürger wurden allein aus rassistischen Gründen als minderwertige Untermenschen ausgegrenzt und systematisch ermordet. Millionen von Menschen wurden vertrieben. Dieser 8. Mai sollte endlich zum bundesweiten Gedenktag gemacht werden, bevor das Geschichtsbild immer mehr in eine gefährliche Feindbild-Haltung gegenüber Russland fehlgeleitet wird. Das muss verhindert werden.


Berlin, 10.5.2015 (Foto: arbeiterfotografie.com)

Deutschland darf niemals vergessen, dass es Russland und die anderen sowjetischen Republiken waren, die 27 Millionen Menschen von Kriegstoten zu beklagen hatten im Kampf für die Befreiung Europas vom Faschismus. Alles das scheint heute vergessen, wenn ausgerechnet Deutschland sich besonders stark macht für Sanktionen gegen Russland und die deutsche Bundeskanzlerin Merkel es weiterhin ausschließt, dass Russland wieder in den Kreis der G8 aufgenommen wird. Es ist eine Provokation, wenn sich gerade Deutschland so gegen Russland und Putin stellt. Merkel, die "Königin von Europa", scheint jegliches Gefühl für Anstand verloren zu haben, nur um die USA zu befriedigen. Mit einem Bundespräsidenten an ihrer Seite, der jegliche Empathie für Russland vermissen lässt, und der unverhohlen sein Missfallen gegenüber Putin zeigt, ist kein Staat zu machen.

Wir sind die Todesboten

Der neue US-Nato-Oberbefehlshaber in Europa, Curtis Scaparotti, spuckt schon wieder große Töne wie "von Moskau geht die größte Bedrohung aus, auch für die Nato", um Flüge und aggressiven Militärübungen an den Ostgrenzen und Nato-Truppen im Ostblock zu rechtfertigen. Die Demütigungen sind mannigfaltig, ganz im unguten Geist des kalten Krieges. Dabei wird Russland mehr denn je gebraucht, siehe Syrien und Iran.

Längst hat sich Deutschland von Willy Brandt und seinen starken Worten entfernt, "von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen". Gerade seine rot-grünen Enkel haben diesen Grundsatz mit Füßen getreten, denn von Schröder, Scharping und Fischer ging der erste Kriegseinsatz ohne Mandat aus. Dem grünen ehemalige Außenminister Fischer unter dem SPD-Kanzler Schröder fiel nichts besseres ein, als sich zur Begründung auf Auschwitz zu berufen. Bis heute eignet sich Auschwitz dazu, gerade von Politikern instrumentalisiert zu werden, um ihre zweifelhaften politischen Ziele zu rechtfertigen.

Kalt läuft es mir den Rücken hinunter, wenn ich höre, wie kaltschnäuzig und geschichtsvergessen deutsche Politiker von Gauck bis von der Leyen eine „neue Rolle“ Deutschlands in der Welt fordern, was nichts anderes heißt, als militärisch wieder überall dabei zu sein – und diesem schlimmen Wunschziel dieser mörderischen Krieger kommen wir immer näher! Wir sind wieder wer in aller Welt und unsere Soldaten sind inzwischen wieder weltweit vertreten, um den "Frieden" zu fördern und anderen Völkern unsere "Werte“ einzubomben. Verlogen wird uns deutschen Bürgern erzählt, dass Bundeswehrsoldaten allein dazu da sind, Ziele auszusuchen, um unseren Verbündeten zu helfen in der Kriegsführung. Was heißt das? Wir sind die Todesboten, die die mörderischen Ziele aussuchen. Wie verlogen ist das, wir sind die guten und von unserem Boden geht kein Krieg mehr aus, nein in der Tat, diese Kriege haben sich auf andere Böden verlagert.

Gegen Holocaust-Instrumentalisierung und Islamophobie

In diesem Zusammenhang ist es mir ein persönliches Anliegen, mich auch gegen Holocaust-Instrumentalisierung und gegen Islamophobie zu wenden, denn gerade zwei Tage nach dem Himmelfahrtstag und drei Tage vor dem Befreiungstag gedachte der "Jüdische Staat" der Ermordeten des Holocaust; es war eine Inszenierung und Instrumentalisierung des Gedenkens.

"Unsere Seele erforschend müssen wir eingestehen, dass sie nie den Respekt erfahren haben, der ihnen gebührt", sagte schwülstig der israelische Staatspräsident Rivlin vor anwesenden Holocaust-Überlebenden. Tatsächlich leben im "Jüdischen Staat" heute noch etwa 189.000 Holocaust Überlebende, davon vegetieren etwa 45.000 unter der Armutsgrenze, derweil die Ermordeten instrumentalisiert werden, die können sich ja nicht mehr wehren. (1)

Ministerpräsident Netanjahu nahm den Holocaust-Gedenktag als Anlass, Kritik an Israel als Propaganda gegen Israel und als aktuellen Antisemitismus abzukanzeln. Ins Unerträgliche steigerte er sich mit diesem Satz: "Die westliche Propaganda gegen Israel ist nicht weniger vergiftend, als die der Islamisten in der arabischen Welt und es war die Aufstachlung zum Hass, die zur Shoah führte und sich in heutiger Zeit gegen Israel richtet."!

Niederträchtige Verdrehung der Tatsachen

Propagandaträchtig wird immer wieder auf die gefährlichen Raketenangriffe aus Gaza hingewiesen und auf die Gefahr durch die "Hamas-Tunnel". Diese niederträchtige Verdrehung der Tatsachen durch die jüdischen Besatzer wird von aller Welt hingenommen, während die katastrophalen Lebensbedingungen der bedauernswerten, im Konzentrationslager Gaza eingeschlossenen Menschen, sträflich ignoriert werden. Wie würden wir denn handeln, wenn wir unter diesen Bedingungen eingesperrt leben müssten? Tatsächlich vergiftend ist die illegale jüdische Besatzung Palästinas, die seit Jahrzehnten den ganzen Nahen Osten vergiftet! Die Aufstachlung zum Hass geht doch von Israel gegen Palästinenser aus, und von jüdischen Israelis gegen palästinensische Bürger.

Mehr als bemerkenswert war die Rede des Vize-Generalstabschef der "jüdischen Verteidigungsarmee", Yair Golan, der darin die "widerlichen Prozesse", die sich in Deutschland vor 70, 80, oder 90 Jahren ereignet hätten, mit denen im heutigen "Jüdischen Staat" verglich. Er warnte vor Fremdenhass, und davor, Ängste zu schüren und den Fremden zu hassen. Er kritisierte auch die Diffamierung von linken Gegnern der Besatzungspolitik und kritisierte im Fall des IDF-Soldaten, der einen Palästinenser mit einem Kopfschuss getötet hatte, auch die Angriffe gegen die Armeeführung. Als er von dem Ex-General und rechtsradikalen Wohnungsbauminister Yoav Galant angegriffen worden war und eine Klarstellung forderte, war Golan sofort zurück gerudert und stellte sofort klar, dass er Israel nicht mit Nazi-Deutschland habe vergleichen wollen.

Hätte dieser Oberbefehlshaber diese Rede an der Grenze zu Gaza gehalten, oder an einem Checkpoint zum illegal besetzten Westjordanland, oder im Asylbewerber-Gefängnis von Holot, oder eines der vielen Militär Gefängnisse, wo die tausende von Administrativhäftlinge in Militärhaft ohne Anklage sitzen, dann wäre sie sicher noch authentischer geworden, denn da hätte man hautnah die Vergleiche anstellen können.

Was sind nun die Lehren, die wir aus dem 8. Mai, dem Tag der Befreiung ziehen sollten?

Keinen Raum für Fremdenhass und insbesondere für Islamhass geben, keine neue Kriegsgeilheit, Aufrüstung und keine blinde Unterstützung einer gefährlichen US-Politik, die uns von "Atlantik-Trollen" aus Politik und Medien als werterhaltend aufgetischt werden.

Der Tag der Befreiung sollte uns befreien von falschen Selbstzweifeln, arrogantem Größenwahn und einer bedingungslosen Unterstützung des "Jüdischen Staates", schließlich sind unsere Lehren aus der Nazizeit, dass wir genau hinschauen sollten, mit wem wir uns verbünden und wen wir unterstützen.

Auch der Holocaust rechtfertigt nicht die Verbrechen Israels. In einem Land, in dem die Nachfahren der Holocaustopfer ein anderes Volk illegal besetzen, vertreiben und die ethnische Säuberung vorantreiben, die letztendlich zur zionistischen Endlösung der Judaisierung als Staatsräson führen soll, sollten wir als Nachgeborene der Täter genau darauf achten, was in diesem "Jüdischen Staat" geschieht.

Schließlich haben wir auch eine besondere Verantwortung für das palästinensische Volk, das endlich auch die Möglichkeit bekommen sollte, einen Tag der Befreiung zu feiern. Daran sollten wir gemeinsam arbeiten, betrachten wir deshalb den 8. Mai, den Tag der Befreiung, als Mahnung gegen neue Kriegstreiber. Jenseits von Kriegen feiern wir die Befreiung!


Fussnote:

1 https://desertpeace.wordpress.com/2016/05/05/holocaustmemorialday-remembering-the-victims-forgetting-the-survivors/


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzen der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Top-Foto:
Evelyn Hecht-Galinski (sicht-vom-hochblauen.de)


Online-Flyer Nr. 561  vom 11.05.2016

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