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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Bei Israel hört der Spaß auf!
Von Evelyn Hecht-Galinski

Merkel war gerade auf humanitärer Flüchtlingstour. "Mama Merkel" benutzt die Macht der Bilder, also Fotos mit Kindern im türkischen Flüchtlingslager, um zu zeigen, wie großherzig und gut IHR Deutschland ist. Ja, darauf versteht sich diese Frau, immer im Mittelpunkt zu stehen und als gute Christin nur aus edlen Motiven heraus zu handeln! Merkel, die Solidarität einfordert, ist selbst die scheinheiligste Politikerin Europas. Während Österreich die Grenzen geschlossen hat, während das Türkei-Abkommen uns die Flüchtlinge "weginterniert", kann sich Merkel im türkisch-syrischen Grenzgebiet in einem Flüchtlingslager feiern lassen und in ihrer Großherzigkeit sonnen. (1)

Einerseits kann es Merkel nicht ertragen, dass 4.000 Flüchtlinge in Budapest festsaßen, während sie andererseits ungerührt zusieht, wie schon seit Jahrzehnten palästinensische Flüchtlinge in libanesischen Lagern unter menschenunwürdigen Zuständen vegetieren. Genauso ungerührt sieht sie zu, wenn ihr "Vorbildstaat" Israel schwarze Flüchtlinge und Asylsuchende in einem extra gebauten Gefängnis interniert werden, um sie dann abzuschieben, oder zur "freiwilligen" Ausreise zu bewegen. (2)

Israel-Kritiker wie Aussätzige behandelt

Was wäre es für eine Geste gewesen, hätten deutsche Politiker zusammen mit Rabbiner Arik Asherman einen Seder-Abend im Gefängnis von Holot gefeiert, wie er es zusammen mit Friedensaktivisten tat, um gegen das Unrecht der Internierung zu protestieren. (3) Das wäre ein Zeichen für die Freundschaft zwischen Deutschland und einem anderen Israel gewesen, aber im deutschen politischen und Medienleben werden Israel-Kritiker wie Aussätzige behandelt!

Dafür hat man den Hebron-Mörder, den "jüdischen Verteidigungssoldaten", der einen hilflosen Palästinenser kaltblütig erschossen hat und „nur“ wegen Totschlags angeklagt hat, aus der Haft entlassen, um das Pessach, das Fest der Freiheit, zu feiern. Das ist die Militärjustiz im "Jüdischen Besatzerstaat"! (4) Gerade das Pessach-Fest mit seinen Reinigungsritualen verlangt nach einem "Großreinemachen" im Staat Israel gegen die illegale Besatzung Palästinas! (5)

Warum schaut Merkel zu, dass palästinensische Kinder im "Jüdischen Staat" in Willkürhaft sitzen, aktuell zwischen 500 und 700. Nichts hat diese Kanzlerin jemals ernsthaft dafür getan, dass die jüdische Besatzung Palästinas beendet wird, außer scheinheiligen Appellen für die längst beerdigte Zwei-Staatenlösung. (6)

Treffen mit rechtsradikalem Besatzer-Regime

Besonders verwerflich ist es, wenn sich das deutsche Kabinett unter Merkel mit einem rechtsradikalen Besatzer-Regime zu gemeinsamen Regierungskonsultationen trifft, und sich der SPD Justizminister Maas, der die "vertrauensvolle" Zusammenarbeit mit der rassistischen israelischen Justizministerin Ayelet Shaked noch vertiefen will – einer Politikerin, die schon mal palästinensische Mütter töten lassen will. All das und die ganz klaren Absagen der israelischen Regierung an die „Zwei-Staaten-Lösung“ blieben ohne Widerspruch, während Merkel vor ihrer Türkei Reise versprach, sich dort für die Menschenrechte einzusetzen, ganz nach der Art des gewohnten "zweierlei Maas". Typisch für die deutsche Politik, die Menschenrechte nach Gutdünken instrumentalisiert. (7)(8)

Hat sich Merkel jemals in ein palästinensisches Flüchtlingslager im Libanon begeben, um sich das von den jüdischen Freunden angerichtete Elend anzusehen? Nein, denn das würde ja nicht in ihr christlich-zionistisches Weltbild passen und könnte das gute und freundschaftliche Verhältnis zu den Besatzern stören. Wo sich doch der "Jüdische Staat" und die Türkei immer ähnlicher werden. Beide Staaten betrachten Kritiker, Journalisten und Künstler, die Kritik an der jeweiligen Politik üben, als Nestbeschmutzer, die verfolgt werden müssen. Deutschland bewegt sich immer weiter in Richtung angepasster Heuchelpolitik ganz nach "christlich-jüdischer" Manier. Warum sperrt sich Merkel eigentlich immer noch gegen eine Vollmitgliedschaft der Türkei in die EU? Wo sie doch die Anstrengungen der Türkei bei der gemeinsamen Bewältigung des Flüchtlingsproblems so lobt? Immer noch betont Merkel ihre Vorbehalte gegen die Vollmitgliedschaft, favorisiert nur eine "privilegierte Partnerschaft." Was für eine Scheinheiligkeit – für die Drecksarbeit sind die türkischen Partner gut genug, während sie als Partner auf Augenhöhe unerwünscht sind. Schließlich vertrat Merkel diesen Standpunkt schon bevor sie Erdogan für ihren anrüchigen Deal brauchte. Ist nicht inzwischen die ganze deutsche Außenpolitik zu einem undurchsichtigen Deal verkommen?

Diskriminierung von Muslimen

Auch die Forderung, dass in Moscheen nur noch deutsch gesprochen werden soll, ist eine völlig unannehmbare und undemokratische Forderung, solange in Synagogen hebräisch gebetet wird, oder griechisch-orthodoxe Christen ihre Gottesdienste auf griechisch halten, oder russisch-orthodoxe auf russisch, oder andere Glaubensrichtungen in ihren Sprachen beten. So ist diese Forderung vom CDU-Generalsekretär diskriminierend! Solange Muslime in Deutschland nicht auf Augenhöhe und wie andere Religionen behandelt werden, sondern unter einen terroristischen Generalverdacht gestellt werden, solange ist noch viel zu tun! Wir brauchen kein Islam-Gesetz, sondern endlich ein Gesetz, was die Trennung von Staat und Religion einführt. Wie wäre es denn endlich mit einem Laizismus-Gesetz, das Atheisten gleiche Rechte zugesteht?

Allerdings stehen da die GRO/KO Parteien, SPD und CDU/CSU zusammen, aber auch die Grünen sind in ihrer heuchlerischen Politik dabei, z.B. wenn es um die Ukraine geht und gegen Russland. Wenn es um Lobpreisungen für Diktatoren und Regime geht, da ist Gabriel, der den ägyptischen Präsidenten al-Sisi so „beeindruckend“ findet, im gleichen Boot mit Merkel. Dieses Boot könnte allerdings ebenfalls sinken wie die vielen Flüchtlingsboote, und viele politische Leichen hinterlassen.

Erschreckend ist es, dass so viele Bürger ihr Heil bei einer rechtsradikalen Hetzpartei suchen, die ihnen nichts anderes bieten, als unterstes Niveau an Fremdenfeindlichkeit. Aber tatsächlich haben sich das die sogenannten Volksparteien selbst zuzuschreiben, denn diese abgehobenen Parteigänger und Politiker interessieren das Volk nicht mehr.

TTIP: Merkel vertritt US-Interessen

Das sieht man auch am Besuch Obamas in Hannover, der TTIP durchbringen will, das gemeinsame US-Lieblingsprojekt auch von Merkel. Was für Bilder, Merkel und Obama propagieren gemeinsam die transatlantische Freundschaft, alles gegen die Volksmeinung. Was schert es da diese Mächtigen, wenn am Vortag mehr als 90.000 TTIP-Gegner gegen dieses Abkommen protestierten. Fragen wir uns doch einmal, warum sind die USA so interessiert an diesem Abkommen, ganz sicher nicht, weil es für Europa und Deutschland Vorteile bringt. Das Gegenteil ist der Fall. Noch mehr Überwachung und Intransparenz und noch mehr Aufweichung europäischer Standards und immer mehr US-Einfluss und Forderungen.

Wieder einmal vertritt Merkel nicht die deutschen, sondern US-gesteuerte Interessen. Für dieses Wohlverhalten singt Obama Lobeshymnen auf Merkel und für ihre "großherzige“ Flüchtlingspolitik. Die USA sind wie die jüdischen Besatzer fein heraus, denn deren Politik fabriziert ja erst die Flüchtlinge, die wir dann aufnehmen sollen. Das alles genau nach der Vorstellung des inzwischen zum Land der "Banker und Industrie" wurde, nach dem der Dichter und Denker. Sie gestalten das Deutschland nach ihren Vorstellungen, mit den Politikern als willigen Helfern!

Rassistische Entgleisung bei Böhmermann wie bei Islam-Hasser Theo van Gogh

Abgehoben scheinen auch die sogenannten Satiriker, die Satire mit plumpen Geschmacklosigkeiten auf unterstem Niveau verwechseln, aber nur, wenn es um bestimmte Politiker geht, wie Erdogan oder Putin. Da sind sie ganz mutig! Stellen wir uns doch einmal vor, Böhmermann hätte sich diese Unverschämtheiten gegen einen jüdischen Politiker oder Funktionär erlaubt? Was für ein Aufschrei wäre durch die Republik gegangen. Während Islamophobie und Russland-Bashing hoffähig geworden sind, verbietet man sich offensichtlich Satire über israelische Politiker. Kein Kabarettist hat heute soviel Mumm, doch einmal Netanjahu oder die israelische Besatzungspolitik kabarettistisch aufs Korn zu nehmen, geschweige denn zu kritisieren, um nicht als „Antisemit“ seine Karriere zu beenden. Daher ziehen es die meisten Künstler vor, sich mit "Ziegenficker-Satirikern" und Israel-Freunden zu solidarisieren. Besonders einfallsreich war diese rassistische Entgleisung ja nicht, denn vor Böhmermann hatte der niederländische Filmemacher und Islam-Hasser Theo van Gogh schon die in den Niederlanden lebenden Marokkaner regelmäßig als "Ziegenficker" tituliert.

Während im "Jüdischen Staat" jüdisch-israelische Künstler als Maulwürfe und Landesverräter bezeichnet werden und auch Morddrohungen erhalten, weil sie sich gegen die Besatzungspolitik wehren und sich für eine Aussöhnung einsetzen, befassen sich gewisse deutsche Satiriker lieber mit Geschmacklosigkeiten. (9) Die künstlerische Freiheit ist im "Jüdischen Staat" schon lange in Gefahr! (10) Warum regt man sich hier darüber auf, dass sich die Türkei in künstlerische Belange einmischt, während dies von jüdischen Organisationen, Politikern und Funktionären gang und gäbe ist, und kritiklos hingenommen wird? Ist nicht beides gleich kritisch zu beurteilen?

Heulen mit den Mächtigen

Außer dem Nobelpreisträger Günter Grass hat in Deutschland kein anderer Schriftsteller vor der israelischen Kriegspolitik gewarnt. Wo sind all die deutschen Intellektuellen und Künstler, wenn es um die Völker- und Menschenrechtsverbrechen des "Jüdischen Besatzer-Regime" geht? Israelische Friedensaktivisten und Künstler, die sich gegen das Regime stellen, fühlen sich gerade durch ihre deutschen Kollegen allein gelassen, das ist die traurige Wahrheit! Deutsche Künstler und Intellektuelle heulen lieber mit den Mächtigen, aus falsch verstandener übersteigerter Juden- und Israel-Liebe. Das ist gerade in Deutschland ein nicht wieder gut zu machender Fehler, sich erneut mit den Tätern zu solidarisieren. Denn vergessen wir nicht, der Holocaust heiligt nicht alle Mittel der jüdischen Besatzer, die vom Opfer zum Täter wurden!

Der "Jüdische Staat" ist solange kein zivilisierter, demokratischer Staat, solange eine jüdische Bevölkerung über eine illegal besetzte palästinensische Bevölkerung undemokratisch und willkürlich regiert. Die Existenz des palästinensischen Volkes wird geleugnet, und der Mythos eines nicht vorhandenen jüdischen Volkes aufrechterhalten, also der Überhöhung einer Religion, des Judentums, alles um die palästinensische Identität zu zerstören. Daran arbeitet das zionistische Regime bis zum Endziel der Judaisierung Palästinas! Aber diese Verbrechen interessieren deutsche Künstler und Intellektuelle nicht, es ist eine Schande und ein deutsches Trauerspiel! Von Humanität und Solidarität keine Spur wenn es um Palästina geht! Schließlich hört bei Israel der Spaß auf!


Fussnoten:

(1) http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-04/fluechtlinge-angela-merkel-tuerkei-besuch-reaktionen-kritik
(2) http://www.mintpressnews.com/the-worlds-largest-detention-center-is-for-black-jews-seeking-asylum-in-israel/210331/
(3) http://forward.com/news/israel/339087/photo-essay-at-israeli-detention-center-african-refugees-hold-a-seder/
(4) https://desertpeace.wordpress.com/2016/04/24/inisrael-where-murderers-go-free-for-the-festival-of-freedom/
(5) https://desertpeace.wordpress.com/2016/04/19/israel-needs-a-good-cleansing/
(6) http://www.aljazeera.com/news/2016/04/rise-palestinian-children-held-israel-alarming-160424081159486.html
(7) http://www.welt.de/politik/deutschland/article154665347/Die-Abschaffung-der-Majestaetbeleidigung-ist-bereits-auf-dem-Weg.html
(8) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22402
(9) http://www.deutschlandradiokultur.de/attacken-der-extremen-rechten-in-israel-daemonisierung-von.2177.de.html?dram:article_id=351898
(10) http://www.deutschlandradiokultur.de/neues-kulturgesetz-in-israel-kuenstlerische-freiheit-in.979.de.html?dram:article_id=351248


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzen der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Top-Foto:
Evelyn Hecht-Galinski (sicht-vom-hochblauen.de)


Online-Flyer Nr. 559  vom 27.04.2016

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