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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Globales
Auf den Pfaden von Heinrich Heine
Unter den Linden
Von Uri Avnery

EIN BERÜHMTER Vers der deutschen Dichtung lautet: „Und grüß mich nicht unter den Linden“. Der jüdisch-deutsche Dichter Heinrich Heine bittet seine Geliebte, ihn nicht in der Öffentlichkeit zu „blamieren“, indem sie ihn auf der Flaniermeile Berlins grüßt. Israel nimmt die Stellung dieser verleugneten Geliebten ein. Arabische Länder haben eine Affäre mit Israel, aber sie wollen nicht mit ihm in der Öffentlichkeit gesehen werden. Das wäre zu blamabel. Das wichtigste Land in dieser Hinsicht ist Saudi-Arabien. Schon seit einiger Zeit ist das Öl-Königreich ein heimlicher Verbündeter Israels und umgekehrt. In der Politik übertrumpfen nationale Interessen oft ideologische Differenzen. In diesem Fall ist es so. Das Gebiet, das die Leute im Westen "Middle East", bzw. „Naher Osten“ nennen, ist jetzt in zwei Lager gespalten: Das eine wird von Saudi-Arabien und das andere vom Iran angeführt.


Mahnwache am Checkpoint Kalandia (Foto: arbeiterfotografie.com)

Der nördliche Bogen besteht aus dem schiitischen Iran, dem heutigen Irak mit seiner schiitischen Mehrheit, dem größten Teil des Syrischen Territoriums, der von der alawitischen Gemeinschaft (die den Schiiten nahe steht) beherrscht wird, und der schiitischen Hisbollah im Libanon. Der südliche Block wird vom sunnitischen Saudi-Arabien angeführt. Er besteht aus dem sunnitischen Ägypten und den sunnitischen Golf-Fürstentümern. Auf dunkle Weise sind sie mit dem sunnitischen Islamischen Kalifat, auch Daesh oder ISIS genannt, das sich zwischen Syrien und dem Irak eingenistet hat, verbunden. Außer Ägypten, das arm wie eine Moscheen-Maus ist, sind sie alle durch ihr Öl stinkreich. Der nördliche Bogen wird von Russland unterstützt, das eben jetzt der Assad-Familie in Syrien starken militärischen Auftrieb gegeben hat. Der südliche Block wurde bis vor Kurzem von den USA und ihren Alliierten unterstützt.

Freundschaft der USA mit dem Iran zulasten Saudi-Arabien?

DAS IST ein Bild, so ordentlich, wie es sein sollte. Die Menschen in aller Welt mögen keine komplizierten Situationen, schon gar nicht, wenn sie die Unterscheidung von Freund und Feind erschweren. Zum Beispiel die Türkei. Die Türkei ist ein sunnitisches Land. Früher war sie einmal säkular, aber jetzt wird sie von einer religiösen Partei regiert. Darum ist es ganz logisch, dass sie stillschweigend Daesh unterstützt. Die Türkei kämpft auch gegen die syrischen Kurden. Diese kämpfen gegen Daesh und sind mit der kurdischen Minderheit in der Türkei verbündet, die von der türkischen Regierung als tödliche Bedrohung betrachtet wird. (Die Kurden sind ein eigenständiges Volk, sie sind weder arabisch noch türkisch und sind zwischen Irak, Iran, der Türkei und Syrien aufgeteilt und im Allgemeinen nicht in der Lage, sich zusammenzuschließen. Die meisten von ihnen sind Sunniten.)

Die USA kämpfen gegen Assads Syrien, das von Russland unterstützt wird. Aber die USA kämpfen auch gegen Daesh, das wiederum gegen Assads Syrien kämpft. Die syrischen Kurden kämpfen gegen Daesh, aber auch gegen Assads Streitmächte. Die libanesische Hisbollah unterstützt Syrien stark, das traditionellerweise ein Feind des Libanon ist, und hält Assad am Leben, während sie Seite an Seite mit den USA, einem Todfeind der Hisbollah, gegen Daesh kämpft. Der Iran unterstützt Assad und kämpft Seite an Seite mit den USA, der Hisbollah und den syrischen Kurden gegen Daesh.

Können Sie das auseinanderklamüsern? Nein? Dann stehen Sie damit nicht allein da! Vor Kurzem haben die USA ihre Ausrichtung geändert. Bis dahin war das Bild deutlich. Die USA brauchten das saudische Öl zu einem so niedrigen Preis, wie der König es nur liefern konnte. Außerdem hassen sie den Iran, seit die schiitischen Islamisten den iranischen Schah der Schahs, einen amerikanischen Handlanger, hinausgeworfen haben. Die Islamisten nahmen die amerikanischen Diplomaten in Teheran gefangen und hielten sie als Geiseln fest. Um sie freizubekommen, versahen die USA die iranische Armee über Israel mit Waffen (der damit zusammenhängende Skandal wurde Irangate genannt). Iran führte mit dem Irak Krieg, das unter der sunnitischen Diktatur Saddam Husseins stand. Die Amerikaner unterstützten Saddam gegen den Iran, aber später marschierten sie in den Irak ein, henkten Saddam und übergaben den Irak ihrem Todfeind, dem Iran.

Jetzt haben es sich die USA anders überlegt (wenn man bei all dem Durcheinander von „überlegen“ sprechen kann). Ihre traditionelle Allianz mit Saudi-Arabien gegen den Iran erscheint ihnen nicht mehr so attraktiv. Die Abhängigkeit der USA vom arabischen Öl ist nicht mehr so stark, wie sie einmal war. Plötzlich erscheint ihnen die saudische religiöse Tyrannei nicht mehr viel attraktiver als die iranische religiöse Demokratie und deren lockender Markt. Schließlich stehen den 20 Millionen einheimischen Saudis 80 Millionen Iraner gegenüber. Jetzt haben wir also eine Vereinbarung zwischen den USA und dem Iran. Die Sanktionen des Westens gegen den Iran werden aufgehoben. Es sieht wie der Anfang einer schönen Freundschaft aus, und diese bedroht die Scharen von saudischen Prinzen: Sie kochen vor Wut und zittern vor Angst.

Israel trägt zum Durcheinander bei

WO STEHT Israel in all diesem Durcheinander? Nun, es trägt seinen Teil zu diesem Durcheinander bei. Als der Staat Israel mitten im Krieg gegen die Araber errichtet wurde, befürwortete die Regierung etwas, das sie „Allianz der Minderheiten“ nannte. Damit war eine Zusammenarbeit mit allen peripheren Faktoren in der Region gemeint: den Maroniten im Libanon (die Schiiten wurden verachtet und ignoriert), den Alawiten in Syrien, den Kurden im Irak, den Kopten in Ägypten, den Regierenden im Iran, in Äthiopien, im Südsudan, im Tschad und so weiter.

Tatsächlich gab es ein paar lockere Verbindungen mit den Maroniten. Der Iran des Schahs wurde ein enger, halb heimlicher Verbündeter. Israel war dem Schah beim Aufbau seiner Geheimpolizei behilflich und der Schah gestattete israelischen Offizieren, sein Staatsgebiet zu durchqueren, als sie sich den kurdischen Rebellen im Nordirak anschließen und sie schulen wollten, bis der Schah leider einen Handel mit Saddam Hussein abschloss. Der Schah wurde auch zum Partner bei der Pipeline, die das persische Öl von Eilat nach Aschkelon befördert, sodass es nicht durch den Suez-Kanal kommen muss. (Ich habe einmal einen Tag beim Bau dieser Pipeline zugebracht, die immer noch ein gemeinsames israelisch-iranisches Unternehmen ist, das einer endlosen Schlichtung unterliegt.)

Jetzt ist die Situation eine ganz andere. Die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten (über die Nachfolge des Propheten Muhammad), die viele Generationen lang ruhte, ist nun wieder in den Vordergrund getreten und dient natürlich sehr banalen weltlichen Interessen. Den Saudis ist ihre Konkurrenz mit dem Iran um die Vorherrschaft in der muslimischen Welt sehr viel wichtiger als der alte Kampf gegen Israel. Tatsächlich veröffentlichten die Saudis vor Jahren einen Friedensplan, der den Plänen ähnelt, die die israelischen Friedenskräfte (darunter auch ich) vorlegten. Er wurde von der Arabischen Liga angenommen, aber von Scharons Regierung zurückgewiesen und anschließend von den folgenden israelischen Regierungen völlig ignoriert.

Benjamin Netanjahus Ratgeber brüsten sich damit, dass die geopolitische Situation Israels niemals besser als jetzt gewesen sei. Die Araber haben mit ihren eigenen Streitigkeiten zu tun. Viele arabische Länder möchten ihre geheimen Verbindungen zu Israel stärken. Die Verbindungen mit Ägypten sind nicht einmal geheim. Der ägyptische Militärdiktator arbeitete beim Strangulieren des Gazastreifens mit seinen fast zwei Millionen palästinensischen Bewohnern offen mit Israel zusammen. Der Gazastreifen wird von der Hamas regiert, von der die ägyptische Regierung behauptet, sie stehe mit ihrem Feind Daesh in Verbindung.

Das größte muslimische Land der Welt, Indonesien, ist dicht davor, in aller Offenheit Beziehungen zu uns aufzunehmen. Israels politische und wirtschaftliche Verbindungen mit Indien, China und Russland sind gut und nehmen zu. Das kleine Israel wird als militärischer Riese, als technologische Macht, und als stabile Demokratie (wenigstens für seine jüdischen Bürger) betrachtet. Feinde wie die BDS-Bewegung sind bloße Irritationen. Was stimmt also nicht?

Israel immer weiter von irgendeiner Friedensvereinbarung entfernt

AN DIESER Stelle wenden wir uns wieder den Linden zu. Keiner unserer heimlichen arabischen Freunde möchte, dass wir ihn in der Öffentlichkeit grüßen. Ägypten, mit dem wir einen offiziellen Friedensvertrag haben, heißt israelische Touristen nicht mehr willkommen. Man rät ihnen, nicht mehr dorthin zu fahren. Saudi-Arabien und seine Verbündeten möchten keine offenen und formellen Beziehungen zu Israel. Im Gegenteil: Sie sprechen weiterhin über Israel wie zur schlimmsten Zeit der arabischen Ablehnung.

Sie zitieren denselben Grund: die Unterdrückung des palästinensischen Volkes. Sie alle sagen dasselbe: Offizielle Beziehungen zu Israel kann es erst nach der Beendigung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern geben. Die Massen der arabischen Völker überall sind emotional viel zu tief in die Notlage der Palästinenser verstrickt, um offizielle Verbindungen zwischen ihren Regierenden und Israel zu tolerieren.

Diese Regierenden stellen alle dieselben Bedingungen, die Jasser Arafat vorgebracht hat und die im saudischen Friedensplan genannt werden: ein freier palästinensischer Staat Seite an Seite mit Israel, miteinander vereinbarte Grenzen, die sich auf die Linien im Juni 1967 gründen, dazu ein geringer Gebiets-Austausch und eine „vereinbarte“ Rückkehr von Flüchtlingen (mit Israel „vereinbart“, das heißt, höchstens eine symbolische Rückkehr einer sehr begrenzten Anzahl von Flüchtlingen).

Israelische Regierungen haben nie auf diesen Plan reagiert. Heute ist die Regierung Benjamin Netanjahus weiter von der Annahme dieser Bedingungen für Frieden entfernt denn je. Fast täglich erlässt unsere Regierung Gesetze und vergrößert die Siedlungen. Sie ergreift Maßnahmen und gibt Erklärungen ab, die Israel immer weiter von irgendeiner Friedensvereinbarung wegführen, die arabische Länder akzeptieren könnten.

Kein arabischer Staat möchte von Israel unter den Linden gegrüßt werden

KÜNFTIGE GENERATIONEN werden diese Situation mit Erstaunen betrachten. Seit der Gründung der zionistischen Bewegung und ganz gewiss seit der Schaffung des Staates Israel träumen die Israelis davon, den Widerstand der Araber zu überwinden und die arabische Welt dazu zu bringen, den „jüdischen und demokratischen“ Staat Israel als legitimes Mitglied in der Region zu akzeptieren.

Jetzt bietet sich die Gelegenheit dazu. Es ist möglich. Israel wird von den Arabern an ihren Tisch eingeladen. Aber Israel lässt diese Gelegenheit unbeachtet. Nicht weil Israel blind wäre, sondern weil ihm die besetzten palästinensischen Gebiete und eine weitere Zunahme der Siedlungen wichtiger sind als der historische Akt eines Friedensschlusses. Darum möchte niemand in der arabischen Welt, dass wir ihn unter den Linden grüßen.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 556  vom 06.04.2016

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