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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Pflicht zum Widerspruch!
Von Evelyn Hecht-Galinski

Erschreckend, wie ungehemmt die Hasbara Propaganda in den deutschen Medien ihren Platz findet. Diese Lügen in Zeiten der Angst vor Terror sollen ablenken von Besatzung und Vertreibung, von Hetze gegen den Islam unter dem Deckmäntelchen des angeblichen Kampfes gegen den "militanten Islam". Unglaublich wie der Ministerpräsident des "Jüdischen Staates" Netanjahu es immer wieder schafft, seine unwahren Thesen so gut unwidersprochen an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Ob er wohl selbst daran glaubt, was er so an "Lügen in Zeiten des Besatzungsterrors" von sich gibt? Die Krönung ist nun allerdings sein Interview in der Springernden Welt vom 2. April 2016. Wäre es einen Tag früher erschienen, hätte man es für einen dummen Aprilscherz halten können – denn die Fragen des Interviewers Gil Yaron klingen so offensichtlich „bestellt“ und kaschieren nicht im mindesten die versuchte Beeinflussung der Leserschaft. Es lohnt sich daher, auf diese Propaganda etwas näher einzugehen. (1)


"Die Mauer muss weg!" – Bethlehem, 2005 (Foto: arbeiterfotografie.com)

Netanjahu ist doch tatsächlich der Meinung, ohne den "Jüdischen Staat" würde sich der IS noch viel weiter ausdehnen. Natürlich will Netanjahu Jordanien und Ägypten im gemeinsamen Kampf gegen IS unterstützen, allerdings nur mit dem "Jüdischen Staat" als wichtigsten Part dieses Trios. Ein wahres Trio Infernal!

Netanjahu, und das ist das Schlimmste an diesem Interview und der Politik des "Jüdischen Staates", stellt sich dar als Garant gegen ein Zusammenbrechen des Nahen Ostens, der ohne Israel nicht stabil bliebe, und warnt vor den Konsequenzen eines  Kollapses, der ganz Europa spüren würde. So also Netanjahus einfache Logik: indem sich der "Jüdische Staat" selbst verteidigt, schützt er zugleich Europa und uns vor den Flüchtlingen, die sonst aus diesen Ländern wegen des IS zu uns strömen würden.

Palästinenser totgeschwiegen

Die möglichen Millionen von Palästinensern, die wegen ihrer unerträglichen Lebensbedingungen unter israelischer Besatzung und der jüdischen Vertreibung ebenfalls nach Europa flüchten könnten, werden totgeschwiegen!

Auch die ewige Hetze gegen Iran, die Hisbollah und Hamas, kann man schon nicht mehr hören und für voll nehmen. Dagegen kein Wort über die saudischen Freunde, die Milliarden in Staaten von Syrien bis Libanon pumpen, um ihre anti-schiitische Front zu stärken, und ihren Steinzeit-Islam zu verbreiten. All dies kommt dem "Jüdischen Staat" zu passe.

Aber ist es nicht vielmehr so, dass das Netanjahu Regime einzig und allein in die Richtung zielt: ewige Besatzung, den Golan eingeschlossen, deshalb die Doppelstrategie Kampf gegen die Assad-Regierung, gegen die Hisbollah als deren Unterstützer und die Aufrechterhaltung eines ständigen Bedrohungsszenarios gegen den Iran. Liegt also Netanjahus Interesse nicht vor allen Dingen daran, immer neue Feinde aufzubauen, um sich ungestört als Lichtgestalt des von dunklen Mächten umgebenen kleinen, so friedfertigen "Jüdischen Staates" zu präsentieren.

Auch das „Welt“liche Schmierentheater, das Netanjahu mit dem Erlebnis seines Vaters, ein erbitterter Hardcore-Zionist, mit dem Israel-Verklärer und gefährlichen Medienpropagandisten Axel Springer abzieht, zeigt nur einmal mehr, wie schrecklich verlogen Zionisten und christliche Zionisten sind. Da möchte man beide, Netanjahu und Gil Yaron, an die illegale Apartheid-Mauer, die tief durch geraubtes palästinensisches Land führt und Palästina trennt, zerren und fordern: „Kommt endlich den internationalen Verpflichtungen nach! Die Mauer muss weg!“ (2)

Ja, die Berliner Mauer war eine Trennlinie von Freiheit und Unfreiheit, das weiß ich als Berlinerin nur zu gut. Hatte ich doch das Glück auf der "richtigen" Berliner Seite leben zu können.

Die Welt erobern?

Netanjahu beklagt sich über den UN-Menschenrechtsrat, der angeblich die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ an den Pranger stellt und findet offene Ohren bei der "Springernden Welt". Deren Wahrheiten und die der jüdischen Besatzer gleichen sich in ihrer gefährlichen Propaganda. Netanjahu schämt sich nicht, das Thema Menschenrechte sofort in Richtung des militanten Islamismus zu lenken, der angeblich die Welt erobern und "sein" Land zerstören will.

"Sein" Land allerdings wird allein durch die jüdische Besatzung zerstört, dieser fatale "judaistische" Alleinanspruch auf ganz Palästina, einhergehend mit der Vertreibung des palästinensischen Volkes aus seiner Heimat und die fortschreitende Siedlungspolitik.

Aber laut Netanjahu ist das natürlich nicht der Kern des Problems, es sei die grundsätzlich fehlende Bereitschaft der Palästinenser, einen "Jüdischen Staat" anzuerkennen! Nur, in welchen Grenzen? Sollten die Palästinenser dieses (unverschämte!) Verlangen nicht akzeptieren, solange haben sie auch nichts zu erwarten, so einfach ist das in der Netanjahu Logik. Hoppla, Herr Ministerpräsident, einen "Jüdischen Staat" ohne Grenzen, damit dieser grenzenlos zionistisch siedeln und expandieren kann? Israel ist ein international anerkannter Staat, allerdings nur in den Grenzen von 1967, aber davon wollen die zionistischen Expandeure natürlich nichts hören, geht so doch ihre ganze Taktik verloren!

Haben die Palästinenser, die PLO insgesamt, inklusive der Hamas, Israel nicht längst anerkannt? Was soll also die neue unannehmbare Forderung als "Jüdischer Staat" anerkannt zu werden? Da fragt man sich natürlich grundsätzlich, warum würde Palästinenserpräsident Abbas sofort wieder einsteigen in sogenannte Friedensverhandlungen, die schon seit vielen Jahrzehnten nichts brachten und niemals etwas bringen werden. Denn ich kann es immer wieder nur wiederholen "Israel will alles nur keinen Frieden". (3)

Zwei Partner die sich im finanziell abgesicherten Status Quo eingerichtet haben. So wird es auch weder eine Einstaat-, noch eine Zweistaatenlösung geben, weil diese überhaupt nicht angestrebt wird, sondern die Judaisierung ganz Palästinas, welches das Endziel des Netanjahu-Regimes ist. (4)

Insel des Friedens, des Fortschrittes und der Demokratie?

Schwülstig sieht sich Netanjahu als eine Insel des Friedens, des Fortschrittes und der Demokratie, in einem Meer der totalitären Regime gegen einen radikalen Islam.

Tatsächlich hat sich der "Jüdische Staat" ein Besatzer-Refugium geschaffen, in einer jüdischen Seligkeit, die allerdings nur jüdische Unterstützer selig macht. Palästinenser, Kritiker, auch jüdische, ausgeschlossen. Der Fortschritt betrifft nur jüdische Viertel und Technologien wie Rüstungsgüter und die Demokratie ist eine Ethnokratie nur für "gute" Juden!

Folgen wir Netanjahus gefährlicher Theorie, dass nur diese "einzige Kraft" dem radikalen Islam die Stirn bieten kann, so sollte man sich allerdings die Frage stellen, wodurch der "radikale" Islam entstanden ist. War nicht einer der Hauptgründe, also die Wurzel allen Übels, die Gründung des "Jüdischen Staates" auf Kosten der vertriebenen Palästinenser?

Lassen sich diese international geächteten Völker und Menschenrechtsverbrechen durch durchsichtige Ablenkungsmanöver verdrängen? Mitnichten, denn diese bis heute relevanten Zustände der durch die Nakba vertriebenen palästinensischen Flüchtlinge in den Lagern im Ausland lassen sich nicht verdrängen.
 
So ist es natürlich auch ein böser Witz, wenn sich Netanjahu damit brüstet, dass Vertreter der deutschen Regierung kamen, um vom jüdischen Besatzer-Regime durch Erfahrungen großer Einwanderungsströme zu lernen.

Was sind denn das für Einwanderer, Juden, die "heim ins Reich" geholt wurden, einem Reich, das sich als jüdisches Besatzer-Regime bis heute weigert, mit den rechtmäßigen Ureinwohnern, den Palästinensern, gerecht zu teilen. Im Gegenteil, ihnen ihr legales Rückkehrrecht verweigert und mit Duldung der internationalen Werteheuchler. In der Tat, im Umgang mit (nicht jüdischen!) Flüchtlingen und Asylbewerbern kennen sich die "jüdischen Ethiker" aus, wie man sie schnell los wird, einsperrt, Asylanträge nicht anerkennt, oder freiwillig oder unfreiwillig abschiebt.

Wenn also Netanjahu von Sprachenschulen, Integration und Vermittlung gesellschaftlicher Werte spricht, dann kennen wir diese "Werte" nur zur Genüge, die Vermittlung der zionistischen Hasbara Propaganda, die den jüdischen Alleinanspruch auf Palästina zementiert. Wo es eben dank geschaffener Tatsachen, durch die Vorarbeit der ethnischen Säuberung Palästinas gar keinen Staat mehr neben dem Jüdischen für die Palästinenser geben kann. So wurden viele der jüdischen Einwanderer in den "Arbeitsmarkt" der illegalen jüdischen Siedlungen gebracht und über illegale jüdische Siedlungen im ganzen Land verteilt.

Merkel Machiavelli

Vom "Jüdischen Staat" lernen heißt, das Judentum, die jüdische Bevölkerung über alles zu stellen. Ist das die Flüchtlingspolitik die sich die Merkel-Regierung als Vorbild nehmen will? Inzwischen zeigt sich allerdings immer mehr die Perversion der deutschen Flüchtlingspolitik, Merkel-Deutschland sind die Guten, während sich unsere Helfer die Hände schmutzig machen, um die unseren sauber zu halten. Das ist "Merkel Machiavelli " pur! (5)

Daher hält Netanjahu auch daran fest, dass es nach dem „exzellenten“ Treffen mit Merkel zu keinen "Missverständnissen" kam, da er an seinem Plan, der Farce eines entmilitarisierten Palästinenserstaats, festhält, und die „Welt“-Leserschaft ungebremst mit Propaganda abfüttert wie dem "tausendfachen" Hass, der in palästinensischen Schulen, Kindergärten und Moscheen ausgesprochen würde.

Ja, mit Hasspredigten und Gehirnwäsche kennt sich Netanjahu und sein Regime bestens aus, denn schließlich trifft all das auf die Erziehung der Kinder im „Jüdischen Staat“ zu. Die von klein auf lernen, dass es kein Palästina und keine Palästinenser gibt, sondern nur gefährliche Araber! (6)

Fazit

Solange die heuchlerische Wertegemeinschaft der USA, Europa und speziell Deutschland, eine Politik unterstützen, die es dem "Jüdischen Staat" ermöglicht, in seinem gefährlichen Expansionsstreben, und als eine auch für die Weltpolitik gefährliche Nuklearmacht weiter zu machen, solange wird es keinen Frieden in Palästina und im ganzen Nahen Osten geben. Trübe Aussichten in der Welt und für die Welt! So bleibt uns nur die Pflicht zum Widerspruch.


Fussnoten:
1 http://www.welt.de/politik/ausland/article153916068/Israel-ist-Europas-wichtigste-Verteidigungslinie.html
2 http://bds-kampagne.de/2004/07/09/gutachten-des-internationalen-gerichtshof-igh/
3 http://www.handelsblatt.com/politik/international/nahostkonflikt-abbas-will-wiederaufnahme-der-friedensgespraeche/13389032.html
4 https://de.qantara.de/inhalt/interview-mit-dem-israelischen-historiker-ilan-pappe-weder-ein-noch-zwei-staaten-loesung
5 http://www.zeit.de/2016/15/fluechtlingspolitik-deutschland-angela-merkel-europa-humanitaet
6 https://theuglytruth.wordpress.com/2015/09/08/new-hasbara-booklet-for-kids-theres-no-such-thing-as-palestine/


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzen der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Top-Foto:
Evelyn Hecht-Galinski (sicht-vom-hochblauen.de)


Online-Flyer Nr. 556  vom 06.04.2016

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