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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Globales
Über den Unterschied zwischen Mussolini und Trump
Was ist nur mit den Juden geschehen?
Von Uri Avnery

PLÖTZLICH erinnere ich mich, wo ich das schon einmal gesehen habe. Genau dieselbe Art Gesicht. Dasselbe nach vorn geschobene Kinn, um damit den Eindruck von Stärke und Entschlossenheit zu erwecken. Dieselbe Art zu sprechen: Ein Satz und dann eine Pause, in der der Redner darauf wartet, dass der Mob Beifall spendet. Dieselbe Kombination von Ungeheuer und Clown. Ja. Unverkennbar. Ich habe es in meiner frühen Kindheit gesehen. In der Wochenschau. Benito Mussolini. Rom. Piazza Venezia. Der Duce auf einem Balkon. Der riesige Mob unten auf der piazza. Im Freudentaumel. Applaudierend. Schreien, bis sie heiser waren. Eine Massenorgie der Torheit. In dieser Woche habe ich es wieder gesehen und gehört. Dieses Mal im Fernsehen.

Mussolini sprach italienisch, Trump amerikanisches Englisch

NATÜRLICH gab es Unterschiede. Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump sprach in Washington DC, dem Nachfolger des alten Rom in der Moderne. Der Duce war kahl und deshalb trug er immer einen speziell für ihn entworfenen fantastischen Hut. Trump trug sein Markenzeichen, sein oranges, sorgfältig von ihm selbst (so sein Butler) arrangiertes Haar. Mussolini sprach italienisch, eine der schönsten Sprachen der Welt, selbst wenn sie aus dem Mund eines Diktators kam. Trump sprach amerikanisches Englisch, eine Sprache, die nicht einmal ihre glühendsten Bewunderer melodiös nennen würden.

Der größte Unterschied lag jedoch in der Art des Publikums. Der Duce sprach zum römischen Mob, der ein später Nachfolger der altrömischen plebs war, die, nicht weit vom Balkon des Duce entfernt, in der Arena nach Blut geschrien hatte. Trump sprach – es ist kaum zu glauben! – zu einer Versammlung meist älterer, wohlhabender und gebildeter Juden. Juden, um Himmels willen! Menschen, die insgeheim glauben, dass sie die intelligentesten Menschen auf der Erde sind! Juden im Freudentaumel, die nach jedem Satz wie besessen schrien, klatschten und auf und ab sprangen. 

Als der Holocaust in vollem Gange war, schwiegen die amerikanischen Juden

WAS IST nur mit diesen Juden geschehen? Es ist eine traurige Geschichte. Als während des Zweiten Weltkrieges der Holocaust in vollem Gange war, schwiegen die amerikanischen Juden. Sie nutzten ihre schon damals beträchtliche politische Macht nicht dazu, den Präsidenten dazu zu bringen, etwas zu tun, das die europäischen Juden wirklich hätte retten können. Sie waren verängstigt. Sie fürchteten, der Kriegstreiberei bezichtigt zu werden. Mein Bruder, der Soldat in der britischen Armee war, brachte mir einmal ein Nazi-Flugblatt mit, das die deutsche Luftwaffe über den amerikanischen Linien in Italien abgeworfen hatte. Darauf war ein fetter, hässlicher Jude zu sehen, der ein blondes amerikanisches Mädchen umhalste. Darunter stand so etwas wie: „Während du hier dein Blut vergießt, verführt der reiche Jude in der Heimat deine Freundin!“

Die Juden fürchteten, etwas zu tun, das als eine Bestätigung der Nazi-Propaganda hätte gelten können: Dieser Krieg sei von Juden und ihrem Strohmann „Präsident Rosenfeld“ mit dem Ziel angezettelt worden, die arische Nation zu vernichten. Deshalb schwiegen sie. Diese Juden waren eine oder zwei Generationen zuvor nach Amerika gekommen. Die Opfer des Holocausts waren ihre nahen Verwandten. Das schlechte Gewissen wegen ihrer Untätigkeit während des Holocausts verfolgt  besonders die älteren unter ihnen bis auf den heutigen Tag. Ihre blinde Loyalität dem jüdischen Staat gegenüber ist eine Folge dieses schlechten Gewissens. Viele amerikanische Juden – besonders die älteren – fühlen sich Israel stärker zugehörig als den USA. Den britischen Spruch: My country, right or wrong (Recht oder Unrecht, ich stehe zu meinem Vaterland) wenden sie auf Israel an. Eben diese Menschen waren anlässlich von Trumps AIPAC-Massentreffen das Publikum.

AIPAC: Verkörperung jüdischer Macht

AIPAC IST die Verkörperung jüdischer Macht und jüdischer Komplexe. In gewisser Weise ist es eine späte Verwirklichung der berüchtigten Protokolle der Weisen von Zion, dieser russischen Fälschung, die davon handelt, dass die Juden die Welt regierten. Nach vielen Berichten ist AIPAC die zweitmächtigste Lobby in den USA (nach der Lobby der Waffennarren). Wie konnte eine noch vor etwa 60 Jahren kleine politische Organisation zu einer derartig schwindelnde Höhe aufsteigen? Die Juden sind weit davon entfernt, die zahlenmäßig stärkste ethnische Gemeinschaft in den USA darzustellen. Aber infolge der ihnen innewohnenden Angst vor Antisemitismus halten sie zusammen. Und, was wichtiger ist, sie spenden Geld. Viel viel Geld. In beiderlei Hinsicht übertreffen sie sehr viel größere Gemeinschaften, z.B. die arabische. Der amerikanische politische Prozess, der einmal Gegenstand des Neides aller Demokraten der Welt war, ist jetzt im Kern korrupt. Politische Werbung ist sowohl notwendig als auch teuer. Jeder, der für das Präsidentenamt kandidiert, braucht einen Haufen Geld. Sich nach Geld umsehen ist jetzt die Hauptaufgabe eines amerikanischen Politikers.

Im heutigen Amerika kann fast jeder Politiker gekauft werden. Buchstäblich. Auch ganze Partei-Organisationen. Die Summen sind nicht einmal besonders eindrucksvoll. AIPAC hat diese Korruption auf die Spitze getrieben. Um seine Macht zu zeigen, hat AIPAC einige eklatante Beispiele hervorgebracht: Es begnügt sich nicht damit, den Politikern, die Israel in irgendeiner Weise kritisiert habe, Geld zu verweigern. Es setzt auch der politischen Karriere von Kritikern aktiv ein Ende, indem es zu konkurrierenden Niemands greift, sie mit Geld ausstaffiert und damit bewirkt, dass sie anstelle der Israel-Kritiker gewählt werden. Wenn es so etwas wie einen politischen Terrorismus gäbe, würde AIPAC darin die erste Stelle einnehmen.

AIPAC: in Wahrheit eine antiisraelische Organisation

WOFÜR wird diese enorme Macht eingesetzt? Der israelische Journalist Gideon Levy schrieb in dieser Woche einen Artikel, der viele schockiert hat. Darin behauptet er, dass AIPAC in Wahrheit eine antiisraelische Organisation sei. Wenn ich den Artikel geschrieben hätte, wäre ich sogar noch schärfer geworden. Wenn – was Gott verhüten möge – der Staat Israel die nächsten 100 Jahre nicht überlebt, werden die Historiker den amerikanischen Juden, die vom AIPAC gesteuert werden, einen großen Anteil an der Schuld daran zuschreiben. Seit 1967 steht Israel einer einfachen, aber schicksalhaften Entscheidung gegenüber: Die besetzten palästinensischen Gebiete aufgeben und mit Palästina und der gesamten arabischen und muslimischen Welt Frieden schließen oder an den Gebieten festhalten, dort Siedlungen errichten und einen endlosen Krieg führen. Dies ist keine politische Meinung. Es ist eine historische Tatsache.

Jeder wahre Freund Israels wird alles Erdenkliche tun, um Israel in die erste Richtung zu drängen. Jeder Dollar, jedes Gramm politischer Einfluss sollte dafür eingesetzt werden, dieses Ziel zu erreichen. Schließlich werden die beiden Staaten Israel und Palästina Seite an Seite miteinander leben, vielleicht in einer Art von Konföderation. Ein Antisemit stößt Israel in die andere Richtung: Innerhalb der nächsten 100 Jahre wird sich Israel in einen bigotten, nationalistischen, ja sogar faschistischen isolierten Apartheidsstaat mit zunehmender arabischer Mehrheit verwandeln und schließlich wird das ganze Land zu einem arabischen Staat mit einer schrumpfenden jüdischen Minderheit. Alles andere ist Fantasterei. 

Im Freudentaumel alles dem neuen amerikanischen Mussolini überlassen?

WAS ALSO tut AIPAC? In seinem Faust lässt Goethe Mephisto sagen, er gehöre zu „jener Kraft,/ Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ AIPAC ist das genaue Gegenteil. Es unterstützt die schlechtesten Elemente in Israel und drängt den „jüdischen Staat“ auf dem Weg in die nächste riesige Katastrophe der jüdischen Geschichte mit Macht vorwärts.

Natürlich hat AIPAC eine Ausrede: Die Israelis selbst hätten diesen Kurs gewählt. AIPAC unterstütze einfach jeden, den die Israelis in demokratischen Wahlen gewählt hätten. Israel sei die einzige Demokratie im Nahen Osten. Unsinn. AIPAC und seine Schwestergruppen sind fest in die Wahlen in Israel verwickelt. Sie unterstützen den extrem rechten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und das gesamte ultra-rechte Spektrum der israelischen Parteien. Vielleicht sollte ich der gesamten amerikanischen Judenschaft die Schuld geben. Es ist nicht nur AIPAC, sondern es sind auch Millionen andere Juden. Sie alle unterstützen Israel, wrong or worse, Unrecht oder Schlimmeres.

Aber das stimmt vielleicht nicht ganz. Man hat mir erzählt, dass eine neue Generation von Juden in Amerika Israel ganz und gar den Rücken kehrt und sogar die unterstützt, die Israel hassen. Das wäre schade. Sie könnten stattdessen eine Rolle dabei spielen, das Friedenslager in Israel wiederzuerwecken, sie könnten ihren Teil zu einem aufgeklärten Israel beitragen und dazu, dass die alten jüdischen Werte Frieden und Gerechtigkeit aufrechterhalten werden. Dafür kann ich keine Anzeichen erkennen. Was ich sehe, sind junge und progressive amerikanische Juden, die sang- und klanglos von der Bildfläche verschwinden und alles dem neuen amerikanischen Mussolini und seinen im Freudentaumel schreiend auf und ab springenden Juden überlassen.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 555  vom 30.03.2016

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