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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Globales
Gedanken zur Hisbollah
Mein Terrorist, dein Terrorist
Von Uri Avnery

IST die Hisbollah nun also eine terroristische Organisation? Natürlich nicht. Warum hat dann die Arabische Liga entschieden, sie sei eine? Weil die meisten Mitgliedsstaaten der Liga sunnitische Muslime sind, während die Hisbollah eine schiitische Organisation ist, die den schiitischen Iran und den alawitischen (quasi-schiitischen) Baschar al-Assad in Syrien unterstützt. Hatten die arabischen Parteien Israels also Recht, wenn sie die Resolution der Liga verurteilten? Sie hatten Recht, aber es war nicht klug.

Hisbollah: eine israelische Erfindung

WIR WOLLEN mit der Hisbollah anfangen. Erstaunlicherweise ist sie eine israelische Erfindung. Der Libanon ist ein künstlicher Staat. Seit Jahrhunderten wurde das Gebiet als Teil Syriens betrachtet. Weil es so gebirgig ist, war es ein idealer Rückzugsort für kleine verfolgte Sekten. Dort konnten sie sich ihrer Haut wehren. Zu ihnen gehört die christlich-maronitische Gemeinde. Sie nennen sich nach dem Mönch Maron. Als die siegreichen Großmächte nach dem Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich unter sich aufteilten, bestand Frankreich auf der Schaffung eines christlichen libanesischen Staates unter seiner Verwaltung. Ein derartiger Staat wäre sehr klein gewesen und hätte keinen größeren Hafen gehabt. Deshalb wurden – unklugerweise – die Gebiete verschiedener weiterer Sekten zusammengefügt, um einen größeren Staat zu schaffen, der dann aus einigen einander widerstreitender Gemeinschaften bestand.

Da gab es (a) die Maroniten in ihrer Bergbastion, (b) verschiedene weitere christliche Sekten, (c) die sunnitischen Muslime, die vom sunnitischen Osmanischen Reich in den größeren Hafenstädten angesiedelt worden waren, (d) die Drusen, die sich viele Jahrhunderte zuvor vom Islam abgespalten hatten, und (e) die schiitischen Muslime.

Die Schiiten wohnen im Süden. Sie waren die ärmste und schwächste Sekte und wurden von allen anderen verachtet und ausgebeutet. In diesem Zusammenschluss von Sekten, der den Libanon ausmacht, gewährte die Verfassung jeder der Sekten einen hohen Posten. Der Staatspräsident war immer ein Maronit, der Ministerpräsident ein Sunnit, der Armeechef ein Druse. Für die armen Schiiten blieb kein anderer Posten übrig als der des Parlamentspräsidenten, das war ein Ehrentitel ohne Machtbefugnis. Länger als eine Generation war die israelisch-libanesische Grenze, die praktisch die israelisch-schiitische Grenze war, Israels einzige friedliche Grenze. Bauern auf beiden Seiten arbeiteten in enger Nachbarschaft ohne Zäune und ohne Zwischenfälle. Man sagte, der Libanon werde der zweite arabische Staat sein, der mit Israel Frieden schließen werde, da er nicht wagen würde, der erste zu sein. Zu Beginn der 1940er Jahre überquerte ich einmal aus Versehen die Grenze. Ein freundlicher libanesischer Gendarm fing mich ab und zeigte mir den Weg zurück nach Hause.

Hisbollah: der gefährlichste Feind?

NACH DEM „Schwarzen September“ in Jordanien (1970), als König Hussein die palästinensischen Streitkräfte zerschlug, wurde der Südlibanon zur neuen Basis der Palästinenser. Die bis dahin ruhigste Grenze wurde ziemlich unruhig. Die Schiiten mochten die Palästinenser und die Schwierigkeiten, die sie verursachten, gar nicht. Als die israelische Armee 1984 mit dem unausgesprochenen Ziel, die Palästinenser zu vertreiben und eine Diktatur der Maroniten zu errichten, in den Libanon einmarschierte, waren die Schiiten glücklich. Die Bilder von schiitischen Dorfbewohnern, die die israelischen Soldaten mit Brot und Salz empfingen, waren nicht gestellt.

Am vierten Tag der Kämpfe überquerte ich die Grenze, um selbst zu sehen, was dort geschah. Ein jemenitischer Soldat, der sich dunkel erinnerte, mein Gesicht im Fernsehen gesehen zu haben, und der vermutete, ich sei ein hoher Regierungsbeamter, öffnete mir das Tor. Ich reiste mit zwei Kolleginnen in meinem Privatauto mit gelbem israelischem Nummernschild durch schiitische Dörfer und wir wurden überall mit großer Freude empfangen. Alle wollten, dass wir sie auf einen Kaffe in ihren Häusern besuchten.

Der Grund für diese spontanen Freundschaftsgesten war offensichtlich. Die Schiiten nahmen an, dass die Israelis sie von den arroganten Palästinensern befreien würden und dass sie sich dann verabschieden und wieder weggehen würden. Aber die Israelis verstehen sich nicht gut aufs Weggehen. Nach einigen Monaten wurde den Schiiten klar, dass sie nun anstelle einer palästinensischen Besatzung eine israelische Besatzung hatten. Deshalb fingen sie einen klassischen Guerillakrieg an. Die fügsamen, unterdrückten schiitischen Bauern verwandelten sich über Nacht in mutige Kämpfer. Die gemäßigte schiitische Partei, die die Schiiten so lange dargestellt hatten, wurde durch die sehr militante neue Hisbollah ersetzt: die Partei Gottes. Die israelischen Soldaten wurden von einem unsichtbaren Feind hinterrücks überfallen. Die Soldaten fuhren schließlich in Wagenkolonnen. Einmal fuhr ich in einer solchen Armeekolonne mit. Die Soldaten zitterten buchstäblich vor Angst.

Nach 18 Jahren verließen die israelischen Soldaten endgültig und fast panisch das Land. Sie ließen einen von der Hisbollah regierten Ministaat zurück. Sein Führer wurde von Israel ermordet und der weit fähigere Hassan Nasrallah übernahm seine Stellung. Heute sind die Schiiten die weit stärkste Gemeinschaft im Libanon. Sie sind ein wichtiger Teil des mächtigen „schiitischen Bogens“: Iran, Irak, Baschar al-Assads Syrien und Hisbollah. Benjamin Netanjahu glaubt, dass dieser Bogen für Israel eine tödliche Bedrohung darstelle. Er hat sich heimlich mit Saudi-Arabien verbündet, das gemeinsam mit Ägypten und den Golf-Monarchien eine sunnitische Gegenkraft bildet und lose mit dem islamischen „Kalifat“ Daesh verbunden ist.

Die Hisbollah wäre unser gefährlichster Feind? Ich bin anderer Ansicht. Ich glaube, dass unser gefährlichster Feind Daesh ist, und zwar nicht wegen seiner militärischen Fähigkeiten, sondern weil er eine mächtige Idee verkörpert und damit Hunderte Millionen Muslime in der ganzen Welt begeistert. Ideen können gefährlicher als Gewehre sein. Diese Tatsache ist dem israelischen Denken fremd. Die Hisbollah hat jetzt reguläre Truppen und kämpft in Syrien gegen Daesh und andere. Sei dem, wie ihm wolle, eines ist die Hisbollah jedenfalls nicht: Sie ist keine terroristische Organisation.

Hisbollah: terroristisch nennen?

WAS IST „Terrorismus“? Inzwischen ist es ein Schimpfwort ohne wirklichen Inhalt geworden. Ursprünglich bedeutete das Wort Terrorismus die Strategie, Furcht zu verbreiten, um politische Ziele zu erreichen. In diesem Sinn ist jeder Krieg Terrorismus. Genauer wird der Begriff jedoch auf Gewalthandlungen Einzelner angewandt, die das Ziel haben, Schrecken in den Herzen der feindlichen Einwohner zu verbreiten.

Inzwischen nennen alle Länder und alle Parteien ihre Feinde „Terroristen“. Es ist ein modisches Schimpfwort ohne wirkliche Bedeutung. Wenn überhaupt, dann ist jede Armee ein Werkzeug des Terrorismus. In Kriegszeiten versuchen Armeen immer, den Feind so sehr in Furcht zu versetzen, dass er ihre Forderungen erfüllt. Der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima war ebenso ein terroristischer Akt wie die Einäscherung Dresdens. In der Vergangenheit wurde der Ausdruck Terrorismus dafür benutzt, die Handlungen russischer Revolutionäre zu bezeichnen, die russische Minister (Lenin verurteilte diese Handlungen) oder den österreichischen Thronfolger töteten. (Diese Handlung löste den Ersten Weltkrieg aus. Dieser Krieg wurde nicht Terrorismus genannt, weil er Millionen und nicht nur einige tötete.)

Terroristen erreichen ihre Ziele nicht dank dem Ausmaß ihrer Taten, sondern durch deren psychologische Wirkung. Die Tötung von hundert Menschen ist am nächsten Tag vielleicht vergessen, während man sich an die Tötung eines einzigen vielleicht Jahrhunderte lang erinnert. Der Erz-Terrorist Samson wurde in der Bibel als großer Held Israels unsterblich gemacht. (Weil die psychologische Wirkung so wichtig ist, dienen die meisten Reaktionen auf terroristische Akte allein den Terroristen.) Moderne Terroristen – wirkliche Terroristen – legen Bomben in Märkten, erschießen wahllos Zivilpersonen, überfahren Menschen. Die Hisbollah tut nichts Derartiges. Man kann die Hisbollah hassen und Nasrallah verabscheuen. Aber sie „terroristisch“ nennen ist einfach dumm.

Hisbollah: zur terroristischen Organisation erklärt

ALLES DAS wurde durch eine Kette von Ereignissen, die vor kurzem Israel erschütterten, zum Thema. Die Arabische Liga, die von Saudi-Arabien dominiert wird, hat die Hisbollah zur „terroristischen“ Organisation erklärt. Das ist fast bedeutungslos, es ist nur eine kleine Geste im Kampf zwischen der saudischen Monarchie und dem Iran. Oder zwischen dem „schiitischen Bogen“ und dem „sunnitischen Block“. Zwei kleine arabische Parteien in Israel, die beide zu der aus vier arabischen Parteien „Vereinigten Liste“ gehören, haben die Erklärung der Liga verurteilt und Partei für die Hisbollah ergriffen. Es sind die arabische nationalistische Balad (Mutterland)-Partei und die kommunistische Partei (die auf Seiten Assads steht).

Die Knesset explodierte. Wie können sie es wagen?! Unsere Feinde verteidigen? Leugnen, dass diese Erz-Terroristen Erz-Terroristen sind? Die jüdischen Abgeordneten, so gut wie alle, die in der Knesset sitzen, fordern, dass die beiden Parteien verboten und ihre Abgeordneten aus der Knesset ausgeschlossen würden und was sonst noch alles. Da es in Israel keine legale Todesstrafe gibt, kann man sie leider nicht henken. Schade.

Hisbollah: ein Todfeind

HABEN DIESE arabischen Abgeordneten mit ihrer Äußerung Recht? Natürlich haben sie recht. War ihre Äußerung logisch? Tatsächlich war sie logisch. Aber Logik kann in der Politik Gift sein. Für einen gewöhnlichen jüdischen Israeli ist die Hisbollah ein Todfeind. Nasrallah mit seinem hämischen überheblichen Stil wird von allen verabscheut. Die arabischen Knesset-Abgeordneten provozierten und verärgerten die gesamte jüdische Öffentlichkeit mit ihrer Erklärung, die ja mit Israel überhaupt nichts zu tun hat. Natürlich gehören diese Araber zur arabischen Welt. Sie haben das Recht, ihre Meinung über alles, was in der arabischen Welt geschieht, zu äußern. Sie haben das Recht, nicht jedoch die Pflicht.

Die arabischen Abgeordneten in der Knesset Israels werden anscheinend von zwei einander entgegen gesetzten Aufgaben zerrissen: Sie müssen den Interessen ihrer Wähler dienen und sie müssen zu Themen Stellung nehmen, die ihre palästinensische Nation und die arabische Welt im Allgemeinen betreffen. Indem sie die Verurteilung der Hisbollah durch die Arabische Liga kritisieren, erfüllen sie ihre zweite Aufgabe. Aber indem sie den Abgrund zwischen den arabischen und jüdischen Bürgern Israels ohne zwingenden Grund vertiefen, verletzen sie ganz sicherlich die erste. Damit verletzen sie auch die Chancen für Frieden. Ich verstehe sie, aber ich denke, das, was sie getan haben, war nicht sehr klug.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 554  vom 23.03.2016

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