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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Globales
Wie Gewalt und Apartheid überwinden?
Die Dame mit dem Lächeln
Von Uri Avnery

ES IST nicht leicht, in Israel Araber zu sein. Es ist nicht leicht, in einer arabischen Gesellschaft eine Frau zu sein. Es ist nicht leicht, Araber in der israelischen Politik zu sein. Noch weniger leicht ist es, eine arabische Frau in der Knesset zu sein. Hanin Soabi ist alles das zugleich. Vielleicht hat sie deshalb ständig ein Lächeln auf den Lippen – das Lächeln eines Menschen, der schließlich doch siegreich war. Dieses Lächeln kann sehr ärgerlich sein. Ärgerlich und provozierend. Dieser Tage hat Soabi etwas geschafft, wovon keine Araberin in Israel jemals auch nur geträumt hat: Das ganze Land spricht von ihr. Nicht nur eine Stunde lang, nicht nur einen Tag lang, sondern in endlosen Wochen. Die große Mehrheit der jüdischen Israelis kann sie nicht ausstehen. Soabis Lächeln ist triumphierend.

HANIN GEHÖRT zu einer großen Hamula (Großfamilie), die einige Dörfer in der Nähe von Nazareth beherrscht. Zwei Soabis waren in den frühen Tagen der Knesset dort Abgeordnete. Einer war ein Vasall der damals regierenden zionistischen Arbeitspartei, der andere war Mitglied in der linken zionistischen Mapam-Partei. Er war es, der den denkwürdigen Satz geprägt hat: „Mein Land ist im Krieg mit meinem Volk!“

Hanin Soabi ist Mitglied der Balad-(Heimat)Partei. Die arabisch-nationalistische Partei wurde von dem israelisch-palästinensischen Intellektuellen Azmi Bischara gegründet. Bischara bewunderte Gamal Abd-al-Nasser und seine panarabische Vision. Als der Schin Bet ihn unter irgendeinem Vorwand verhaften wollte, versicherte er, dass Gefängnishaft für ihn wegen seiner schweren Leberkrankheit lebensbedrohlich wäre, und floh aus dem Land.

Er ließ eine Knesset-Fraktion mit drei Abgeordneten zurück, das war eine von drei arabischen Fraktionen ähnlicher Größe. Sie alle waren eine ständige Irritation ihrer jüdischen Kollegen, also erfanden diese ein Gegenmittel. Ein neues Gesetz wurde verabschiedet, das jeder Partei, die nicht genügend Wähler für eine Vier-Mitglieder-Fraktion zusammenbekam, den Zugang zur Knesset versperrte. (Eine höhere Prozenthürde hätte die Orthodoxe Jüdische Partei gefährdet.)

Die Logik war einfach: Die drei kleinen arabischen Fraktionen verabscheuten einander. Eine war kommunistisch (sie hatte ein einziges jüdisches Mitglied), eine war islamistisch und eine nationalistisch (Balad).

Aber siehe da, wenn sie mit Vernichtung bedroht werden, können sich sogar Araber einigen. Sie bildeten eine „gemeinsame Liste“ („gemeinsam“, nicht „vereinigt“) und gewannen im Ganzen 13 Sitze – drei mehr als sie vorher zusammen gehabt hatten. Sie sind jetzt die drittgrößte Fraktion in der Knesset, kommen damit gleich nach dem Likud und der Arbeitspartei, und sind vielen ihrer Kollegen ein Dorn im Auge. DAS IST der Hintergrund des neuesten Skandals.

Israel erlebt Mini-Intifada

Seit Monaten erlebt Israel eine Mini-Intifada. In den beiden vorangegangen Intifada gingen „Terroristen“ in von Organisationen befehligten Gruppen vor. Diese konnten leicht infiltriert werden. Dieses Mal handeln Einzelne allein oder gemeinsam mit vertrauenswürdigen Cousins, ohne dass es zuvor Anzeichen dafür geben würde. Die israelischen Kräfte (Armee, Polizei, Schin Bet) bekommen vor diesen Taten keinerlei Informationen im Voraus und können sie daher nicht verhindern.

Außerdem sind die heutigen „Terroristen“ Kinder – Jungen und Mädchen, die einfach spontan ein Messer aus der Küche ihrer Mutter nehmen, hinausrennen und den nächsten besten Israeli angreifen. Einige von ihnen sind 13, 14 Jahre alt. Einige der Mädchen nehmen eine Schere. Sie alle wissen, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach sofort von Soldaten oder bewaffneten Zivilisten erschossen werden. Ihre bevorzugten Opfer sind Soldaten und Siedler. Wenn keine da sind, greifen sie irgendeinen Israeli an, der ihnen in den Weg kommt, gleich ob Mann oder Frau.

Die mächtigen israelischen Sicherheitskräfte geben zu, dass sie dieser Art von „Infantifada“ (wie mein Freund Reuwen Wimmer es nennt) gegenüber hilflos sind. In ihrer Verzweiflung greifen die Sicherheitskräfte, wie sie es immer in solchen Situationen tun, auf Methoden zurück, die bereits schon oft versagt haben. Neben (gerechtfertigten oder nicht gerechtfertigten) Exekutionen an Ort und Stelle gehören zu diesen Methoden die Zerstörung des Hauses der Familie und auch die Verhaftung der Eltern und anderer Familienangehöriger, um andere abzuschrecken.

„Sippenhaft“: Das ist barbarisch!

Offen gesagt, verabscheue ich diese Maßnahmen. Sie erinnern mich an einen Ausdruck der Nazis, der mir aus meiner Kindheit im Gedächtnis ist: „Sippenhaft“. Das ist barbarisch. Es ist außerdem höchst unwirksam. Ein Junge, der beschlossen hat, sein Leben für sein Volk zu opfern, lässt sich durch dergleichen nicht abschrecken. Dafür gibt es keinen Gegenbeweis. Im Gegenteil: Es leuchtet ein, dass derartig barbarische Handlungsweisen den Hass vergrößern und zu weiteren Angriffen motivieren.

ABER DIE schrecklichste und dümmste Maßnahme ist die Vorenthaltung der Leichname. Fast schäme ich mich zu sehr, um das zur Sprache zu bringen. Nach fast jeder „terroristischen“ Tat nehmen die Sicherheitskräfte den Leichnam des Täters mit, ganz gleich, ob nun den eines Erwachsenen oder den eines Kindes. Nach muslimischem Gesetz und Brauch müssen Leichname noch am selben oder am nächsten Tag begraben werden. Vorenthaltung der Leichname ist eine besondere Grausamkeit. Unsere Sicherheitsdienste glauben, das diente der Prävention. Für Muslime ist es ein starkes Sakrileg.

Auch das gehört zum Hintergrund des neuesten Skandals: Die drei Balad-Mitglieder der arabischen Partei besuchten Familien von Tätern einer „terroristischen Gräueltat“, deren Leichname zurückgehalten wurden. Nach eigenen Angaben gingen sie dorthin, um darüber zu sprechen, wie die Familien die Leichname bekommen könnten. Die Sicherheitskräfte beharren darauf, dass auch sie ihr Beileid ausgedrückt und sogar eine Minute lang strammgestanden hätten. Die gesamte Knesset war aufgebracht. Wie können sie es wagen? Mörder loben? Mitgefühl mit ihren Familien zeigen?

Die Balad-Mitglieder der Vereinten Fraktion sind außer Soabi mit ihrem Lächeln Bassal Gatas und Jamal Zahalka. Gatas habe ich niemals persönlich gesehen. Er ist 60 Jahre alt, christlicher Araber, Doktor der Ingenieurwissenschaft und Geschäftsmann. Lange Zeit war er Mitglied der Kommunistischen Partei, bis er dort hinausgeworfen wurde, weil er auf seinem Recht bestand, die Sowjetunion zu kritisieren. Azmi Bischara ist sein Cousin. Im Fernsehen macht er den Eindruck eines sensiblen Menschen.

Gamal Zahalka betrachte ich als persönlichen Freund. Wir nahmen einmal gemeinsam an einer Tagung in Italien teil und unternahmen dort Ausflüge mit unseren Frauen. Ich mag ihn sehr.

Die drei Balad-Mitglieder wurden für einige Monate aus der Knesset ausgeschlossen. Sie dürfen nur an Knesset-Abstimmungen teilnehmen (ein Recht, das keinem Knesset-Abgeordneten vorenthalten werden darf). Jetzt wird ein neuer Gesetzentwurf vorgelegt, der besagt, dass die Knesset mit Dreiviertelmehrheit Abgeordnete ganz und gar aus der Knesset ausschließen kann.

Das bedeutet – es sei denn, der Oberste Gerichtshof erklärt diesen Gesetzentwurf für verfassungswidrig -, dass die Knesset bald „araberrein“ sein wird. Eine rein jüdische Knesset für einen rein jüdischen Staat. DAS WÄRE eine Katastrophe für Israel.

Jeder fünfte Israeli ist Araber. Die arabische Minderheit in Israel ist eine der größten nationalen Minderheiten pro Einwohner in der Welt. Wenn man eine solche Minderheit aus dem politischen Prozess ausstößt, schwächt das die Struktur des Staates.

Die Kluft ist breiter geworden


Als der Staat entstand, glaubten wir, dass sich nach ein oder zwei Generationen die Kluft zwischen den beiden Gemeinschaften ganz oder fast ganz schließen werde. Das Gegenteil ist eingetreten. In den frühen Jahren war die politische Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern im gemeinsamen Friedenslager stark und nahm sogar noch zu. Diese Zeit ist längst vorüber. Die Kluft ist breiter geworden.

Es gab – und gibt – auch einen entgegengesetzten Trend. Viele Araber sind in wichtigen, z. B. medizinischen, Berufen integriert. Als ich das letzte Mal im Krankenhaus war, konnte ich nicht erraten, ob der Chefarzt meiner Abteilung Jude oder Araber war. Ich musste meinen (arabischen) Krankenpfleger fragen, der mir bestätigte, dass der sehr freundliche Arzt Araber sei. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass arabische Ärzte und Pfleger im Allgemeinen freundlicher als jüdische sind.

In einigen Berufen sind Araber mehr oder weniger integriert. Aber der allgemeine Trend ist entgegengesetzt. Dort, wo es einmal herzliche Beziehungen zwischen Stadtvierteln oder zwischen politischen Organisationen gab, haben sich die Kontakte gelockert oder sind ganz und gar verschwunden. Es gab Zeiten, in denen meine Freunde und ich fast jede Woche arabische Städte und Dörfer besuchten. Jetzt nicht mehr.

Alles zusammengenommen, ist das ein einseitiger Prozess. Arabische Bürger, die seit so langer Zeit beleidigt und zurückgewiesen worden sind, haben die Lust auf Zusammenarbeit verloren. Einige von ihnen sind islamistischer geworden. Die Geschehnisse in den besetzten Gebieten treffen sie tief. Eine dritte und vierte Generation israelisch-arabischer Bürger wird stolzer und selbstständiger. Diese Menschen sind von den Versäumnissen der jüdischen Friedensbewegungen tief enttäuscht.

Die arabischen Abgeordneten aus der Knesset zu vertreiben, ist „schlimmer als ein Verbrechen – es ist dumm!“, wie es bekanntlich einmal ein französischer Politiker ausdrückte.

Das würde die Bindungen zwischen dem israelischen Staat und mehr als 20% seiner Bürger zerreißen. Einige Israelis träumen vielleicht davon, alle Araber gewaltsam aus dem Land zu vertreiben – alle sechs Millionen aus dem eigentlichen Israel, dem Westjordanland und dem Gazastreifen – aber das ist ein Hirngespinst. Die Welt, in der das einmal möglich gewesen wäre, gibt es nicht mehr.

Apartheid ist schon Realität

Möglich ist eine schleichende Apartheid – und es gibt schon Apartheid. Im Westjordanland und in Ostjerusalem ist sie schon Realität und, wie diese Episode zeigt: Sie wird auch im eigentlichen Israel zur Realität.

Die Hysterie, die das Land nach dem „Besuch der ‚Terroristen‘-Familien“ erfasste, hat auch die Arbeitspartei und sogar Meretz ergriffen. Ich setzte das Wort Terroristen in Anführungszeichen, weil die Betreffenden nur für Juden Terroristen sind. Für Araber sind sie Helden, Schahid, Muslime, die ihr Leben opfern, um die Größe Allahs zu „bezeugen“.

Natürlich ist die Frage: Worin besteht die Aufgabe arabischer Knesset-Abgeordneter? Sollen sie die Juden erschrecken? Oder sollen sie die Kluft schmaler machen und die Israelis überzeugen, dass der Frieden zwischen Israel und den Palästinensern sowohl möglich als auch die Mühe wert ist? Ich fürchte, Soabis Lächeln bringt uns dem zweiten Ziel nicht näher.

WENN DIESE Angelegenheit irgendetwas bewirkt hat, ist das, dass sie die Argumente für die „Zweistaatenlösung“ verstärkt. Beide Staaten hätten dann ein jeweils eigenes Parlament, in dem sie alle Dummheiten begehen könnten, die sie begehen möchten, und einen ernsthaften gemeinschaftlichen Koordinations-Rat, in dem ernsthafte Entscheidungen getroffen werden könnten.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 549  vom 17.02.2016

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