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Aktueller Online-Flyer vom 29. März 2017  

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Krieg und Frieden
Wenn ein Antikriegslied Millionen Menschen erreicht
NIE mehr Krieg! Was tun?
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Am 3. Dezember 2015, ca. drei Wochen nach der unaufgeklärten Terror-Operation von Paris und einen Tag vor der Bundestags-Abstimmung über die grundgesetzwidrige Beteiligung der Bundeswehr am Krieg in Syrien, hat Jürgen Todenhöfer ein Lied von Xavier Naidoo mit dem Titel "NIE mehr Krieg" veröffentlicht. Eine "marxistische" Zeitung kontert mit Formulierungen wie "Absondern von Schmierseife", "Antisemitismus als Pazifismus verkaufen" und "Arisierung". Doch der Reihe nach. Der Text des Liedes lautet:

NIE mehr Krieg
Ich hab gelernt, ich soll für meine Überzeugungen einstehen
und meinen Glauben nie leugnen.
Warum soll ich jetzt nach so langer Zeit davon Abstand nehmen, dazu bin ich nicht bereit.
Muslime tragen den neuen Judenstern. Alles Terroristen, wir haben sie nicht mehr gern.
Es ist einfach nur traurig. Die alten Probleme im dritten Jahrtausend nach Christus.
Und Frieden ist uns immer noch wichtig. Du willst in Frieden leben und hier ist es nur noch einen Hauch entfernt.
Wir haben alles über das Töten gelernt. Vom Frieden sind wir meilenweit weg. Das Schlachtfeld ist schon abgesteckt.
Doch wir sind auch nur einen Hauch weit weg vom Himmel, der ist um die Ecke.
Ich weiß, es ist schwer zu glauben, doch man will dir deinen Platz im Paradiese rauben. Man weiß erst, was man hatte, wenn es nicht mehr da ist.
Verhindere den Krieg, bevor er wirklich wahr ist.
Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg.
Wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief.
Wer vom Krieg profitiert, ist irritiert, wenn er seinen Propagandakrieg verliert.
Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg.
Wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief.
Wer vom Krieg profitiert, ist irritiert, wenn er seinen Propagandakrieg verliert.
Wir rüsten ab und nicht auf. Immer noch Schwerter zu Pflugscharen. Die Schwerter sind verkauft.
Okay, ich hab noch eins. Aber es kommt aus dem Mund, ansonsten hab ich keins.
Wir rüsten ab und nicht auf. Immer noch Schwerter zu Pflugscharen. Die Schwerter sind verkauft.
Okay, ich hab noch eins. Aber es kommt aus dem Mund und ansonsten hab ich keins.
Es kommt aus dem Mund, ansonsten hab ich keins.
Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg.
Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg.
Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg.


Wojna von der Band DIE BANDBREITE solidarisiert sich mittels T-Shirt mit Xavier Naidoo, Dortmund, August 2015 (Foto: arbeiterfotografie.com)

Jürgen Todenhöfer schreibt zur Veröffentlichung des Anti-Kriegs-Liedes am 3. Dezember 2015:

Liebe Freunde, Xavier Naidoo hat mir gestern dieses ergreifende, noch unveröffentlichte Lied geschickt: 'NIE MEHR KRIEG!' Wir posten es heute gemeinsam hier auf Facebook. DENN WIR SIND GEGEN KRIEG! Bitte helft mit, diese Botschaft zu verbreiten. Morgen entscheidet der Bundestag über den Krieg in Syrien. Aber nicht wirklich um den IS zu bekämpfen. Da gibt es klügere Strategien. Sondern aus Bündnisgründen, Hollande zu Liebe. 14 Jahre lang haben wir mit unseren Bomben nicht einmal die Taliban besiegen können. Beim viel gefährlicheren IS wird die planlose Bombardiererei noch weniger erfolgreich sein. Wir leben im Jahr 2015 – doch unseren Politikern fällt nichts anderes ein als Krieg. Dazu haben wir sie nicht gewählt. Noch mehr Krieg in Syrien bedeutet: Noch mehr Leid, noch mehr Hass, noch mehr tote Zivilisten, noch mehr Terroristen und noch mehr Flüchtlinge. Deshalb protestieren wir. 14 Jahre Antiterrorkrieg sind genug. NIE MEHR KRIEG! Euer JT & Eure Söhne Mannheims

Die Herrschaftsmedien reagieren. Sie werden ihrer Aufgabe gerecht: „Als Protestsong steht 'Nie mehr Krieg' in einer stolzen Tradition – der er allerdings keine Ehre macht. In die Köpfe von Leuten kommt Naidoo über das Herz. Denn sein musikalisches Betroffenheitszäpfchen enthält das übliche Gift, an dem derzeit die Leute reihenweise irre werden.“ (SPIEGEL, 4.12.2015) „IS-Kenner Jürgen Todenhöfer hat sich erneut auf vermintes Terrain begeben: Auf Facebook veröffentlicht er exklusiv das neue Lied von Xavier Naidoo. Ein Anti-Kriegs-Song – mit waghalsigen Aussagen.“ (DIE WELT, 3.12.2015) „Naidoo gilt wegen politischer Äußerungen als umstritten. Ihm werden Antisemitismus, Homophobie und der Hang zu Verschwörungstheorien vorgeworfen.“ (SPIEGEL, 4.12.2015) „'Nie mehr Krieg' lautet der scheinbar nur friedensbewegte Titel. Doch die Aktion hat es in sich... Was auf den ersten Blick als rein friedensbewegte Hymne daherkommt..., hat es durchaus in sich. Der zwischen den Zeilen zu lesende Vorwurf, der Westen habe am Krieg in Syrien vor allem Profit-Interessen und greife zu den Mitteln eines 'Propagandakriegs', dürfte eher spalten als einen. Naidoo begibt sich damit in ähnliche Untiefen wie bei seiner Aussage über die Anschläge vom 11. September 2001...“ (n-tv, 4.12.2015) „Xavier Naidoo hat schon länger ein äußerst gespaltenes, wenn nicht gar pathologisch miserables Verhältnis zur Politik... Naidoo bleibt seiner alten Linie treu. 'Nie wieder Krieg, wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief', heißt es im Refrain. Ein Vers, der irgendwie an die populistischen Parolen von Pegida erinnert.“ (Kölner Stadt-Anzeiger, 4.12.2015)

Jürgen Todenhöfer schreibt daraufhin am 7. Dezember:

Liebe Freunde, Xavier Naidoos Lied für Frieden und für Respekt gegenüber Muslimen hat riesige Zustimmung erhalten. Wir erreichten 14 Mio. Menschen. Aber auch Hohn und Häme. Erstaunlich, wie man beschimpft wird, wenn man gegen Krieg und Rassismus ist. Beschämend ist das nicht für Xavier oder mich. Sondern für die Hassprediger des Mainstreams. Angeführt vom einst so stolzen Spiegel – welch ein Trauerspiel! Die Hunde bellen, doch die Karawane zieht weiter. Mein Ziel bleibt Respekt und Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen. Selbstverständlich auch gegenüber Muslimen. Und ich kämpfe für Frieden. Besonders im Mittleren Osten. Niemand wird mich von dieser Haltung abbringen. Eher ertrinken meine Kritiker in ihrer eigenen Mainstream-Jauche. Krieg, Terrorismus und Rassismus sind eine Schande der Menschheit. Und es ist eine Schande, dass man das kaum noch laut sagen darf. Deutschland, du darfst dich nicht schon wieder verirren! Unsere Tornados werden mithelfen, weitere Zivilisten in Syrien zu töten. Mit 'demokratischen Bomben' natürlich... Euer JT


Einen Tag später reiht sich die "junge Welt" in die Front der Herrschaftsmedien ein. Sie will diese möglicherweise noch übertreffen. Es erscheint ein halbseitiger Artikel mit dem Titel "Schief angekuckt – Nie mehr Frieden mit Xavier Naidoo" von Wiglaf Droste, in dem es u.a. heißt:

Xavier Naidoo ist kein Künstler, sondern ein Medienmaschinist; es gibt nicht ein Lied oder eine Zeile von ihm, die wert wären, aufbewahrt zu werden, es sei denn aus Gründen der Abschreckung. Wenn Sülze wimmern könnte, hieße sie Xavier Naidoo; verglichen mit der Vorsteherdrüse der »Söhne Mannheims« ist Kindersenf Granit... Außerdem »polarisiert« Naidoo nicht, er arisiert. »Muslime tragen den neuen Judenstern«, behauptet Naidoo in seinem jüngsten Lied »Nie mehr Krieg«, das in dem Diplomaten in eigener Sache Jürgen Todenhöfer einen willigen Multiplikator fand... Wer »Nie mehr Krieg« jault und Muslimen gleichzeitig verbal das Tragenmüssen des Judensterns andichtet, will keinen Frieden, und wenn er es noch so beteuert. Die Schmierseife, die Naidoo als »Musik« oder »Gesang« absondert, ist nicht leicht zu ignorieren, aber mit Geistesgegenwart und etwas Energieaufwand kriegt man das gerade noch hin. Wenn aber ein aggressiv Gottgläubischer seinen Antisemitismus als Pazifismus verkauft, ist es – gerade für Pazifisten – Zeit, klar zu sagen, mit wem man um keinen Preis in einem Boot sitzen will.

Es stellt sich die Frage: wie verhalten wir uns jetzt gegenüber der Zeitung, der wir nahe stehen? Wie lange ist derartige Hetze noch hinnehmbar? Dieser Artikel von Wiglaf Droste ist leider kein Einzelfall. Es gab sie schon einmal gegen Xavier Naidoo (siehe "Im Fadenkreuz des US-Imperiums" in DAS KROKODIL Nr.11 - bzw. in NRhZ Nr.497). Und es gab sie gegen "Die Bandbreite" und gegen Ken Jebsen. Was tun?


Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 15 (Dezember 2015) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch.



Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/


Top-Foto:
Protest,
Berlin, 21.5.2002 (arbeiterfotografie.com)

Online-Flyer Nr. 546  vom 27.01.2016

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