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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Kommentar
Einst wurden religiöse Zionisten eher verachtet. Sie waren eine kleine Minderheit.
Das Preußen der Siedler
Von Uri Avnery

Die  israelische Demokratie rutscht abwärts. Sie rutscht langsam, gemütlich, aber unverkennbar. Wohin rutscht sie ab? Alle wissen es: in Richtung extremen Nationalismus, Rassismus und extremer Religiosität. Wer führt die Fahrt an? Nun, natürlich die Regierung. Diese Gruppe lärmender Niemands, die bei der letzten Wahl an die Macht kam und von Benjamin Netanjahu angeführt wird.



Israels neue Regierung – eine Gruppe lärmender Niemands
Quelle: http://www.israelnetz.com

 Nicht wirklich. Wenn man alle diese großmäuligen kleinen Demagogen, die Minister von dem und jenem (ich kann mich nicht erinnern, wer noch mal Minister für was ist) zusammennimmt und irgendwo einsperrt, wird sich nichts ändern. In 10 Jahren wird sich niemand mehr auch nur an einen einzigen ihrer Namen erinnern.

Wenn die Regierung nicht das Volk führt, wer tut es dann? Vielleicht der rechte Mob? Diese Leute, die wir im Fernsehen sehen, die Leute mit den von Hass verzerrten Gesichtern, die bei Fußballspielen „Tod den Arabern!“ schreien, bis sie heiser sind, oder die nach jedem Gewaltereignis in gemischt-jüdisch-arabischen Städten demonstrieren und schreien: „Alle Araber sind Terroristen! Tötet sie alle!“

Dieser Mob kann morgen Demonstrationen gegen alle möglichen anderen Gruppen abhalten: gegen Schwule, Richter, Feministen oder gegen sonst jemanden. Dieser Mob ist nicht beständig. Er kann kein neues System aufbauen.

Nein, es gibt nur eine Gruppe im Land, die stark genug ist, die genug zusammenhält und die entschlossen genug ist, den Staat zu übernehmen: die Siedler. 

IN DER Mitte des vorigen Jahrhunderts schrieb der überragende Historiker Arnold Toynbee ein monumentales Werk. Dessen zentrale These war: Zivilisationen sind wie Menschen, sie werden geboren, wachsen heran, reifen, altern und sterben. Das war nicht vollkommen neu: Der deutsche Historiker Oswald Spengler schrieb bereits vor ihm etwas Ähnliches in seinem Untergang des Abendlandes. Aber der Brite Toynbee war viel weniger metaphysisch als sein deutscher Vorgänger und versuchte, praktische Schlussfolgerungen zu ziehen.

Von den vielen Einsichten Toynbees interessiert uns jetzt eine im Besonderen. Sie betrifft den Prozess, durch den Grenzbezirke Macht erlangen und den Staat übernehmen.

Nehmen wir einmal die deutsche Geschichte als Beispiel. Die deutsche Kultur wuchs im Süden auf, gleich neben Frankreich und Österreich,  und reifte dort. Eine reiche und gebildete Oberschicht breitete sich über das Land aus. In den Städten förderten die Patrizier-Familien Dichter und Komponisten. Die Deutschen sahen sich als „Volk der Dichter und Denker“.

Aber im Laufe der Jahrhunderte sehnten sich die Jungen und Kraftvollen aus den reichen Gegenden - besonders zweite Söhne, die nichts erbten -, danach, neue Gebiete für sich zu erobern. Sie gingen an die Ostgrenze, eroberten von den slawischen Bewohnern neues Land und erkämpften sich Grundbesitz.

Das Ostland wurde Mark Brandenburg genannt. „Mark“ bedeutet Marken, Grenzgebiet. Unter einer Reihe befähigter Fürsten vergrößerten sie ihren Staat, bis Brandenburg zur führenden Macht wurde. Damit nicht zufrieden, heiratete einer der Fürsten eine Frau, die als Aussteuer das kleine östliche Königreich Preußen mit in die Ehe brachte. Der Fürst wurde König, Brandenburg wurde mit Preußen vereinigt und vergrößerte sich durch Krieg und Diplomatie, bis Preußen halb Deutschland regierte.

Der preußische Staat lag in der Mitte Europas und war von starken Nachbarn umgeben. Er hatte keine natürlichen Grenzen – weder ein weites Meer noch hohe Berge noch breite Flüsse. Er bestand nur aus flachem Land. Deshalb schufen die preußischen Könige eine künstliche Grenze: eine mächtige Armee. Der französische Staatsmann Graf Mirabeau sagte bekanntlich: „Andere Staaten haben Armeen. In Preußen hat die Armee einen Staat.“ Später, vor dem Ersten Weltkrieg, hieß es in einem Schlager folgerichtig: „Der Soldate, der Soldate ist der schönste Mann im ganzen Staate“.

Anders als in den meisten Ländern hatte das Wort „Staat“ in Preußen fast das Ansehen eines heiligen Wertes. Der Gründer des Zionismus und  Bewunderer Preußens Theodor Herzl übernahm dieses Ideal und nannte seine Zukunftsschöpfung "Der Judenstaat". 

TOYNBEE, DER durchaus kein Mystiker war, fand den irdischen Grund für das Phänomen heraus, dass Kulturstaaten von weniger zivilisierten, aber kühneren Grenzbewohnern übernommen wurden.

Die Preußen mussten kämpfen, um Land zu erobern, Teile von dessen Bevölkerung zu vernichten, Dörfer und Städte zu gründen und den Gegenangriffen grollender Nachbarn – Schweden, Polen und Russen – zu widerstehen. Sie mussten einfach kühn sein.

Während dieser Zeit führten die Menschen in der Mitte ein sehr viel bequemeres Leben. Die Bürger von Frankfurt, Hamburg, München und Nürnberg konnten es ruhig angehen lassen, Geld verdienen, ihre großen Dichter lesen und ihren großen Komponisten lauschen. Sie konnten die primitiven Preußen mit Verachtung behandeln. Bis 1871, als sie sich in einem neuen Deutschen Reich wiederfanden, das von den Preußen beherrscht wurde und das einen preußischen Kaiser hatte.

Dieser Prozess hat sich im Laufe der Geschichte noch in vielen Ländern auf ähnliche Weise abgespielt: Die Peripherie wurde zum Zentrum.

Im Altertum wurde das Griechische Reich nicht von den kultivierten Bürgern griechischer Städte wie Athen gegründet, sondern von einem Führer aus dem mazedonischen Grenzland: Alexander dem Großen. Später wurde das Mittelmeerreich nicht von einer zivilisierten griechischen Stadt, sondern von einer peripheren italienischen Stadt namens Rom errichtet.

Ein kleines deutsches Grenzland im Südosten wurde zu dem riesigen multinationalen Reich mit Namen Österreich (östliches Reich), bis es von den Nazis besetzt und wieder Ostmark (östliches Grenzgebiet) genannt wurde.

Beispiele gibt es im Überfluss. 

DIE JÜDISCHE GESCHICHTE – sowohl die reale als auch die vorgestellte – hat ihre eigenen Beispiele.

Als ein Steine werfender Junge namens David von der südlichen Peripherie König von Israel wurde, verlegte er seine Hauptstadt aus der alten Stadt Hebron in eine neue Gegend, die er gerade erobert hatte: nach Jerusalem. Dort war er weit weg von allen Städten, in denen sich eine neue Aristokratie eingerichtet hatte und florierte.

Viel später, in der römischen Zeit, kamen kühne Grenzland-Kämpfer aus Galiläa nach Jerusalem, das inzwischen eine zivilisierte Patrizier-Stadt geworden war, und zwangen den friedlichen Bürgern einen Wahnsinns-Krieg gegen die unendlich überlegenen Römer auf. Vergeblich versuchte der jüdische König Agrippa, ein Nachkomme Herodes’ des Großen, sie mit einer eindrucksvollen Rede aufzuhalten, die Flavius Josephus überliefert hat. Die Leute von der Grenze setzten sich durch, Judäa revoltierte, der („zweite“) Tempel wurde zerstört und die Folgen konnte man noch diese Woche auf dem Tempelberg ("Haram al Scharif", dem Heiligen Schrein auf Arabisch) erleben, als arabische Jungen, die Nachahmer Davids, Steine auf die jüdischen Nachahmer Goliaths warfen.

Im heutigen Israel gibt es eine deutliche Trennung – und eine Gegnerschaft – zwischen den wohlhabenden großen Städten wie Tel Aviv und der viel ärmeren „Peripherie“, deren Bewohner meist die Nachkommen von Einwanderern aus armen und rückständigen orientalischen Ländern sind.

Das war nicht immer so. Vor der Gründung des Staates Israel wurde die Jüdische Gemeinschaft von Palästina (Jischuw genannt) von der Arbeitspartei regiert, die von den Kibbuzim beherrscht wurde, also von den Kommune-Dörfern, von denen viele entlang der Grenzen lagen (man könnte sagen, dass sie in Wirklichkeit die „Grenzen“ der Jischuw bildeten). Dort wurde eine neue Rasse, eine Rasse kühner Kämpfer, geboren, die verwöhnte Stadtbewohner verachtete.

Im neuen Staat sind die Kibbuzim zu bloßen Schatten ihrer selbst und die zentralen Städte zu Zentren der Kultur geworden, die von der Peripherie beneidet und sogar gehasst werden. So war es bis vor Kurzem. Jetzt ändert sich das schnell. 

NACH DEM Sechstagekrieg von 1967 erhob ein neues israelisches Phänomen sein Haupt: die Siedlungen in den damals neu besetzten palästinensischen Gebieten. Ihre Gründer waren „national-religiöse“ junge Leute.

In den Tagen der Jischuw wurden die religiösen Zionisten eher verachtet. Sie waren eine kleine Minderheit. Einerseits fehlte ihnen der revolutionäre Schwung der säkularen, sozialistischen Kibbuzim. Andererseits waren wahrhaft orthodoxe Juden durchaus keine Zionisten, sondern sie verdammten das gesamte zionistische Unternehmen als Sünde gegen Gott. (War es denn nicht Gott gewesen, der die Juden wegen ihrer Sünden dazu verdammt hatte, im Exil zu leben, zerstreut unter die Völker?)

Aber nach den Eroberungen von 1967 wurde die „national-religiöse“ Gruppe plötzlich eine treibende Kraft. Die Eroberung des Tempelberges in Ostjerusalem und all der anderen biblischen Stätten erfüllte sie mit religiösem Eifer. Sie wurden aus einer randständigen Minderheit zu einer starken treibenden Kraft.

Sie schufen die Siedler-Bewegung und errichteten viele Dutzende neuer Städte und Dörfer im gesamten besetzten Westjordanland und in Ostjerusalem. Mit der tatkräftigen Unterstützung aller aufeinander folgenden sowohl linken als auch rechten israelischen Regierungen wuchsen und gediehen sie. Während das linke „Friedenslager“ herunterkam und dahinwelkte, breiteten sie ihre Schwingen aus.

Die „national-religiöse“ Partei, die zuvor einmal eine der am ehesten gemäßigten Kräfte in der israelischen Politik gewesen war, wurde zu der extrem nationalistischen, fast faschistischen Partei „Jüdisches Heim“. Die Siedler wurden auch in der Likud-Partei zur dominierenden Kraft. Jetzt beherrschen sie die Regierung. Der Siedler Avigdor Lieberman ist Führer einer noch stärker rechtsgerichteten Partei, offiziell in der Opposition. Der Star der „Mitte“ Jair Lapid gründete seine Partei in der Ariel-Siedlung und redet jetzt wie ein extrem Rechter. Der Führer der Arbeitspartei Jitzchak Herzog macht einen schwachen Versuch, sie nachzuahmen.

Sie alle gebrauchen die Siedlersprache. Sie sprechen nicht mehr vom Westjordanland oder der Westbank, sondern sie sagen in Siedlersprache „Judäa und Samaria“. 

ICH FOLGE Toynbee und erkläre dieses Phänomen durch die Herausforderung, die das Leben an der Grenze darstellt.

Selbst wenn die Situation weniger brenzlig ist, als sie es jetzt ist, sind die Siedler Gefahren ausgesetzt. Sie sind von arabischen Dörfern und Städten umgeben (oder besser: Sie haben sich selbst mitten unter sie eingefügt). Sie sind Steinwürfen und gelegentlichen Angriffen auf den Autobahnen ausgesetzt und leben unter dem ständigen Schutz der Armee, während die Menschen in israelischen Städten ein bequemes Leben haben.

Natürlich sind nicht alle Siedler Fanatiker. Viele zogen in eine Siedlung, weil die Regierung ihnen – fast für nichts – eine Villa mit Garten gab. Von einer solchen Behausung im eigentlichen Israel hätten sie nicht einmal träumen können. Viele sind Regierungsbeamte mit guten Gehältern. Viele mögen einfach die Aussicht: alle diese malerischen muslimischen Minarette.

Viele Fabriken haben das eigentliche Israel hinter sich gelassen. Sie verkauften ihren Grund und Boden dort zu maßlos übertriebenen Preisen und bekamen riesige Subventionen von der Regierung dafür, dass sie ins Westjordanland umzogen. Sie beschäftigen natürlich billige palästinensische Arbeiter aus den benachbarten Dörfern, deren Bezahlung nicht dem gesetzlich festgelegten Mindestlohn entspricht und für die keinerlei Arbeitsgesetze gelten. Die Palästinenser schuften dort, weil es für sie keine andere Arbeit gibt.

Aber selbst diese „Luxus“-Siedler werden zu Extremisten, um zu überleben und ihre Häuser zu verteidigen, während die Leute in Tel Aviv ihre Cafés und Theater genießen. Viele dieser Alteingesessenen haben einen zweiten - ausländischen - Pass – nur so für alle Fälle. Kein Wunder, dass die Siedler den Staat übernehmen. 

DIESER PROZESS ist bereits weit fortgeschritten. Der neue Polizeichef ist ein Kippa tragender ehemaliger Siedler. Ebenso der Chef des Geheimdienstes. Immer mehr Armee- und Polizeioffiziere sind Siedler. In der Regierung und in der Knesset üben die Siedler sehr starken Einfluss aus.

Als meine Freunde und ich vor etwa 18 Jahren zum ersten Mal einen israelischen Boykott gegen Produkte aus den Siedlungen erklärten, sahen wir voraus, was kommen würde. 

DIES ist jetzt die wirkliche Schlacht um Israel. (PK)

Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer Mitarbeiterinnen für die NRhZ rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Buches und von Avnerys Artikeln aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat auch ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre Bücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords.
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net

 



Online-Flyer Nr. 533  vom 21.10.2015

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