NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Kommentar
Das Dorf al-Nabi Saleh im Westjordanland
Ein israelischer Soldat und ein Junge
Von Uri Avnery

Die Verbrechen von Napoleons Besatzungsarmee in Spanien wurden nicht fotografiert. Die Fotografie war noch nicht erfunden. Die tapferen Kämpfer gegen die Besatzung mussten sich mit Francisco Goyas unvergänglicher Kunst seiner Gemälde vom Widerstand begnügen. Die Partisanen und Untergrundkämpfer gegen die deutsche Besetzung ihrer Länder im Zweiten Weltkrieg hatten keine Zeit, Fotos aufzunehmen. Nicht einmal der heldenhafte Aufstand des jüdischen Ghettos in Warschau wurde von denen, die daran teilnahmen, gefilmt. Die Deutschen filmten ihre Gräueltaten selbst und, da sie nun einmal Deutsche waren, katalogisierten sie sie ordentlich und bewahrten sie gut auf.  
 

Das Dorf al-Nabi Saleh im Westjordanland
Quelle: wikipedia
Inzwischen ist das Fotografieren zum Allgemeingut geworden. Die israelische Besetzung in den besetzten palästinen-sischen Gebieten wird ständig fotografiert. Jeder hat jetzt ein Mobiltelefon, mit dem er fotografieren kann. Auch haben israelische Friedensorganisationen Kameras an viele arabische Einwohner verteilt.
Soldaten drücken die Auslöser ihrer Gewehre. Die Palästinenser drücken die Auslöser ihrer Kameras. 
Was auf die Dauer wirkungsvoller ist, ist noch nicht ausgemacht: die Kugeln oder die Fotos.
 
EIN TESTFALL ist ein kurzer Clip, der kürzlich in dem entlegenen Dorf al-Nabi Saleh im Westjordanland aufgenommen wurde.
Inzwischen hat jeder Israeli diesen Film viele Male gesehen. Er wurde immer wieder von allen israelischen Fernsehsendern gezeigt. Viele Millionen in aller Welt haben ihn auf den Fernsehsendern ihres Landes gesehen. In den sozialen Medien macht er die Runde.
Der Clip zeigt einen Vorfall, der sich Freitag vor zwei Wochen in der Nähe des Dorfes ereignet hat. Nichts ganz Besonderes. Nichts Schreckliches. Nur ein Ereignis, wie es regelmäßig vorkommt. Aber die Bilder sind unvergesslich.
Das Dorf al-Nabi Saleh liegt im besetzten Westjordanland nicht weit von Ramallah entfernt. Es trägt seinen Namen zu Ehren eines Propheten (Nabi heißt sowohl auf Arabisch als auch auf Hebräisch Prophet), der vor der Zeit Mohammeds lebte und der dort begraben sein soll. Sein umfangreiches Grabmal ist der Stolz der 550 Dorfbewohner. 
Al-Nabi Saleh ist auf den Überresten eines Kreuzfahrer-Vorpostens erbaut, der seinerseits auf den Überresten eines byzantinischen Dorfes erbaut wurde. Die Geschichte des Dorfes reicht wahrscheinlich bis in alte kanaanäische Zeiten zurück. Ich glaube, die Bewohner dieser Dörfer haben sich nie verändert, sie haben nur Religion und Kultur der jeweils herrschenden Macht angenommen. Sie waren nacheinander Kanaaniter, Judäer, Griechen, Römer, Byzantiner und sind nun schließlich Araber.
Die (bisher) neueste Besetzung ist die durch Israel. Diese neuen Besatzer haben kein Interesse daran, die Einheimischen zu bekehren. Sie wollen ihnen nur ihr Land wegnehmen, und, wenn möglich, sie dazu bringen wegzuziehen. Auf einem Teil der Ländereien von Nabi Saleh wurde die israelische Siedlung Chalamisch (Feuerstein) errichtet.
Der Konflikt zwischen dem Dorf und seinen neuen „Nachbarn“ begann sofort nach der Gründung. Zwischen ihnen steht ein alter Brunnen, den die Siedler instand gesetzt haben und für sich beanspruchen. Das Dorf will den Brunnen nicht aufgeben.
Wie in vielen anderen Dörfern in der Gegend, z. B. in Bil’in, findet jeden Freitag gleich nach den Gebeten in der Moschee eine Demonstration gegen die Besetzung und die Siedler statt. Auch ein paar israelische Friedensaktivisten und internationale Freiwillige nehmen daran teil. Die Demonstranten verhalten sich im Allgemeinen gewaltfrei, aber an den Rändern der Demonstration laufen oft Jugendliche und Kinder mit, von denen manche mit Steinen werfen. Die Soldaten schießen mit Stahlkugeln in Gummihüllen, wenden Tränengas und Blendgranaten an und schießen manchmal auch mit scharfer Munition.
Wie in vielen kleinen arabischen Dörfern gehören die meisten Bewohner einer einzigen Großfamilie an, diese hier sind die Tamimi. Bei einer der Demonstrationen wurde ein Tamimi-Junge erschossen und einem Mädchen wurde in den Fuß geschossen. Bei dem kürzlich geschehenen Ereignis spielt ein Tamimi-Junge eine Rolle.
 
DER CLIP, der die Welt erschütterte, beginnt mit einem einzigen einsamen Soldaten, der offenbar den Jungen verhaften soll, der einen Stein geworfen hat (oder auch nicht).
Der Soldat springt über das felsige Gelände, sucht den Jungen, der sich hinter einem großen Stein versteckt hat, und fängt ihn. Es ist der 12jährige Muhammad Tamimi, der einen Arm in Gips hat.
Der Soldat legt dem Jungen, der in äußerster Angst schreit, einen Arm um den Hals. Bald kommt seine 14jährige Schwester dazu und bald darauf seine Mutter und andere Frauen. Sie alle zerren an dem Soldaten, der mit dem freien Arm versucht, sie wegzustoßen. In diesem wilden Kampf beißt die Schwester dem Soldaten in den Arm, in dem er sein Gewehr hält.
Der Soldat ist maskiert. Das ist etwas Neues. Warum sind die Soldaten maskiert? Was wollen sie verbergen? Schließlich sind sie ja keine russischen Polizisten, die die Rache von Gangstern fürchten müssen. Als ich vor langer Zeit Soldat war, kannten wir keine Masken.
In dem Handgemenge gelingt es einer Frau, dem Soldaten die Maske vom Gesicht zu reißen. Wir sehen sein Gesicht – er ist einfach ein gewöhnlicher junger Mann, der wohl erst vor Kurzem die Schule beendet hat. Offensichtlich weiß er nicht, was er tun soll. Überall scheint es von Fotografen zu wimmeln. Man sieht ihre Füße.
Hätte der Soldat Gebrauch von seinem Gewehr gemacht, wenn die Fotografen nicht da gewesen wären? Schwer zu sagen. Vor Kurzem hat ein Brigadekommandant einen Jungen erschossen, der einen Stein gegen sein Auto geworfen hatte. Die Armee billigt und lobt sogar dergleichen Akte der „Selbstverteidigung“.
Einige Minuten lang setzt sich die Szene fort: der Junge schreit und bettelt, die Frauen schubsen und schlagen, der Soldat schubst zurück, alle schreien durcheinander. Dann nähert sich ein weiterer Soldat und sagt dem ersten Soldaten, er solle das Kind loslassen. Man sieht, wie es wegrennt.
 
WIR WISSEN nicht, wer der Soldat ist. Sein Hintergrund ist kaum zu erraten. Einfach ein Soldat, einer von vielen, die die Besetzung durchführen und die jede Woche mit den Demonstrationen konfrontiert sind.
Einen anderen Blickwinkel auf das Vorkommnis bietet einer der Protestierenden sozusagen aus dem Off an. Einen flüchtigen Augenblick lang fing ihn die Kamera ein. Er wurde erkannt.   
Er ist Lehrer und trägt die Namen zweier hochberühmter Männer: den des Gründers des Zionismus Theodor Herzl und den des Komponisten Franz Schubert. Herzl Schubert ist ein langjähriger linker Friedensaktivist. Ich bin ihm auf vielen Demonstrationen begegnet.
Am Tag, nachdem der Film auf allen israelischen Fernsehsendern gezeigt worden war, ertönte er Ruf, man solle ihn aus dem Schuldienst entlassen. Was, ein linker Friedensdemonstrant im Klassenzimmer?
Schubert wurde niemals beschuldigt, er habe im Unterricht seine Meinungen verkündet. Seine Friedensaktivitäten fanden nicht während der Arbeitszeit statt. Die bloße Tatsache, dass er in seiner Freizeit an einer Demonstration teilgenommen hatte, genügte. Sein Fall wird jetzt vom Erziehungsministerium „in Betracht gezogen“.
Das ist übrigens kein Ausnahmefall. Eine angesehene Pädagogin, die zur Rektorin einer Kunsthochschule gewählt worden ist, soll diesen Posten nicht bekommen, weil man entdeckt hat, dass sie viele Jahre zuvor eine Petition unterzeichnet hat, in der die Armee aufgefordert wurde, Soldaten zu erlauben, den Militärdienst in den besetzten Gebieten zu verweigern. Die Petition forderte keineswegs zur Verweigerung auf, sondern sie forderte nur, dass die moralische Entscheidung der Verweigerer respektiert werde. Das soll schon ausreichen. Das Ministerium, das jetzt von einem nationalistisch-religiösen Demagogen geführt wird, versprach, die bisher noch nicht entschiedene Sache „in Betracht zu ziehen“.
Natürlich betreffen diese Fälle eines neuen McCartyismus nur Linke. Niemand fordert die Entlassung des Rabbis, der Verkauf und Vermietung von Wohnungen an Araber verbietet. Oder des Rabbis, der schrieb, dass es unter gewissen Umständen zulässig sei, Nichtjuden zu töten, auch Kinder. Ihre Gehälter zahlt der Staat.
 
INZWISCHEN müssen viele Millionen Menschen in aller Welt den Nabi-Saleh-Film gesehen haben. Das Ausmaß des Schadens ist nicht zu ermessen.
Nicht dass dieser Clip besonders empörend wäre. Es geschieht nichts Schreckliches. Es ist das Bild der Besetzung, das gegenwärtige Bild Israels, das sich dem Bewusstsein des Betrachters einprägt.
Seit vielen Jahren geht es in fast allen neuen Filmen über Israel um Taten und Untaten der Besetzung. Vergangen und vergessen ist das Bild Israels als eines fortschrittlichen Staates, den die Opfer des schrecklichsten Massenverbrechens in der modernen Geschichte geschaffen haben. Des Staates der Pioniere, die „die Wüste erblühen ließen“. Der Bastion von Freiheit und Demokratie in einer turbulenten Region.
Dieses Bild ist längst ausgelöscht worden. Das Israel, das sich jetzt der Welt präsentiert, ist ein Staat von Besetzern, Unterdrückern, brutalen Kolonialisten und von bis zu den Zähnen bewaffneten Soldaten, die Menschen mitten in der Nacht verhaften und am Tag verfolgen.
Dies alles verändert das Bild, das alle Welt von Israel wahrnimmt. Jeder Fernseh-Clip und jede Nachricht trägt unmerklich zu dieser Veränderung bei. Die Haltung der Menschen in aller Welt, auch die der Juden in der Welt, verändert sich. Der Schaden ist dauerhaft und wahrscheinlich nicht wieder gutzumachen.
Der Anblick des von Angst verzerrten Gesichts des jungen Muhammad Tamimi wird uns wohl noch lange verfolgen. (PK)

Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer Mitarbeiterinnen für die NRhZ rezensiert.
Für die Übersetzung dieses Buches und von Avnerys Artikeln aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat auch ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre eBücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords.
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net
 
 
 


Online-Flyer Nr. 527  vom 09.09.2015

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE