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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Kommentar
Warum Israel Iran wegen dessen Atombombenentwicklung nicht angriff
Die weich gewordenen Drei
Von Uri Avnery

Ich muss zugeben, Mosche “Bogie” Ja’alon stand nicht eben ganz oben auf der Liste meiner Lieblingspolitiker. Der ehemalige Stabschef der Armee und gegenwärtige Verteidigungsminister erschien mir als bloßer Lakai Natanjahus und als eindimensionaler Militarist. Viele Leute nennen ihn einen „bock“, was eine nicht gerade schmeichelhafte deutsch-jiddische Bezeichnung für einen Ziegenbock ist.

Der gegenwärtige Minister für Ich-weiß-nicht-Was Juwal Steinitz stand ebenso wenig oben auf der Liste der Politiker, die ich bewundere. Auch er schien mir einer der Diener Netanjahus zu sein, ein Mann ohne erkennbare eigene Persönlichkeit.
Nicht einmal der ehemalige Stabschef der Armee Gabi Aschkenasi gehörte zu meinen größten Helden. Als er ernannt wurde, behaupteten böse Zungen, er verdanke seine Beförderung seiner orientalischen Herkunft, da der damalige Verteidigungsminister auch orientalischer Herkunft war. Aschkenasis Vater stammte aus Bulgarien, seine Mutter aus Syrien. Der damalige Verteidigungsminister Schaul Mofas war aus dem Iran. Aschkenasi war für einen der aufeinanderfolgenden Kriege gegen Gaza verantwortlich. Er war beliebt und ist es geblieben.
Jetzt bewundere ich alle drei. Mehr als das: Ich bin allen dreien zutiefst dankbar.
 
WAS HAT eine so tiefgehende Veränderung herbeigeführt?
Sie wurde durch einen weiteren Stabschef der Armee, durch Ehud Barak, veranlasst.
(Wenn das den Eindruck erweckte, Israel besitze einen Überfluss an ehemaligen Stabschefs, dann wäre das eine Übertreibung. Aber wir sind tatsächlich reichlich mit ihnen versorgt.)
Barak war Stabschef, Verteidigungsminister und Ministerpräsident. Seit Netanjahu ihn ersetzt, betreibt er ein Privatgeschäft: Er berät ausländische Regierungen. Damit ist er sehr reich geworden und verbirgt das nicht. Im Gegenteil.
Er wuchs in einem Kibbuz auf. Da er ein dicklicher Junge ohne sportliche Fähigkeiten war, der auch noch Klavier spielte, war sein Leben dort nicht leicht. Als er wie alle anderen einberufen wurde, schien eine Militärkarriere für ihn in weiter Ferne zu liegen.
Aber ein hoher Kommandooffizier bemerkte seine Intelligenz und beschloss, ihn vorwärtszutreiben. Er nahm ihn in seine Auswahleinheit auf, das renommierte Sajeret Matkal („Generalstabskommando“), wo er sowohl wegen seiner körperlichen Tapferkeit als auch wegen seiner hervorragenden Intelligenz schnell avancierte.
Schon früh lenkte ein hochrangiger Offizier meine Aufmerksamkeit auf ihn.
„Gib auf Barak acht“, riet er mir, „er ist äußerst intelligent und eines schönen Tages wird er noch Stabschef!“
Jahre später bekam ich überraschend einen Telefonanruf. Damals war ich Herausgeber eines beliebten Nachrichtenmagazins und Knesset-Abgeordneter und ich gefiel dem Establishment durchaus nicht. Am Telefon sagte man mir, dass der stellvertretende Stabschef General Barak mich zu einem Gespräch in sein Büro einlade.
Ich fragte mich, welchen Grund das haben könnte, aber es gab keinen. Der General wollte sich nur mit mir unterhalten.
Wir sprachen also eine Stunde lang miteinander und fanden ein Thema, für das wir uns beide interessierten: Militärgeschichte. Seit dem Zweiten Weltkrieg war das mein Hobby. (Einige Leute scherzten, ich sei der einzige militaristische Pazifist, den sie kennen würden.) Wir sprachen über den Dreißigjährigen Krieg und andere Feldzüge und ich war beeindruckt. Er beherrschte die Materie und war offenbar ein Intellektueller – Eigenschaften, die in unserem Offizierskorps eher selten anzutreffen sind. Dieses neigt dazu, ziemlich pragmatisch zu sein.
Danach begegneten wir uns kaum jemals wieder. Als Ministerpräsident enttäuschte er mich, er verpfuschte die Camp-David-Konferenz und wurde in der darauf folgenden Wahl von Netanjahu geschlagen. In der Koalitionsregierung wurde er Verteidigungsminister.
 
JETZT ist er durch aufsehenerregende Enthüllungen wieder ins Rampenlicht getreten.
Anscheinend hat Barak seine Memoiren geschrieben. Am Vorabend der Veröffentlichung gab er ein Interview, in dem er die intimsten Einzelheiten von Gesprächen in der Regierung enthüllte. Das Thema: ein Angriff Israels auf die Nuklearanlagen des Iran.
Nach den Angaben Baraks hatten die wichtigsten Mitglieder der Regierung – Netanjahu, Barak und der Außenminister Avigdor Lieberman - 2009 entschieden, die israelischen Luftstreitkräfte loszuschicken, damit sie die Anlagen im Iran zerstörten. Das wäre eine sehr gewagte und komplexe Operation gewesen.
Um diese Entscheidung zu treffen, brauchten sie die Empfehlung des Militärs und eine offizielle Resolution der „Acht“ – eines inoffiziellen Komitees der acht wichtigsten Minister. Nach israelischem Recht ist die Regierung als Ganze Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Die Regierung hat diese Macht dem „Kabinett“, einem begrenzteren Forum, übertragen. Diese Körperschaft ermächtigt ihrerseits inoffiziell ein noch kleineres Komitee, die „Acht“. 
2009 entschieden die drei führenden Minister - Netanjahu, Barak und Lieberman – dass die Zeit, den Iran anzugreifen, gekommen sei. Es war eine Entscheidung von großer Tragweite, aber im letzten Augenblick informierte Aschkenasi sie, dass das Militär nicht bereit sei. Die Sache musste verschoben werden.
Im folgenden Jahr versuchten es die drei noch einmal. Dieses Mal war die Situation günstiger. Der Stabschef informierte sie – obwohl recht widerwillig – das Militär sei bereit. Die Acht mussten entscheiden.
Vier von ihnen waren dafür. Zwei, beide Angehörige des Likud, waren dagegen. Zwei blieben übrig: Ja'alon und Steinitz. Netanjahu übernahm es, sie zu überzeugen. Beide waren seine treuen Anhänger. Netanjahu sprach ausführlich mit jedem der beiden und stellte die Operation dann zur Abstimmung.
Zu Baraks äußerstem Erstaunen und zu seiner Empörung stimmten diese Minister im entscheidenden Augenblick dagegen. Barak drückte das so aus: „Sie wurden einfach weich.“
Ohne eine Mehrheit – es stand vier gegen vier – gab es keine Entscheidung. Das welterschütternde Ereignis fand nicht statt.
Ein Jahr danach wurde dasselbe Thema wieder aufgebracht. Aber dieses Mal gab es ein anderes Hindernis: gemeinsame Manöver der israelischen und der US-Armee waren im Gange. In einer derartigen Situation war ein Angriff unmöglich, da die USA dafür verantwortlich gemacht worden wären. 
Auf diese Weise ging auch diese Gelegenheit vorüber. Diplomatie (fast ein Schimpfwort in Israel) übernahm.
 
WENN Barak die Geschichte erzählt, tadelt er die beiden weichlichen Schwächlinge Ja'alon und Steinitz ebenso wie das Oberkommando des Heeres für diese Kette von Ereignissen. Für ihn war das eine Bekundung von etwas, das auf Feigheit vor dem Feind hinauslief.
Eine wütende Debatte brach in Israel los. Wie in unserem Land üblich, drehte diese sich um zweitrangige Einzelheiten, als wollte man die Hauptsachen umgehen. 
Punkt 1: Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass diese allergeheimsten Geschichten veröffentlicht wurden? Wir haben in Israel eine sehr strenge Militärzensur. Wenn man ihre Regeln bricht, kann man im Gefängnis landen. Alle, die in diese Veröffentlichung verwickelt waren, versicherten jedoch, dass die Zensoren sie zugelassen hätten.
Wie? Warum? Einzelheiten des innersten Mechanismus des Oberkommandos des Heeres und die geheimsten Absichten der Regierung?
Punkt 2: War Netanjahu tatsächlich vollkommen zum Angriff entschlossen? Hat er tatsächlich sehr starken Druck auf die beiden ihm am meisten ergebenen Minister ausgeübt, um sie dazu zu bringen, für den Angriff zu stimmen?
Netanjahu hat sich so gut wie seine gesamte politische Laufbahn hindurch für die Zerstörung der iranischen Bombe eingesetzt. Er hat immer wieder erklärt, dass es um die bloße Existenz Israels gehe. Wie konnte er zulassen, dass die moralisch oder anders begründeten privaten Bedenken zweier Minister, die er wahrscheinlich nicht einmal besonders hoch schätzte, die bloße Existenz der Nation gefährdeten?
Mich beschleicht der Verdacht, dass Netanjahu seine heimlichen Zweifel an der Operation hatte und dass er unbewusst eher erleichtert war, dass seine Untergebenen sie zum Scheitern gebracht hatten.
 
ABER die wirklichen Fragen wiegen weit schwerer. Was wäre geschehen, wenn die beiden Minister nicht „weich geworden“ wären?
Ich denke, eine Katastrophe wäre geschehen.
Wenn die Armee (zu der in Israel auch die Luftstreitkräfte gehören) derartig schwerwiegende Bedenken hatte, hatte sie wahrscheinlich gute Gründe dafür. Um ihre Aufgabe zu erfüllen, mussten die Flugzeuge dorthin gelangen, die verschiedenen verstreuten unterirdischen Nuklearanlagen lokalisieren, sie treffen und zerstören und sicher zurückkommen. Das war keine leichte Aufgabe.
Wir gehen davon aus, dass wir ausgezeichnete Luftstreitkräfte und ebenso ausgezeichnete Geheimdienste haben. Aber trotz ihnen wäre der Angriff eine sehr riskante Angelegenheit gewesen.
Wie wären sie dorthin gekommen? Entweder auf dem langen Weg um die ganze arabische Halbinsel herum zum Persischen Golf oder auf dem direkten Weg über Jordanien oder Syrien und den Irak oder vom Meer aus über die Türkei und vielleicht über ehemalige Sowjetrepubliken. Und dies alles, ohne vom Iran oder seinen Alliierten entdeckt zu werden.
Wenn sie erst einmal ihren Zielen nahe gewesen wären, hätten sie die unterirdischen Anlagen lokalisieren und zerstören müssen. Dabei wären sie zu Zielen der starken Luftabwehrraketen und der Artillerie geworden. Was hätten sie tun sollen, wenn Soldaten der Luftstreitkräfte dabei verwundet worden wären? Hätten sie sie einfach zurücklassen sollen?  
Und ihr Rückweg hätte noch schwieriger werden können als ihr Hinweg.
 
UND DAS ist nur die militärische Seite, die Seite, die offensichtlich Aschkenasi und seinen Offizieren Sorge bereitete.
Wie wäre es mit den politischen Konsequenzen gewesen?
Der Iran hätte sicherlich den USA und ihren arabischen Verbündeten die Schuld gegeben. Die erste Reaktion wäre das Blockieren der Straße von Hormus gewesen, des engen Wasserweges, durch den fast das gesamte Öl Saudi-Arabiens, der übrigen Golfstaaten, des Irak und des Iran verschifft wird. Die Wirkung auf die Weltwirtschaft wäre katastrophal gewesen und der Ölpreis wäre über alle Vorstellungen in die Höhe geschnellt. 
Iran, Hisbollah und Hamas hätten Raketen jeder Art und Herkunft auf Israel niederregnen lassen. Unser aller Leben wäre in äußerster Gefahr gewesen. Da ich in der Nähe des Oberkommandos der Armee im Zentrum Tel Avivs wohne, hätte ich dieses hier vielleicht gar nicht mehr schreiben können.
Die gesamte Region und dazu die Weltwirtschaft wären ins Chaos gestürzt und alle hätten Israel daran die Schuld gegeben. Und das wäre nur der Anfang gewesen.
 
DESHALB bin ich Ja'alon, Steinitz und Aschkenasi zutiefst dankbar.
Was ich in der Vergangenheit über euch gedacht habe, tut mir sehr leid, und ich denke jetzt genau das Gegenteil über euch.
Ich danke euch! (PK)

Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer Mitarbeiterinnen für die NRhZ rezensiert.
Für die Übersetzung dieses Buches und von Avnerys Artikeln aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat auch ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre eBücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords.
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net


Online-Flyer Nr. 526  vom 02.09.2015

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