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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Kommentar
Netanjahu soll ihn bei den Präsidentschaftswahlen in den USA unterstützen
Sheldon Adelsons Handlanger
Von Uri Avnery

Im Japan der guten alten Zeit hätte Benjamin Netanjahu inzwischen Harakiri verübt. Im England derselben guten alten Zeit hätte der König ihn als Gouverneur auf das entfernteste kleine Eiland im Pazifischen Ozean geschickt. In Israel werden seine Umfragewerte immer besser. Denn in unserem Land gewinnt der alte Spruch neue Bedeutung: Nichts ist erfolgreicher als das Scheitern.

Sheldon Adelson – Multimilliardär, der Netanjahus Hilfe bei den US-Präsidentschaftswahlen braucht
NRhZ-Archiv
 
UND WAS für ein Scheitern! Ohhh!
Er hat dem Präsidenten der Vereinigten Staaten faktisch den Krieg erklärt, dem Führer der freien Welt, dem obersten Beschützer des jüdischen Staates.
Vor nicht allzu langer Zeit hätte man das für unmöglich gehalten. Aber bei Benjamin Netanjahu ist nichts unmöglich.
Für jemanden, der gerade vom Planeten Mars auf die Erde gekommen ist, folgt hier eine kurze Liste der Abhängigkeiten Israels von den USA: Israel bekommt von ihnen den Großteil seiner schweren Waffen und muss nicht dafür bezahlen, Israel verlässt sich darauf, dass die USA gegen alle Resolutionen des UN-Sicherheitsrates, die Israels Taten und Untaten verurteilen, ihr Veto einlegen, Israel bekommt jedes Jahr Milliarden Dollar, obwohl seine Wirtschaft floriert.
Und es gibt einen weiteren, oft übersehenen Vorteil. Da die Welt glaubt, dass beide Häuser des US-Kongresses Israel dienstbar sind, bezahlen alle Länder Israel dafür, dass es ihnen Zugang zum Kongress verschafft. Um in ein verschlossenes Haus zu kommen, muss man den Türhüter bestechen.
Es sieht so aus, als wäre es der helle Wahnsinn, wenn ein israelischer Ministerpräsident einen Streit mit dem Präsidenten der USA anfängt – und das ist es auch.
Aber Netanjahu ist nicht geistesgestört, obwohl seine Handlungsweise diesen Gedanken nahelegt. Er ist nicht einmal ein Narr.
Was zum Teufel denkt er sich bei dem, was er tut?
 
ICH KANN mir einige mögliche Erklärungen vorstellen.
Die eine ist: Er will der israelischen Öffentlichkeit gefallen. Weit davon entfernt, dass ein neuer Jude geschaffen worden wäre. Wie der Zionismus versprochen hatte, herrscht der alte Jude in Israel. Der alte Jude glaubt, dass die ganze Welt antisemitisch sei und jeder neue Hinweis darauf erfüllt ihn mit Genugtuung. Siehst du? Die Gojim haben sich überhaupt nicht verändert.
Netanjahus Umfragewerte werden mit jeder neuen Manifestation der Feindschaft des Auslandes besser. Wenn uns sogar die Amerikaner, die so lange Zeit vorgegeben haben, Freunde Israels zu sein, an die antisemitischen Iraner verraten, brauchen wir einen starken und charakterfesten Führer. Kurz gesagt: einen Netanjahu.
Eine andere plausible Erklärung für Netanjahus Verhalten mag sein aufrichtiger Glaube sein, dass kein US-Senator oder -Repräsentant es jemals wagen würde, sich den Befehlen von AIPAC zu widersetzen, weil er wüsste, dass das das Ende seiner politischen Laufbahn bedeuten würde. Wie die größten Antisemiten glaubt Netanjahu, dass die Juden die Welt – oder doch wenigstens den US-Kongress – beherrschten. Im entscheidenden Augenblick wird der Kongress für AIPAC und gegen den Präsidenten der USA stimmen.
Eine weitere Erklärung kann paradoxerweise der blinde Glaube an Präsident Obamas Integrität sein. Netanjahu denkt, er könnte ihn auf den Kopf schlagen, ihm ins Gesicht spucken, ihn in den Hintern treten und Obama werde immer noch kühl und rational handeln und Israel in allem unterstützen – außer im Abkommen mit dem Iran. Netanjahu denkt, Obama werde weiterhin Waffen und Dollar schicken, sein Veto gegen Resolutionen des Sicherheitsrates einlegen und mitten in der Nacht Telefonanrufe aus Israel entgegennehmen.
Man weiß ja, wie diese Amerikaner sind. Unterwürfig. Besonders die schwarzen.
 
ABER ES KANN auch eine andere Erklärung geben, die alle anderen in den Schatten stellt.
Netanjahu bietet dem US-Präsidenten, seiner Regierung und seiner Partei die Stirn und setzt damit unsere Zukunft aufs Spiel. Das bringt uns auf den Kaiser der Spielwelt, den König von Las Vegas, den Prinzen von Macao: Sheldon Adelson.
Adelson macht keinen Hehl aus seiner Unterstützung des Mannes Netanjahu, von dessen Familie und dessen Partei. Er gibt riesige Summen für eine hebräische Tageszeitung aus, die gratis an die Israelis verteilt wird, ob sie es wollen oder nicht. Diese Zeitung ist jetzt die am weitesten verbreitete in Israel und sie ist Netanjahu und seiner Frau persönlich gewidmet. Nur zu diesem Zweck ist sie da.
Allerdings scheint Adelson kein wahres Interesse an Israel zu haben. Er lebt hier nicht einmal zeitweise. Was bekommt er also dafür?
Adelson hat Netanjahu zu einem einzigen Zweck gekauft: Er soll ihm dabei helfen, einen seiner Handlanger im Weißen Haus zu platzieren. Das ist ein Ziel, von dem jeder andere Multimilliardär nicht einmal träumen kann.
Um das zu erreichen, muss Adelson die Republikanische Partei als Leiter benutzen. Er muss ihren Präsidentschaftskandidaten auswählen, Hillary Clinton zu Fall bringen und die Wahlen gewinnen. Um alle diese Aufgaben erfolgreich zu lösen, muss er die enorme Macht, die die Pro-Israel-Lobby auf den US-Kongress ausübt, mobilisieren und Präsident Obama vernichten.
Der erste Schritt auf diesem langen Marsch ist, das iranische Abkommen zu durchkreuzen. Netanjahu ist nur ein Rädchen in diesem gewaltigen Plan. Aber er ist ein sehr wichtiges Rädchen.
Sieht das nicht wie eine Karikatur im berüchtigten antisemitischen Nazi-Schundblatt Der Stürmer aus oder schlimmer: wie eine Seite aus der bekannten antisemitischen Fälschung Die Protokolle der Weisen von Zion? Es ist das klassische antisemitische Bild: der hässliche, nach der Weltherrschaft strebende Finanzjude.
Einen Israeli stößt dieses Bild ab. Die zionistische Vision wurde aus der totalen Ablehnung dieser Karikatur geboren. Juden gaben den Aktienhandel und den Geldverleih auf. Juden beackerten das Land im Schweiße ihres Angesichts, verrichteten Handarbeit und wiesen das Betreiben aller parasitischen Spekulationen von sich. Das wurde damals als ein so hohes Ideal betrachtet, dass es sogar die Vertreibung der einheimischen arabischen Bevölkerung rechtfertigte.
Und jetzt das: ein Staat, der den Befehlen eines internationalen Kasino-Moguls gehorcht, dessen Beschäftigung vielleicht die unproduktivste im ganzen Kosmos ist. Traurig.
 
GIBT ES in Israel eine beherzte Opposition gegen diesen Kurs? Nein. Buchstäblich keine.
In meinem ganzen langen Leben in Israel habe ich niemals etwas erlebt, das einem so vollständigen Mangel an Opposition nahekommt, wie wir ihn heute erleben.
Ein paar Stimmen in Haaretz, einige vereinzelte Äußerungen vom äußersten linken Rand, das ist alles.
Außer diesen (darunter Gusch Schalom) gibt es nichts als donnernden Applaus für Netanjahu oder aber eine schreckliche Kirchhofsruhe.
Der Vertrag ist „schlecht“. Nicht nur schlecht, sondern „katastrophal“. Nicht nur katastrophal, sondern „eines der schrecklichsten Verhängnisse der gesamten Geschichte des jüdischen Volkes“. Etwas, das einem „zweiten Holocaust“ nahekommt. (Das habe ich nicht erfunden.)
Netanjahus dürftige Argumente werden als heilige Wahrheiten aufgenommen - wie die Äußerungen anderer großer jüdischer Propheten. Niemand macht sich die Mühe, die notwendige Frage zu stellen: Warum?
Am Morgen geht die Sonne auf. Die Flüsse fließen ins Meer. Der Iran wird eine Atombombe bauen und über uns abwerfen, auch wenn er sich selbst damit eine historische Katastrophe zuziehen wird. Die Mullahs sind Nazis. Der Vertrag ist ein weiteres Münchener Abkommen. Obama ist ein neuer Neville Chamberlain, dasselbe in Schwarz.
Niemand macht sich die Mühe, diese Behauptungen zu beweisen. Das alles versteht sich von selbst. Tag ist Tag und Nacht ist Nacht.
 
ICH HABE in meinem Leben viele Situationen erlebt, in denen die öffentliche Meinung einhellig war, besonders in Kriegszeiten. Aber in meinem ganzen Leben habe ich niemals die Situation einer derartig vollkommenen Einmütigkeit erlebt, einen so vollkommenen Mangel an Zweifel und Infragestellen wie jetzt.
Diese Situation hat durchaus ihre Absurditäten. Zum Beispiel: Der oberste Führer im Iran muss sich offenbar mit seinen eigenen Extremisten auseinandersetzten. Sie werfen ihm vor, er habe sein Land an den amerikanischen Satan verraten. Um diese zu besänftigen, muss er behaupten, der Vertrag sei ein enormer Sieg für die Islamische Republik und er habe die USA (und Israel) in die Knie gezwungen. Die riesige Propagandamaschine Netanjahus nimmt diese Zitate bereitwillig auf und verkauft sie als heilige Wahrheiten. Alle wissen ja, dass die Iraner immer lügen, aber dieses Mal sagen sie uns, wie es ist. 
Der Führer der geschrumpften „gemäßigten“ Partei, jetzt in der Opposition, Jair Lapid (die Orthodoxen erlaubten Netanjahu nicht, ihn in die Regierung aufzunehmen) verurteilt den Vertrag als historische Katastrophe für das jüdische Volk. Da das so ist, fragt er laut: Warum wird Netanjahu nicht zum Rücktritt gezwungen, da es ihm nicht gelungen ist, ihn zu verhindern? Umso mehr, als es einen viel fähigeren möglichen Führer gibt, der, seinen Platz einzunehmen und den Kampf anzuführen, bereit ist, einen Mann namens Jair Lapid.   
Tatsächlich ist etwas Paradoxes an Netanjahus Situation: Wenn der Vertrag eine derartige historische Katastrophe ist, „eine der schlimmsten in der jüdischen Geschichte“, warum bleibt Netanjahu dann weiterhin im Amt?
 
WENN EIN Land einen Ministerpräsidenten absetzen will, braucht es eine Opposition, die seinen Platz einnimmt. Das ist schließlich die Aufgabe der Opposition.
Nicht bei uns.
Der Oppositionsführer (das ist ein offizieller Titel in Israel) verdammt den Vertrag mit denselben starken Ausdrücken wie Netanjahu. Er hat sich dafür hergegeben, in die USA zu fliegen, um gegen den Vertragsabschluss zu kämpfen. Sein Rivale, Sohn eines extremen Nationalisten, Jair Lapid ist sogar noch extremer als er. Der Führer der dritten Oppositionspartei ist Avigdor Lieberman, im Vergleich zu dem Netanjahu ein linker Softy ist. Natürlich gibt es eine vierte Oppositionspartei – die vereinigte arabische Partei – aber wer hört schon auf die?
Man könnte vermuten, dass es angesichts einer derartigen historischen Katastrophe in Israel von Debatten über den Vertrag nur so wimmelte. Aber wie kann es eine Debatte geben, wenn alle einer Meinung sind? Ich habe weder eine einzige wirkliche Diskussion im Fernsehen gesehen noch eine in einer gedruckten Zeitung oder im Internet gelesen. Hier und da gibt es ein leises Geflüster von Zweifel, aber eine Debatte? Nirgendwo!
Man kann tagelang glücklich in Israel leben, ohne von dieser historischen Katastrophe irgendetwas zu hören. Der Preis für Hüttenkäse ruft stärkere Emotionen hervor.
So bewegen wir uns glücklich auf die Katastrophe zu, wenn nicht einer von Sheldons Handlangern mit Bibis Hilfe ins Weiße Haus kommt. (PK)

Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer AutorInnen für die NRhZ rezensiert.
Für die Übersetzung dieses Buches und von Avnerys Artikeln aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre eBücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords.
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net


Online-Flyer Nr. 521  vom 29.07.2015

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