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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Krieg und Frieden
Auftaktmanöver der "NATO-Speerspitze" lässt Dunkles ahnen
Lob für Deutschlands Führungsrolle
Von Wolfgang Effenberger

Am 20. Juni 2015 endete in Polen das erste Manöver der sogenannten ´NATO-Speerspitze´ - einer schnellen Eingreiftruppe, die im Herbst 2014 auf dem NATO-Gipfel in Wales als Reaktion auf die russische Aggression gegen die Ukraine - so die NATO-Sichtweise - beschlossen wurde. Unter der Leitung des deutschen Viersterne-Generals Lothar Domröse wurde in der Gefechtsübung mit dem euphemistischen Namen ´Noble Jump´ zunächst die kurzfristige Verschiebung von über 2.000 Soldaten aus neun NATO-Ländern geübt. Das Manöverdrehbuch trug der gegenwärtigen Situation in der Ostukraine Rechnung. Es kamen 440 Rad- und 65 Kettenfahrzeuge, Kampfhubschrauber und US-amerikanische F-16 Kampfjets zum Einsatz.


General Lothar Domröse
Quelle: wikipedia/ISAF Headquarters Public Affairs Office

Nach ´Noble Jump´ folgen im Sommer 2015 weitere NATO-Großübungen in den Nachbarländern zur Ukraine oder Russland mit rund 15.000 Soldaten aus 19 Staaten. Und für den Herbst 2015 sind weitere umfassende Manöver in Osteuropa geplant. Allein in Polen werden im Laufe des Jahres zahlreiche Übungen mit 10.000 Soldaten aus 18 Ländern stattfinden. NATO-Kritiker sehen in dieser Manöverkette eine versteckte Stationierung von NATO-Truppen.(1)
Dem deutschen NATO-General reicht das aber noch nicht. Er fordert „eine Ausrüstungsoffensive für die baltischen Staaten und die Ostalliierten“(2). Die wohlhabenden NATO-Staaten sollten ihren finanzklammen Nachbarn für eine schnelle Reaktion auf eine russische Bedrohung „Hubschrauber, Haubitzen, Schützenpanzer, Flugabwehrraketensysteme und schweres Pioniergerät“ zu besonders günstigen Preisen überlassen.
Der Aufbau von NATO-Stäben ist bereits fortgeschritten: „Wir werden in einer ersten Welle in sechs osteuropäischen und baltischen Staaten permanente Stäbe aufbauen, jeweils 40 Mann stark mit Offizieren aus bis zu 20 Nationen“, so der General. Die vorgelagerten Stäbe würden im Ernstfall dafür sorgen, dass „Verstärkungskräfte, wie die neue Schnelle Eingreiftruppe der NATO, reibungslos ins Land kommen können. In einer zweiten Welle wird die Nato vermutlich in weiteren Ländern, wie Ungarn, der Slowakei und Griechenland, weitere Stäbe einrichten, um Abschreckung und Verteidigungsbereitschaft zu beweisen“(3).
Nur wenige Tage später wurden Domröses Aussagen von NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bekräftigt und darüber hinaus die Aufstockung der schnellen NATO-Eingreiftruppe „Nato Response Force (NRF)“ von 13.000 auf 40.000 Militärs sowie der Wehretats der NATO-Staaten gefordert.
Ihm und den Falken in Washington dürfte es auch gefallen haben, dass die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ausdrücklich die Absicht des Pentagons begrüßte, Panzer und Haubitzen für bis zu 5.000 Soldaten in den baltischen Ländern in unmittelbarer Nähe zu Russland zu stationieren. Sie will in dieser Stationierung nur „eine angemessene defensive Maßnahme“(4) sehen.

Ursula von der Leyen mit NATO-Chef Jens Stoltenberg
NRhZ-Archiv
 
Zudem hatte von der Leyen den baltischen Staaten gemäß Artikel 5 des Nordatlantikvertrags absoluten Beistand im Falle eines Konflikts mit Russland versichert. „An der Solidarität im atlantischen Bündnis gibt es keinen Zweifel“, erklärte sie am 16. Juni in Tallinn dem estnischen Verteidigungsminister Sven Mikser.
Da bleibt Lob nicht aus: „Ich begrüße es, dass Deutschland in der NATO immer mehr eine Führungsrolle übernimmt und seine Rolle als Führungsnation mehr und mehr ernst nimmt“(5), sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Rande des Manövers. „Der deutsche Beitrag ist für die Schnelligkeit, mit der die Eingreiftruppe aufgestellt wurde, entscheidend gewesen.“(6)
Das Manöver mit dem euphemistischen Namen ´Noble Jump´ fand an einem geschichtsträchtigen Ort statt, der dunkle Erinnerungen wachruft: Dem ehemals deutschen Truppenübungsplatz Neuhammer a. d.Queis etwa 20 km südlich der niederschlesischen Stadt Sagan. Diese Anlage für schlesische Infanterie- und Artillerieregimenter mit einer  Größe von 5.492 hawurde 1904 fertiggestellt und während des ersten Weltkriegs auch als Kriegsgefangenenlager genutzt.
Nach dem Krieg wurde der Platz von der Reichswehr weiter genutzt. Im Jahr 1935 wurde der Platz auf 11.350 ha vergrößert, und im Oktober 1935 wurde dort das Artillerie-Regiment 76 und das Infanterie-Regiment 84 aufgestellt.Im Juni 1936 fand eine Divisionsübung statt, die mit demanschließenden Vorbeimarsch vor dem Kommandierenden General Ewald von Kleist und dem Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch endete.
Zehn Wochen vor dem Überfall auf die Sowjetunion erfolgte auf dem Gebiet des heute polnischen Truppenübungsplatzes Żagań die Aufstellung des Gefangenenlagers Stalag 308 (VIII E). Wie in anderen ´Russenlagern´ standen den ersten russischen Kriegsgefangenen bei der Ankunft so gut wie keine festen Unterkünfte zur Verfügung. Sie mussten sich in Erdlöcher eingraben. Am 15. Juli 1941 befanden sich etwa 2.000 Rotarmisten in diesem Stalag, deren Zahl bis zum 10. August 1941 auf etwa 30.000 Mann anstieg. Unmittelbar nach Betreten des Lagers wurden die Gefangenen von einem sowjetischen Dolmetscher und einem russisch sprechenden Wehrmachtshauptmann gemäß des Einsatzbefehls Nr. 9 der Stapoleitstelle Breslau befragt. Unzuverlässige und gefährliche Elemente sollten herausgesucht werden. Handelte es sich um ´Juden´ oder um politische Offiziere, wurden sie in ein Sonderlager deportiert.(7)
Anfang 1945 wurde noch das Panzergrenadier-Bataillon Neuhammer aufgestellt, über dessen Verbleib nichts bekannt ist.Mitte Februar 1945 wurde der Platz nach heftigen Kämpfen von der Roten Armee eingenommen und nach dem Potsdamer Abkommen im August 1945 unter polnische Verwaltung gestellt.
Dieser ehemals deutsche Truppenübungsplatz steht also für eine finstere Epoche in den deutsch-russischen Beziehungen. Hier verstieg sich Frau von der Leyen zu provokanten Äußerungen gegenüber Russland. Der Name ´von der Leyen´ dürfte bei einigen Opfern des Dritten Reiches und ihren Nachkommen immer noch Unbehagen auslösen. Ende Juli 1942 avancierte der Freiherr Joachim von der Leyen zum Kreishauptmann im Kreis Lemberg-Land im Distrikt Galizien (heutige Ukraine)(8). Belegt ist, dass von der Leyen über die Judenaktionen im Voraus informiert war.(9)
Ausgerechnet auf diesem Truppenübungsplatz begannen nun kriegsvorbereitende Manöver der NATO. Man darf durchaus vermuten, daß der Ort bewußt ausgewählt wurde; aber warum begibt man sich freiwillig in die geschichtliche Wiederholungsschleife furchtbarer Ereignisse? Dafür gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Der Krieg mit Russland wird nicht nur in Kauf genommen, er ist gewollt – nicht von der Bevölkerung, nicht einmal von den europäischen Staaten, sondern wieder einmal von einigen Hasardeuren.(10)
Einen Tag nach Manöver-Ende besuchte der neue US-Verteidigungsminister Ashton Carter - der vierte Pentagon-Chef seit Obamas Amtsantritt im Januar 2009 - das Deutsch-Niederländische Korps in Münster, das derzeit die neue NATO-Speerspitze führt. Zuvor hatte er in Berlin Russland als große Gefahr für Europa bezeichnet und gefordert, „Deutschland müsse eine wichtige Rolle im Kampf gegen Wladimir Putin spielen“.(11) Den Europäern verriet der ehemalige Goldman & Sachs-Berater(12), dass es für deren Sicherheit wesentlich sei, nicht mehr von der russischen Energie abhängig zu sein. Sollen die Europäer nun vom überseeischen Fracking-Gas abhängig gemacht werden?
Seit Beginn der Ukraine-Krise versuchen die USA verstärkt, Deutschland und Russland gegeneinander in Stellung zu bringen. Am 4. Februar 2015 beschrieb George Friedman, Direktor der US-amerikanischen Denkfabrik STRATFOR auf dem „Chicago Council of foreign affairs“ treffend die wahren Motive der USA: Seit über 100 Jahren sei die US-amerikanische Politik bestrebt, eine Annäherung Deutschlands an Russland um jeden Preis verhindern, da sonst die US-Dominanz weltweit gefährdet sei.(13) 
Anfang Juni schwappte die Manöverwoge sogar bis in die Arktis. Zu deren „Verteidigung“ nahmen mehr als 100 Flugzeuge und 4000 Soldaten, darunter auch deutsche, an dem Luftmanöver "Arctic Challenge" teil. Das fiktive Szenario ging von einer von der UN gegen Russland verhängten Flugverbotszone über der Arktis aus - Libyen lässt grüßen! Die Auswirkungen der 2011 eingerichteten Flugverbotszone sind bis heute nicht nur in Libyen zu spüren. In Wirklichkeit geht es hier natürlich um den Kampf um die Bodenschätze.(14)
100 Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkriegs und 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten haben sich in Żagań erneut deutsche Truppen auf einen Krieg gegen Russland vorbereitet. Wenn nicht bald ein Umdenken einsetzt, könnte im Sommer 2015 die Situation weiter eskalieren. Die deutsche Politik wäre gut beraten, sich nicht zum Handlanger der USA-Administration degradieren zu lassen, sondern im Hinblick auf die beiden großen Kriege gegen Russland vermittelnd aufzutreten und sowohl zum Westen wie zum Osten gegenseitig nützliche Beziehungen zu pflegen. Dazu gehört auch die Aufgeschlossenheit für die ´New-Silk-Road´-Initiative Chinas – eine Initiative für friedlichen Handel, die bei den deutschen Wirtschaftsverbänden längst begrüßt wird. Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, hat keine Zweifel, dass sich die Achse Moskau-Peking-BRICS gegen den alten Hegemon USA durchsetzen wird. Diese Länder hätten die Nase voll vom Westen, „weil sie eine langfristige Strategie wollen und keinen Opportunismus. Die EU dürfte wegen ihres blinden Sanktions-Gehorsams zu den Verlierern gehören“.(15)
Es bleibt zu hoffen, dass es nicht zu einer ´Wiederkehr des Gleichen´ (Nietzsche) kommt und unsere maßgeblichen Politiker sich noch rechtzeitig besinnen. Nach zwei fürchterlichen Kriegen gegen Russland, an denen nur die weltweite Finanzelite und der rüstungs-industrielle Komplex unsäglichen Profit zog, muss die friedliche Beilegung des Konflikts absolute Priorität erhalten. (PK)
 
1) Christoph Dreier: Großmanöver in Polen: Nato bereitet Krieg gegen Russland vor vom 20. Juni 2015 unter http://www.wsws.org/de/articles/2015/06/20/nato-j20.html
2) http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/article142749792/Balten-sollten-guenstig-gute-Waffen-bekommen.html vom 19. Juni 2015
3) http://www.welt.de/politik/ausland/article142732056/Putin-muesste-einen-furchtbar-hohen-Preis-zahlen.html vom 19. Juni 2015
4) http://www.deutschlandfunk.de/osteuropa-von-der-leyen-unterstuetzt-us-aufruestungsplaene.1818.de.html?dram%3Aarticle_id=323018 vom 18. Juni 2015
5) http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/article142696084/Nato-zeigt-Flagge-im-Osten.html vom 18. Juni 2015
6) Ebda.
7) Reinhard Otto: Wehrmacht, Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet 1941/42, München, Oldenbourg 1998 (Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschcihte; Bd. 77) Zugl.: Paderborn, Univ., Diss, 1996
8) Markus Roth: Herrenmenschen. Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen - Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte. Wallstein Verlag : Göttingen 2009, S. 488f.
9) Dieter Pohl: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941–1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens. Oldenbourg, München 1997, , S. 285
10) Wolfgang Effenberger/Willy Wimmer: Wiederkehr der Hasardeure – Schattenstrategen, Kriegstreibe und stille Profiteure, Höhr-Grenzhausen 2014
11) US-Verteidigungsminister schwört Deutschland auf Kampf gegen Russland ein
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/06/23/us-verteidigungsminister-schwoert-deutschland-auf-kampf-gegen-russland-ein.
12) Secretary of Defense Ash Carter unter http://www.defense.gov/bios/secdef/
13) Wolfgang Effenberger: Klartext aus Amerika: US-Think-Tank benennt offen imperiale Ziele vom 18. März 2015 unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21421
14) http://www.welt.de/politik/ausland/article141459490/Nato-probt-Arktis-Verteidigung-gegen-Russland.html vom 25. Mai 2015
15) Top-Banker ist sich sicher: Russland und China gewinnen gegen die USA
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/06/06/top-banker-ist-sich-sicher-russland-und-china-gewinnen-gegen-die-usa/
 
Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, wurde mit 18 Jahren Zeitsoldat, studierte Bauingenieurwesen und erhielt als junger Pionieroffizier Einblick in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr Studium der Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik). Er lebt als freier Publizist am Starnberger See. Von ihm und Willy Wimmer erschienen "Wiederkehr der Hasardeure - Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille Profiteure 1914 und heute", geb., ca. 640 S., zahlr. Abb., 29,90 €


Online-Flyer Nr. 517  vom 01.07.2015

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