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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Kommentar
Wenn man erst einmal einen Krieg beginnt, „passiert so etwas eben".
Kriegsverbrechen? Wir?
Von Uri Avnery

„Krieg ist die Hölle!“ rief bekanntlich William Tecumseh Sherman aus, der im Amerikanischen Bürgerkrieg durch Georgia marschierte. Im Krieg geht es darum, den „Feind“ zu töten, um ihm den eigenen Willen aufzuzwingen. Darum ist „humaner Krieg“ ein Oxymoron. Krieg ist an sich ein Verbrechen. Es gibt wenige Ausnahmen. Ich würde den Krieg gegen Nazideutschland ausschließen, weil er gegen ein Regime von Massenmördern geführt wurde, das von einem pathologischen Diktator geführt wurde, der durch andere Mittel nicht zur Vernunft gebracht werden konnte. Da das so ist, ist der Begriff Kriegsverbrechen zweifelhaft. Das größte Verbrechen ist es, den Krieg zu beginnen. Das tun nicht die Soldaten, sondern die politischen Führer. Und doch werden sie nur selten angeklagt.
 

Menschen in Gaza nach israelischem Angriff
 NRhZ-Archiv
 
DIESE PHILOSOPHISCHEN Grübeleien kamen mir in den Sinn, nachdem ich den neuen UN-Bericht über den letzten Gazakrieg zur Kenntnis genommen hatte.
Der Untersuchungsausschuss bemühte sich verzweifelt, „ausgewogen“ zu sein, und beschuldigte sowohl die israelische Armee als auch die Hamas in fast gleichen Ausdrücken. Das ist schon an sich problematisch.
Es war kein Krieg zwischen Gleichen. Auf der einen Seite stand der Staat Israel mit einer der mächtigsten Armeen der Welt. Auf der anderen Seite eine staatenlose Bevölkerung von 1,8 Millionen Menschen, die von einer Guerillaorganisation, die über keinerlei moderne Waffen verfügt, geführt wurde.
Jede Gleichsetzung derartiger Einheiten ist per definitionem künstlich. Selbst wenn beide Seiten schwere Kriegsverbrechen begingen, sind sie doch nicht dasselbe. Jede Seite muss nach ihren eigenen Verdiensten und Vergehen beurteilt werden.
 
DER BEGRIFF Kriegsverbrechen ist relativ neu. Er kam im Dreißigjährigen Krieg auf, in dem ein großer Teil Mitteleuropas verwüstet wurde. Viele Armeen nahmen daran teil und sie alle zerstörten ohne die geringsten Schuldgefühle Städte und Dörfer. Das Ergebnis war, dass zwei Drittel Deutschlands verwüstet und ein Drittel der Deutschen getötet worden war.
Der Niederländer Hugo de Groot forderte, dass sich zivilisierte Nationen selbst im Krieg an gewisse Grenzen halten sollten. Er war kein blauäugiger, realitätsferner Idealist. Sein Hauptprinzip, so wie ich es verstehe, war die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, Aktionen zu verbieten, die dazu beitragen, dass ein Krieg führendes Land den Krieg gewinnen kann, dass aber jede Grausamkeit, die für die wirksame Durchführung des Krieges unnötig ist, verboten sein soll. 
Die Idee setzte sich durch. Im 18. Jahrhundert führten Berufsheere unaufhörlich Krieg, ohne dass die Zivilbevölkerungen unnötig geschädigt wurden. Kriege wurden „human“.
Das hielt nicht lange an. Mit der Französischen Revolution wurde Krieg ein Sache von Massenarmeen, der Schutz der Zivilbevölkerung verblasste allmählich, bis er im Zweiten Weltkrieg vollkommen verschwand, als ganze Städte von unbegrenzten Luftbombardements (Dresden und Hamburg) und von Atombomben (Hiroshima und Nagasaki) zerstört wurden.
Aber trotzdem verbieten einige internationale Konventionen Kriegsverbrechen, die auf Zivilbevölkerungen zielen, oder die die Bevölkerung in besetzten Gebieten schädigen.
Das zu untersuchen war der Auftrag des UN-Untersuchungsausschusses.
 
DER AUSSCHUSS tadelt die Hamas heftig dafür, dass sie Kriegsverbrechen gegen die israelische Bevölkerung begangen habe.
Israel brauchte den Ausschuss nicht, um das zu erfahren. Viele israelische Bürger verbrachten, weil sie von Raketen der Hamas bedroht waren, während des Gazakrieges Stunden in Schutzräumen.
Hamas schoss Tausende Raketen auf Dörfer und Städte in Israel ab. Es sind einfache Raketen, die nicht auf bestimmte Ziele – z. B. die Kernkraftanlagen in Dimona oder das Verteidigungsministerium im Zentrum Tel Avivs – gerichtet werden konnten. Sie sollten die Zivilbevölkerung terrorisieren, damit diese das Aufhören der Angriffe auf den Gazastreifen fordere.
Dieses Ziel erreichten sie nicht, weil Israel einige „Eiserne-Kuppel“-Raketenabwehr-Batterien errichtet hatte, die fast alle Raketen, die auf zivile Ziele gerichtet waren, abfingen. Sie hatten fast durchgehend Erfolg.
Wenn die Hamas-Führer vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gebracht werden, werden sie behaupten, sie hätten keine andere Wahl gehabt: Sie hatten keine anderen Waffen, die sie der israelischen Invasion hätten entgegensetzen können. Wie mir ein palästinensischer Kommandeur einmal sagte: „Gebt uns Kanonen und Kampfflugzeuge und wir werden keinen Terrorismus mehr einsetzen.“
Der Internationale Gerichtshof wird dann entscheiden müssen, ob ein Volk, das faktisch unter endloser Besetzung lebt, unlenkbare Waffen einsetzen darf. Wenn ich an die von de Groot aufgestellten Prinzipien denke, bin ich neugierig, wie die Entscheidung ausfallen wird.
Das gilt allgemein für Terrorismus, wenn er von unterdrückten Menschen eingesetzt wird, die keine anderen Kampfmittel haben. Die schwarzen Südafrikaner benutzten Terrorismus in ihrem Kampf gegen das Apartheid-Regime, das sie unterdrückte, und Nelson Mandela verbrachte 28 Jahre im Gefängnis, weil er an derartigen Taten beteiligt gewesen war und sich weigerte, sie zu verurteilen.
 
DER FALL der israelischen Regierung und der israelische Armee liegt ganz anders. Sie haben viele Waffen: von Drohnen über Kampfflugzeuge bis zu Artillerie und Panzern.
Wenn es ein Kardinalkriegsverbrechen in diesem Krieg gegeben hat, war das die Entscheidung der Regierung, diesen Krieg anzufangen, denn ein Angriff der israelischen Armee auf den Gazastreifen macht Kriegsverbrechen unvermeidlich. 
Jeder, der jemals als Soldat im Kampfeinsatz war, weiß, dass im Krieg Kriegsverbrechen in jeder, ebenso in der moralischsten wie in der gemeinsten Armee der Welt, geschehen. Keine Armee kann vermeiden, dass Menschen mit psychischen Defekten rekrutiert werden. In jeder Kompanie gibt es wenigstens ein pathologisches Exemplar. Wenn es nicht sehr strenge Regeln gibt, die von sehr strengen Befehlshabern durchgesetzt werden, treten Verbrechen auf.
Der Krieg bringt den inneren Mann (oder heute auch die innere Frau) nach außen. Ein gesitteter, gebildeter Mensch kann sich plötzlich in eine wilde Bestie verwandeln. Ein einfacher, bescheidener Arbeiter kann sich als ein anständiger, großzügiger Mensch erweisen. Das ist so, selbst in der „moralischsten Armee der Welt“ – wenn es jemals ein Oxymoron gegeben hat, dann ist es dieses.
Ich war im Krieg von 1948 Soldat im Kampfeinsatz. Ich habe einen Blick auf Verbrechen geworfen und sie 1950 in meinem Buch "The Other Side of the Coin" ("Die Kehrseite der Medaille") beschrieben [deutsch der 2. Teil von "In den Feldern der Philister: Meine Erinnerungen aus dem israelischen Unabhängigkeitskrieg"].
 
DAS GILT für jede Armee. In unserer Armee war im letzten Gazakrieg die Situation sogar noch schlimmer.
Die Gründe für den Angriff auf den Gazastreifen waren undurchsichtig. Drei israelische Jugendliche wurden von Arabern gefangen, offenbar mit der Absicht, einen Gefangenenaustausch zu erreichen. Die Araber gerieten in Panik und töteten die Jungen. Die Israelis reagierten, die Palästinenser reagierten und siehe da! – die Regierung beschloss einen regelrechten Krieg.
In unserer Regierung sind auch Trottel, von denen die meisten keine Vorstellung davon haben, was Krieg bedeutet. Sie beschlossen, den Gazastreifen anzugreifen.
Diese Entscheidung war das eigentliche Kriegsverbrechen.
Der Gazastreifen ist ein winziges Gebiet, das mit einer Bevölkerung von 1,8 Millionen Menschen überfüllt ist. Etwa die Hälfte von ihnen sind Nachkommen der Flüchtlinge aus den Gebieten, die im Krieg von 1948 Israel wurden.
Unter allen Umständen musste ein derartiger Angriff zu einer großen Anzahl ziviler Opfer führen. Und eine weitere Tatsache machte das noch schlimmer.
 
ISRAEL ist ein demokratischer Staat. Seine Führer werden vom Volk gewählt. Die Wähler bestehen aus Eltern und Großeltern der Soldaten, die entweder zu regulären oder zu Reserveeinheiten gehören.
Das bedeutet, dass Israel übermäßig empfindlich auf Opfer reagiert. Wenn viele Soldaten während ihres Einsatzes getötet werden, muss die Regierung abtreten.
Daher ist die Maxime der israelischen Armee: Um jeden Preis Opfer vermeiden – jedenfalls um jeden Preis, den die Feinde zahlen müssen. Um einen israelischen Soldaten zu erhalten, ist es zulässig, zehn, zwanzig oder hundert Zivilisten der anderen Seite zu töten.
Diese ungeschriebene und selbstverständliche Regel ist in der „Hannibal-Prozedur“ niedergelegt. Dies ist das Schlüsselwort dafür, dass man um jeden Preis die Gefangennahme eines israelischen Soldaten verhindern müsse. Auch hier ist ein „demokratisches“ Prinzip am Werk: Keine israelische Regierung kann dem öffentlichen Druck standhalten und muss viele Dutzende palästinensischer Gefangener im Gegenzug zur Freilassung eines einzigen Israelis freilassen. Also: Man muss verhindern, dass ein israelischer Soldat gefangengenommen wird, selbst wenn der Soldat selbst dabei getötet wird.
Hannibal gestattet – ja die Prozedur befiehlt geradezu – unsagbare Zerstörung und unsagbares Töten zu veranlassen, um zu verhindern, dass ein gefangen genommener Soldat verschwindet. Diese Prozedur ist schon an sich ein Kriegsverbrechen.
Eine verantwortungsvolle Regierung mit einem Minimum an Kampferfahrung wüsste das alles schon in dem Augenblick, wenn sie aufgerufen ist, über eine militärische Operation zu entscheiden. Wenn sie es nicht weiß, ist es die Pflicht der Armeekommandeure, die bei derartigen Regierungssitzungen anwesend sind, der Regierung die Sache zu erklären. Ich frage mich, ob sie das getan haben. 
 
ALLES DAS bedeutet, dass, wenn ein Krieg erst einmal angefangen worden ist, die Ergebnisse fast unvermeidlich sind. Um einen Angriff ohne schwere Opfer auf der Angreiferseite möglich zu machen, müssen ganze Wohnviertel der anderen Seite durch Drohnen, Flugzeuge und Artillerie platt gemacht werden. Und das ist offensichtlich geschehen.
Oft wurden die Bewohner gewarnt, sie sollten fliehen, und viele flohen. Andere flohen nicht, da sie nicht alles, was ihnen wertvoll war, zurücklassen wollten. Einige fliehen im Augenblick der Gefahr, andere halten an der unwirklichen Hoffnung fest und bleiben.
Ich bitte die Leser, sich einen Augenblick lang in eine derartige Situation hineinzuversetzen.
Wenn Sie dem das menschliche Element hinzufügen – die Mischung aus menschlichen und sadistischen, guten und bösen Menschen, die man in jeder Kampfeinheit in aller Welt findet – können Sie sich eine Vorstellung machen.
Wenn man erst einmal einen Krieg beginnt, „passiert so etwas eben“, heißt es. Auch wenn es in einem Krieg mehr und in einem anderen weniger Kriegsverbrechen gibt, werden es in jedem Fall viele sein.
 
ALLES DAS hätten die Führer der israelischen Armee dem UN-Untersuchungsausschuss, dessen Vorsitzende eine amerikanische Richterin ist, sagen können, wenn sie als Zeugen hätten aussagen dürfen. Die Regierung erlaubte es ihnen aber nicht.
Die bequeme Ausrede ist: Alle UN-Beamten sind ihrem Wesen nach Antisemiten und hassen Israel, sodass es widersinnig ist, ihre Fragen zu beantworten.
Wir sind moralisch. Wir haben recht. Von Natur aus. Wir können es nun mal nicht ändern. Diejenigen, die uns anklagen, müssen Antisemiten sein. Das ist eine einfache Logik.
Zum Teufel mit ihnen allen! (PK)
 
Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer AutorInnen für die NRhZ rezensiert.
Für die Übersetzung dieses Buches und Avnerys Artikel aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre eBücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net
 
 


Online-Flyer Nr. 517  vom 01.07.2015

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