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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Kommentar
Papst Franziskus stellt sich auf die Seite der Wissenschaft
Eine mutige Umwelt-Enzyklika
Von Prof. Dr. Mojib Latif

Es hat lange gedauert. Aber jetzt ist sie da. Endlich möchte man sagen. Die Umwelt-Enzyklika ‚Laudato Si' von Papst Franziskus ist erschienen. Wie ich es nicht anders erwartet hatte, spricht Franziskus in seiner Enzyklika Klartext. Er beklagt die gewaltige Umweltzerstörung auf der Erde.
 

Papst Franziskus
NRhZ-Archiv
Er prangert den maßlosen Ressourcenverbrauch einiger weniger an, die mit ihrer Technologie die Welt beherrschen. Er zeigt deutlich, dass Umwelt-zerstörung eine gewaltvolle Tat einer reichen Minderheit gegenüber einer armen Mehrheit ist. Er wirft Politik und Wirtschaft vor, sie hätten nur die nächsten Wahlen oder kurzfristige Gewinne im Sinn. Franziskus kritisiert die vielen Gipfel, deren Ergebnisse weit unter den Erwartungen geblieben seien. Der Papst spricht mir in vielerlei Hinsicht aus der Seele. Ihm gelingt eine schonungslose Analyse des Zustands der Erde.
 
Der Papst greift mehrere Umweltthemen auf. Die Wasserverfügbarkeit zählt hierzu, wie auch der Klimawandel. Er weiß, dass der Klimawandel eine enorme Bedrohung für die ganze Welt darstellt. Für ganze Völker wie er sagt, aber auch für die Artenvielfalt auf der Erde. In der Tat kann ein unbegrenzter Klimawandel vielleicht noch in diesem Jahrhundert zu einem Massenaussterben von Tieren und Pflanzen führen. Franziskus erkennt die großen Zusammenhänge. Er hat die ganzheitliche Sicht auf die Dinge.
 
Damit zeigt Papst Franziskus einen Mut, den ich bei Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Politik schmerzlich vermisse. Er nimmt die an vielen Orten der Welt bereits zum Himmel schreiende Umweltzerstörung genau wahr. Und er vertraut der Wissenschaft, die diese Zerstörung tausendfach dokumentiert hat und inzwischen genau genug weiß, wohin es führt, wenn wir weiter machen wie bisher. Es ist also ausgerechnet der Papst, das Oberhaupt der katholischen Kirche – vielfach kritisiert und belächelt als nicht mehr zeitgemäß in unserer ja ach so modernen Welt – der sich seines Verstandes bedient.
 
Die Wissenschaft spielt für den Papst bei der Bewältigung der Umweltprobleme eine zentrale Rolle. Er fordert, die Ergebnisse der Wissenschaft ernst zu nehmen. Die heute verfügbaren besten wissenschaftlichen Ergebnisse müssten die Grundlage für unser Handeln und für einen fairen und transparenten Dialog zwischen den verschiedenen Akteuren sein, sagt Franziskus. Der Weltklimarat IPCC hat diese Wissensbasis für den Klimawandel geliefert. Man kann den Klimawandel nicht mehr leugnen, aus welchen Gründen auch immer man das versuchen mag. Der Papst sieht in der Wissenschaft das bevorzugte Instrument, über das wir die Schreie der Erde hören können. Wie wahr! In meinem letzten Buch Das Ende der Ozeane schreibe ich: „Ihre Hilferufe [die der Ozeane] hören wir nicht“.
Damit zeigt der Papst noch in einer weiteren Hinsicht großen Mut: Er verbindet die wissenschaftliche Erkenntnis mit dem religiös-ethischen Aufruf zum Handeln. Als Klimaforscher erfahre ich seit Jahrzehnten leidvoll, dass die Bereitstellung von eindeutigem Wissen nicht automatisch zu einer konsequenten Umsetzung führt. Die Soziologen erforschen, wie der Brückenschlag zwischen Wissen und Handeln gelingen könnte, ohne eine klare Antwort zu kennen. Der Papst hat den Mut zu einer moralischen Forderung: Du sollst. Du darfst Dich nicht taub stellen gegenüber den Schreien der Erde. Auch wenn es sich für Dich selbst nicht rechnet – sondern „nur“ für Deinen Nächsten im fernen Afrika oder „nur“ für Deine Urenkel, die Du nicht kennenlernen wirst.
 
Papst Franziskus spricht von der Erde als unserem gemeinsamen Haus. Das Klima ist für ihn ein Gemeinschaftsgut, das derzeit von einigen wenigen übernutzt wird. Damit spricht er aus, was jeder wissen kann, der genau hinschauen will. Er fordert eine ganzheitliche Ökologie. In unserer Welt sei alles miteinander verbunden. Politik, Wirtschaft und jeder Einzelne sollten daher stets das Gemeinwohl im Auge haben. Ein Wirtschaftswachstum, das nur dem Wohl einiger weniger dient, sei verfehlt. Franziskus hat die Wechselbeziehungen auf unserem Planeten begriffen und die Schwachstellen menschlichen Handelns klar formuliert. Er hat den Mut, das Offensichtliche zu benennen und Konsequenzen und eine Umkehr zu fordern. Dabei scheut er auch die innerkirchliche Auseinandersetzung nicht. Nur so mutig und beherzt können wir die dringend benötigten Veränderungen gemeinsam vorantreiben. Ich bin froh, den Papst dabei auf der Seite der Wissenschaft und des Fortschritts zu wissen. (PK)
 
 
Prof. Dr. Mojib Latif ist Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik und Leiter der Forschungseinheit Maritime Meteorologie am GEOMAR - Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Er ist Autor der IPCC Berichte 2001 und 2007 und hat diese "Kolumne zur Sache" am 18. Juni auf der Webseite http://www.deutsches-klima-konsortium.de/ veröffentlicht.
 


Online-Flyer Nr. 516  vom 24.06.2015

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