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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Verquickung von Politik und Religion - ein historisches Phänomen
Macht und Glauben
Von Harald Schauff

 
Wie hältst du’s mit der Religion? fragt Gretchen Faust. Die Antwort lautete am besten: So tolerant wie kritisch. Wer es glauben möchte, mag es tun und darüber selig werden. Ein Problem ist dabei die Überzeugung, es mit absoluter göttlicher Wahrheit zu tun zu haben, wo es sich doch offensichtlich um das Werk sterblicher fehlbarer Menschen handelt. Diese schrieben es zu einer bestimmten Zeit unter bestimmten Umständen, politischen wie gesellschaft-lichen Verhältnissen, nieder. Aus diesem Kontext werden die Schriften in den Zeiten danach gerissen und sollen doch zeitlos Gültigkeit haben. Man stößt auf die Frage der Auslegung: Wie sind sie zu verstehen? Es gibt Gezänk um das Verständnis der ‘reinen Lehre’. Darüber entstehen Abspaltungen, Abzweigungen, verschiedene Richtungen.
 

Japanischer Buddha
NRhZ-Archiv
Das Glaubenswerk selbst ist vielschichtig, heterogen. Es kann so oder so ausgelegt werden. Hieraus ergibt sich die Gefahr der Instrumentalisierung und der Ideologisierung bis hin zum Fanatismus. Ein gravierender Denkfehler ist die Annahme, man könne Religion ohne weiteres von Macht und Politik trennen. Der Indologe Uwe Hartmann bemerkt, wenn wir uns eine Religion anschauten, dann sähen wir die reine Lehre. Bei fremden Religionen würden wir unterschätzen, dass wie bei uns jede Menge Macht und Politik dahinter stünden und dass jede Religion involviert sei in ein Umfeld. Hartmann erläutert dies am Beispiel des Buddhismus, der als die friedfertigste Religion überhaupt gilt (Siehe Artikel ‘Buddha brutal’ von Thomas Klatt, Neues Deutschland v. 27./28. Dez. 2014).
Wir wüssten nicht, was Buddha gelehrt habe, so Hartmann, weil zwischen seinem Leben und den ersten uns zugänglichen Aufzeichnungen Hunderte Jahre liegen. Sicher ist: Die erste Form der Überlieferung richtet sich eindeutig gegen Gewalt und vertritt diese Position stärker als das Christentum. Das Gebot ‘Du sollst nicht töten’ gilt im Buddhismus auch für Tiere. Ausdrücklich wird aufgefordert, Berufe zu meiden, die anderen Lebewesen Leid zufügen wie z.B. Jäger, Fischer oder Soldat. So weit der ‘radikalpazifistische Anspruch.’ Die ‘buddhistische Realpolitik’(Hartmann) wich allerdings um Längen davon ab. So suchten während des Zweiten Weltkrieges in Japan buddhistische Mönche Kasernen auf, um dort Zen-Meditationen abzuhalten. Diese sollten Offiziere für den Krieg stählen.
 
Die Soto-Zen-Schule sammelte Juli 1941 Spenden für ein neues Kampfflugzeug, das sie der kaiserlichen Marine schenkte. Soto und die beiden anderen Hauptzweige des japanischen Zen, Shin und Rinzai, gaben sich nicht nur staatstragend und kaisertreu. Sie lieferten auch das ideologisch-religiöse Gerüst für die tapferen Soldaten.
 
Die Vorgeschichte der religiös- militärischen Liaison begann Ende des 19. Jahrhunderts, als der Zen im neuen Japan wieder entdeckt wurde. Spätestens
mit dem Krieg zwischen Japan und Russland 1904/5 verfestigte sich die Unterstützung des Militärs durch den Zen-Buddhismus. Der ‘Buddhismus des Kaiserlichen Weges’ verklärte den Krieg zum Akt des Mitgefühls. Die Kriegsgegner Russland, später China und die USA, wurden nicht nur zu Feinden Japans, sondern des Buddha selbst erklärt. Bis heute fällt den politischen und religiösen Eliten Japans ein Eingeständnis ihrer Schuld an den Kriegsverbrechen schwer.
 
Japan ist beileibe keine gewalttätige Ausnahme in der Geschichte des Buddhismus. In dem als Vorzeigeland des friedlichen Buddhismus gehandelten Tibet kam es innerhalb der religiösen Institution immer wieder zu heftigen Kämpfen. Die Gelugpas, Anhänger einer der Richtungen des tibetischen Buddhismus, schafften es schließlich mit mongolischer Hilfe, ihre Gegner innerhalb Tibets auszuschalten. Sie führten eine neue Herrschaftsform ein, mit dem Dalai Lama an der Spitze. Diese Ordnung hielt bis zur chinesischen Okkupation 1950. Obwohl sich gerade Mönche und Nonnen zur Gewaltfreiheit verpflichteten, erwähnt die Literatur immer wieder Mönchsarmeen. Laut Hartmann bekämpften sich die verschiedenen Schulrichtungen des tibetischen Buddhismus in ihrer Geschichte häufiger nicht nur mit den Waffen des Geistes.
 
Bis heute tritt der Buddhismus in weiteren Ländern mit Waffengewalt auf. So findet in Sri Lanka ein blutiger Bürgerkrieg zwischen buddhistischen Shingalesen und hinduistischen Tamilen statt. Im Süden Thailands bekriegen sich malaische Muslime und Thai-Buddhisten.
Indologe Hartmann vermutet, dass eine völlige Gewaltfreiheit des Buddhismus niemals existiert hat. Auch aus dem ersichtlichen Grund, dass die Staaten für ihre äußere und innere Sicherheit auf Polizei und Militär angewiesen waren und sind. Buddha selbst habe sich erst gar nicht in die Politik eingemischt. Er sprach mit Fürsten, Königen, Ministern und Soldaten. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Hierin ähnelt der Buddhismus den monotheistischen Religionen, die in ihrer Geschichte eher zur Stabilisierung bestehender Hierarchien beitrugen.
 
Anders als der Buddhismus haben sie allerdings direkten Einfluss auf die Politik genommen oder sie gleich selbst betrieben. Bis heute: Siehe Vatikan, Saudi-Arabien oder Iran. Deutlich ist bei ihnen auch eine Verklärung von Macht an sich: Gebetsrituale wie Verbeugen und Niederknien sind im Prinzip nichts anderes als Gesten der Unterwerfung gegenüber der
höchsten Autorität: Gott.
 
Heftiger als im Buddhismus bekämpften sich in den monotheistischen Religionen die verschiedenen Glaubensrichtungen über Jahrhunderte und Jahrtausende. Katholiken zogen gegen Protestanten zu Felde, Schiiten gegen Sunniten wie umgekehrt. Die Glaubensgeschichte zieht eine lange Blutspur hinter sich her. Das ‘Pax Vobiscum’ (Friede sei mit euch) gilt für das Christentum erst in der jüngeren Zeit, mit dem Absinken seines politischen Einflusses. Im Endeffekt garantiert keine Religion den Weltfrieden, wie gesehen auch der Buddhismus nicht, allen Lehren der Gewaltlosigkeit zum Trotz.
 
Indologe Hartmann betont, unsere westliche Vorstellung von dieser Religion habe nichts mit dem Buddhismus zu tun, wie er in asiatischen Ländern gelebt und praktiziert werde. Das sei eine Verklärung, ein Mythos. Und wir lernen: Glauben ist gut, näher Hinschauen und kritisch Hinterfragen besser. (PK)
 
 
Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf" und hat diesen Beitrag in deren aktueller März-Ausgabe Nummer 206 veröffentlicht.
 


Online-Flyer Nr. 501  vom 11.03.2015

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