NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Die Berichterstattung über den „Friedenswinter“
Hüte Dich vor den Friedfertigen!
Von Krysztof Daletski

Am 13.12.2014 fand vor dem Amtssitz des Bundespräsidenten in Berlin eine Friedensdemonstration mit prominenten Rednern wie Daniela Dahn und Eugen Drewermann statt. Anschließend konnten die Teilnehmer in den Zeitungen lesen, dass sie einer Versammlung von "Verschwörungs-Theoretikern, Linken, Rechten und Wirrköpfen" [1] beigewohnt hätten, wobei diese Etiketten nahezu identisch von zahlreichen Zeitungen verwendet wurden, was den Eindruck einer Kampagne erweckte. Das folgende Gedicht fasst diese Berichterstattung überspitzt zusammen.

Eine Friedensdemonstration (links) und deren Darstellung in den Medien (rechts).
Bild: Krysztof Daletski
 
Geh bloß nicht demonstrieren für Frieden in der Welt!
Zu denen, die marschieren, haben manche sich gesellt,
Die nennen sich „Antifaschisten“.
Doch Vorsicht: an diesem Begriff
Erkennt man die Altkommunisten,
Die sehn hinter allem
die finsteren Absichten des Kapitals.
Und wenn sie behaupten
zu hörn die Signale, so halte dich fern!
Geh bloß nicht demonstrieren für Frieden in der Welt!
Zu denen, die marschieren, haben manche sich gesellt,
Die wittern „Imperialismus“.
Doch Vorsicht: an diesem Begriff
Erkennt man die Nationalisten,
Die undankbar leugnen,
dass Freiheit nur schenkt der atlantische Bund.
Und wenn sie sich sammeln
zu mahnen für Frieden, so halte dich fern!
Geh bloß nicht demonstrieren für Frieden in der Welt!
Zu denen, die marschieren, haben manche sich gesellt,
Die störn sich am „Medien-Gleichklang“.
Doch Vorsicht: an diesem Begriff
Erkennt man Verschwörungserfinder,
Die suchen noch Vielfalt,
wenn alternativlos die Deutungen sind.
Und wenn sie befüllen
die Weblogs am Freitag, so halte dich fern!
Geh bloß nicht demonstrieren für Frieden in der Welt!
Zu denen, die marschieren, haben manche sich gesellt,
Die kommen mit Bibelzitaten.
Doch Vorsicht: an diesem Bezug
Erkennt man die Armen im Geiste,
Die glauben tatsächlich,
die Bergpredigt wäre von praktischem Wert.
Und wenn sie beklampft
„Ubi caritas“ singen, dann halte dich fern!
 
Geh bloß nicht demonstrieren für Frieden in der Welt!
Zu denen, die marschieren, haben manche sich gesellt,
Die rufen nach „friedlicher Lösung“.
Doch Vorsicht: an diesem Begriff
Erkennt man die fünfte Kolonne,
Die Wehrkraft zersetzend
das Land überliefert dem lauernden Feind.
Und wenn sie sich sammeln
zur blau-weißen Taube, dann halte dich fern!
Und geh nicht demonstrieren für Frieden in der Welt!
Es hat zum Protestieren viel zu Vieles sich gesellt.
Geh bloß nicht demonstrieren gegen Kriegstreiberei,
Denn die da aufmarschieren, da sind Schmuddelkinder bei
 
Dieses Gedicht ist zuerst als Nutzerbeitrag in der Online-Community des „Freitag“ erschienen. In gesungener Form kann man es auf YouTube auch hören:
https://www.youtube.com/watch?v=Vc9CXOBo-Jw
 
Hintergrund
 
Massenmediale Angriffe auf um den Frieden Besorgte sind nichts Neues. Auch die "alte“ Friedensbewegung sah sich Vorwürfen ausgesetzt, die teilweise mit den heutigen identisch waren: "Die Zeit" z.B. kramt mit Ihrer Überschrift "Dass man sie bis nach Moskau hört" [2] die "5. Kolonne Moskau" wieder aus der Propagandamottenkiste hervor. In den 80er Jahren gab es sogar einen satirischen Autoaufkleber: "Hupen zwecklos, Fahrer wird von Moskau ferngesteuert".

Die gegenwärtige Kampagne gegen den von einem breiten Bündnis getragenen "Friedenswinter" (siehe friedenswinter.de) ist allerdings etwas geschickter und anscheinend auch erfolgreicher: es sollen mit der Warnung, sich möglicherweise in schlechter Gesellschaft zu befinden, besorgte Bürger ferngehalten werden. Vermutlich zu diesem Zweck erschien ein warnender Bericht über die Demonstration bereits drei Tage vorher [3]. Dabei wird die klassische ad hominem Taktik angewandt: um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Forderungen zu vermeiden, wird nach Äußerungen einzelner Beteiligter in anderen Zusammenhängen gesucht, anhand derer sie als unwürdige Gesprächspartner diskreditiert werden.

Zu den einzelnen aufgedrückten Stempeln:

Altkommunisten
Durch die Behauptung J. Ditfurths, sie erkenne in einzelnen Äußerungen auf den „Mahnwachen für den Frieden“ antisemitische „Codes“ der „Neu-Rechten“ [4], sahen sich die Veranstalter des „Friedenswinters“ genötigt, ihre antifaschistische Gesinnung deutlich zu machen. Der Begriff „Antifaschismus“ bietet wiederum eine willkommene Angriffsfläche, weil er in der DDR vielbenutzt wurde und auch die westdeutsche „Antifa“ sich dem linken und autonomen Spektrum zuordnete. Der Vers „zu hörn die Signale“ spielt an auf den Anfang des Liedes „Völker hört die Signale“, das die Hymne der Sozialisten und Kommunisten ist.

Nationalisten
Kritik an der NATO wird gerne mit dem Argument begegnet, dass nur die Einbindung in das westliche Militärbündnis nach dem zweiten Weltkrieg die Freiheit Westdeutschlands gesichert und zugleich ein Aufleben des immer drohenden deutschen Nationalismus verhindert habe. Aus Dankbarkeit müsse Deutschland sich nun stärker militärisch engagieren.

Verschwörungstheoretiker
Die Kritik an einseitiger Berichterstattung der Medien insbesondere über die Ukraine-Krise 2014 wird von Medienvertretern als Verschwörungstheorie abgetan mit dem Hinweis, dass kein Politiker direkten Einfluss auf Journalisten nimmt. Dass es andere Mechanismen gibt, die die Berichterstattung beeinflussen [5,6] wird dabei ignoriert. Kurioserweise reagierten Medienvertreter auf die Kritik selbst wieder mit der Verschwörungstheorie, die Kritiker seien von Russland bezahlte „Trolle“ [7]. „Befüllen die Weblogs am Freitag“ bezieht sich darauf, dass die Zeitung „Der Freitag“ noch eine Kommentarfunktion zu Online-Artikeln anbietet, während andere Zeitungen dies abgeschafft oder erheblich eingeschränkt haben.

Religiöse Spinner
„Selig sind die Armen im Geiste“ lautet die erste Seligpreisung der Bergpredigt in der älteren Bibelübersetzung von F.J. Allioli [8]. Ob aus der Bergpredigt Konsequenzen für politisches Handeln folgen, ist unter Christen umstritten. Der Journalist F. Alt bejahte dies in einem in den 1980er Jahren viel diskutierten Buch [9], während der Pfarrer und spätere Bundespräsident J. Gauck dies verneinte: „Wer mit der Bergpredigt Politik machen will, gehört auf die Couch“ [10].

5. Kolonne Moskaus
Dieser Vorwurf wurde bereits im Nachkriegsdeutschland gegen eine Politik erhoben, die statt Konfrontation auf eine Verständigung mit der Gegenseite setzt, wobei die Gegenseite damals der Ostblock unter Führung der Sowjetunion war. Der Begriff „Putin-Versteher“ geht in dieselbe Richtung. „Wehrkraftzersetzung“ war im Dritten Reich während des zweiten Weltkriegs ein Straftatbestand, auf den die Todesstrafe stand. Die weiße Taube auf blauem Grund ist das traditionelle Zeichen der Friedensbewegung. (PK)
 
 
[1] M. Niewendick: „Verschwörungstheoretiker, Linke und Neonazis gegen Gauck.“ Der Tagesspiegel (Online-Version), 13.12.2014
[2] L. Jacobsen: „'Friedenswinter' - Dass man sie bis nach Moskau hört“. Zeit-Online, 13.12.2014
[3] S. Geyer: „In Wut vereint.“, Frankfurter Rundschau (Online-Version), 10.12.2014
[4] Interview mit J. Ditfurth im Kulturmagazin auf 3sat am 16.04.2014
[5] N. Chomski, E. Herman: „Manufacturing Consent.“ Pantheon Books, New York, 1988
[6] U. Krüger: „Meinungsmacht.“ Herbert von Halem Verlag, Köln, 2013
[7] J. Hans: „Putins Trolle.“ Süddeutsche Zeitung (Online-Version), 13.06.2014
[8] F.J. Allioli: „Die heilige Schrift des alten und neuen Testaments.“ Johann Adam Stein, 1830
[9] F. Alt: „Frieden ist möglich.“ Piper, München, 1983
[10] S. Willeke: „König Jochen.“ Zeit-Online, 31.07.2014


Online-Flyer Nr. 497  vom 11.02.2015

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie