NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Kommentar
Deutsche Medien erfinden Bank-Run vor Wahl in Griechenland
Panikmache wegen SYRIZA
Von Peter Kleinert

Die Partei SYRIZA – Vereinte Soziale Front könnte nach Umfragen vom Dezember 2014 bei den anstehenden Wahlen in Griechenland 28 Prozent der Stimmen erhalten, während für die Partei Nea Dimokratia des bisherigen Regierungschefs Andonis Samaras nur noch 25 Prozent vorausgesagt werden. Laut einer Umfrage des Athener Meinungsforschungsinstituts Public Issue erwarten 68 Prozent der befragten griechischen WählerInnen einen Sieg von SYRIZA.

"Im Rahmen der Panikmache vor einer linken Regierung in Griechenland" habe die Propaganda-Maschinerie der deutschen Medien kurzerhand einen Bankensturm erfunden, heißt es in einem Bericht des deutschen Griechenland-Blogs (1): "Mit reißerischen Schlagzeilen wie “Griechenlands Sparer heben Milliarden ab” (Spiegel), “Griechen versorgen sich mit Bargeld” (Handelsblatt), “Griechen heben Milliardensumme ab” (Focus), “Besorgte Griechen heben Milliarden von Konten ab” (Welt), die auf breiter Basis unbesehen aufgegriffen, nachgeplappert und reproduziert werden, versucht die deutsche Propagandamaschine angesichts eines sich als wahrscheinlich abzeichnenden Wahlsiegs der SYRIZA in Griechenland Angst und Panik vor den “Linken” zu schüren."
 
Als Aufhänger diente ein am 31 Dezember 2014 in der griechischen Zeitung “Kathimerini” veröffentlichter Artikel über die Entwicklung der Bankguthaben, so wie es in den deutschen Medien auch auf den Angaben der Griechischen Bank basierende Berichte zu finden gibt. Ebenfalls ist es eine Tatsache, dass infolge stetig steigender steuerlicher Belastungen einerseits und sinkender Einkommen und galoppierender Arbeitslosigkeit anderseits immer mehr Steuerzahler gezwungen sind, ihre letzten Reserven (sprich Sparguthaben) anzugreifen um ihren Verpflichtungen nachzukommen.
 
Obwohl es in dem erwähnten Artikel der “Kathimerini” ausdrücklich heißt, “… es zeigten sich keine Phänomene eines massenhaften Abzugs von Guthaben“, wird in der deutschen Medienlandschaft das Gerücht über einen angeblichen Schaltersturm in Griechenland verbreitet und von vielen Möchtegern-Journalisten unbesehen übernommen, ohne auch nur einen einzigen Blick auf die angebliche “Quelle” zu werfen – nach der man (z. B. in Form eines Verweises auf den konkreten Online-Artikel der "Kathimerini") im übrigen vergeblich sucht.
 
Laut "Kathimerini" wird damit gerechnet, dass die Guthaben der griechischen Unternehmen und Haushalte sich Ende des Jahres 2014 auf das Niveau vom Dezember des Vorjahres gestalten werden, womit die übliche Praxis der jedes Jahr zum Ende des Jahres steigenden Guthaben gekippt würde. Grund sind die selektiven Kapitalabflüsse, die in den letzten Tagen des Jahres 2014 wegen des Auslaufens der Wiederanlageperiode für Festgeldanlagen angesichts der sinkenden Zinssätze verzeichnet wurden, aber auch die erhöhten steuerlichen Verpflichtungen, die den jedes Jahr erwarteten Anstieg zunichte machten.
 
Gemäß den am 30 Dezember 2014 von der Griechischen Bank veröffentlichten Daten wurde bereits im November 2014 ein kleiner Rückgang in der Größenordnung von 199,7 Mio. Euro bei den Restguthaben verzeichnet, deren Höhe sich von 164,5 Mrd. Euro auf 164,3 Mrd. Euro gestaltete. Der wirkliche Rückgang ist jedoch größer, da im November 2014 Zahlungen des OPEKEPE in einer Größenordnung von 800 Mio. Euro in das System flossen. Gemeint sind Entschädigungs- und Subventionszahlungen in der Vieh- und Landwirtschaft. Dies ist auch der Grund, aus dem sich die Guthaben auf den Sparkonten der Haushalte um 451.5 Mio. Euro auf 43,6 Mrd. Euro gestiegen zeigen, während die Festgeldanlagen um 150 Mio. Euro auf 84,7 Mrd. Euro sanken.
 
Gemäß den Einschätzungen der Banken war im Dezember der Abfluss von Guthaben größer und wird auf ungefähr 2,5 Mrd. Euro veranschlagt, da Großanleger sich entweder für die Anlage eines Teils ihrer Gelder in Investment- oder Aktienfonts oder für den Transfer auf bereits bei Banken im Ausland geführte Konten entschieden. Diese selektiv auch von großen Portefeuilles beobachtete Entwicklung in Kombination mit den erhöhten steuerlichen Verpflichtungen, welche die griechischen Haushalte zu jedem Jahresende belasten, ließen den Anstieg “verfliegen”, der traditionell im Monat Dezember auch wegen des Weihnachtsgeldes verzeichnet wird und analog zu der Periode selbst in den schlimmsten Jahren ab wenigstens 2 Mrd. Euro beginnt und bis zu sogar 5 Mrd. Euro erreichen kann.
 
Das Scheitern der Wahl eines Staatspräsidenten durch das gegenwärtige Parlament und die kurz vor Ende des Jahres erfolgte Ausrufung vorgezogener Neuwahlen beeinflusste die Psychologie der Sparer nicht, und es zeigten sich auch keine Phänomene eines massenhaften Abzugs von Guthaben. Die Sicherheit, welche die EZB der Stabilität des Banksystems gewährt, und die Beseitigung jeder Gefahr eines Ausscheidens aus dem Euro wirkten sich beruhigend auf die von einem Teil der Anleger gezeigten beschränkten Beunruhigungen aus, womit die wie auch immer gearteten Züge hauptsächlich von Großanlegern im Rahmen auch der Suche nach einer besseren Rendite bei ihren Geldern herrührten.
 
Im November 2014 wurde eine kleine Verlangsamung des negativen Rhythmus der Finanzierung der Unternehmen und Haushalte durch die Banken verzeichnet, der um 3% gegenüber 3,2% im Oktober und 3,8% im November 2013 zurückging. Die – sei es auch geringe – Verlangsamung stellt ein schüchternes Anzeichen der allmählichen Wiederherstellung der Liquidität auf dem Markt dar, es bleibt jedoch die Frage bestehen, inwieweit sich angesichts der Wahlen diese Tendenz im Dezember 2014, aber auch in den ersten Monaten des Jahres 2015 fortsetzen wird. So "Kathimerini".
 
Ob es in Griechenland in den kommenden Tagen oder Wochen möglicherweise wirklich einen Ansturm verunsicherter Sparer auf die ATM und Schalter der Banken geben wird, vermag derzeit niemand auszuschließen. Festzustehen scheint jedoch, dass ein Klima allgemeiner Beunruhigung in der griechischen Bevölkerung – und in diesem Rahmen auch ein vorsätzlich provozierter Bank-Run – gewissen Interessen und Machtzentren durchaus gelegen käme.
 
Bereits anlässlich der Parlamentswahlen im Jahr 2012 wurden alle Register gezogen, um unter anderem gezielt die Rentner in Angst und Schrecken zu versetzen und sie glauben zu machen, im Fall eines Wahlsiegs der SYRIZA seien ihre Renten gefährdet. Die Analysen der damaligen Wahlergebnisse zeigten dann auch, dass diese Strategie tatsächlich fruchtete und die Nea Dimokratia 2012 ihren Wahlsieg größtenteils speziell dieser Wählergruppe zu verdanken hatte.
 
In diesem Sinn ist fast sicher mit weiteren aus dem In- und Ausland initiierten “konzertierten Aktionen” zu rechnen, um die – zumal zu einem erheblichen Anteil noch bzw. nun wieder unentschlossenen – Wähler zu verunsichern und so dazu zu bringen, “richtig” zu wählen. (PK)
 
(1) http://www.griechenland-blog.gr/2015/01/deutsche-medien-erfinden-bank-run-in-griechenland/2134115/
 


Online-Flyer Nr. 492  vom 07.01.2015

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE