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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Inland
Freiburger Ausstellung des privaten Vereins "geraubte Kinder - vergessene Opfer"
Restitution
Von Hans Georg

Eine am vergangenen Freitag in Freiburg begonnene Wanderausstellung offenbart den Umgang der Bundesrepublik mit den geraubten und vom NS-Regime zwangsgermanisierten Kindern. Mehrere Hunderttausend wurden vor allem in der UdSSR, Polen und in der früheren Tschechoslowakei von den deutschen Besatzern ihren Familien entrissen und wegen einer angeblich nicht-slawischen Blutsherkunft verschleppt. Ziel war die Rückholung "germanischer Volkssubstanz" durch Adoption in deutschen Familien.

Quelle: http://www.geraubte.de/
 
Die Zahl der in der Bundesrepublik lebenden Verschleppten ist unbekannt. Ihre Identitäten wurden auch in der Nachkriegszeit mit Hilfe des (west-)deutschen Innenministeriums verdunkelt und verschleiert. Bis heute weigerten sich sämtliche Bundesregierungen, die Zwangsgermanisierten zu restituieren. Ihr "Schicksal" erfülle "als solches keinen Tatbestand einer speziellen Wiedergutmachungsregelung", heißt es im jetzigen Bundesfinanzministerium. Zur Eröffnung der Wanderausstellung in Freiburg am 9. Mai werden Überlebende der Zwangsgermanisierungen aus Slowenien erwartet. In Aussicht genommene weitere Ausstellungsstationen sind Berlin und Hamburg.
 
Laut Befehl der Heeresgruppe Mitte wurden mindestens 40.000 sowjetische Kinder im Alter bis zu 14 Jahren zur "Erfassung" ausgeschrieben, um sie entweder als Arbeitskräfte zu entführen oder einzudeutschen.[1] Die Gesamtzahl der aus dem Gebiet der damaligen UdSSR zunächst nach Polen, dann nach Deutschland Verschleppten ist unbekannt. Noch höhere Zahlen nennen polnische Historiker, die von über 200.000 Entführungen Minderjähriger durch die deutschen Besatzer auf polnischem Territorium sprechen. Von den Tätererben in der Bundesrepublik (und in der DDR) ist eine zuverlässige Bestandsaufnahme ähnlicher NS-Verbrechen etwa in der Tschechoslowakei und in den übrigen okkupierten Staaten nie durchgeführt worden. Zu den Herkunftsländern der Verschleppten gehören auch das ehemalige Jugoslawien und Norwegen.
 
Mehrere Hunderttausend
 
Als die Opferstaaten in der Nachkriegszeit von der Bundesrepublik verlangten, Auskunft über die Entführten zu erteilen, um sie zurückführen zu können, griff das Bundesinnenministerium 1952 zu einem "juristischen Kniff".[2] Da eventuelle Unterlagen bei den Jugendämtern lagen, wurden die nachgeordneten Behörden aus dem Ressortbereich des Innenministeriums ausgegliedert und in die kommunale Selbstverwaltung der Gemeinden entlassen. Wer die Spur verschleppter Kinder aufnehmen wollte, musste in sämtlichen Orten Westdeutschlands Anfragen stellen. "Mehrere hunderttausend Kinder" konnten "nicht mehr ausfindig gemacht" werden, heißt es in einer Untersuchung über die "Masseninobhutnahme durch deutsche Jugendämter" aus dem Jahr 2010.
 
Lebenslange Suche
 
Nur durch Zufälle gelang es wenigen Verschleppten, ihrer wahren Herkunft bis in die ursprünglichen Heimatländer nachzugehen. Über die Ergebnisse dieser oft lebenslangen Suche berichtet der Kurator der Freiburger Ausstellung und Vorsitzende des privaten Vereins "geraubte Kinder - vergessene Opfer", Christoph Schwarz, im Interview mit german-foreign-policy.com. So konnte Johanna Kunzer ihre tatsächliche Identität, nach der sie lange gesucht hatte, erst 1990 in Erfahrung bringen; ihre Pflegemutter hatte sie insgesamt sechs Mal entführt, als das polnische Rote Kreuz sie ihrer leiblichen Mutter zurückbringen wollte. Hermann Lüdeking, als Kind aus Polen verschleppt, hat trotz unaufhörlicher Bemühungen nie erfahren, wer seine Eltern waren; Spuren, die weiterhelfen könnten, sind unauffindbar.
 
Begrenzte Mittel
 
Keinem der Verschleppten gelang es in der Bundesrepublik, als NS-Opfer anerkannt zu werden. Sämtliche Bundesregierungen schlossen und schließen Zahlungen an die unmittelbar Leidtragenden des deutschen Germanisierungswahns aus. Wer von seiner Vergangenheit erfuhr und von den deutschen Behörden abgewiesen wurde, geriet in einen "Prozess kumulativer Traumatisierung".[3] Auch die wohltätige Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) verweigert den Entführten eine materielle Kompensation - "wegen begrenzter finanzieller Mittel."
 
Leistungsfähigkeit
 
Ebenso begrenzt sind die Mittel des Bundesfinanzministeriums. Wie es in einem Schreiben aus der dortigen Abteilung V an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages heißt, würde "eine vollständige Schadloshaltung der Verfolgten ... die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland bei weitem übersteigen".[4] Autor dieser Zeilen ist Ministerialdirektor Dr. Kurt Bley - identisch mit dem gleichnamigen Bley, der als Kuratoriumsmitglied in der Stiftung EVZ die staatlichen Leistungsgrenzen und die Grenzen stiftender Wohltätigkeit zusammenführt.[5]
 
Kriegsopferentschädigung
 
Wie es in der Freiburger Ausstellung heißt, stehe die verweigerte Restitution für die NS-Opfer in einem nicht hinnehmbaren Widerspruch zu Leistungen des deutschen Staates an die Täter. Sie wurden und werden für ihre oft mörderischen Leistungen kompensiert. "So erhielt ein SS-Bewacher des Vernichtungslagers Auschwitz bis 1998 eine Kriegsopferentschädigung. Über die Jahre waren dies mehr als 60.000 Euro für sein Mordhandwerk".[6]
 
Gewohnheitsverbrechen
 
Ein besonders grausames Kapitel, dem antifaschistische Partisanen und ihre Familien zum Opfer fielen, dokumentiert die Freiburger Ausstellung mit Zeitzeugen aus Slowenien. Wie Fotos zeigen, wurden ihre Väter zu Dutzenden exekutiert, die Kinder entführt und nur durch Zufälle in der Nachkriegszeit entdeckt. Der Raub von Kindern, deren Eltern bei sogenannten Säuberungsaktionen ermordet wurden, gehörte auch in der früheren Tschechoslowakei zu den Gewohnheitsverbrechen der deutschen Besatzer.
 
Berlin und Hamburg
 
Wie Schwarz betont, ist es "vorrangiges Ziel der Ausstellung, das Ausmaß des Unrechts an den verschleppten Kindern bekannt zu machen" und von der Bundesregierung Restitution einzufordern. Nach dem Freiburger Ausstellungsaufenthalt sollen die Exponate in Berlin und Hamburg zu sehen sein. Nach Informationen dieser Redaktion leben in beiden Städten hochbetagte Opfer der NS-Entführungen. Schwarz wünscht sich im Gespräch mit german-foreign-policy.com "weitere Ausstellungsstationen, Anfragen sind willkommen".
Die Ausstellung ist bis zum 16. Mai auf dem Platz der Alten Synagoge in Freiburg zu sehen. Der Eintritt ist frei. (PK)
 
Interview mit Christoph Schwarz:
 
german-foreign-policy.com: War es schwer, die Schicksale der geraubten Kinder zu dokumentieren?

Christoph Schwarz: Durchaus. Teilweise war fast kriminalistischer Spürsinn nötig. Die Lebenswege der geraubten Kinder sind nie umfassend aufgearbeitet worden; die Betroffenen sind nicht als Opfer organisiert, jeder lebt mit seinem Schicksal allein. Man findet die Opfer oft nur über persönliche Kontakte. Wenn man in Archiven auf Namenslisten stößt, hilft das auch nur mit Einschränkungen weiter: Den meisten geraubten Kindern haben die Nazis neue Namen gegeben, die keinerlei Rückschlüsse auf ihre ursprünglichen Namen zulassen; sie haben die Geburtsurkunden gefälscht, teilweise auch das Geburtsdatum willkürlich geändert - um bis zu zwei Jahre. Es fordert großen Aufwand, will man in individueller Recherche die Schicksale der geraubten Kinder nachverfolgen. Und es kommt hinzu: Viele Opfer wurden als Kleinkinder verschleppt, in einem Alter, an das sie sich nicht erinnern können; sie wissen daher in vielen Fällen nichts von ihrer wahren Herkunft und von ihrer Verschleppung - bis heute.

Sie haben sich in den früheren Opferstaaten auf die Suche begeben. Welche Begegnungen haben Sie besonders erschüttert?

Da gab es so viele... Um ein Beispiel zu nennen: In Slowenien haben die Nazis Kinder gestohlen, deren Eltern im Widerstand gegen die deutschen Besatzer kämpften. Die Väter wurden erschossen, die Mütter im KZ interniert, ihre Kinder geraubt und zur "Eindeutschung" ins Reich verschleppt. Ungefähr 1.100 Partisanenkinder waren von diesem Verbrechen betroffen. Noch heute wissen einige von ihnen nicht, wer ihre Eltern waren, weil die Nazis sämtliche Spuren ausgelöscht haben. Da wurden Häuser zerstört, ganze Ortschaften niedergebrannt, nichts ist geblieben. Es gibt Fotos, die zeigen, wie SS-Mörder kaltblütig Partisanen erschießen; für manche Kinder sind das die letzten Bilder von ihren Vätern. Das macht mich tieftraurig.

Sie berichten in der Ausstellung auch über Kinder aus Lidice. Deren Schicksal ist in der Bundesrepublik bisher kaum zur Kenntnis genommen worden.

Das Dorf Lidice wurde von den deutschen Besatzern am 10. Juni 1942 komplett ausgelöscht - als Vergeltung für das Attentat des tschechoslowakischen Widerstandes auf den NS-Verbrecher Reinhard Heydrich. Die 173 Männer, die in dem Dorf lebten, wurden ermordet und die 195 Frauen in das KZ Ravensbrück deportiert; 52 von ihnen wurden dort umgebracht. Von den 98 Kindern aus Lidice wurden 13 zur Zwangsgermanisierung selektiert, die übrigen wurden im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. In unserer Ausstellung schildern wir das Schicksal der zwangsgermanisierten Kinder.

Wieso wurden die Kinder zumindest in den Fällen, in denen die Eltern überlebt hatten, ihren Familien nicht zurückgegeben?

Die NS-Täterfamilien, in denen die Kinder damals lebten, wollten sie gewöhnlich nicht mehr loslassen. Die Gesetzgebung schützte sie dabei: Mit ihren von den Nazis gefälschten Geburtsurkunden wurden die Kinder bundesdeutsche Staatsbürger; die leiblichen Eltern hatten es umso schwerer, sie zu sich zu holen. Es gibt dramatische Schicksale. Johanna Kunzer etwa wurde, als das polnische Rote Kreuz sie ihrer leiblichen Mutter zurückbringen wollte, von ihrer Pflegemutter insgesamt sechs Mal entführt. Die Pflegemutter übte auch sonst schweren Druck auf sie aus: Sie erzählte ihr, das polnische Rote Kreuz wolle sie "abholen" und dann "ins Freudenhaus stecken". Andere geraubte Kinder wurden anderweitig getäuscht. Einem Kind erzählte seine Pflegemutter, das Lebensborn-Heim, in das es zunächst verschleppt worden war und in dem es Unterlagen zu finden hoffte, sei abgebrannt - eine blanke Lüge: Das entsprechende Lebensborn-Heim in Österreich steht noch heute. Johanna Kunzer hat ihre tatsächliche Identität erst 1990 zurückbekommen; sie musste dazu 1.000 DM an die bundesdeutschen Behörden zahlen. Genaugenommen ist sie damit ein zweites Mal geschädigt worden: Erst raubte ihr das Deutsche Reich ihre Identität, dann bereicherte sich der Nachfolgestaat am Rückkauf ebendieser Identität. Es hat sich dabei übrigens herausgestellt, dass die Nazis Johanna Kunzers Geburtsdatum um zwei Jahre gefälscht hatten; sie war jünger gemacht worden und hätte, hätte sie ihre Suche nach ihrer wahren Identität unterlassen, zwei Jahre länger arbeiten, an den Nachfolgestaat zwei Jahre länger Steuern zahlen müssen und zwei Jahre weniger Rente erhalten.

Gab es in den vergangenen Jahren Versuche der traumatisierten Opfer, von der Bundesrepublik Deutschland restituiert zu werden?

Ein Mitglied unseres Vereins "geraubte Kinder - vergessene Opfer", Hermann Lüdeking, hat es versucht. Lüdeking wurde in Polen geboren und von dort verschleppt, sein eigentlicher Name lautete Roman Roszatowski. Er weiß bis heute nicht, wer seine Eltern waren; es gibt keine Spuren, die weiterhelfen könnten. Er hat Tausende von Euro aus seinem privaten Geldbeutel bezahlt, um seine ursprüngliche Identität zu finden - erfolglos. Er hat 2003 im Rahmen der Entschädigung von Zwangsarbeitern einen Antrag bei der Stiftung EVZ gestellt, der mit der Begründung abgewiesen wurde, es sei zu wenig Geld da. Lüdeking hat also vom deutschen Staat nie eine Entschädigung für sein erlittenes Leid bekommen. Das ist besonders empörend, wenn man daran denkt, dass Mörder, die in Auschwitz Menschen umgebracht haben, eine Rente beanspruchen konnten. Ein Täter konnte dadurch teilweise mehr als 60.000 Euro erhalten. Das ist beschämend.

Haben Sie noch weitere Schritte unternommen?

Wir haben 2013 dann schließlich eine Petition beim Deutschen Bundestag eingereicht, die von zwei Opfern unterzeichnet wurde. Sie ist bis heute noch nicht beantwortet. Es sieht ganz danach aus, dass die Bundesregierung auch in diesem Fall auf Zeit spielt: Man wartet, bis die letzten Opfer tot sind; jeder Tag, der ohne Entschädigungszahlung vergeht, ist ein materieller Gewinn für Deutschland.

Sie haben den Kontakt zu Bundesfinanzminister Schäuble gesucht und ihn auf die ausgebliebenen Entschädigungsleistungen angesprochen. Wie war Ihr Eindruck?

Ich habe Schäuble mehrmals angeschrieben und ihn um Auskunft in der Entschädigungsfrage gebeten, aber lange Zeit keine Antwort erhalten; zuletzt hieß es, Schäuble habe für die Angelegenheit keine Zeit. Ich habe ihn daraufhin auf einer Wahlkampfveranstaltung öffentlich gefragt, ob die geraubten Kinder denn endlich auf eine Entschädigung hoffen dürfen. Die Antwort war zynisch. Schäuble hat im Wesentlichen erklärt, man könne nach 70 Jahren keine Entschädigung mehr zahlen; wenn man das versuche, dann bekomme man es vor allem mit "Trittbrettfahrern" zu tun. Das fand ich für einen Bundesminister beschämend.

Wie finanzieren Sie die Ausstellung und sind weitere Ausstellungsorte sicher?

Wir zeigen in der Ausstellung über 30 Exponate, wir schildern 20 Schicksale in biographischer Erzählung; teilweise berichten die Opfer in Interviews in sehr beeindruckender Weise über ihre Erlebnisse. Und wir wollen die Ausstellung in weiteren größeren Städten zeigen, etwa in Berlin und Hamburg, sind dabei aber dringend auf Unterstützung angewiesen - zum einen auf Spenden, zum anderen aber auch auf praktische Zuarbeit, auf freiwillige Helfer, die uns kontaktieren und uns bei der Arbeit vor Ort helfen. Wer bereit dazu ist - wir freuen uns über jeden, der mit uns Kontakt aufnimmt. (PK)
 
(1) Vgl.Generalleutnant R.A. Rudenko: Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf! Die Reden des sowjetischen Hauptanklägers im Nürnberger Prozess der deutschen Hauptkriegsverbrecher. Berlin 1946. Alexander von Plato: Hitlers Sklaven. Internationales lebensgeschichtliches Dokumentationsprojekt zur Sklaven- und Zwangsarbeit, Wien 2008.
[2] M.-J. Leonhard: Schwarzbuch Jugendamt. Eine Streitschrift gegen die Masseninobhutnahmen durch deutsche Jugendämter, Bochum 2010.
[3] Auskunft der Psychoanalytikerin Dr. Luise Reddemann, 23. März 2014.
[4] Schreiben vom 17.05.2013.
[5] S. dazu Politischer Steuerungsauftrag.
[6] Presseerklarung des gemeinnützigen Vereins "geraubte kinder - vergessene opfer" vom 02.05.2014.
 
Artikel und Interview haben wir mit Dank übernommen von 
http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58861
 


Online-Flyer Nr. 458  vom 14.05.2014

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