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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Der Führer des bewaffneten Kampfes und der Friedensstifter
Mandela: Der Film
Von Uri Avnery

Eben habe ich den neuen Film Mandela gesehen und er hat mich so sehr beeindruckt, dass ich nicht anders kann, als meine Eindrücke niederzuschreiben. Es ist ein sehr guter Film mit sehr guten Schauspielern. Aber das ist nicht die Hauptsache. Es ist ein sehr genauer Film, der darstellt, was tatsächlich in Südafrika geschehen ist, und man kann nicht umhin, immer wieder über ihn nachzudenken. Was denke ich also?
 
 
WENN MAN vor etwa 35 Jahren irgendeinen schwarzen oder weißen Südafrikaner gefragt hätte, wie der Konflikt enden werde, wäre die wahrscheinlichste Antwort gewesen: „Er wird nicht enden. Es gibt keine Lösung.“ Eben diese Antwort bekommt man heute in Israel und Palästina. Es konnte keine Lösung geben. Die große Mehrheit der schwarzen Südafrikaner wollte Freiheit und Herrschaft der Schwarzen. Die große Mehrheit der Weißen, sowohl der Buren als auch der Briten, wusste, dass, wenn die Afrikaner erst einmal die Macht ergriffen hätten, die Weißen abgeschlachtet oder aus dem Land vertrieben würden. Unmöglich konnte eine der Seiten einen Rückzieher machen. Und doch ist das Unglaubliche, das Unvorstellbare geschehen. Die Schwarzen haben gewonnen. Ein schwarzer Präsident ergriff die Macht. Die Weißen wurden weder abgeschlachtet noch vertrieben. Einige sagen, dass die Weißen heute auf vielfache Weise mächtiger als vorher seien. Wir haben uns so vollkommen daran gewöhnt, dass uns nicht mehr bewusst ist, was für ein Wunder es ist. Als Algerien sich nach einem langen und brutalen Freiheitskampf befreit hatte, flohen mehr als eine Million „Kolonisten“, um ihr Leben zu retten. Der riesige Exodus wurde nicht erzwungen. Präsident Charles de Gaulle verkündete lediglich, dass die französische Armee zu einem bestimmten Zeitpunkt abziehen werde, und alle Kolonisten flohen Hals über Kopf. Eine riesige Anzahl algerischer Kollaborateure wurde umgebracht. Das ist der normale Gang der Ereignisse, wenn eine Kolonialherrschaft nach einer langen Zeit brutaler Unterdrückung endet. Wie Friedrich Schiller am Anfang der kolonialen Epoche den Sklavenhaltern riet: Sie sollten „vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht“, erzittern.
 
SIND DIE südafrikanischen Schwarzen eine andere Menschenart? Sind sie humaner? Sanftmütiger? Weniger rachsüchtig? Durchaus nicht. Der Film zeigt deutlich: Sie dürsteten nach Rache. Sie hatten jahrzehntelang unaussprechliche Demütigungen erlitten. Und zwar ganz konkrete: Sie waren täglich auf Straßen, in Parks, in Bahnhöfen, einfach überall gedemütigt worden. Man hatte ihnen nicht erlaubt, auch nur einen Augenblick lang zu vergessen, dass sie schwarz und minderwertig, eigentlich untermenschlich seien. Viele hatten eine Zeit in schlimmen Gefängnissen verbracht. Es wäre also natürlich gewesen, wenn sie am Tag der Befreiung brennend, mordend und vernichtend über ihre Peiniger hergefallen wären. Mandelas eigene Frau Winnie führte die Forderung nach Rache an. Sie stachelte die Massen auf. Und nur ein Mensch stand zwischen einer Blutorgie und der ordentlichen Machtübergabe. Der Film zeigt, wie Nelson Mandela, der vollkommen alleine dastand, sich der steigenden Flut entgegenwarf. Im entscheidenden Augenblick, als alles in der Schwebe war, als die Geschichte den Atem anhielt, wandte er sich im Fernsehen an die Massen und sagte ihnen frei heraus: „Wenn ich euer Führer bin, dann werdet ihr mir folgen! Sonst sucht euch einen anderen Führer!“ Sein Ansatz war vernünftig. Gewalt hätte das Land zerrissen, vielleicht so sehr, dass es nicht hätte wiederhergestellt werden können, so, wie es in einigen anderen afrikanischen Ländern geschehen ist. Die Schwarzen hätten in Angst leben müssen, ebenso wie die Weißen in der Zeit der Apartheid in Angst hatten leben müssen. Und, so unglaublich es ist: Die Menschen folgten ihm.
 
MANDELA WAR jedoch kein übermenschliches Wesen. Er war ein normaler Mensch mit normalen Instinkten. Er war tatsächlich Terrorist gewesen, der Menschen zum Töten und Getötetwerden ausgeschickt hatte. Er hatte Jahre sowohl körperlicher als auch seelischer brutaler Behandlung erlitten, Jahre der Einzelhaft, die ihn in den Wahnsinn hätte treiben können. Als Mandela noch im Gefängnis war, nahm er gegen den Willen seiner engsten Kameraden mit den Führern des Apartheidregimes Verhandlungen auf. Hätte es ohne Frederik Willem de Klerk einen Mandela geben können? Eine gute Frage. Der Film beschäftigt sich nicht mit de Klerks Persönlichkeit. Aber er war ein Mann, der die Situation verstanden hat, der mit dem einverstanden war, was einer fast vollkommenen Unterwerfung unter die verachteten „Kaffern“ gleichkam, und der das ohne einen Tropfen Blutvergießen tat. Wie Michail Gorbatschow, aber unter vollständig anderen Umständen, überwachte er eine unblutige historische Revolution. (Seltsam genug: Die Bezeichnung „Kaffern“ der weißen Rassisten für die Schwarzen leitet sich vom arabischen und hebräischen Ausdruck für Ungläubige her.) Mandela und de Klerk entsprachen einander vollkommen, obwohl man sich kaum zwei unterschiedlichere Menschen vorstellen kann.
 
WAS VERURSACHTE den Zusammenbruch der abscheulichen Apartheid? In aller Welt, auch in Israel, entspricht der allgemeinen Auffassung, dass es der dem Apartheidsstaat auferlegte weltweite Boykott gewesen wäre, der ihm die Knochen gebrochen hätte. In Dutzenden von Ländern weigerten sich die Anständigen, südafrikanische Waren anzurühren oder an Sportveranstaltungen mit südafrikanischen Mannschaften teilzunehmen. Dadurch wurde Südafrika zum Paria-Staat. Das ist wahr und bewundernswert. Jeder, der an dieser weltweiten Aufwallung teilgenommen hat, verdient Respekt. Aber zu glauben, dass dieser Boykott das den Kampf entscheidende Element gewesen wäre, ist in sich selbst ein Symptom westlicher Herablassung, etwas wie ein moralischer Kolonialismus.
Der Film widmet diesen weltweiten Protesten und dem weltweiten Boykott nur ein paar Sekunden und nicht mehr. Es war der heldenhafte Kampf der südafrikanischen – meist schwarzen, aber auch indischen Nachkommen von Einwanderern und „farbigen“ Mischrassen – Massen, der zum Sieg führte. Die Mittel waren bewaffneter Kampf, der von den Unterdrückern stets und überall „Terrorismus“ genannt wird, gewaltfreie Massenaktionen und Massenstreiks. Unterstützung aus dem Ausland diente hauptsächlich dazu, die Moral zu heben. Mandela führte diesen Kampf nicht nur an, sondern nahm auch aktiv daran teil, bis er auf Lebenszeit ins Gefängnis gesperrt wurde.
Der Film erweckt den Eindruck, als hätte es zwei Mandelas gegeben: den Führer des bewaffneten Kampfes, der Blut vergossen hat, und den Friedensstifter, der zum Weltsymbol für Toleranz und Vergebung geworden ist. Diese beiden Mandelas sind jedoch ein und derselbe, die Persönlichkeit, eines Mannes, der bereit war, sein Leben für die Freiheit seines Landes hinzugeben, und der dann im Sieg hochherzig und versöhnlich war.
Er stimmte vollkommen mit dem alten jüdischen Spruch überein: „Wer ist ein Held? Derjenige, der Menschen, die ihn hassen, in Menschen, die ihn lieben, verwandelt.“
 
EIN ISRAELI ist gezwungen, sich die unvermeidliche Frage zu stellen: Was sagt uns der Film über Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten zwischen der südafrikanischen und der israelisch-palästinensischen Situation?
Der erste Eindruck ist, dass die Situationen vollkommen verschieden voneinander sind. Die politischen und demografischen Hintergründe sind um Welten voneinander verschieden. Die meisten Ähnlichkeiten sind oberflächlich. Der offensichtlichste Unterschied im Besonderen ist: Kein palästinensischer Mandela ist in Sicht und noch weniger ein israelischer de Klerk.
Mandela hat die palästinensische Sache leidenschaftlich unterstützt. In Yasser Arafat sah er einen Seelenverwandten. Es gibt tatsächlich eine Ähnlichkeit: Wie Mandela setzte Arafat einen gewaltsamen revolutionären Befreiungskampf („Terrorismus“) in Gang und wie Mandela beschloss er, mit seinem Feind Frieden zu schließen (Oslo). Wenn Arafat groß und schön wie Mandela gewesen wäre – vielleicht hätte die Welt ihn dann anders behandelt.
Mandelas antizionistische Haltung ähnelte der Mahatma Gandhis, dessen Gedanken sich in den 21 Jahren geformt hatten, die er in Südafrika verbracht und dessen Rassismus er erlitten hatte - noch bevor die Apartheid offiziell zum Gesetz geworden war. Während jedoch Mandelas Credo der Vergebung den Sieg davontrug, war Gandhis Credo der Gewaltfreiheit kein Erfolg beschieden. Die Befreiung Indiens wurde von unsäglicher Gewalt begleitet, bei der wenigstens eine halbe Million Muslime und Hindus starben, darunter auch Gandhi selbst.
Der Film endet mit Mandelas Wahl zum Präsidenten, dem sowohl Schwarze als auch Weiße zujubeln. (PK)
 
Uri Avnery, geboren am 10. September 1923 in Deutschland, ist israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist. Er war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset.
Für die Übersetzung aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler, die uns noch folgenden Hinweis gab: "Eben habe ich von Gush Shalom den Hinweis auf ein Video bekommen. Es wurde zur Feier von Uris 90. Geburtstag aufgenommen: "Turning points in Uri Avnery's life", 15 Minuten. 
http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=86ZEUgwrsOg
 


Online-Flyer Nr. 439  vom 01.01.2014

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