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Aktueller Online-Flyer vom 23. März 2017  

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Globales
Hintergründe eines polizeilichen Großeinsatzes gegen die AKP in der Türkei
"Feuerbälle" im Schoße Erdogans
Von Cahit Mervan

Die islamistische Bewegung des in den USA im Exil lebenden Imam Fethullah Gülen, auch Gülen-Sekte genannt, hat auf Grundlage von „Veruntreuungs- und Bestechungsvorwürfen“ gegen die AKP-Regierung eine groß anlegte juristische Operation gestartet. Dabei wurden bereits dutzende Personen, unter diesen auch der Sohn des AKP-Innenministers Muammer Güler, festgenommen. Diese Vorgänge sind als der Beginn einer offen ausgetragenen längeren harten Auseinandersetzung zwischen der Gülen-Sekte und der AKP-Regierung zu verstehen.
 

Fethullah Güllen und Ministerpräsident Erdogan, als sie sich noch gut verstanden
Quelle: http://www.civaka-azad.org
 
Die Regierung wird es aber auch nicht dabei belassen, lediglich die Vertreter der sogenannten „Dienstbewegung“ im Polizei-, Justiz- und Staatsapparat zu entlassen. Denn auch sie wird mit ähnlichen Mitteln wie polizeilichen Operationen antworten. Daher sollte es niemanden überraschen, wenn übermorgen hohe Vertreter der Gülen-Sekte unter dem Vorwurf eines „Putschversuches“ und „Bildung einer terroristischen Vereinigung“ verhaftet würden. Denn Fakt ist nur eins, dass es in diesem nun offen aufgetragenen Krieg in naher Zukunft keinen wirklichen Waffenstillstand geben wird.
 
Es ist offensichtlich, dass einige förmlich einen Schock erlitten haben, da in einer im Morgengrauen durchgeführten polizeilichen Operation nun drei Ministersöhne, mit Erdogan eng verbündete Geschäftsleute und der AKP-Bürgermeister von Fatih, einer strategisch extrem wichtigen Istanbuler Kommune, inhaftiert wurden. Der durch die Operationen bei vielen hervorgerufene Schock ist im Kern nicht nachvollziehbar. Jeder, der diese Sekte beobachtet und studiert, weiß um deren blutige und auch unblutige Verbrechen, so dass diese Operationen seit längerer Zeit zu erwarten waren.
 

Fethullah Gülen, Oberhaupt der nach ihm benannten
Bewegung, lebt im Exil in den USA
Quelle: wikipedia
Die Gülen-Sekte ist zwar eine zivile aber auch zugleich dunkle Macht. Die Operationen treffen auf Grundlage der „Veruntreuungs- und Bestechungsvorwürfe“ die AKP an ihrer empfindlichsten Stelle und zeigen uns durch den Grad der Organisation, Geheimhaltung und Durchführung, wie mächtig die Macht hinter diesen Aktionen wirklich ist. Es handelt sich offensichtlich um eine Macht, die sich im Staate eingenistet hat und über die nötige Vernetzung im geheimdienstlichen, polizeilichen und juristischen Apparat der Türkei verfügt. Hinzu kommen noch die massive Vernetzung in vielen Branchen der Wirtschaft, damit die Einnahme von Milliarden Dollars, und die überproportionale Präsenz in der Medienlandschaft der Türkei. Auf den ersten Blick wirkt diese Sekte wie eine zivile Macht, jedoch ist sie erprobt und meisterhaft in der Organisation und Umsetzung von Verschwörungen, Fallen und Intrigen. Wir sehen nun auf eindrucksvolle Weise, welche Macht sie wirklich ist. Daher können wir davon ausgehen, dass dieser Schachzug der sogenannten „Gülen-Gemeinde“, die eigentlich eher ein „Netzwerk“ ist, nicht ihr letzter Trumpf war. Diese Bewegung hat bereits viele blutige Operationen, vor allem in Kurdistan gegen die kurdische Freiheitsbewegung, durchgeführt.
 
Als die AKP-Regierung ihre Pläne zur Schließung der privaten Nachhilfezentren und Schulen veröffentlicht hatte, war allen aufmerksamen Beobachtern klar, dass die Gülen-Sekte hier in Aktion treten wird, um wie in den Phasen der Friedensgespräche von Oslo und Imrali die Agenda zu ändern. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass die privaten Nachhilfezentren und Schulen für die Gülen-Sekte nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht außerordentlich wichtig sind, sondern dass sie vor allem als Zentrum der Kaderausbildung und Mitgliedersammlung dienen. So war es dann auch wenig verwunderlich, dass die sonst so AKP-freundlichen Gülen-Medien begannen, eine Lawine von Angriffen gegen die AKP-Regierung loszutreten. Der Pakt zwischen der AKP und Gülen-Sekte hatte lange Jahre Bestand, bis die Sekte begann den Staatsapparat systematisch zu unterwandern. Der Sekte ist es gelungen einen Parallelstaat aufzubauen und die Stellung und Funktion der Regierung, damit der AKP, in Frage zu stellen.
 
Die Feuerbälle im Schoße Erdogans
 
Die anscheiend zivile, jedoch im Grunde dunkle und schmutzige Gülen-Sekte ist zuerst in Kurdistan in Aktion getreten. Die Polizisten und Soldaten der Sekte haben in Gewer (Yüksekova) während einer Kundgebung gegen die Schändung von Guerillakämpfern drei Demonstranten, mit dem Ziel eine Provokation und Chaos zu erzeugen, erschossen. Als dies aufgrund der Sensibilität innerhalb der kurdischen Bevölkerung und der Bewegung wegen der laufenden Friedensgespräche zwischen der türkischen Regierung und dem Vorsitzenden der PKK nicht gefruchtet hatte, ist die Sekte dazu übergegangen, über ihr juristisches Netzwerk eine weitere Sabotage zu organisieren. So kam es dann auch, dass fünf kurdische Abgeordnete der BDP, die seit knapp 4,5 Jahren im Gefängnis wie Geiseln gehalten werden, trotz eines Beschlusses des türkischen Verfassungsgerichtes und des EuGH entgegen dem Beispiel eines anderen Abgeordneten der oppositionell-kemalistischen CHP nicht frei gelassen wurden. Diese kolonialistische Rechtssprechung verdeutlicht erneut die Existenz und Macht des parallelen bzw. tiefen Staates.
 
Dies ist ein erneuter Beleg, dass der türkischen Ministerpräsident Erdogan bereits mehrmals die Machenschaften des „Netzwerkes“ gedeckt hatte, um lediglich seine eigene Macht erhalten und festigen zu können. Hierbei war er bereit, die erzeugten Feuerbälle in seinem eigenen Schoß zu beherbergen. Denn nach dem Feuerball von Roboski sind weitere aus Paris und Gewer dazu gekommen.
 
Wir erinnern uns daran, dass die türkischen Streitkräfte am 28. Dezember 2011 eine Gruppe von mehrheitlich jugendlichen Schmugglern aus dem Grenzdorf Roboski, die als solche genau erkennbar waren und mit beladenen Mauleseln aus Südkurdistan/Nordirak kamen, bombardiert hatten. Den Beteiligten war glasklar, welche Folgen dieses Massaker an den 34 kurdischen Zivilisten mit sich bringen würde, so dass sie durch massive Manipulation bemüht waren, das zustande gekommene Chaospotential für sich zu instrumentalisieren.
 
Die Täter in Roboski waren auch beim Massaker an drei kurdischen Politikerinnen in Paris bemüht, Theorien in die Welt zu streuen, die die Wahrheit verschleiern sollten. Hierbei ist vor allem Mehmet Baransu, der sich Journalist nennt und nichts anderes als eine Spezialkraft der Sekte mit extrem guten Verbindungen zum tiefen Staat ist, mit seinen Manipulationstheorien aufgefallen: Unmittelbar nach dem Massaker von Roboski hatte er behauptet, dass das Bombardement auf einen Fehler innerhalb des türkischen Geheimdienstes MiT zurückzuführen sei. Laut seiner Theorie soll ein MiT-Agent in den Reihen der PKK das Ziel bestimmt und übermittelt haben.
 
Diese schmutzige und unsachliche Propaganda hat drei Ziele:
1) Man will die wahren Täter verdecken und versucht daher bewusst, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf andere potentielle Täter zu lenken.
2) Obwohl das Bombardement von türkischen Kampfjets ausgeführt wurde und die Opfer Kurden waren, ist man bemüht, die kurdische Freiheitsbewegung PKK indirekt unter Tatverdacht zu bringen. So will man sie verleumden und bei der Bevölkerung in Misskredit bringen.
3) Man instrumentalisiert das Massaker von Roboski im damals bereits auf MiT- bzw. Geheimdienstebene tobenden Machtkampf zwischen der AKP und der Gülen-Sekte.
Die Gülen-Anhänger haben auch beim Massaker in Paris medial betrachtet exakt dieselbe Strategie verfolgt. Die Berichte und Titel der Gülen-Clique zum aktuellen Massaker in Gewer sind zwar noch recht neu, sind aber aufgrund der bösartig gefälschten Bilder, die zu den extralegalen Hinrichtungen der kurdischen Demonstranten veröffentlicht wurden, aussagekräftig genug und sagen uns, wo wir die Mörder dieser patriotischen Menschen zu suchen haben.
 
Die AKP-Regierung hat sich zweimal mit der kurdischen Freiheitsbewegung an den Tisch gesetzt und über die friedliche Lösung der kurdischen Frage verhandelt: hierzu gehörten die Gespräche in Oslo und nun auf der Gefängnisinsel Imrali. Eigentlich hatten beide Seiten in Oslo bereits große Hürden genommen und sich in vielen strittigen Punkten geeinigt und auf eine Lösung verständigt. Genau in dem Moment ist diese dunkle Macht in Aktion getreten und hat die Gespräche sabotiert, so dass, obwohl diese fortliefen, eine in dieser Dimension nie dagewesene Hexenjagd auf kurdische Politiker der Partei für Frieden und Demokratie (BDP) sowie gegen politische Aktivisten gestartet wurde. Im Anschluss wurden dann auch noch die Gesprächsmanuskripte zu den Verhandlungen in Oslo veröffentlicht und eine Einheit der türkischen Armee in eine mehr als offensichtlich schwachsinnig-tödliche Militäroperation in Silvan entsandt. Damit waren die Gespräche beendet.
 
Als man nach Oslo einen erneuten Anlauf nehmen wollte, wurde dieser durch das Massaker von Roboski bereits vor Beginn sabotiert. Die Sabotage und Provokation der Friedensgespräche auf Imrali mit Abdullah Öcalan fand dieses Mal mit dem Massaker an den drei kurdischen Politikerinnen in Paris statt.
 
Selbstverständlich trägt Recep Tayyip Erdogan als Ministerpräsident der Türkei die politische Verantwortung für die Massaker von Roboski, Paris und Gewer und für den politischen Genozid an der BDP und ihrer Basis. Jedoch zieht sich nun dieses Seil, das er mitgestrickt hat, um seinen eigenen Hals gelegt zusammen. Erdogan müsste, wenn er sich dazu entschließt, mit der Gülen-Sekte erneut Frieden zu schließen, die Feuerbälle der Massaker und nun auch der Korruption, auf seinem eigenen Schoß weiterhin zu beherbergen, daran verbrennen. Er würde zu Asche verfallen. Man müsste nur ein einziges Mal die Sache anständig angehen. Dann wären zum ersten die Gespräche in Oslo, dann das Massaker von Roboski und die anderen Sachverhalte wie Paris, Gewer in einer Reihe. Dann würden wir glasklar die Ausmaße dieses Sachverhalts erkennen! Ob uns dies dann bis nach Pennsylvania führt, wo Fethullah Güllen im Exil lebt, oder ob der Boden beben wird, werden wir dann sehen!(PK)
 
Cahit Mervan ist ein kurdischer Journalist, der diesen Artikel in der türkischen Zeitung Hürriyet veröffentlich hat.
Quelle: Civaka Azad - Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e.V.
www.civaka-azad.org // info@civaka-azad.org
Bornheimer Landstraße 48, 60316 Frankfurt
Tel.: 069/84772084


Online-Flyer Nr. 438  vom 25.12.2013

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