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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Der dritte Lyrikband des Politologen Rudolph Bauer: “Flugschriftgedichte“
Schluß mit dem Gebrabbel!
Von Holdger Platta

Jeder, der sich im bundesdeutschen Literaturbetrieb auskennt, weiß: politische Lyrik ist out. Literatur dieser Art ist für die Großverlage ein Rücksende-Umschlag. Der Marktwert dieser Texte tendiert gegen Null. Aber auch der Gebrauchswert? Auch die Qualität? Der Autor Rudolph Bauer, vormals Politologe an der Bremer Universität, tritt den Gegenbeweis an – und mit ihm der Sujet-Verlag, der nunmehr den dritten Lyrikband von Bauer veröffentlicht hat: “Flugschriftgedichte“. Die Veröffentlichung zeigt: Lyrik ist brauchbar, für Alltag und Politik, und sie kann dennoch Lyrik bleiben und gerade deswegen. Ausgezeichnete Lyrik sogar!
 
Selbstverständlich für einen engagierten Autor: Professor Bauers Texte befassen sich mit politischen Themen, mit Militarismus und Überwachungsstaat, mit neonazistischen Tendenzen und sogenannter Terrorismus-bekämpfung, mit neuen kolonialistischen Prozessen und Demokratieabbau. Aber: sie tun dies nicht im Politiker- und Zeitungsjargon, nicht im obligaten Marxistenslang oder im Propagandastil, sondern mit poetischen Mitteln. Und das stellt etwas her, das dem allgemeinen Mediengebrabbel geradezu magisch ein Ende setzt: Stille. Genauer gesagt: Verlangsamung, Innehalten und Konzentration. Und damit vollzieht sich in den Gedichten wie beim Leser ein Prozess, der von Tag zu Tag wichtiger wird: wieder präzise zu werden bei der eigenen Wahrnehmung und Analyse von gesellschaftspolitischer Wirklichkeit. Ein Beispiel:
 

Rudolph Bauer
Foto: privat
Bauer zitiert in einem Gedicht aus der Ansprache des reaktionären Generals von Lettow-Vorbeck 1932 zur Einweihung des Reichskolonialdenkmals zu Bremen, und Bauer tut über viele Zeilen kaum mehr, als dass er immer mal wieder ein „sagte er“ einfügt: „ein großes volk / sagte er / muss kolonien haben / um leben zu können // ein großes volk / sagte er / treibt kolonialpolitik / um seiner selbst willen // nicht nur um kultur / sagte er …“
 
Wenig genug, dieses „sagte er“, könnte man meinen, doch dieses „sagte er“ sitzt! Genau dieses „sagte er“ bremst die arglose Hinnahme des Redetextes, ist deshalb das Stopp-Signal, und schafft jenen Abstand, der genauer hinhören lässt. Das muss man erstmal können!
 
In anderen Gedichten treten weitere Gestaltungsmittel hinzu, bis in die Tiefenstruktur der Texte hinein. „Schwarzer Sonnengesang“ zum Beispiel: „dich umkreist der planet / aufgehst du bei allen völkern / am morgen dein licht / erwacht in ihrem osten // aufgehst du bei allen völkern / nicht bei den gefolterten / wo es nacht ist und schwarz / rechtlos willkür und qual // nicht bei den gefolterten / wo die erde nass ist von tränen / feucht vom blut matschig vom kot / wo deine strahlen nicht trocknen // wo die erde nass ist von tränen / …“
 
Hier folgt der Gang der Strophen nicht nur dem Gang der Sonne, indem er mehr und mehr schwarze Realitäten auf diesem Planeten ans Licht bringt. Hier bildet die interne Strophengliederung auch den Gang der Sonne selber ab, indem die jeweils zweite Zeile einer Strophe zur ersten Zeile der Folgestrophe wird. So holt die Sonne fortschreitend das Dunkel auf der Erde hervor, indem es die zutagetretende Wahrheit nach vorne rückt. Meisterhaft!
 
Und schließlich: auch den Aphorismus, beherrscht Bauer perfekt: „Deal // brot für die welt / saatgutpatente für die konzerne / ein lob gerechter verteilung“. Ein guter Aphorismus ist Endpunkt eines langen Gedankenganges, ein sehr guter Aphorismus Anfang eines neuen. Dieser Aphorismus ist beides. So kann auch das Kleine großartig sein.
 
Die „Flugschriftgedichte“ von Rudolph Bauer sind unentbehrlich fürs ideologiekritische Innehalten - - - um dann weiterzumachen: informierter und wacher als ohne sie, wahrnehmungsbereiter und präziser als zuvor.
 
Gratulation!
 
Rudolph Bauer: Flugschriftgedichte. Sujet Verlag Bremen 2013, ISBN 978-3-944201-14-6, 78 Seiten, 12,80 €
Ein Gedicht von Rudolph Bauer - "Lied von der Untertanenkolinie" - können Sie in dieser Ausgabe lesen. (PK)
 
 


Online-Flyer Nr. 435  vom 04.12.2013

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