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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Symposium „Schönheit und Gerechtigkeit“ zum Hauptwerk von Erasmus Schöfer
Die verborgene Freude des Sisyfos
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

„Wir sind die Kinder des Sisyfos, die den niederschmetternden Felsen nicht resignierend zwischen den Trümmern liegen lassen, sondern ihn weiterwälzen, so lange, bis er als Staubkorn im Sturmwind der Geschichte vom Gipfel des Bergs für immer davonfliegt.“ So beschrieb der Dichter Erasmus Schöfer den Kerngedanken seines vierbändigen Romanwerkes „Die Kinder des Sisyfos“ 2010 in Berlin auf einer Tagung des Instituts für Kritische Theorie. Im April 2013 widmete sich das Symposium „Schönheit und Gerechtigkeit“ dem Roman und seinem Schöpfer im literaturhistorisch bedeutsamen Ort der von Heinrich Böll eröffneten Kölner Zentralbibliothek.
 
Erasmus Schöfer auf der Delegiertenversammlung des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt im November 1970 in Mannheim
 
 
Festen Tons zu seinen Leuten spricht der Herr der Druckerei:
„Morgen, wißt ihr, soll es losgeh’n, und zum Schießen braucht man Blei!
Wohl, wir haben unsre Schriften: – Morgen in die Reih’n getreten!
Heute Munition gegossen aus metall’nen Alphabeten!
 
Ferdinand Freiligrath, 1. Strophe von „Freie Presse“, 1846 im Revolutions-Gedichtband Ça ira! (wörtlich ‚Das wird gehen‘ bzw. ‚Wir werden es schaffen‘) – Freiligrath war zeitweilig Mitherausgeber der Neuen Rheinischen Zeitung von Karl Marx.
 
Auf weit über 2000 Seiten ist niedergeschrieben, was von Literaturkennern, Liebhaberinnen und Liebhabern, Verlegern, BibliothekarInnen und WissenschaftlerInnen als Hauptwerk, das „Monumentalwerk“ des seit1970 (mit Unterbrechungen) in Köln lebenden Schriftstellers Erasmus Schöfer betrachtet wird: gelebte deutsche und europäische Kulturgeschichte in den Jahren von 1968 bis zum Fall der sichtbaren innerdeutschen Mauer in dem vierteiligen Romanwerk „Die Kinder des Sisyfos“. 2011 hat sich ein „Kinder-des-Sisyfos-Freundeskreis Erasmus Schöfer“ e.V., gegründet, der im zweiten Jahr seines Bestehens das Symposium „Schönheit und Gerechtigkeit“ zur „Bedeutung der Romantetralogie von Erasmus Schöfer für die Kulturgeschichte der deutschen Nachkriegsepoche“ ausrichtete – in Zusammenarbeit mit dem Kölner Literaturhaus, dem LiK, Literatur-in-Köln-Archiv der Stadtbibliothek und dem Verband Deutscher Schriftsteller VS Sektion Köln.
 
Schöfer und Pachl und Böll
 
„Schöfer wußte genau, warum er sein Hauptwerk den deutschen Arbeitern und Künstlern gewidmet hat. Man kann bei ihm lernen, dass es für alle Hoffnung gibt: auf ein befreites, gemeinorientiertes Leben. (…) in der Kunst wird aufgehoben und tradierbar, was jetzt und hier als Unterdrückung erlebt und bisher nicht behoben werden konnte.“, schreibt der Literatursoziologe Frank Benseler in einem Grußwort zur Vereinsgründung. Das meiste des niedergeschriebenen Stoffes ist vom Autor so oder ähnlich aktiv erlebt oder in Studien erfragt worden, oder wird von autarken Figuren mittels lebendiger Dialoge aus unterschiedlichsten Perspektiven aufgebaut und in Bezug auf eine erhoffte Lösung mit Lösungsvorgaben offen gelassen. Es wird „die Erinnerung an eine Linke vergegenwärtigt und bewahrt, die zwar erhebliche Veränderungen in Gang setzte, ihr Ziel, eine humane sozialistische Gesellschaftsordnung, jedoch verfehlte“, so die Einschätzung des Autors, der erst spät, 1989, „verstand“, „dass Schriftsteller in kein Parteistatut passen.“

Sprachlose Sprache
 
Warum hat „eine Linke“ „ihr Ziel“ verfehlt und verfehlt es täglich aufs Neue? Lässt sich Geschichte „machen“? Von wem lassen sich Kriege „führen“? Gibt es (zu) viele Welten, die literarische und die „linke“, die der atomistischen Initiativen (für Flüchtlinge, gegen Umweltzerstörung, für freie Bildung, gegen „rechts“...)? Nach und aus Köln gekommen sind Menschen aus verschiedenen Welten, die bisweilen, wie zu einem solchen Anlass, zusammentreffen. Literaten, Politiker, Gewerkschafter, Aktive – die meisten mit Lebenserfahrung, also etwas älter. Auch Kapitäne des Verborgenen, im Hintergrund, mit RAF-Berührung, einer möglichen geplatzten oder vereitelten deutschen 68er Revolution und ihren bis heute Frontständigen in der Straßen-Nazi-Aufmerksamkeit.
 
Darinnen (im angestrebten „human-sozialistischen“ Sammelbecken der Welten) tut Jede/r das, was er/sie am besten kann, gelernt oder jahrelang eingeübt hat. „Kämpfen“ GEGEN etwas, verbissen sein GEGEN den FEIND. Ist der alte weg, muss ein neuer her. DAS können die Rechten auch – noch besser die Linken? Wo bleibt das der Sprache vorausgesetzte DENKEN der einzigartigen Spezies Mensch? Unterwegs zum Gipfel verloren gegangen? Wo bleibt die große Chance der greifbaren Freiheit, der Mündigkeit, des Denkens, des Streitens? Die Unmündigkeit (auf Befehl oder eingeflüstert) ist auch oder vor allem die Räson der „Linken“ und einer „Demokratie“, die uns abverlangt, die Stimme herzugeben. So wird der Fels zur Muräne, in der die Bergaufwärtsgewandten in Gruppen abzurutschen drohen.
 
„Die Lust streckt sich zum Gipfel“, beschreibt eine lyrische Zeile im „Frühling irrer Hoffnung“. Passt zu Saint-Exupery’s kleinem Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“, der meinte: „Gesprächsverweigerung ist die höchste Form der Gewalt“.
 
Neue Wege der Worte und ihres Nimbus habe er mutig beschritten, wird Schöfer bestätigt – nicht zuletzt, wenn es um die Darstellung des erotischen Kosmos geht, eine Trauernde „aus dem Elend zu lieben“. „Die verborgene Freude des Sisyphos“, der Gefallen und Sinn in seinem scheinbar sinnlosen Tun erkennt, ist eine philosophische Betrachtung zum „Mythos des Sisyphos“ von Albert Camus.
 
...so werden auch wir die Flinten aus dem Korn holen
 
Dr. Erasmus Schöfer, der er eigentlich ist, verwendet seinen in Sprachwissenschaft und Philosophie erworbenen Promotionstitel nie, dazu ist er zu still und bescheiden und zu wenig auf Äußerlichkeiten bedacht, noch angewiesen. Kaum vorstellbar, dass der tendenziell Introvertierte, der mit dem vor fast auf den Tag vor einem Jahr verstorbenen Kabarettisten Heinrich Pachl einige Stücke gemeinsam bearbeitete und mit ihm zusammen das Theater "Der Wahre Anton“ initiierte. Zu keiner Zeit war es (im Westen) „trés chic“, sich in Kunst- oder Kulturkreisen mit dem Begriff Arbeiter auszuweisen, doch gemeinsam mit Günter Wallraff, mit „Ruhrpott-Kollegen“ und Heinrich Pachl gründete der die griechischen Inseln liebende, rege Wohnsitzwechsler Erasmus Schöfer 1969 in Köln den "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt".

Erasmus Schöfer mit dem Schriftsteller Werner Rügemer, Marianne Walz (Vorsitzende des Freundeskreis- und Sisyfos-Vereins) und Gabriele Ewenz (Leiterin des Heinrich-Böll-Archivs in Köln und Leiterin des LiK-Archivs, Literatur in Köln)
Foto: arbeiterfotografie.com
 
 
Gerechtigkeit sind die Buchstaben auf dem Papier, Schönheit ist, was sie je nach Anordnung zum Ausdruck bringen. Ein Tag reicht kaum aus, das über mehr als ein Jahrzehnt geschaffene und geschaffte Steinebergaufrollen in seiner Gänze zu erfassen. Glücksmomente, wie sie ein Martin Luther King, von der Aussicht auf dem Berg schwärmend in greifbaren Zukunftsträumen offenbarte, potenzieren sich im wirklichen, menschlichen Aufeinandertreffen.
 
Es macht deutlich, wie reich die Chancen sind, über „das Bleierne“ mit Beteiligten und Interessierten und nicht zuletzt mit dem Autor sich austauschen zu können, der anlässlich der Verleihung des Gustav-Regler-Preises im Mai 2008 schlicht zum Ausdruck brachte: „Für mich hat immer gegolten: Der Schriftsteller ist nicht nur kritischer Beobachter der Weltläufe, sondern handelnder, mitwirkender Beteiligter. Er ist einer, der sich zugehörig weiß zu den emanzipatorischen Bewegungen seiner Zeit, der an ihnen teilnimmt mit dem Bewusstsein, die Motive der Bewegten erkennen und bezeugen zu wollen, im Widerstand gegen die mächtigen Kräfte, in deren Interesse die Verdunkelung und Verfälschung dieser Motive liegt.“ (PK)
 
 
Hinweise:
 
www.kinder-des-sisyfos.de
www.erasmusschoefer.de
 
Sekundärliteratur
Thomas Wagner (Hg.)
"Im Rücken die steinerne Last. Unternehmen Sisyfos
Die Romantetralogie von Erasmus Schöfer"
Mit Textauszügen auf einer CD gesprochen von Rolf Becker
Der Band liefert einen Schlüssel zum tieferen Verständnis des Romanepos "Die Kinder des Sisyfos" von Erasmus Schöfer
www.dittrich-verlag.de
 
Zusammen mit Paula Keller arbeitet er an antimilitaristischen Kalendergeschichten. (Vorabdruck einiger in junge Welt Wochenendbeilage vom 30. März 2013: http://www.jungewelt.de/2013/03-30/003.php, "Kalendergeschichten eines kölnischen Widerstandsforschers" von Erasmus Schöfer)


Online-Flyer Nr. 404  vom 01.05.2013

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