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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Rückblick auf Lebenswerk und künstlerisches Schaffen
Eva tom Moehlen unter dem Hammer
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Mit Eva tom Moehlen verbindet sich seit 22 Jahren untrennbar die Kölner Klagemauer – zuerst „gegen Wohnungsnot“ und ab dem so genannten Golfkrieg von 1991 „für Frieden und Völkerverständigung“, hauptsächlich initiiert von Walter Herrmann. 1998 wird Eva tom Moehlen mit der Initiative Kölner Klagemauer mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet. Als Kernstück der Ausstellung „Neue deutsche Kunst“ wird die Klagemauer-Installation 1991 in die USA eingeladen. Verdient – bis an ihr Lebensende im September 2012 – war Eva tom Moehlen über ihre Wahlheimat Köln und auch über die Initiative Kölner Klagemauer hinaus eine höchst ungewöhnliche Frau des öffentlichen Interesses.


Symbole mit Zinnoberpfeil, Tempera auf Holz, 54x65 cm, Kaufpreis 750 Euro, Mindestgebot für die „große Schlußauktion“ 350 Euro. Aber auch “Sofortverkauf und individuelle Preisvereinbarung ist bis Donnerstag, 25.4.2013, 18 Uhr jederzeit möglich“.
Foto: arbeiterfotografie / Klaus Franke


Seit dem 14. April ist in der Ausstellungshalle der Alten Feuerwache im Agnesviertel ein Einblick in das künstlerische Werk der am 2. September 2012 im Alter von 92 Jahren verstorbenen Künstlerin, Kunstlehrerin und sozialen Aktivistin Eva tom Moehlen zu betrachten. Mit 54 Bildern in Rahmen oder auf Holz, in Gemälden, Kohle-Zeichnungen, Aquarellen, abstrakt, impressionistisch oder gegenständlich zeigt sich das vielfältige Schaffen einer jungen Malerin, die zeitweilig in Paris und im Künstlerdorf Worpswede niedergelassen war. Objekte in Keramik und Siebdrucken (Tischplatten auf Metallfüssen) sind in der geräumigen Kunsthalle großzügig präsentiert. Viele weitere der rund eintausend erhaltenen Arbeiten liegen in Mappen aus. Zum Verkauf. Dies sei der letzte Wunsch der Verstorbenen gewesen.

Nicht das richtige (zahlungskräftige) Publikum


Die Besucherinnen und Besucher, teils aus dem näheren oder weitläufigeren Freundeskreis der bekannten Gestalt der Kölner Szene freuen sich über das Angebot, erstmals in diesem Umfang mit dem künstlerischen Werk tom Moehlens in Berührung zu kommen. Die organisatorische Umsetzung besorgte der Testamentsvollstrecker Wilhelm Mermagen für die Zeit vom 14. bis 26. April. Danach wird diese Werkschau vermutlich nicht wieder zu sehen sein, denn – geht es nach dem Wunsch der Nachlassnehmer – wird alles zu machbaren Preisen veräußert, da die Werke „aktuell noch keinen Marktwert“ haben – wie im Bericht des Kölner Stadtanzeigers zu lesen ist. „Nicht das richtige Ambiente“ biete die Alte Feuerwache, heißt es aus dem Kreis der Nachlassnehmer, und „kein zahlungskräftiges Publikum“ sei hier anzutreffen.


Walter Herrmann (links) befürchtet bei aller Anerkennung des persönlichen Einsatzes von Willi Mermagen (rechts), es sei zu bezweifeln, „dass es in Evas Sinn ist, wenn ihre Bilder in einer ‘großen Schlussauktion’ rausgefeuert werden (um sie auf schnellstem Weg zu Geld zu machen).“
Foto: arbeiterfotografie / Andreas Neumann


Hierin liegt die Diskrepanz, die Diskrepanz des Zuganges zu öffentlichem Raum, zu Kunst, von Aufenthalt, von Teilhabe, wie sie sich im Umfeld der Kölner Klagemauer immer wieder darstellte – und für die Eva tom Moehlen Jahrzehnte lang tatkräftig stritt. Ihr Mitstreiter (über 22 Jahre) Walter Herrmann befürchtet bei aller Anerkennung des persönlichen Einsatzes von Willi Mermagen, es sei zu bezweifeln, „dass es in Evas Sinn ist, wenn ihre Bilder in einer ‘großen Schlussauktion’ rausgefeuert werden (um sie auf schnellstem Weg zu Geld zu machen). Eine solche Aktion hätte sie vermutlich gekränkt: Sie war eine herausragende Künstlerpersönlichkeit... Sie hat es verdient, dass wichtige Arbeiten dauerhaft in der Öffentlichkeit präsentiert werden.“

Kunst im öffentlichen Raum

Es steht zu befürchten, dass diese „herausragende Künstlerpersönlichkeit“ zurückgeführt wird in die bürgerliche Existenz von Kunst und Konsum, aus der sie sich mit der ihr eigenen, mitunter zarten Macht befreit hatte. Es war das besondere, dass sie mit einem Teil ihrer selbst in der Substanz des bürgerlichen Lebens verblieb und von dort ihre weit reichenden Exkursionen unternahm, Polizei und andere Ordnungshüter durch ihre Erscheinung in Bann schlug – sei es bei der Teilhabe an Demonstrationen – sei es im Mitwirken zahlreicher Initiativen wie der Porzer Selbsthilfe, bei der die mit Erfahrungen als „Jungmädel“ in der Hitlerjugend aufgewachsene Eva die Formen des Zusammenlebens und die Möglichkeit des „Andersseins“ schriller Typen zutiefst bewunderte. Dazugehörig sein, wollen oder müssen ist das Lebensthema der Künstlerin, denn es ist verknüpft mit der Erfahrung des Mitläufertums der NS-Zeit, deren Zerstörung von Kunst und Kreatur und der lebensrettenden Hilfe der widerständigen „Nichtmitläufer“. Eva war sensibilisiert, wenn es gegen Arme und Schwache und um Kriegsgeheul ging, und sie zeigte sich mit ihrem Protest mutig auf der Straße.

Wo bleibt der soziale Auftrag aus dem Erbe der Eva tom Moehlen?

Jetzt besteht die Gefahr, dass sie an die bürgerliche Wand genagelt wird. Diejenigen, die es sich leisten können, diejenigen „Kunstsammler“ (aus Düsseldorf), die ein paar „Schnäppchen“ der „Worpswederin“ wittern ... Sei’s drum. Es hätte ihr sicher gefallen zu gefallen. Doch bleibt die Frage offen zu welchem Preis, womit zuletzt der materielle gemeint ist. Wurde zwischenzeitlich gemunkelt, der Verkaufserlös käme einem sozialen Zweck zugute wie es jeder, der EtM kannte, vermutet hatte (siehe auch NRhZ-Ausgabe 400 vom 3.4.2013, http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18912), so wurde verbrämt geäußert, der Erlös „fließe in den Nachlass“ ein. Doch ist jetzt die Katze vollends aus dem Sack. Der Gewinn fließt auf das Konto der Alleinerbin.


Evas mutige, allein erziehende Mutter Elsbeth van Mertens gab nach der Hitler-Machtübernahme ihre Arbeit als politische Karikaturistin auf und bildete sich zur Graphologin weiter. Foto (vorne Elsbeth von Mertens, in den Rahmen montiert Eva tom Moehlen): Einladungskarte der peeep-Akademie im November 2010 im Rahmen der Arbeiterfotografie-Ausstellung „Arme Stadt – Reiche Stadt“ in der Ausstellungshalle der Alten Feuerwache, während derer sie aus ihren zu diesem Anlass fertig gestellten Lebenserinnerungen (Teil 1) vortrug und sich in der Talkshow „peeep-Palaver“ dem Publikum mit einer Auswahl ihrer Bilder stellte.

Ihre Freunde wünschen sich, dass Eva der Öffentlichkeit zugänglich bleibt – und dass Eva als das Gesamtkunstwerk wahrgenommen werden kann, das sie nun einmal war. Eva mit ihren Lebenserfahrungen und Erinnerungen, die in ihre Kunst und in ihre Lebenserinnerungs-Collage einflossen. 2010 veröffentlichte EtM den Vorabdruck des ersten Teiles im Zusammenhang mit einer Veranstaltung und Lesung ebenfalls in der Ausstellungshalle der Alten Feuerwache. Für die Veröffentlichung des zweiten Teiles, von dem sie in jedem ihrer Gespräche mit der Herausgeberin des peeep-Verlages sprach, sind im nur wenige Tage vor ihrem Tode (bei von Freunden angezweifelter Testierfähigkeit) geschlossenen Erbvertrages keine Mittel bereitgestellt – nicht einmal ein Teil aus dem Verkauf ihrer Bilder. Die mit ihren vorherigen letztwilligen Verfügungen in teils handschriftlichen Testamenten vertraute Notarin wurde von tom Moehlens alleinigem Vorsorgebevollmächtigten und heutigen Testamentsvollstrecker Wilhelm Mermagen nicht hinzugezogen.


Um 1900 ließen sich Gustav und Marie Seligmann in der Mitte ihrer Familie im Gewächshaus in Koblenz fotografieren. Marie hält Enkel Hermann auf dem Schoß, daneben seine Mutter Leni und Tochter Elsbeth (sie wird meine Mutter werden), daneben Lenis Bruder Paul Seligmann, hinter ihnen Lenis Mann, Julius Mertens. – Bildunterschrift aus „Dazugehörig – 1921 bis 2010“, Teil 1, Seite 70

 „Eva tom Moehlen wird privatisiert“, lautete daher am Sonntag, dem 21. April ein Beitrag zu ihrer als Geburtstagsfeier gedachten Lesung von Freunden in der Halle, die von Verkaufsrummel mehr in Unruhe denn in Geburtstagsandacht getaucht war. Lautstark protestierte Walter Herrmann: „Eva tom Moehlen wird abgewickelt!“

Verschwinden – ängstigende Gerüchte schweben drohend über der Gesellschaft

Nachfolgend (collagiert) ein Auszug aus der Einleitung ihres Manuskripts „Zugehörig 1921 - 2010“, dessen erster Teil 2010 erschien und dessen zweiter Teil zur Zeit finanziell nicht sichergestellt ist:

   Um 100 Jahre Kultur wieder zu finden, die uns der Nationalsozialismus vorenthalten hatte, gehe ich auf Zeitreise durch Impressionismus, Expressionismus, Kubismus. Erarbeite, was verboten gewesen war. Reproduktionen der Bilder und Zeichnungen zeigen die Entwicklung nach dem Krieg. Komprimiert wie im Crashkurs überwinde ich perspektivische Räumlichkeit, bis hin zur gegenstandslosen Malerei, suche nach der Raumsicht der Gegenwart, lerne teilnehmen an der Gesellschaft, an der Chronologie unserer Zeit, finde Zugang zu Abstraktion, verschiedenen Medien, Happenings und übergreifenden Aktionen und male „Das letzte Bild“.

In den 60er Jahren wird mir an der neuen Kölner Volkshochschule die Leitung der Abteilung für „Kreativität fördernde Bildung“ angeboten. Kreativität Erwachsener wird gefördert, die, wenn sie gemeinsam für ihr Ziel wirken, handeln, vermitteln. In der Volkshochschule entstehen, finden sich gemeinsame Interessen, die mit verschiedenen technischen Mitteln gestaltet werden. Ich beende meine Siebduckserie und die Skurilli, nehme an Demos teil, Antiatom- und Friedensmärschen nach Bonn, kaufe die Zeitschrift „ANA & BELA“ des SSK (Sozialistische Selbsthilfe Köln), gehöre als Mitarbeiterin im Kölner VolksBlatt dazu, demonstriere an der Klagemauer am Dom für Frieden und Völkerverständigung gegen Obdachlosigkeit, nehme an Martinszügen der Obdachlosen teil. Aus der erlernten perspektivischen Sicht des Bildraumes wird Bewegung in Raum und Zeit.

...Unser junger Klassenlehrer, Dr. Lorenz ist beliebt, er verschwindet. Bubi Bing, Ruth Bing, ihre Eltern und Pastor Niemöller verschwinden, wohin? „Schutz“ und „Konzentration“ sind gute Worte, doch kombiniert mit -haft - oder -lager sind nicht erlaubt, schweben als ängstigende Gerüchte drohend über der Gesellschaft...


Lange Jahre war Eva Mitglied der Kölner Gruppe und des Bundesverbandes Arbeiterfotografie. Bis zu ihrem Tod währte der freundschaftliche Kontakt, der dazu führte, dass Eva mit Fotos und Interviews in das Ausstellungsprojekt „68er Köpfe“ aufgenommen wurde.
Foto: Senne Glanschneider in Plakatentwurf von Anneliese Fikentscher anlässlich der Trauerfeier für Eva tom Moehlen im Herbst 2012, mit einem letzten Grußwunsch der Verstorbenen.



Hinweise:

Eva tom Moehlen
Dazugehörig 1921- 2010, Teil 1
peeep-Verlag, Köln 2010
Merheimer Str. 107, 50733 Köln

Eva tom Moehlen: „Warum die Stadt Köln ein Kunstwerk weg‘räumte’
– es aber nicht aus der Welt schaffen wird.“
in: Die Kölner Klagemauer
für Frieden und Völkerverständigung
mit einem Vorwort von Katharina Focke
und einem Beitrag von Hanns Dieter Hüsch
Hg: Heinrich-Böll-Stiftung, Horlemann 1997
im Kapitel Ästhetik und Widerstand
S. 172: Klagemauerkarte von Klaus Staeck, 1996

Online-Flyer Nr. 403  vom 24.04.2013

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